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Eine Hörgeschichte für Erwachsene

Der Maerzvormittag - Sonderfolge

22. März 2026 · 34:04 · ohne Werbung, kostenlos

Cover: Der Maerzvormittag - Sonderfolge

Der Märzvormittag. Es ist noch nicht warm. Aber es ist auch nicht mehr kalt.

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Der vollständige Text dieser Folge zum Mitlesen. · etwa 22 Minuten Lesezeit.

Der Märzvormittag. Es ist noch nicht warm. Aber es ist auch nicht mehr kalt. Nicht auf diese Art, die man den ganzen Winter kennt — diese Kälte, die sich festsetzt, die durch den Mantel geht, die einem sagt: Geh wieder rein. Heute sagt sie das nicht. Heute ist die Kälte still. Sie ist noch da — in der Luft, im Schatten der Häuser, auf den Pflastersteinen, die die Sonne noch nicht ganz erreicht hat. Aber die Sonne versucht es. Sie steht schon hoch genug, um etwas zu bedeuten.

Vierzehn Grad. Vielleicht fünfzehn. Und in Berlin reicht das. In Berlin braucht man nicht viel mehr als das, um die Menschen rauszuholen. Es ist ein Märzvormittag. Ein Sonnabend. Und die Gartenstraße liegt noch ruhig. Die Häuser stehen eng, die Bäume dazwischen tragen noch kein Laub — nur Knospen, die sich zögerlich auftun, die man sehen muss wenn man genau hinsieht. Noch kein Grün. Aber das Versprechen davon. Die Luft riecht nach Erde. Nicht nach Winter mehr — nach Erde, die wieder atmet.

Nach feuchtem Holz und dem, was darunter liegt: dem Beginn von etwas, das noch keinen Namen hat, aber schon da ist. Man kennt diesen Geruch. Man hat auf ihn gewartet, ohne es genau gewusst zu haben. Und jetzt ist er da. Ein Kind läuft an einem Haus vorbei. Rote Jacke, Stiefel, die noch für Matsch gemacht sind. Es bleibt stehen, weil eine Katze auf einer Mauer sitzt. Die Katze schaut. Das Kind schaut. Keiner von beiden tut etwas. Dann läuft das Kind weiter. Und die Katze schaut ihr nach, bis sie um die Ecke ist.

Dann dreht die Katze sich wieder zur Sonne. Ein Auto fährt durch die Straße, langsam, als hätte es keinen bestimmten Grund eilig zu sein. Irgendwo öffnet sich ein Fenster. Nur einen Spalt. Als hätte jemand gerade entschieden: Jetzt. Jetzt kann man lüften. Es hat lange gedauert, dieser Winter. Länger als die meisten. Die Kälte kam immer wieder, auch wenn man schon dachte, jetzt ist es vorbei. Auch nachts noch Frost. Noch heute Nacht, sagten die Leute auf der Straße. Aber der Tag, der heutige Tag, ist anders.

Der heutige Tag ist ein Versprechen. Aus einem Haus weiter unten kommt ein Mann mit einem Fahrrad. Er schaut in den Himmel. Schaut auf seine Jacke. Zieht die Jacke noch mal zu. Dann fährt er los. Nicht schnell — einfach los. Eine Frau kommt mit einem Kinderwagen aus einer Tür. Das Kind darin ist wach und schaut nach oben, in den blauen Märzhimmel. Die Frau hält kurz inne. Schaut auch nach oben. Dann geht sie weiter, den Bürgersteig entlang, den Vormittag vor sich. Die Gartenstraße führt hinunter.

Nicht steil — sanft, in langen Schritten, die man kaum bemerkt. Die Dahme ist noch nicht zu sehen, aber man ahnt sie schon. Der Himmel öffnet sich dort, wo die Häuser weniger werden. Dort, wo man gleich ans Wasser kommt. Dort, wo der Winter heute aufgehört hat. Die Promenade beginnt ohne Ankündigung. Man biegt um eine Ecke, und plötzlich ist sie da — die Dahme. Breit, ruhig, graugrün im Licht des Vormittags. Das Wasser liegt fast still. Ein kleines Kräuseln hier und da, wo der Wind es kurz berührt und wieder loslässt.

