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Eine Hörgeschichte für Erwachsene

Abend an den Königswiesen

3. April 2026 · 31:38 · ohne Werbung, kostenlos

Cover: Abend an den Königswiesen

Es ist ein Abend im Juni. Noch lange hell. Der Norden hat diese Abende. Diese langen, weichen Abende wo die Sonne einfach nicht aufhört.

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Der vollständige Text dieser Folge zum Mitlesen. · etwa 21 Minuten Lesezeit.

Es ist ein Abend im Juni. Noch lange hell. Der Norden hat diese Abende. Diese langen, weichen Abende wo die Sonne einfach nicht aufhört. Wo das Licht um neun Uhr noch dasselbe ist wie um sieben. Nur ein bisschen goldener. Ein bisschen ruhiger. Die Stadt liegt an einem langen Wasserarm. Nicht das Meer — aber nah dran. Das Wasser kommt von der Ostsee. Schiebt sich tief ins Land hinein. Vierzig Kilometer vielleicht. Breit. Still. Fast wie ein Fluss — aber breiter. Fast wie ein See — aber länger.

Die Wikinger kannten dieses Wasser gut. Sie haben es befahren. An seinem südlichen Ufer haben sie ihre Stadt gebaut. Vor mehr als tausend Jahren. Heute liegt dort ein Halbkreiswall im Gras. Grün. Still. Man kann ihn von den Königswiesen aus sehen. Wenn man weiß wonach man schaut. Man kann sich vorstellen wie das war. Die Schiffe. Das Wasser. Die Stimmen. Oder man schaut einfach. Ohne sich etwas vorzustellen. Das Wasser ist schön genug. Am Ufer liegt ein großer Park. Sechzehn Hektar.

Das sind viele Hektar. Man merkt es nicht sofort. Erst wenn man geht. Und geht. Und immer noch Park ist. Bäume. Alte Eichen in Reihen. Offene Wiesen dazwischen. Wege die ans Wasser führen. Kleine Brücken über Arme des Wassers. Stege die ein Stück hinausgehen. Und überall — das Wasser. Der lange Wasserarm. Ruhig heute Abend. Silbern. Mit dem langen Licht darauf das nicht aufhört. Und in der Luft — Gras. Wasser. Ganz schwach Salz. Von der Ostsee. Der Wind trägt es manchmal so weit.

Irgendwo am nördlichen Rand des Parks — ein Turm. Vierzehn Meter. Stahl. Offen nach allen Seiten. Man kann raufgehen. Man sieht dann alles. Den Park. Das Wasser. Die Stadt. Das Schloss am anderen Ufer. Und weit weg — einen anderen Turm. Sehr hoch. Neunzig Meter vielleicht. Ein Wohnturm aus einer anderen Zeit. Er ragt über alles. Man sieht ihn von überall. Von hier oben sieht man auch den Dom. Seinen Turm. Über die Dächer. Die ganze Geschichte der Stadt auf einmal. Aber das ist von oben.

Von unten — das Gras. Das Wasser. Die Vögel. Und heute Abend: die Menschen die geblieben sind. Im Sommer kommen viele hierher. Familien. Spaziergänger. Radfahrer. Segler. Schwimmer an der kleinen Badestelle. Kinder die auf dem Spielplatz klettern. Hunde die ins Wasser laufen. Jetzt — kurz nach neun — werden es weniger. Die Familien sind nach Hause gegangen. Die Kinder müde. Die Hunde auch. Die Schwimmer längst weg. Geblieben sind die anderen. Die, die den Abend noch brauchen.

Oder die die einfach da sind. Ohne Grund. Weil es schön ist. — Auf einer Bank am Wasser sitzt eine Frau. Sie heißt Clara. Clara ist dreiundvierzig. Seit einer halben Stunde sitzt sie hier. Vielleicht länger. Auf die Uhr geschaut hat sie nicht. Das ist der Punkt. Heute Abend keine Uhr. Kein Telefon. Nur das Wasser. Nur das Licht. Achtzehn Jahre wohnt Clara in dieser Stadt. Den Park kennt sie gut. Aber sie kommt nicht oft genug. Das denkt sie manchmal. Ich komme nicht oft genug hierher.

