Eine Hörgeschichte für Erwachsene
Die Hotelpaläste
Man kommt abends an. Das ist der richtige Zeitpunkt. Das hat man gewusst. Instinktiv. Man hat es nicht geplant. Aber die Route hat es so ergeben. Und es war richtig.
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Man kommt abends an. Das ist der richtige Zeitpunkt. Das hat man gewusst. Instinktiv. Man hat es nicht geplant. Aber die Route hat es so ergeben. Und es war richtig. Nicht jeder Plan ist ein Plan. Manche Pläne entstehen auf der Fahrt. Manche Entscheidungen trifft die Straße. Man folgt und kommt richtig an. Abends in Las Vegas. Mit der Frau, die man liebt. Im Mietwagen. Mit den Koffern im Kofferraum. Mit dem Staunen, das noch kommt. Das man noch nicht weiß. Das einen erwartet.
Abends in Las Vegas. Das Leuchten, das einen empfängt. Die Route hat entschieden. Der lange Tag. Die Fahrt durch die Wüste. Das Death Valley am Nachmittag. Dann weiter. Dann Las Vegas. Dann abends. Dann: das Leuchten. Das ist der richtige Zeitpunkt. Nicht mittags. Nicht morgens. Abends. Wenn das Licht geht und Las Vegas anfängt zu leuchten. Das Leuchten von Las Vegas. Man kennt es von Fotos. Man kennt es aus Filmen. Aus den Berichten anderer. Aus allem, was man gesehen und gelesen hat.
Aber auf Fotos leuchtet es nicht wirklich. Auf Fotos ist es hell. Hier leuchtet es. Von innen. Von überall. Das ist kein Unterschied in Wörtern. Das ist ein Unterschied, den man spürt. Man kommt vom Death Valley. Man hat die Hitze hinter sich. Man hat das Schild hinter sich. Das Tal, das tiefer liegt als das Meer. Man fährt nach Las Vegas und alles wird anders. Schon von weitem. Die Lichter sind von weitem sichtbar. In der Wüstennacht: ein Leuchten am Horizont. Das ist Las Vegas.
Das ist das Leuchten der Hotels, das bis in die Wüste strahlt. Als wäre eine Stadt am Horizont. Sie ist da. Sie leuchtet. Man fährt auf sie zu. Die Leere der Wüste. Weg. Die Stille. Weg. Die Dunkelheit hinter einem. Weg. Vor einem: Las Vegas. Der Strip, der leuchtet. Die Hotels, die nicht enden. Die Größe, die einen erwartet und trotzdem überrascht. Das ist das Merkwürdige. Man weiß, dass Las Vegas groß ist. Man hat die Fotos gesehen. Die Filme. Man weiß es. Und trotzdem. Wenn man das erste Mal die Lichter sieht.
Wirklich sieht, nicht auf einem Bildschirm. Dann ist man überrascht. Weil Wissen nicht dasselbe ist wie Sehen. Weil Fotos nicht dasselbe sind wie Stehen. Weil die Größe sich nicht übertragen lässt. Die muss man erleben. Man erlebt sie. Jetzt. Die Größe, die einen erwartet und trotzdem überrascht. Das erste Hotel. Man hat keine Ahnung, welches. Man ist einfach reingegangen. Der erste Eingang, der offen war. In Las Vegas sind alle Eingänge offen. Immer. Man betritt es. Man steht in der Lobby.
Man steht und schaut. Das ist das Erste: man steht und schaut. Man vergisst zu gehen. Die Decke. Die Decke des ersten Hotels. So hoch, dass man sie nicht versteht. Nicht begreift. Der Kopf nimmt sie auf, aber verarbeitet sie nicht. Zu groß. Zu hoch. Zu viel auf einmal. Die Kronleuchter. Die Decken. Die Marmorboden. Die Säulen. Einer, zehn, zwanzig Kronleuchter. Jeder größer als ein Auto. Jeder aus Kristall. Jeder beleuchtet. Jeder ein eigenes Kunstwerk. Zwanzig davon. Hängend von einer Decke, die irgendwo oben ist.