Auf der anderen Seite das Schloss. Barock, auf seiner Insel, wie selbstverständlich. Das Schloss schaut vom anderen Ufer, ruhig und gleichmütig, und wartet nicht auf etwas. Es ist einfach da. Es hat Sommer gesehen und Winter, hat diesen März gesehen und alle März davor. Die Schlossinsel liegt dort, wo Dahme und Dahme sich fast berühren, als hätte die Stadt hier innegehalten. Als hätte sie gesagt: Hier. Hier bleiben wir einen Moment stehen. Die Promenade ist noch nicht voll. Aber sie ist auch nicht leer.

Eine Frau mit einem Hund geht in die eine Richtung. Der Hund bleibt kurz stehen und schaut auf das Wasser. Die Frau wartet. Sie schaut auch auf das Wasser. Dann gehen sie weiter. Zwei Männer mit Fahrrädern kommen entgegen. Sie nicken kurz — eine von diesen Berliner Gesten, die nichts erklären und alles sagen. Ein älterer Mann sitzt auf einer Bank. Er hat die Augen geschlossen. Das Gesicht zur Sonne. Er trägt noch einen Wintermantel, zugeknöpft bis oben. Aber er hat die Augen geschlossen, und die Sonne ist auf ihm, und das reicht ihm vollständig.

Die Bank neben ihm ist frei. Man setzt sich. Die Dahme zieht vorbei. Nicht schnell — sie hat keine Eile. Das Wasser ist dunkel und klar zugleich, auf diese Art, die Flüsse in der Stadt haben: ein bisschen Geheimnis, ein bisschen Geduld, und darunter ein Grund, den man nicht sieht. Weiter vorne, am Steg, stehen zwei Männer. Angelruten ins Wasser. Beide stehen sie da, die Schultern leicht nach vorne, die Blicke auf die Schnüre. Sie reden nicht. Sie müssen nicht. Manchmal sagt einer von ihnen etwas Kurzes.

Der andere nickt. Dann stehen sie wieder. Die Schnüre hängen im Wasser. Der Fluss nimmt sie. Das Wasser nimmt die Schnüre, und die Schnüre nehmen die Zeit, und die Zeit verlangsamt sich zu etwas Richtigem. Zu etwas, das man braucht, ohne es vorher gewusst zu haben. Eine Möwe setzt sich kurz auf einen Poller am Steg. Schaut — einmal links, einmal rechts, diese schnellen Vogelblicke, die alles erfassen. Fliegt weiter, flussabwärts, ohne Eile. Der ältere Mann auf der Nachbarbank hat die Augen noch immer geschlossen.

Die Sonne ist auf ihm. Ein Boot fährt vorbei — ein kleines Motorboot, ruhig, langsam. Die Wellen, die es macht, sind klein. Sie laufen ans Ufer, ohne Lärm. Gehen ins Schilf, das am Rand noch braun steht vom Winter. Das Schilf bewegt sich. Dann steht es wieder still. Weiter hinten, wo die Promenade in den Luisenhain übergeht, spielen zwei Kinder Fangen zwischen den Bänken. Sie laufen, lachen, rufen sich Dinge zu. Ihre Mutter sitzt auf einer Bank daneben. Sie schaut. Manchmal sagt sie etwas.

Meistens schaut sie nur. Ein Ruderboot liegt am Ufer. Grün, verwittert, ein bisschen Wasser darin. Es wartet auf jemanden, der vielleicht nicht mehr kommt. Oder noch nicht. Zwischen den beiden gibt es keinen Unterschied, von hier aus. Der Luisenhain liegt zu einer Seite — der Grünstreifen an der Dahme, mit Bänken und alten Bäumen und dem Blick aufs Wasser, der sich nicht verändert, egal wie oft man hier war. Die Bäume haben diese Ruhe, die alte Bäume haben. Als hätten sie alles schon gesehen und als sei ihnen alles recht.