Dann kommt sie wieder. Und denkt: Warum nicht öfter. Es ist so nah. Zehn Minuten zu Fuß. Und dann das. Einmal ist sie den ganzen Weg am Wasser entlanggelaufen. Bis zum anderen Ende des Parks. Bis zu den Segelclubs. Bis zu der Stelle wo das Ufer anders wird. Wilder. Weniger Park. Das hat sie nicht vergessen. Wie das Wasser auf beiden Seiten fast. Wie man vergisst, dass eine Stadt dahinter ist. Aber heute sitzt sie. Heute ist sitzen genug. Das Wasser. Das Licht. Die Stille die keine echte Stille ist — Vögel, Wind, das leise Rauschen eines Schiffs weit drüben.

Aber eine andere Stille. Eine die gut ist. Am anderen Ufer — ein Schloss. Auf einer kleinen Insel. Oder fast einer Insel. Der Burggraben liegt dazwischen. Groß ist das Schloss. Sehr groß. Aus Stein, über Jahrhunderte gewachsen. Heute ein Museum. Heute Abend — von hier aus — einfach ein Schatten. Ein ruhiger Schatten am anderen Ufer. Der Geruch von Gras und Wasser hängt in der Luft. Ganz schwach noch das Salz. Clara schaut ihn an. Oft war sie schon drin. Mit den Kindern früher.

Mit Besuch. Aber von hier — von dieser Bank — ist es anders. Man sieht nur die Form. Die Silhouette. Nichts von den Räumen drinnen. Nichts von den Gemälden. Nur das Haus. So ist es manchmal besser. — Weiter am Ufer geht jemand. Ein Mann mit einem Hund. Der Mann heißt Sven. Sven ist einundfünfzig. Der Hund — der Name ist nicht wichtig. Groß ist er. Braun. Immer einen halben Meter vor Sven. Genau einen halben Meter. Als hätte er das gemessen. Fast jeden Abend kommt Sven hierher.

Das ist keine Übertreibung. Der Hund braucht es. Sven auch. Aber das sagt er nicht laut. Er sagt: Ich geh mit dem Hund. Nicht: Ich brauche das. Das ist ein Unterschied den er kennt. Und der ihm recht ist. Früher war er oft am Abend weg. Verabredungen. Treffen. Immer etwas. Dann wurden es weniger. Das Leben wurde anders. Jetzt: der Park. Der Hund. Das Wasser. Das ist nicht weniger. Das ist anders. Sven weiß das. Eine Weile hat er gebraucht um das zu wissen. Jetzt weiß er es. Geholfen hat der Park.

Nicht weil er schön ist — obwohl er schön ist. Sondern weil er immer da ist. Jeden Abend. Egal wie der Tag war. Der Park fragt nicht wie der Tag war. Er ist einfach da. Das macht es leichter. Am Wasser entlang führt der Weg. Mal nah dran. Mal ein Stück weg. Dann wieder nah. Der Hund interessiert sich für alles. Jeden Geruch. Jede Spur. Jeden Stein. Sven lässt ihn. Er schaut dabei auf das Wasser. Ein Segelboot zieht vorbei. Langsam. Fast lautlos. Das weiße Segel steht in der Abendsonne.

Sven schaut ihm nach. Von Segeln hat er keine Ahnung. Gelernt hat er es nie. Manchmal denkt er: Vielleicht mal. Dann denkt er an nichts. Der Hund zieht an der Leine. Sven geht weiter. — Am Rand des Parks steht ein Aussichtsturm. Vierzehn Meter hoch. Aus Stahl. Offen nach allen Seiten. Wer raufgeht, sieht: Den Park unter sich. Das Wasser. Die Schlei die sich nach Osten windet. Die Stadt. Das Schloss. Den Dom — sein Turm ragt über alles. Und weit weg — ganz weit weg — einen anderen Turm.

Sehr hoch. Neunzig Meter vielleicht. Ein Wohnturm, aus einer anderen Zeit. Alles auf einmal. Oben auf dem Turm steht ein junger Mann. Er heißt Nico. Sechsundzwanzig Jahre alt. Nicht von hier. Eine Freundin besucht er. Die ist noch bei der Arbeit. Also hat er gesagt: Ich geh schon mal. Ich schaue mich um. Und jetzt steht er hier oben. Er schaut. So hatte er das Wasser vorher nicht gesehen. Nicht von oben. Von unten sieht man das Wasser. Von oben sieht man wie es in die Landschaft passt.