Man schaut. Der Mirage. Vor dem Hotel: ein Vulkan. Ein künstlicher Vulkan. Er bricht aus. Zu bestimmten Zeiten. Abends. Das Feuer steigt. Der Rauch steigt. Das Licht ist orange und rot. Man steht auf dem Bürgersteig und ein Vulkan bricht aus. Das ist Las Vegas. Das ist der Bürgersteig von Las Vegas. Nicht Lava. Nicht Asche. Feuer und Rauch und Licht. Genug, um zu staunen. Genug, um stehenzu bleiben. Der Vulkan bricht aus. Man schaut. Dann ist er vorbei. Dann geht man weiter.
Weil schon das nächste wartet. Das nächste Hotel. Die nächste Lobby. Die nächste Welt für sich. Las Vegas ist das Übermaß. Das ist kein Vorwurf. Das ist eine Beschreibung. Die Stadt wurde gebaut für das Übermaß. Sie wurde gebaut aus dem Übermaß. Jedes Hotel muss größer sein als das letzte. Jede Lobby muss höher sein. Jeder Kronleuchter größer. Jeder Brunnen größer. Jede Pyramide aus stärkerem Glas. Das Übermaß ist das Prinzip. Das Mehr ist die Idee. Was passiert, wenn man immer mehr baut?
Las Vegas passiert. Das ist das Ergebnis. Diese Stadt. Diese Hotels. Diese Paläste, die keine Paläste sind. Die mehr sind als Paläste. Weil ein Palast eine Geschichte hat. Las Vegas hat keine Geschichte. Las Vegas hat Größe. Das ist der Unterschied. Geschichte kostet Zeit. Größe kostet Geld. Las Vegas hat viel Geld. Las Vegas ist jung. Las Vegas hat keine alten Kirchen. Keine mittelalterlichen Plätze. Keine Gebäude, die Jahrhunderte gesehen haben. Das älteste Gebäude in Las Vegas: kaum älter als man selbst.
Das ist die Stärke und die Schwäche. Die Stärke: Es gibt keine Einschränkungen. Die Schwäche: Es gibt keine Geschichte. Las Vegas ersetzt Geschichte durch Größe. Das ist ein Tausch. Den Las Vegas offen anbietet. Komm her. Kein Geschichte. Aber Größe. Kein Mittelalter. Aber Kronleuchter. Kein Rom. Aber die Caesars Palace. Hier. Jetzt. Beleuchtet. Geöffnet. Für alle. Ein bewusster Tausch. Das Übermaß ist das Prinzip. Das Klondike Hotel. Nicht das größte. Nicht das teuerste. Aber das erste.
Das, wo man schläft. Kleiner als die anderen. Ruhiger. Man legt die Koffer ab. Das Zimmer ist normal. Nicht klein. Aber nicht das, was man erwartet. Nach den Lobbys der Hotels. Nach den Kronleuchtern. Das Zimmer ist: ein Zimmer. Bett. Fernseher. Badezimmer. Las Vegas ist in der Lobby. Das Zimmer ist der Rückzug. Das ist die Entscheidung, die die Hotelbesitzer getroffen haben. Die Lobby: Aufsehen. Das Zimmer: Schlaf. Man wäscht sich. Dann geht man raus. Dann beginnt der Abend.
Der Strip. Die Hauptstraße von Las Vegas. Vier Kilometer. Auf beiden Seiten: Hotels. Hotels, die keine Hotels sind. Paläste. Themenparks. Welten für sich. Die Menschen auf dem Strip. Man schaut sie an. Sie schauen zurück. Jeder schaut. Hier schaut man. Hier wird geschaut. Alle schauen alles an. Die Hotels schauen an. Die anderen Menschen schauen an. Es ist der Ort der maximalen Schaulust. Kein Ort der Welt lädt so zum Schauen ein. Von überall kommen sie. Von Japan. Von Europa.
Von den Südstaaten. Von überall in Amerika. Von überall in der Welt. Las Vegas zieht. Wie ein Magnet. Weil es so ist, wie es ist. Weil es das Übermaß anbietet. Weil es das Staunen verspricht. Weil es das Staunen einhält. Man kommt, weil man staunen will. Man geht, weil man gestaunt hat. Das ist der Vertrag. Las Vegas hält ihn. Von Japan. Die Frischvermählten, wie man selbst. Die Familien mit Kindern, die eigentlich nicht hierher gehören. Und doch. Die alten Paare, die zum zwanzigsten Mal hier sind.