Weiter oben auf der Promenade spielen zwei Kinder Fangen zwischen den Bänken. Sie laufen, lachen, rufen sich Dinge zu. Ihre Mutter sitzt auf einer Bank daneben. Sie schaut. Manchmal sagt sie etwas. Meistens schaut sie nur. Ein älterer Mann geht an ihr vorbei. Langsam, gleichmäßig. Er schaut kurz zu den Kindern. Schaut auf das Wasser. Geht weiter. Ein junger Mann sitzt allein auf einer Bank. Schaut auf sein Telefon. Dann auf das Wasser. Dann wieder auf das Telefon. Dann wieder auf das Wasser.

Beim dritten Mal lässt er das Telefon sinken. Schaut nur noch auf das Wasser. Bleibt so. Das Schiff liegt am Anleger. Festgemacht für den Rest der Saison, die noch nicht begonnen hat. Die Fenster des Ausflugsdampfers sind klar und leer. Er wartet. Geduldig, wie Schiffe warten. Ein junger Mann sitzt allein auf einer Bank. Schaut auf sein Telefon. Dann auf das Wasser. Dann wieder auf das Telefon. Dann wieder auf das Wasser. Beim dritten Mal lässt er das Telefon sinken. Schaut nur noch auf das Wasser.

Bleibt so. Weiter vorne, am Übergang zur Altstadt, beginnen die ersten Cafés. Noch nicht alle geöffnet — aber ein paar. Stühle sind rausgestellt worden. Noch zögerlich, noch nicht ganz sicher. Aber ein paar Tische stehen draußen, und ein paar Menschen sitzen daran. Mit Kaffee. Mit beiden Händen um die Tasse. Die Hände brauchen die Wärme noch. Aber das Gesicht — das Gesicht ist zur Sonne gedreht. Ein Mann schreibt etwas in ein Heft. Hört auf. Schaut auf das Wasser. Schreibt weiter.

Eine Frau lacht über etwas, das ihr Gegenüber gesagt hat. Der Lacher kommt schnell und ehrlich, die Art, die sich nicht vorbereitet. Dann hält sie die Tasse wieder mit beiden Händen. Schaut auf das Wasser. Als wäre das Wasser der dritte am Tisch. Als wäre es immer dabei. Die Altstadt von Köpenick beginnt mit Kopfsteinpflaster. Man hört es unter den Schuhen, diese alte Art zu gehen, die einen kurz erinnert, dass hier schon viel länger gegangen wurde. Acht Jahrhunderte, sagen die Bücher.

Mehr als acht. Die Straßen sind schmal. Die Häuser stehen nah beieinander, fast vertraulich, als wüssten sie voneinander. Fenster mit Blumenkästen — noch leer, noch Erde, aber mit der Absicht darin. Mit dem Plan für April. Eine Frau öffnet ein Fenster im ersten Stock. Sie schaut kurz auf die Straße. Atmet. Geht wieder zurück. Das Rathaus Köpenick steht, wie es immer stand — Backsteingotik, der Turm vierundfünfzig Meter hoch, die Uhr darauf sichtbar von weitem. Davor, auf dem Platz, die Figur des Hauptmanns von Köpenick.

Der Schuster Friedrich Wilhelm Voigt, der sich eine Hauptmannsuniform anzog und damit eine ganze Stadt aufs Glatteis führte. Zehn Tage lang. Er steht da und schaut zufrieden aus. Als hätte er alles richtig gemacht. Vielleicht hat er das. Ein Hund schnüffelt kurz an seinem Sockel. Der Besitzer wartet geduldig daneben. Ein älteres Paar geht Hand in Hand durch die Gasse dahinter. Sie reden nicht gerade. Sie gehen einfach. Sie kennen diese Gassen, man sieht es an der Art, wie sie gehen — ohne zu schauen, ohne zu suchen.

Einfach hier. Und das reicht. Heute reicht das vollständig. Heute war das genau richtig. Genau das. Genau dieser Märzvormittag. Die schmalen Gassen führen tiefer in die Altstadt hinein. Kleine Läden, die man zweimal anschauen muss, bevor man merkt, was sie verkaufen. Ein Schreibwarengeschäft, dessen Auslagefenster handgeschriebene Schilder hat. Eine Drogerie, aus der jemand mit einer großen Tüte kommt. Eine Stehlampe steht zum Verkauf auf dem Bürgersteig, mit einem handgeschriebenen Zettel dran.