Wie es da reingehört. Wie die Stadt drum herum gebaut ist. Um dieses Wasser. Er schaut auf das Schloss am anderen Ufer. Auf den Dom dessen Turm über die Dächer ragt. Auf den Wasserarm der sich nach Osten verliert. Und irgendwo — weit weg am südlichen Ufer — etwas das er nicht genau erkennt. Ein geschwungener Hügel. Ein Halbkreis fast. Grün. Still. Lange schaut er hin. Irgendwas ist da. Etwas Altes. Er weiß nicht was. Und er schaut nicht nach. Manche Dinge darf man auch einfach sehen.

Ohne zu wissen. Diese Gegend ist älter als sie aussieht, denkt Nico. Viel älter. Er steckt das Telefon weg. Morgen schaue ich mir das an, denkt er. Oder übermorgen. Er hat Zeit. Noch einmal schaut er. Den Park unter sich. Das Wasser. Die Schlei die silbern ist im Abendlicht. Das Schloss. Den Halbkreiswall weit drüben. Alles auf einmal. Das ist selten. Er geht die Treppe runter. Schreibt seiner Freundin: Ich bin im Park. Komm wenn du fertig bist. Dann steckt er das Telefon weg.

Schaut nochmal auf das Wasser. Dann geht er ein Stück weiter. — Am Hafen — ein kleines Café. Direkt am Wasser. Die Außenterrasse ist noch besetzt. Nicht voll. Aber ein paar Tische. Bekannt ist das Café. Die ganze Stadt kennt es. Wenn man sich ein Eis holt und auf den Steg setzt — das machen viele — schaut man direkt auf die Boote. Tagsüber voll. Jung und alt. Segler und Schulkinder. Einheimische und Besucher. Abends — ruhiger. Die Touristen weniger. Die Stammgäste mehr. Draußen sitzt eine Frau.

Sie heißt Marta. Marta ist achtundfünfzig. Allein sitzt sie. Ein Glas Wein. Kein Buch. Kein Telefon. Sie schaut auf die Boote. Im Hafen liegen viele. Segelboote verschiedener Größen. Ein paar ältere Holzboote die aussehen als wären sie schon lange da. Ein weißes Motorboot das zu groß ist für diesen Hafen. Sie schaukeln. Alle zusammen. Leicht. Immer wenn ein Boot vorbeifährt, laufen die kleinen Wellen durch den Hafen. Die Boote nehmen es auf. Nicken kurz. Beruhigen sich wieder.

Marta schaut das an. Sie könnte stundenlang. Das hat sie früher nie gewusst. Dass man stundenlang auf Boote schauen kann. Jetzt weiß sie es. Sie kommt hierher wenn sie Abstand braucht. Nicht von jemandem. Nur von den Dingen. Manchmal braucht man das. Nicht Einsamkeit. Abstand. Das ist ein Unterschied. Einsamkeit ist wenn man niemanden hat. Abstand ist wenn man kurz allein sein will obwohl man jemanden hat. Marta hat jemanden. Seit dreißig Jahren verheiratet. Dreißig Jahre. Das ist lang.

Manchmal denkt sie: Ist das viel? Dann denkt sie: Ja. Und nein. Es fühlt sich nicht wie dreißig Jahre an. Es fühlt sich an wie... die Zeit die es brauchte. Die Boote kennt sie. Manche zumindest. Man sieht sie oft genug. Das große weiße. Das alte Holzboot das aussieht als würde es jeden Moment sinken — aber nie sinkt. Das blaue kleine das immer schief liegt. Alte Bekannte. Marta trinkt einen Schluck. Sie denkt an das Gespräch von vorhin. Ihr Mann hatte gefragt: Gehst du wieder hin?

Sie hatte gesagt: Ja. Er hatte genickt. Nicht mehr. Nach dreißig Jahren weiß man was der andere braucht. Und man lässt ihn. Das ist vielleicht das Wichtigste. Das Lassen. Sie hat das nicht immer gewusst. Früher hatte sie gedacht, man müsste alles zusammen machen. Jeden Abend. Jedes Wochenende. Jede Stunde die frei war. Das war falsch. Nicht weil Zusammensein falsch ist. Sondern weil Alleinsein auch etwas ist. Etwas das man braucht. Beide. Sie haben das langsam gelernt. Nicht durch ein Gespräch.