Die allein Reisenden, die den Strip abgehen. Die Gruppen von Männern, die laut sind. Die Gruppen von Frauen, die lauter sind. Alle hier. Alle auf diesem Streifen. Vier Kilometer. Die meistbesuchte Straße der Welt, vielleicht. Alle schauen alles an. Alle zeigen. Alle staunen. Das ist die gemeinsame Erfahrung von Las Vegas. Das Staunen als kollektives Erlebnis. Man staunt nicht allein. Man staunt mit tausenden anderen. Die alle dasselbe sehen. Die alle denken: Das ist zu viel.
Und die trotzdem schauen. Weil es zu viel ist. Man schaut auch. Das macht man hier. Das Bellagio mit dem Brunnen davor. Der Brunnen, der tanzt. Wasser, das tanzt, zu Musik. Hunderte Düsen. Alle gesteuert. Alle koordiniert. Ein Computer entscheidet, welche Düse wann schießt. Ein Algorithmus tanzt. Wasser tanzt nach einem Algorithmus. Das ist die Magie des Bellagio. Die Magie aus einem Rechner. Das Wasser steigt zwanzig Meter hoch. Mehr. Es fällt zurück. Es steigt wieder. Es tanzt.
Man steht davor. Mit anderen, die auch stehen. Die auch schauen. Alle schauen. Das macht man hier. Man schaut. Es gibt zu viel zu schauen. Das Bellagio. Das ist der Palast der Paläste. Man steht vor dem Brunnen. Es ist spät abends. Das Wasser beginnt. Leise zuerst. Dann mehr. Die Musik kommt. Eine Oper. Oder ein Musical. Oder beides. Das Wasser steigt. In Choreographie. In Rhythmus. Das Wasser tanzt wirklich. Das ist keine Übertreibung. Das Wasser tanzt. Die Düsen schießen synchron.
Die Fontänen wechseln die Höhe. Das Licht verändert die Farbe. Das alles gleichzeitig. Das alles zu dieser Musik. Man steht und schaut. Man hat vergessen, dass man müde ist. Man hat vergessen, dass man stundenlang durch Lobbys gelaufen ist. Man schaut. Neben einem: andere, die auch schauen. Touristengruppen, Paare, Familien. Alle schauen. In diesem Moment: Las Vegas funktioniert. Es hat sein Versprechen eingelöst. Es hat Staunen erzeugt. Echtes Staunen. Trotz allem. Trotz dem Kitsch.
Trotz dem Wissen, dass man es kaufen kann. Das Wasser tanzt. Man staunt. Das ist genug. Das Paris Las Vegas. Der Eiffelturm. Halb so groß wie das Original. Fünfzig Prozent Paris. Man steht darunter. Man schaut hoch. Der Turm ist beleuchtet. Er ist schön. Man weiß, dass man in Nevada steht. Man weiß, dass der Eiffelturm in Paris steht. Man weiß alles das. Und trotzdem: Man schaut hoch und denkt einen Moment: Das ist schön. Dieser Moment. Bevor das Wissen zurückkommt. Dieser eine Moment reinen Staunens.
Bevor man denkt: Das ist eine Kopie. Dieser Moment ist echt. Das ist das Geschenk von Las Vegas. Dieser eine Moment pro Hotel. Dieser eine Moment, in dem man vergisst, was man weiß. In dem man einfach schaut. In dem das Staunen echt ist. Ein Moment pro Hotel. Bei so vielen Hotels: viele Momente. Das Venetian. Man hat es von der Straße gesehen. Von draußen. Der Turm, der aussieht wie in Venedig. Die Fassade, die hell erleuchtet ist. Die Brücken. Die Türme. Das Dach, das wie ein venezianischer Palazzo aussieht.
Man weiß: Das ist eine Kopie. Eine Kopie einer Kopie, fast. Venedig selbst ist schon eine Art Museumsstück. Und das hier ist die Kopie davon. Die Kopie des Museumsstücks. Man weiß das. Man geht rein. Und dann: Eine Stadt in einem Hotel. Der Canal Grande als Innendekoration. Gondolieri, die Englisch singen. Brücken über einem Kanal, der nicht nass macht. Der Himmel. Gemalt. Ein Himmel an der Decke, der blau ist. Mit Wolken. Mit dem Licht des Nachmittags. Nur: es ist Nacht draußen.