Jemand bleibt kurz davor stehen. Schaut sie an. Geht weiter. Die Lampe steht weiter da. Kleine Läden, die man zweimal anschauen muss, bevor man merkt, was sie verkaufen. Eine Bäckerei, deren Tür offensteht. Der Geruch von frischem Brot kommt auf die Straße, kurz, bevor der Wind ihn wieder nimmt. Ein Mann kauft eine Zeitung an einem kleinen Stand. Faltet sie. Steckt sie unter den Arm. Geht weiter, als hätte er etwas Wichtiges erledigt. Ein Mädchen sitzt auf einer Treppe und zeichnet etwas in ein kleines Heft.

Es schaut kurz auf, als man vorbeigeht. Schaut wieder auf das Heft. Zeichnet weiter. Auf dem Rathausplatz setzt sich eine Taube neben die Figur des Hauptmanns. Schaut ihn kurz an. Fliegt weiter. Die Figur schaut immer noch zufrieden aus. Ein Schulkind steht vor ihr und liest die Inschrift. Bewegt die Lippen dabei. Schaut die Figur an. Schaut auf die Inschrift. Geht weiter, als hätte sich das für heute erledigt. Der Fischerkiez liegt etwas abseits. Man muss ihn suchen. Die kleinen Gassen, die niedrigen Häuser — restauriert, gepflegt, aber immer noch mit dem Atem der Zeit darin.

Eingeschossig, die meisten. Mit Holztüren und Fenstern, die eng sind und tief. Hier haben Menschen vom Wasser gelebt. Hier haben sie Netze getrocknet und Boote gezogen und die Dahme gekannt wie einen alten Bekannten. Das ist lange her. Aber die Gassen haben es nicht vergessen. Man geht langsamer hier. Nicht weil man muss — weil man es will. Weil etwas in diesen Gassen eine eigene Zeit hat, die sich von der Stadtzeit unterscheidet. Weil man hier nicht ankommen muss. Weil man einfach sein kann, wer man gerade ist.

Weil diese Gassen das zulassen. Weil der Märzvormittag das zulässt. Weil er dafür da ist. Ein Kind sitzt auf einer Treppe und isst etwas. Es schaut auf, als man vorbeigeht. Schaut wieder runter auf sein Brot. Zwischen den Häusern ist die Dahme zu sehen — ein Streifen Wasser, der blitzt, wenn die Sonne drauf trifft. Silber, kurz. Dann wieder dunkel. Eine Ente schwimmt durch das Bild. Langsam. Mit dieser Würde, die Enten haben, wenn sie wissen, dass ihnen niemand folgt. Sie biegt um die Böschung und ist weg.

Ein Mann lehnt in einer Toreinfahrt. Er trinkt Kaffee aus einem kleinen Becher. Er schaut auf die Gasse, auf den Märzvormittag, auf nichts Besonderes. Einfach: schaut. Als wäre das Schauen selbst genug. Irgendwo im Kiez läuft ein Radio. Zu leise, um es zu erkennen. Nur die Ahnung von Musik, die durch eine Wand kommt. Dann weg. Ein Mann kommt mit einem Einkaufskorb aus einer Tür. Er bleibt kurz stehen. Schaut in den Himmel. Nickt, als hätte er recht gehabt. Geht weiter. Zwei alte Häuser stehen so nah beieinander, dass zwischen ihnen nur ein schmaler Streifen Himmel sichtbar ist.

Blau, heute. Man bleibt kurz stehen und schaut hinauf. Der Himmel ist weit da oben. Auch durch den schmalen Spalt ist er weit. Das ändert sich nicht. Auf dem Rückweg durch den Kiez sieht man eine Frau, die einen Blumenkasten rausholt. Noch leer. Sie stellt ihn aufs Fensterbrett. Schaut ihn an. Nimmt ihn wieder rein. Noch nicht. Aber bald. Man sieht es ihr an, dass das bald ist. Dass der April in ihr schon begonnen hat. Am Ende des Kiezes, wo die Gassen wieder breiter werden, steht eine Linde.