Einfach so. Durch die Zeit. Durch das Ausprobieren. Durch das Scheitern manchmal. Durch das Wiederkommen. Dreißig Jahre sind auch das. Nicht nur die schönen Abende. Auch die anderen. Die wo man sich nicht versteht. Die wo man zu weit weg ist voneinander. Und dann wieder nah. Das ist die Zeit die es brauchte. Die Boote schaukeln. Ein Boot kommt langsam in den Hafen. Der Motor leise. Jemand macht die Leinen fest. Routiniert. Schnell. Dann ist das Boot fest. Schaukelt mit den anderen.

Marta schaut. Dann steht sie auf. Legt ein paar Münzen auf den Tisch. Sie gibt dem Abend noch einen Moment. Dann geht sie. — Clara sitzt noch auf ihrer Bank. Die Sonne ist tiefer jetzt. Das Licht noch goldener. Am anderen Ufer — das Schloss. Jetzt noch dunkler. Ein Schatten der wächst. Irgendwo hinter ihr — Kinderstimmen. Noch ein paar Kinder im Park. Die letzten. Sie spielen noch. Clara hört sie. Sie dreht sich nicht um. Es ist einfach schön. Das Wissen, dass hinter ihr noch Leben ist.

Während sie hier sitzt und auf das Wasser schaut. Sie denkt an ihren Vater. Er hat ihr diesen Park gezeigt. Als sie neu in die Stadt kam. Er wohnte damals noch hier. Er hat gesagt: Merk dir den. Wenn du nicht weißt wohin — geh dahin. Sie hat das gemerkt. Er ist nicht mehr da. Seit sieben Jahren. Aber der Park ist noch da. Und manchmal kommt sie hierher und denkt: Ich merk mir den. Ich merk mir den noch immer. Sie denkt daran wie er hier stand. Immer an dieser Stelle. Immer mit dem Blick auf das Schloss.

Er hat nie viel erklärt. Nur gezeigt. Da, hat er gesagt. Schau. Und sie hatte geschaut. Und er war zufrieden. Das war genug für ihn. Für sie auch — jetzt, im Nachhinein. Er war kein Mann der viele Worte machte. Manche Väter sind so. Man merkt das erst wenn man selbst älter wird. Dass die Stille die man als Kind nicht verstand eine eigene Sprache war. Er hatte gesagt: Merk dir den Park. Er hatte nicht gesagt: Ich werde nicht immer da sein. Aber vielleicht hatte er genau das gemeint.

Dass es Orte gibt die bleiben wenn Menschen gehen. Dass man zurückkommen kann. Auch wenn der Weg dahin anders ist als früher. Clara sitzt auf der Bank. Das Schloss am anderen Ufer. Der Abend. Das Wasser. Sie merkt sich das. Noch immer. Das Wasser schimmert. Die Kinderstimmen werden leiser. Jetzt auch die Kinder weg. Der Park gehört jetzt den Stillen. — Sven geht mit dem Hund an der kleinen Badestelle vorbei. Tagsüber voller Menschen. Kinder die springen. Eltern die zuschauen.

Das Lachen und Rufen. Jetzt leer. Der Sand noch warm. Die Handtücher weg. Die Liegestühle zusammengefaltet. Ruhig liegt das Wasser. Ein paar Enten. Die schwimmen noch. Die Enten kennen keine Öffnungszeiten. Der Hund interessiert sich sehr für die Enten. Sven hält die Leine kurz. Die Enten bemerken den Hund. Schwimmen ein Stück weg. Nicht panisch. Gleichmäßig. Als hätten sie das schon oft gemacht. Was sie sicher haben. Jeden Abend. Der Hund schaut ihnen nach. Dann verliert er das Interesse.

Irgendwas im Sand ist interessanter. Sven auch. Dann gehen sie weiter. Eine kleine Brücke. Über einen Arm des Wassers. Auf der Brücke bleibt Sven kurz stehen. Er schaut auf das Wasser unter ihm. Klar heute. Man sieht den Grund. Steine. Moos im Wasser. Das Schaukeln des Lichts. Ein kleiner Fisch. Sven schaut ihn an. Der Fisch schaut nicht zurück. Beschäftigt ist er. Irgendwas da unten. Er mag das. Dass da unten eine Welt ist. Ruhig. Unter dem Wasser. Während er hier oben steht.