Hier drinnen ist immer Nachmittag. Immer blauer Himmel. Immer Venedig. Ein Venedig, das nie geregnet hat. Das nie Hochwasser hatte. Das nie verrottet ist. Ein perfektes Venedig. Ein Venedig, das es nicht gibt. Und das trotzdem schön ist. Vielleicht gerade deswegen. Einen Moment lang denkt man: Das ist gut gemacht. Das ist wirklich gut gemacht. Man mag das, gleichzeitig mit dem Wissen, dass es falsch ist. Das ist die Wirkung von Las Vegas. Es lässt einen beides gleichzeitig denken.
Das ist kitschig und das ist schön. Man geht durch. Man schaut. Die Caesars Palace. Rom. Ohne die Geschichte. Ohne den Verfall. Ohne das Echte. Aber mit der Größe. Mit den Säulen. Mit den Statuen. Mit dem Marmor. Oder: mit dem, was wie Marmor aussieht. Man kann es nicht unterscheiden. Man versucht es nicht. Man geht durch das Rom, das keine Fehler hat. Das keine Risse hat. Das keine verwitterten Stellen hat. Das keine echten Jahrtausende hat. Das immer sauber ist. Das immer beleuchtet ist.
Das immer offen ist. Das immer Rom ist. Auch nachts. Auch wenn das echte Rom schläft. Vierundzwanzig Stunden. Sieben Tage. Las Vegas schläft nicht. Die Caesars Palace schläft nicht. Man geht von Hotel zu Hotel. Das ist das Abendprogramm. Das kostet nichts. Die Lobbys sind offen. Die Hotels verlangen keinen Eintritt. Sie wollen, dass man reingeht. Sie wollen, dass man sieht. Je mehr man sieht, desto mehr will man bleiben. Je mehr man bleibt, desto mehr gibt man aus. Das ist die Logik.
Man weiß die Logik. Man geht trotzdem rein. Man schaut. Nicht das Spielen. Das Schauen. Die Spielhallen lässt man links liegen. Die Automaten, das Roulette, das Poker. Das ist nicht das, wofür man hier ist. Man ist für die Hotels. Für die Lobby. Für die Decken. Für das Leuchten. Für das, was die Hotels machen, wenn man durch sie geht. Sie machen einem klar: Es gibt keine Grenzen. Nicht bauliche. Nicht ästhetische. Nicht Vernunft-Grenzen. Hier ist alles möglich. Alles, was man denken kann, kann man bauen.
Das ist Las Vegas. Das ist die Botschaft der Hotels. Sie flüstern es. Mit jeder Kronleuchter. Mit jeder Statue. Mit jedem tanzenden Brunnen. Alles möglich. Komm rein. Vergiss die Grenzen. Vergiss die Vernunft. Alles möglich. Das ist das Versprechen hier. Das ist die Botschaft der Hotels. Der Luxor. Eine Pyramide. Nicht die Pyramide von Gizeh. Aber eine Pyramide. Schwarz, aus Glas. Mit einem Strahl aus Licht oben. Der stärkste Lichtstrahl der Welt, sagen sie. Er schießt senkrecht in den Himmel.
Dreihundertzwanzig Watt. Von der Spitze der Pyramide. Astronauten auf der Raumstation können ihn sehen. Das ist, was man hört. Ob es stimmt, weiß man nicht. Aber es klingt nach Las Vegas. Las Vegas baut Lichtstrahlen, die Astronauten sehen können. Natürlich. Warum nicht. Alles möglich. Astronauten auf der Raumstation können ihn sehen. Man steht auf dem Strip und schaut hinauf. Der Strahl zieht nach oben. Er verliert sich im Himmel. Er geht einfach weiter. Man folgt ihm mit den Augen.
So weit wie man kann. Dann ist der Himmel dunkel und der Strahl ist weg. Aber man weiß: Er ist noch da. Man sieht ihn nur nicht mehr. Er geht weiter. Bis in die Schwärze. Bis zu den Sternen. Bis zu dem Ort, wo kein Licht von Las Vegas mehr hinkommt. Aber der Strahl des Luxor kommt hin. Er allein. Er geht einfach weiter. Wenn man lang genug schaut, denkt man: Er hört nicht auf. Er hört nicht auf. Der Lichtstrahl des Luxor hört nicht auf. Bis er die Raumstation erreicht. Oder weiter.