Alt, breit, mit einem Stamm, der mehrere Arme brauchen würde, um ihn zu umfassen. Noch kahl, noch Winter in ihr. Aber der Stamm ist warm im Sonnenlicht. Man legt kurz die Hand daran. Die Rinde ist rau und warm und da. Die Linde steht seit Jahrzehnten hier. Sie wird auch nächsten März noch stehen. Jetzt führt der Weg zurück aus der Altstadt heraus. Durch breitere Straßen, die sonniger sind, wo man den Märzhimmel wieder ganz sieht. Blau, mit ein paar weißen Wolken, die langsam ziehen.

Keine Eile auch bei ihnen. An einer Ecke steht ein Mann mit einem Hund. Der Hund ist alt — man sieht es an den weißen Haaren um die Schnauze. Er steht in der Sonne. Schließt die Augen. Der Mann schaut auf ihn hinunter. Dann greift er in seine Jackentasche. Sucht nach etwas. Findet es nicht. Sucht nochmal. Dann lässt er es. Es war nicht wichtig. Oder vergessen, was es war. Schaut wieder auf den Hund. Der Hund steht noch immer in der Sonne. Das ist genug. Die Menschen bleiben länger auf der Straße stehen.

Eine Gruppe junger Frauen, die lachen. Zwei Jugendliche auf einem Roller, langsam, ohne Ziel. Als hätten alle zusammen entschieden: Heute bleiben wir draußen. Heute gehört der Tag uns. Ein Balkon in der dritten Etage steht offen. Jemand hat Kissen rausgelegt. Zum Lüften. Zum Sonnen. Zum ersten Mal in diesem Jahr. Man sieht, wie der Tag die Stadt verändert. Nicht laut. Nicht mit Ankündigung. Aber die Balkontüren öffnen sich. Die Fenster stehen weiter auf. Die Menschen bleiben länger draußen stehen.

Ein Junge fährt auf einem alten Fahrrad die Straße entlang. Das Fahrrad quietscht ein bisschen. Er fährt trotzdem. Als wäre das quietschende Fahrrad vollkommen richtig für diesen Tag. Die Stadt atmet heute anders. Tiefer. Ruhiger. Als hätte sie das die ganze Zeit geübt, diesen Winter, hinter den geschlossenen Fenstern. Das Allende-Center liegt an der Straße, praktisch, vertraut. Einfach da, wie solche Orte da sind — zuverlässig, ohne Anspruch. Eine Frau kommt heraus mit einer Tüte Blumen.

Gelb, leuchtend, frisch aus dem Laden. Als hätte jemand entschieden, dass es jetzt Zeit dafür ist. Sie hält die Tüte locker, schaut kurz in den Himmel. Dann geht sie weiter, die Blumen unter dem Arm, den Märztag vor ihr. Gleich dahinter liegt der Volkspark. Man sieht ihn, bevor man drin ist — die Bäume, die Wege, die ruhigere Art von Luft, die Parks haben, wenn man von der Straße kommt. Ein anderes Tempo. Eine andere Stille. Vom Eingang aus sieht man die Alleen, die gerade durch den Park laufen.

Rechts und links die Bäume. Noch kahl, noch Winteräste gegen den Märzhimmel. Aber die Alleen sind da, und der Park dahinter ist da, und es ist gut. Einfach gut. Der Volkspark Köpenick ist nicht groß. Sieben Hektar, ein Dreieck zwischen Straßen. Aber er ist ausgedacht. Angelegt vor fast hundert Jahren — mit geraden Alleen und Blumenrabatten, mit Bänken an den richtigen Stellen, mit einem Baumrondell am Westeingang, der einen kurz sortiert, bevor man weitergeht. Als hätte jemand damals genau gewusst: Hierhin kommen Menschen, die eine Pause brauchen.