Er hat das früher nie so gesehen. Das Wasser war immer nur Wasser. Hintergrund. Kulisse. Erst durch den Hund hat sich das verändert. Jeden Abend derselbe Weg. Jeden Abend dasselbe Wasser. Und irgendwann hatte er angefangen zu schauen. Wirklich zu schauen. Nicht nur drüberzugehen. Das ist der Hund. Der zieht einen an Dinge heran. An Gerüche. An Spuren. An das was da ist wenn man langsam genug ist. Der Hund schnuppert am Geländer. Irgendeine Spur. Etwas das er findet das kein Mensch findet.

Sven wartet. Das Wasser fließt. Der Fisch ist weg. Sven geht weiter. — Nico setzt sich auf eine Wiese. Einfach so. Die Beine ausgestreckt. Das macht er eigentlich nie. Einfach ins Gras setzen. In der Stadt wo er wohnt macht man das nicht. Zu viele Menschen. Zu viel Lärm. Zu viel von allem. Hier. Der Park ist groß. Das Gras ist trocken. Die Sonne ist noch da. Also setzt er sich. Von unten schaut er auf das Wasser. Ganz anders als von oben. Von unten ist es nah. Silbern. Man kann die kleinen Wellen sehen.

Von oben war es weit. Alles auf einmal. Beides stimmt. Er legt sich zurück. Schaut in den Himmel. Hellblau. Mit ein paar weißen Streifen. Ein Flugzeug. Weit oben. Still fast. Nico schaut ihm nach. Wohin das wohl fliegt. Dann denkt er: Das ist egal. Hier ist gut. Er schließt die Augen. Die Sonne auf seinem Gesicht. Das Gras unter ihm. Das leise Rauschen des Wassers. Und Vögel. Er kennt sie nicht beim Namen. Er hat nie Vögel gelernt. Aber sie singen. Er hört zu. Ich sollte öfter hinhören, denkt er.

Nicht nur hier. Überall. Dann denkt er das nicht mehr. Dann hört er einfach zu. Er denkt an die Stadt wo er wohnt. Laut. Voll. Man gewöhnt sich daran. Das ist das Merkwürdige. Man gewöhnt sich an Lärm. Man gewöhnt sich an Enge. Man gewöhnt sich an das Gefühl dass immer etwas ist. Und dann kommt man an einen Ort wie diesen. Und merkt wie still man werden kann. Wie schnell. Wie wenig es dafür braucht. Nur Gras. Nur Wasser. Nur die Sonne auf dem Gesicht. Nico liegt. Er denkt: Ich komme wieder.

Nicht nur wegen der Freundin. Wegen diesem hier. Wegen dieser Stille die keine Stille ist. Wegen dem Halbkreiswall den er morgen ansehen will. Wegen dem Gefühl dass hier etwas ist das er noch nicht ganz versteht. Das ist genug Grund. — Auf einer der Wiesen sitzt ein Mann mit einem kleinen Mädchen. Der Mann heißt Jonas. Zweiunddreißig Jahre alt. Das Mädchen heißt Emma. Sie ist vier. Emma läuft nicht mehr. Sie ist müde. Neben ihrem Vater sitzt sie im Gras. Lehnt gegen ihn. Das tut sie immer wenn sie müde ist.

Einfach anlehnen. Jonas lässt es zu. Im Gras sitzt er. Das Mädchen lehnt. Die Sonne geht langsam unter. Das ist gut, denkt er. Nicht mehr. Nur das. Emma zeigt auf das Wasser. Da, sagt sie. Jonas schaut. Das Wasser, sagt er. Emma nickt. Als wäre das eine wichtige Information. Sie schaut weiter. Dann zeigt sie auf eine Ente. Da, sagt sie. Ente, sagt Jonas. Emma nickt. Sie zeigen sich die Dinge gegenseitig. Das machen sie oft. Nicht weil das Kind es noch nicht weiß. Einfach weil es schön ist.

Zeigen. Benennen. Dasein. Jonas denkt manchmal, wie das ist — vier Jahre alt zu sein. Alles zum ersten Mal. Jede Ente. Jede Welle. Jedes Licht das sich im Wasser spiegelt. Noch kein Gewöhnen. Noch kein Darüber-Hinwegsehen. Nur das Staunen. Er versucht sich zu erinnern wie das war. Er kann es nicht mehr ganz. Aber ein bisschen noch. Dieses Gefühl wenn man zeigt. Und jemand schaut. Und nickt. Das war schon immer genug. Er war selbst einmal vier. Selbstverständlich. Alle waren einmal vier.