Weiter. Der Luxor. Eine Pyramide, die einen Strahl in den Himmel schießt. Weil es möglich ist. Weil hier alles möglich ist. Weil niemand sagt: Das ist zu viel. Das ist zu weit. Das ist unnötig. In Las Vegas sagt niemand: Das ist unnötig. Das MGM Grand. Das größte Hotel der Welt, irgendwann. Oder eines der größten. Man verliert sich darin. Nicht bildlich. Wirklich. Man geht und geht und ist noch immer drin. Die Gänge enden nicht. Man läuft. Man biegt ab. Man läuft wieder. Noch immer drin.
Das MGM Grand hat fünftausend Zimmer. Fünftausend. Das sind mehr Menschen als in manchen Dörfern. Die Gänge enden nicht. Die Läden hören nicht auf. Die Restaurants, die Bars, die Clubs, die Kasinos. Alles drin. Man muss nie raus. Nicht wegen des Essens. Nicht wegen der Unterhaltung. Nicht wegen des Schlafs. Alles ist da. Alles in einem Gebäude. Man kann Wochen darin verbringen. Die meisten Gäste sehen Las Vegas nicht. Sie sehen nur das Hotel. Las Vegas liegt in der Wüste. Das vergisst man, wenn man auf dem Strip ist.
Man vergisst die Wüste. Sie ist weg. Unsichtbar hinter den Lichtern. Aber sie ist da. Sie liegt um die Stadt. Sie wartet. Las Vegas hat das Wasser, das es verbraucht, aus dem Colorado River. Aus dem Lake Mead. Der See schrumpft. Seit Jahren. Das Wasser, das die Brunnen tanzen lässt. Vierzig Millionen Liter Wasser verbraucht Las Vegas täglich. Das ist die Zahl. Das ist eine abstrakte Zahl. Sie wird konkret, wenn man vor dem Bellagio steht. Wenn der Brunnen tanzt. Wenn das Wasser zwanzig Meter steigt.
Wenn man denkt: Das ist Wasser aus der Wüste. Aus dem Colorado. Aus dem schwindenden See. Und es tanzt. Es tanzt für jeden, der vorbeigeht. Das ist die Zahl. Das Wasser, das die Brunnen tanzen lässt. Das Wasser der Pools, der Duschen, der Restaurants. Alles kommt von dort. Alles kommt aus der Wüste, die man vergessen hat. Die Wüste vergisst Las Vegas nicht. Sie wartet. Geduldig. Sie hat Zeit. Las Vegas ist hundert Jahre alt. Die Wüste ist Millionen Jahre alt. Die Wüste wartet.
Das ist auch Las Vegas. Jeder hat sein eigenes Las Vegas. Das Kasino-Las-Vegas. Das Show-Las-Vegas. Das Hotel-Las-Vegas. Das Strip-Las-Vegas. Das Side-Street-Las-Vegas. Das billige Las Vegas. Das teure Las Vegas. Das kitschige. Das echte. Das möglich. Man kann Las Vegas sehen, ohne Las Vegas zu verlassen. Das ist das Modell. Das Modell des totalen Hotels. Alles drin. Nichts draußen nötig. Das ist eine Entscheidung, die Las Vegas für einen trifft. Willst du draußen sein? Nein.
Du willst drinnen sein. Du willst in der Lobby. Du willst am Spieltisch. Du willst im Restaurant. Du willst im Pool. Alles drin. Das ist auch Las Vegas. Das ist auch möglich. Die Frau, die man liebt, ist dabei. Das ist das Beste daran. Man geht zusammen durch die Paläste. Man schaut zusammen. Man zeigt sich gegenseitig, was man sieht. Schau mal. Die Decke. Schau mal. Der Brunnen. Schau mal. Dieses Venedig, das kein Venedig ist. Sie schaut. Er schaut. Beide schauen. Beide staunen.
Sie zeigt auf etwas. Er schaut. Er zeigt auf etwas anderes. Sie schaut. Das geht so den ganzen Abend. Immer das: Zeigen und Schauen. Das ist die Kommunikation von Las Vegas. Keine Worte nötig. Nur: Sieh mal. Und dann schaut man. Das sind Flitterwochen in Las Vegas. Das Staunen teilen. Das Große zusammen groß finden. Das Kitschige zusammen kitschig finden. Und trotzdem mögen. Das ist eine Fähigkeit. Diese gleichzeitige Haltung. Das Wissen, dass es kitschig ist. Und das trotzdem mögen.