Die einen Augenblick brauchen, in dem nichts von ihnen verlangt wird. Ein Gartendenkmal nennt der Senat ihn jetzt. Das klingt amtlich. Aber der Park selbst klingt gar nichts. Er ist einfach still. Die Alleen laufen gerade durch ihn hindurch. Im Sommer ein Tunnel aus Grün. Jetzt noch offen, noch Luft und Himmel durch die kahlen Zweige. Aber man sieht schon, was es im April sein wird. Man sieht die Anlage davon. Ein Mann geht mit schnellen Schritten die Allee entlang. Kopfhörer auf.

Er nickt leicht beim Gehen — zu etwas, das nur er hört. Er geht durch den Park wie durch eine Aufgabe. Aber das ist auch eine Art, einen Park zu nutzen. Ein älterer Mann geht mit einem Rollator die Allee entlang. Langsam, gleichmäßig. Er kennt diesen Park. Man sieht es. Er kennt genau die Bank, auf die er zugeht. Er setzt sich. Schaut gerade aus. Auf eine Bank sitzen zwei ältere Frauen. Sie reden, die eine mit Händen, die andere nickend. Neben ihnen eine Einkaufstasche. Sie haben sich Zeit genommen für diesen Sonnabend.

Für dieses Gespräch, für diese Bank, für diesen ersten richtigen Frühlingstag. Die Staudenrabatten am Ostrand des Parks sind noch leer — aber man sieht die vorbereitete Erde, die frisch gezogenen Beete, die auf den April warten. Die Beete liegen bereit, wie Seiten in einem Buch, die noch nicht beschrieben sind. Auf den Wegen läuft eine Läuferin. Gleichmäßig, ruhig, nicht schnell. Sie nickt, als sie vorbeikommt. Eine von diesen Parks-Gesten: Wir sind beide hier. Wir brauchen uns nichts dabei.

Ein paar Kinder laufen über die große Wiese. Ein Junge rennt und fällt. Steht wieder auf, ohne hinzuschauen. Rennt weiter. Ein Mädchen dreht sich im Kreis, die Arme ausgestreckt, den Kopf in den Nacken. Schaut in den Himmel. Hört auf zu drehen. Schwankt kurz. Lacht. Ein Hund läuft in Schlangenlinien durch das Gras, der Nase nach. Als hätte er eine eigene Karte des Parks, die nur er lesen kann. Irgendwo pfeift jemand nach ihm. Er schaut auf. Schaut weg. Folgt seiner Nase weiter.

In der Mitte des Parks steht der Brunnen. Im Winter stumm, jetzt noch stumm — aber mit der Andeutung, dass das nicht mehr lange so bleibt. Die Sonne ist auf dem Wasser im Becken. Ein kleiner Junge schaut hinein. Schaut auf sein eigenes Gesicht im Wasser. Dann auf den Himmel. Dann wieder auf das Wasser. Als wäre es das Gleiche. Als wäre das, was oben ist und das, was sich unten spiegelt, nicht so verschieden, wie man denkt. Neben dem Brunnen steht eine Bank. Man setzt sich. Der Park um einen herum ist ruhig.

Die Alleen laufen, die Bäume stehen, die Menschen gehen ihre Wege. Irgendwo lacht jemand. Irgendwo ruft jemand einen Namen. Dann Stille wieder. Diese gute Art von Parkstille. Die man nicht stört, und die einem nichts fordert. Die Sonne ist jetzt hoch genug, um warm zu sein. Nicht sommerlich. Aber warm genug, um es zu spüren. Auf der Stirn. Auf den Händen. Auf dem Rücken der Jacke. Man schließt kurz die Augen. Der Park klingt weiter. Schritte auf Kies. Kinderstimmen, weit weg.

Ein Vogel, irgendwo in den Bäumen — ein einzelner, klarer Ton. Dann noch einmal. Dann Stille. Der Wind, ganz leise, durch die kahlen Äste. Ein Kind ruft etwas. Dann Stille. Dann lacht jemand, weit weg. Dann Stille wieder. Der Park atmet. Man atmet mit. Man öffnet die Augen wieder. Der Park ist noch da. Die Sonne ist noch da. Der Märzvormittag ist noch da. Er wartet. Er hat Zeit. Er ist gut dabei. Auf der Wiese hinter dem Brunnen liegt ein junger Mann im Gras. Auf dem Rücken, die Hände unter dem Kopf, die Augen geschlossen.