Aber man vergisst das. Man vergisst wie groß alles war. Wie nah. Wie direkt. Eine Ente war keine Ente — sie war das Erstaunenswerteste was es gab. Das Wasser war nicht nur Wasser — es war das Geheimnis aller Geheimnisse. Warum ist es nass. Warum bewegt es sich. Wohin geht es. Emma fragt das noch nicht mit Worten. Aber sie fragt es. Mit dem Zeigen. Mit dem Da. Jonas versucht es auch so zu sehen. Manchmal gelingt es. Heute Abend gelingt es. Das Schloss am anderen Ufer. Das Wasser.

Die Ente. Da. Jonas schaut auf das Schloss am anderen Ufer. Oft schaut er darauf. War aber lange nicht drin. Irgendwann mal wieder, denkt er. Mit Emma wenn sie größer ist. Wenn sie die langen Gänge mag. Die großen Räume. Vielleicht mag sie das. Vielleicht nicht. Das weiß er noch nicht. Er kennt sie erst seit vier Jahren. Das ist kurz. Das ist lang. Beides. Emma lehnt fester. Jonas legt den Arm um sie. Sie schaut auf das Wasser. Da, sagt sie nochmal. Ja, sagt Jonas. Da. — Der Park wird leerer.

Die letzten Spaziergänger. Die letzten Hunde. Die letzten Bänke auf denen jemand sitzt. Den letzten Teil des Wegs geht Sven. Der Hund läuft noch. Auch er wird müde. Man merkt es am Gang. Ein bisschen langsamer. Ein bisschen weniger Nase am Boden. Sven auch. Das ist gut. Müde auf die richtige Art. Die Art die kommt wenn man draußen war. Wenn man Luft gehabt hat. Wenn der Körper etwas getan hat. Nicht die Müdigkeit vom Sitzen. Nicht die vom Bildschirm. Die andere. Die gute. Er biegt ab in Richtung Stadt.

Der Park liegt hinter ihm. Das Wasser auch. Er hört es nicht mehr. Aber er weiß es ist noch da. Morgen früh auch. Und übermorgen. Er kommt wieder. Das weiß er. Der Hund sowieso. — Der Abend liegt über dem Park. Über den Wiesen. Über den Wegen. Über dem Wasser das silbern wird im letzten Licht. Das Licht des Nordens im Juni. Es geht so langsam. Es will nicht weg. Es macht alles ein bisschen unwirklich. Ein bisschen schöner. Ein bisschen länger als es sein dürfte. Das Schloss am anderen Ufer — ein dunkler Schatten.

Ruhig. Solid. Wie immer. Der hohe Turm weit hinten in der Stadt. Auch dunkel. Er ist immer sichtbar. Tagsüber. Abends. Im Nebel manchmal kaum. Der Dom. Sein Turm. Der ragt noch. Und das Wasser. Das Wasser bewegt sich noch. Ganz leise. Gegen die Stege. Gegen die Steine. Gegen die Ufer des Parks. Immer weiter. Wie es immer war. Vor dem Park. Vor der Stadt. Vor allem. Das Wasser war zuerst. — Der Park liegt jetzt still. Die Wege leer. Die Bänke leer. Die Brücken leer. Nur das Wasser bewegt sich noch.

Und irgendwo — auf einer Wiese — Nico und seine Freundin. Sie sitzen noch. Reden leise. Lachen kurz. Dann auch sie weg. Der Park ist für sich. Das Wasser. Die Bäume. Das Schloss am anderen Ufer das in der Dunkelheit verschwindet. Und drüben — auf der anderen Seite des langen Wassers — der alte Halbkreiswall. Der Wikingerwall. Tausend Jahre alt. Auch er liegt jetzt still. Still war er schon als hier noch niemand wohnte. Still als die ersten Fischer kamen. Als die Stadt wuchs.