Weil Kitsch auch eine Haltung ist. Eine ehrliche Haltung. Kitsch sagt: Ich will schön sein. Ich will beeindrucken. Ich will, dass du staunst. Das ist nicht unehrlich. Das ist direkt. Las Vegas ist direkt. Es sagt nicht: Ich bin subtil. Es sagt: Schau mich an. Das ist ein Versprechen. Das Las Vegas hält. Und das trotzdem mögen. Die Ironie und die Freude. Beide gleichzeitig. Das funktioniert besser zu zweit. Man braucht jemanden, der das versteht. Der dasselbe sieht. Der auch lacht.
Und auch staunen kann. Weil man zusammen ist. Weil man zusammen staunen kann. Die Nacht läuft. Es ist zwei Uhr morgens. Oder drei. Die Uhr macht keinen Unterschied hier. Las Vegas hat keine Uhrzeit. Las Vegas hat nur: offen. Die Lobbys leuchten. Die Brunnen tanzen noch. Die Gondolieri singen noch. Die Kronleuchter hängen. Die Decken sind immer noch so hoch, dass man sie nicht versteht. Man geht zurück ins Klondike. Es ist spät. Sehr spät. Oder früh. Die Grenze ist fließend in Las Vegas.
Zwei Uhr. Drei Uhr. Die Straße ist immer noch voll. Las Vegas schläft nicht. Die Menschen auf dem Strip: immer noch da. Immer noch schauend. Immer noch staunend. Oder schon zu müde zum Staunen. Aber noch da. Las Vegas ist auch nachts voll. Man geht zurück ins Klondike. Das kleine, ruhige Hotel. Das kein Palast ist. Das man deswegen gewählt hat. Als Gegenpol. Als Ort, der kleiner ist als alles andere. Man kommt rein. Die Lobby: klein. Normal. Menschlich. Das ist das richtige Wort: menschlich.
Die großen Hotels sind unmenschlich in ihrer Größe. Nicht im negativen Sinn. Im wörtlichen Sinn. Sie sind größer als der Mensch. Das Klondike ist menschlich. Es passt zu einem. Man atmet. Das Klondike hat ein Kasino. Klein. Verglichen mit den anderen: winzig. Aber es ist da. Das Klirren der Automaten. Das leise Klacken der Chips. Das ist auch Las Vegas. Auch das Klondike. Man geht dran vorbei. Man geht zum Aufzug. Man geht rauf. Man schläft. Im Dunkeln der Hotelzimmer ist Las Vegas weg.
Am nächsten Morgen sieht Las Vegas anders aus. Das Licht des Tages verändert alles. Das Leuchten ist weg. Die Neonlichter brennen noch, aber sie kämpfen gegen das Tageslicht. Sie verlieren. Die Hotels stehen. Sie sind immer noch groß. Immer noch riesig. Aber das Magische ist gegangen. Das Magische kommt nur abends. Las Vegas gehört der Nacht. Am Morgen sieht man die Konstruktion. Das Gerüst. Die Schäden in der Fassade. Die Stellen, wo die Farbe abplatzt. Die Klimaanlagen auf dem Dach, die laufen und rauschen.
Am Morgen ist Las Vegas eine Stadt. Abends ist es eine Welt. Das ist der Unterschied. Man wählt, was man sehen will. Man wählt abends. Man kommt abends. Das ist die Entscheidung. Nicht bewusst, aber richtig. Las Vegas bei Tag ist eine Baustelle. Las Vegas bei Nacht ist eine Welt. Man wählt abends. Man kommt abends. Man geht durch die Hotels abends. Man geht spät zurück. Man schläft. Man wacht auf. Das Tageslicht, das Las Vegas nüchtern macht. Man frühstückt. Man geht raus. Die Hotels sind größer als gestern Abend.
Das ist nicht möglich. Aber sie wirken größer. Im Tageslicht sieht man die Maße. Im Abendlicht sieht man das Leuchten. Das Leuchten macht kleiner. Die Maße machen größer. Man ist wieder abends. Man macht die Vorhänge zu. Das Leuchten kommt trotzdem rein. Durch die Ritzen. Durch das Glas. Durch alles, was zwischen einem und Las Vegas steht. Die Vorhänge sind nicht gut genug für Las Vegas. Kein Material ist gut genug für Las Vegas. Das Licht findet immer einen Weg. Hier findet das Licht immer einen Weg.