Mitten im März. Als wäre es Sommer. Er liegt einfach da, und die Sonne scheint auf ihn, und der Märzvormittag lässt ihn in Ruhe. Am Rand des Parks, wo die Hecken dichter werden, sitzt ein älterer Mann auf einer Bank und liest. Ein richtiges Buch. Mit Umschlag, mit Seiten, die er langsam umblättert. Ab und zu hält er inne. Schaut nicht auf. Denkt. Liest weiter. Neben ihm hat jemand eine leere Flasche stehen lassen. Er hat sie zur Seite geschoben. Einfach so, ohne Aufhebens. Jemand der liest, weil der Tag es erlaubt.

Weil der März heute Sonne geschickt hat, und weil das manchmal reicht. Auf dem Weg hinter dem Brunnen schieben zwei Männer Kinderwagen. Sie reden miteinander, die Kinderwagen nebeneinander. Einer der Männer lacht über etwas. Der andere nickt. Sie gehen langsam, weil die Kinder langsam gehen. Weil der Park heute langsam ist. Ein Junge sitzt auf einer Bank und isst ein Eis. Im März. Einfach so. Er schaut geradeaus. Isst sein Eis. Als hätte die Jahreszeit dazu nichts zu sagen. Ein Spatz landet auf dem Rand des Brunnenbeckens.

Trinkt. Fliegt weiter. Ein zweiter kommt. Trinkt auch. Fliegt weiter. Als hätten sie eine Abmachung. Als wäre das Becken ein Ort mit Regeln, die nur sie kennen. Weiter vorne auf der Wiese steht eine Amsel. Sie schaut. Hüpft zwei Schritte. Schaut wieder. Dann fliegt sie in einen Baum und ist weg. Zwei Tauben laufen über den Weg. Als wäre der Weg selbst genug. Man schaut ihnen kurz nach. Dann sind sie hinter einer Hecke. Weg. Der Park ist still. Nicht leer — still. Das ist ein Unterschied.

Einer, den man braucht. An einer Parkbank sitzen ein Mann und eine Frau. Sie reden nicht. Jeder schaut in eine andere Richtung. Nach einer Weile sagt sie etwas. Er antwortet kurz. Dann wieder Stille. Eine gute Stille. Die Art, die man sich erst verdienen muss. Am Ausgang steht ein Mann und schaut zurück. In den Park. Als hätte er etwas vergessen. Dann dreht er sich um und geht. Er hat nichts vergessen. Er schaut nur noch einmal hin. Man schaut auch zurück. Kurz. Dann geht man.

Der Weg zurück geht durch Straßen, die man jetzt ein bisschen anders sieht. Der Vormittag hat sich gesetzt. Die Sonne ist weiter gezogen, das Licht liegt schräger, die Schatten haben sich verschoben. Der März ist voller solcher Stunden — Stunden, in denen das Licht sich ändert, bevor man es gemerkt hat. In denen man kurz anhält und denkt: War das nicht gerade noch anders. War da nicht gerade noch etwas. Die Stadt ist jetzt voller als am Morgen. Mehr Menschen auf den Bürgersteigen.

Mehr Stimmen, mehr Fahrräder, mehr offene Türen. Eine Frau hängt Wäsche auf einem Balkon auf. Langsam, mit Wäscheklammern, jedes Stück bedächtig. Auf dem Bürgersteig unten spielt ein Kind mit Kreide auf dem Pflaster. Es zeichnet einen Kreis. Dann noch einen. Schaut die Kreise an. Geht weiter. Der Vormittag hat sich entschieden. Er gehört dem Tag jetzt. Die Gartenstraße liegt in der Sonne, als man sie wieder hochgeht. Die gleiche Straße wie vorhin — aber das Licht hat sich verändert.