Als der Park entstand. Still wird er noch sein wenn vieles davon weg ist. So ist das mit der Zeit. Wir sind kurz hier. Das Wasser ist länger. Der Wall noch länger. Das macht den Abend nicht kleiner. Es macht ihn... richtig. Man könnte denken, das ist ein schwerer Gedanke. Dass die Zeit so viel größer ist als wir. Aber es ist kein schwerer Gedanke. Es ist ein leichter. Wenn man weiß dass das Wasser bleibt, dass der Wall bleibt, dass der Park morgen früh wieder da ist — dann ist der eigene Abend kein kleiner Abend.

Er ist Teil von etwas Größerem. Immer schon gewesen. Clara auf ihrer Bank. Sven auf der Brücke. Emma die zeigt. Nico im Gras. Marta mit ihrem Glas Wein. Jonas mit dem Arm um seine Tochter. Alle Teil desselben Abends. Alle Teil desselben Wassers. Das verbindet nichts. Und doch etwas. — Ihr seid jetzt auch fast dort. Vielleicht liegt ihr schon. Vielleicht schaut ihr noch. Dieser Abend — im Park, am Wasser, im langen Licht des Nordens — der ist auch für euch. Ihr müsst nicht hinfahren.

Ihr seid schon da. Stellt euch vor: Die Bänke am Wasser. Leer jetzt. Aber noch warm vom Tag. Die kleinen Brücken über das Wasser. Das Wasser darunter. Klar. Dunkel. Der Aussichtsturm. Leer jetzt. Aber von oben — wenn man tagsüber hochgeht — sieht man alles. Die ganze Stadt. Das ganze Wasser. Die ganze Geschichte auf einmal. Das Schloss am anderen Ufer. Fast unsichtbar jetzt. Aber da. Wie immer. Der Dom dahinter. Sein Turm. Der immer ragt. Und weit weg — der Halbkreiswall. Tausend Jahre.

Stiller jetzt als je zuvor. Das ist alles noch da. Auch jetzt. Auch wenn ihr schläft. Clara liegt zu Hause. Sie denkt vielleicht noch kurz an das Wasser. An ihren Vater. An das Da, hat er gesagt. Dann schläft sie. Marta auch. Sie liegt neben ihrem Mann. Er schläft schon. Sein ruhiges Atmen. Sie schaut kurz an die Decke. Dann schläft sie. Sven schläft. Der Hund am Fußende des Betts. Auch er schläft. Nico und seine Freundin sind zu Hause. Er erzählt ihr von dem Turm. Von dem was er gesehen hat.

Von dem Halbkreiswall drüben. Sie hört zu. Dann schlafen sie. Jonas und Emma schlafen schon. Emma tief. Mit dem Atem der Kinder haben wenn sie satt sind vom Tag. Jonas hört es. Dann schläft auch er. — Der Park liegt leer. Die Wiesen. Die Wege. Die Bänke. Das Wasser. Und in der Luft — noch da. Das Gras. Das Salz. Ganz schwach. Aber noch da. Die Schlei in der Nacht. Der lange Wasserarm. Tief ins Land. Er war hier bevor die Stadt war. Er wird hier sein wenn die Stadt anders ist.

Das ist... beruhigend. Dass manches bleibt. Dass das Wasser bleibt. Dass das Licht des Nordens immer zurückkommt. Dass der Park morgen früh wieder da ist. Und die Bänke. Und die Brücken. Und der Aussichtsturm von dem man alles sieht. Ihr dürft jetzt ruhig sein. Alles was heute war — es darf kleiner werden. Weiter weg. Wie das Schloss von der Wiese aus. Wie der Dom von der Bank aus. Wie das Boot das vorbeigefahren ist und jetzt im Hafen schaukelt. Kleiner. Weiter. Ruhiger. Denkt an das Wasser.

Den langen Wasserarm. Das Silbern im Abendlicht. Die kleinen Wellen gegen die Stege. Oder denkt an gar nichts. Auch das geht. Einfach da sein. Wie Clara auf ihrer Bank. Wie Sven auf der Brücke. Wie Emma die einfach anlehnt und zeigt. Da. Das Wasser. Da. Das Wasser schlägt an das Ufer. Einmal. Und wieder. Der lange Abend des Nordens. Er geht zu Ende. Auch die längsten Abende gehen zu Ende. Aber morgen kommt er wieder. Das ist das Schöne am Norden. Schlaft gut. Das Wasser. Der lange Wasserarm. Der sich tief ins Land schiebt. Ruhig. Wie immer. Schlaft gut.

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