Das Licht, das immer einen Weg findet. Kein Vorhang ist gut genug für Las Vegas. Das Licht findet einen Weg. Es ist immer ein bisschen hell. Nicht das Licht des Morgens. Das Licht von Las Vegas. Das künstliche Licht. Das nie aufhört. Man schläft trotzdem. Man ist müde von den Palästen. Von den Decken. Von den Kronleuchtern. Von dem Brunnen, der tanzt. Von dem Venedig, das es nicht gibt. Von dem Rom, das keine Fehler hat. Man ist müde vom Staunen. Das ist eine besondere Müdigkeit.
Sie kommt nicht von Arbeit. Nicht von Sport. Vom Aufnehmen. Vom Verarbeiten. Die Hotels, die man durchquert hat. Die Kronleuchter, die man gezählt hat. Den Brunnen, der getanzt hat. Das Venedig, das kein Venedig ist. Das Rom, das keine Fehler hat. Die Pyramide, die einen Strahl schießt. Den Eiffelturm, der halb so groß ist. All das hat man aufgenommen. Der Kopf ist voll. Die Augen sind müde. Das Staunen ist erschöpft. Die Müdigkeit des Staunens. Das gibt es nur hier. Die Hochzeitskapellen.
Las Vegas ist bekannt dafür. Schnelle Hochzeiten. Elvis-Imitatoren, die trauen. Drive-through-Kapellen. Man sieht sie, wenn man durch die Nebenstraßen geht. Die kleinen weißen Gebäude. Mit rosa Neon. Mit Herzen aus Licht. Man ist nicht auf Flitterwochen. Man hat schon geheiratet. Man braucht keine Las-Vegas-Hochzeit. Aber man schaut. Man versteht, warum Menschen hier heiraten. Weil es einfach ist. Weil Las Vegas keine Bürokratie kennt. Las Vegas kennt nur: Ja. Wann immer. Sofort.
Die Hochzeitskapellen. Sie leuchten auch. Alles in Las Vegas leuchtet. Was bleibt von Las Vegas? Das fragt man sich, auf dem Weg zurück. In einem Jahr. In zehn Jahren. Was bleibt? Nicht die Namen der Hotels. Die hat man halb vergessen. Was bleibt: das Staunen. Das ist mehr als man erwartet. Man erwartet, beeindruckt zu sein. Was bleibt: mehr als Beeindrucktsein. Das Staunen selbst. Die Fähigkeit, durch die Hotels gegangen zu sein und trotzdem noch staunen zu können. Das ist das Geschenk von Las Vegas.
Es erschöpft das Staunen. Und dann beginnt das Staunen wieder. Das Gefühl des Staunens. Die Körper-Erinnerung. Man war dort. Man stand in einer Lobby. Die Decke war irgendwo oben. Man hat geschaut. Und man war klein. Kleiner als die Lobby. Kleiner als Las Vegas. Das Gefühl, klein zu sein. Das bleibt. Und gleichzeitig: Man war da. Man hat es gesehen. Man hat darin gestanden. Das Kleine und das Große gleichzeitig. Das Staunen. Das bleibt. Das Staunen ist das Souvenir. Das einzige, das man mitnimmt.
Nicht das T-Shirt. Nicht der Chip. Das Staunen. Die Erinnerung an das Staunen. Die Erinnerung an diesen Abend. An die Frau, die dabei war. An den Brunnen, der tanzte. An das Venedig, das kein Venedig war. An das Kleine und das Große. An die Kronleuchter. An die Decken, die so hoch waren, dass man sie nicht verstand. An die Nacht in Las Vegas. Das ist das Souvenir. Das trägt man mit. Immer. Und am nächsten Morgen fährt man weiter. Las Vegas liegt hinter einem. Die Wüste wieder.
Die Stille der Wüste. Der Kontrast ist fast zu groß. Von Las Vegas in die Stille. Von dem Leuchten in die Dunkelheit der Wüste. Von den Palästen in den offenen Himmel. Man atmet. Man schaut. Die Wüste wieder. Las Vegas hinter einem. Man schaut nicht sofort. Man fährt erst. Weg von den Lichtern. In die Wüste. Dann schaut man. Das Leuchten, das man noch sieht, wenn man zurückschaut. Noch einen Moment. Dann: die Wüste. Dann: nichts. Dann: weiter. Das ist der Übergang. Von den Palästen.