Ein wenig wärmer. Ein wenig echter. Das Fenster, das vorhin nur einen Spalt offen war, steht jetzt weiter auf. Vorhänge bewegen sich leicht. Die Katze ist von der Mauer verschwunden. Irgendwo schlägt eine Tür. Irgendwo riecht es nach Mittagessen — Zwiebeln, Öl, etwas Warmes, das schon eine Weile auf dem Herd steht. Die Erde riecht noch. Hartnäckig, freundlich. Wie der Geruch von etwas, das sich nicht beeilen muss. Darunter Kaffee, von irgendwo. Dahinter das Wasser, ganz leise, wie eine Erinnerung.

Geöffnetes Fenster. Jemandes Mittag. Jemandes Sonnabend, der gerade beginnt. Man denkt kurz an all das, was man gesehen hat. Nicht bewusst — einfach so, wie Dinge auftauchen, wenn man nach Hause geht. Die Linde am Ende des Fischerkiezes. Der junge Mann, der sein Telefon sinken ließ. Die Frau, die den Blumenkasten noch mal reingeholt hat. Man trägt das mit. Nicht als Erinnerung, nicht als etwas, das man festhalten müsste. Einfach so. Wie der Geruch nach Erde noch an der Jacke ist.

Wie das Licht noch in den Augen ist, wenn man in die Wohnung kommt. Wie die Wärme der Linde noch in der Hand ist. Wie das Wasser noch da ist, auch wenn man es nicht mehr sieht. Man kommt nach Hause. Die Tür schließt sich hinter einem. Die Wärme innen ist anders als die Wärme draußen. Stiller. Fester. Als hätte die Wohnung gewartet. Als wäre das immer so: Man geht raus, und die Wohnung wartet. Man kommt zurück, und sie ist noch da. Man setzt sich ans Fenster. Schaut auf die Gartenstraße.

Noch jemand geht vorbei. Der Nachmittag fängt an. Draußen auf der Gartenstraße geht noch jemand vorbei. Mit einem Kind an der Hand. Das Kind schaut nach oben. Der Erwachsene auch. Dann gehen sie weiter, die Straße hinunter, dem Wasser entgegen. So wie man es heute Morgen auch gemacht hat. So wie man es wieder machen wird. Wenn der nächste solche Tag kommt. Und er kommt. Das ist sicher. Der März gibt nicht alles auf einmal. Er gibt einen Tag. Und dann noch einen. Und irgendwann ist es April.

Heute ist es März. Und das reicht. Heute war das genau richtig. Genau das. Genau dieser Märzvormittag. Man zieht den Mantel aus. Hängt ihn hin. Der Mantel riecht nach draußen. Nach Luft und Erde und dem langen Weg. Die Schuhe kommen hin. Setzt sich. Der Vormittag bleibt draußen — aber ein Rest davon kommt mit. Die Angler am Steg. Die Frau mit den gelben Blumen. Der Mann, der noch einmal zurückgeschaut hat. Alles noch da. Alles still jetzt. Der Märzvormittag legt sich ab. Setzt sich irgendwo hin, wo solche Dinge bleiben.

Wo das Licht bleibt und das Wasser und die Menschen, die draußen waren, weil der Tag es erlaubt hat. Weil der Winter einen Tag nachgegeben hat. Weil vierzehn Grad in Berlin reichen. Weil manchmal ein Spaziergang genug ist. Weil die Stadt einem manchmal einfach entgegenkommt. Weil der März kann, was der Januar nicht kann. Weil manche Tage einfach da sind. Weil man dann rausgeht. Weil man dann wiederkommt. Und weil das genug ist. Mehr als genug. Und draußen, nicht weit weg, zieht die Dahme ihren stillen Bogen durch die Stadt.

Das Wasser riecht heute nach Frühling. Nach Erde und Aufbruch. Nach dem Geruch, der am Morgen auf der Gartenstraße angefangen hat. Der die ganze Runde mitgekommen ist. Durch die Altstadt, durch den Kiez, durch den Park. Der jetzt wieder da ist. Ein Kreis. Kein vollständiger — aber nah genug. Nach dem, was kommt. Nach dem, was schon unterwegs ist. Immer weiter. Ohne Eile. Ohne Ende. Das Wasser hört nicht auf. Das ist das Beruhigende daran. Egal was der Tag gebracht hat. Egal wie lang der Winter war. Das Wasser hört nicht auf. Schlaft gut.

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