Von dem Staunen. Von dem Leuchten, das man noch sieht. Von dem Brunnen, der noch tanzt. Von dem Venedig, das kein Venedig ist. Von der Caesars Palace. Vom Luxor-Strahl, der in den Himmel schießt. Von allem. Man nimmt es mit. Alle diese Bilder. Diese Nacht. Dieses Staunen. Immer. Las Vegas. Die Paläste. Das Staunen. Das Leuchten. Die Kronleuchter. Der Brunnen, der tanzt. Das Venedig ohne Regen. Das Rom ohne Fehler. Der Luxor-Strahl, der nicht aufhört. Das Klondike, das menschlich ist.
Die Frau dabei. Das Teilen des Staunens. Das alles. Immer. So ist Las Vegas. So war Las Vegas. So wird es sein. Die Paläste stehen. Die Kronleuchter hängen. Der Brunnen tanzt. Das Leuchten leuchtet. Abend für Abend. Für alle, die kommen. Für alle, die staunen wollen. Für alle, die den Vertrag annehmen. Das Staunen gegen das Kommen. Der Tausch funktioniert. Las Vegas hält ihn. Und nachts, im kleinen Klondike. Das Licht durch die Vorhänge. Immer ein bisschen hell. Das Licht von Las Vegas.
Das nie aufhört. Das einen findet. Auch im Dunkeln. Auch hinter geschlossenen Augen. Ein bisschen Las Vegas. Immer. Das bleibt. Das Leuchten. Die Paläste. Das Staunen. Alles bleibt. In der Erinnerung. Wo es immer leuchtet. Wie Las Vegas. Immer. Das Kleine und das Große. Beide da. Beide gleichzeitig. Das ist Las Vegas. Das ist die Nacht in den Hotelpalästen. Das sind die Flitterwochen. Das Staunen teilen. Nicht mehr. Das hat immer gereicht. Las Vegas leuchtet weiter. Ohne einen.
Ohne dass man da ist. Es braucht einen nicht. Es leuchtet für alle. Für die, die kommen. Für die, die bleiben. Für die, die fahren. Es leuchtet. Immer. Das ist Las Vegas. So war das. Die Hotelpaläste. Die Nacht. Das Staunen. Die Frau dabei. Der Brunnen. Das Leuchten. Das Kleine im Großen. Das Große im Kleinen. Alles zusammen. Eine Nacht in Las Vegas. Das trägt man. Jahre später noch. Wenn man an Las Vegas denkt. Das erste Bild: die Kronleuchter. Das zweite: der Brunnen. Das dritte: die Frau, die zeigt.
Schau mal. Man schaut. Immer. Das ist genug. Das hat immer gereicht. Die eine Nacht. Die Hotelpaläste. Das Staunen. Das Staunen, das bleibt. Immer ein bisschen Las Vegas. Las Vegas. Diese Stadt. Die nie schläft. Die immer leuchtet. Die Lichter. Die Casinos. Die Hotels. Diese Hotelpaläste, die man sieht. Die man nicht vergisst. Man ist weit weg davon. Man ist zuhause. Man schläft. Draußen ist keine Wüste. Aber irgendwo leuchten noch die Hotels. In der Erinnerung. Dieses Staunen.
Das bleibt. Das trägt man mit. Von Las Vegas. In jeden Abend danach. Man schläft. Irgendwo leuchtet noch ein Hotel. In der Erinnerung. Dieses Licht. Das nie ausgeht. Das bleibt. Las Vegas schläft nicht. Aber man schläft. Und träumt vielleicht. Von diesen Palästen. Die so groß waren. Die so hell waren. Die so sehr Las Vegas waren. Die Wüste ist still. Die Hotels leuchten. Das Licht, das nie ausgeht. Das zu Las Vegas gehört. Das Las Vegas ist. Man kennt das jetzt. Man hat es gesehen.
Man trägt es. Immer ein bisschen Las Vegas. In der Erinnerung. In diesem Staunen. Das nicht vergeht. Das Staunen. Das man als Kind hatte. Das man noch hat. Vor diesen Hotels. Vor dieser Stadt. Vor dieser Wüste, in der das alles steht. Das Staunen geht nicht weg. Immer noch. In der Erinnerung.