Eine Hörgeschichte für Erwachsene
Der Hering
Man kommt früh. Das ist wichtig. Früh ankommen. Bevor die anderen da sind. Bevor der Kai voll ist. Bevor alle denselben Platz wollen. Ein guter Platz an der Kaikante. Das ist wichtig.
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Man kommt früh. Das ist wichtig. Früh ankommen. Bevor die anderen da sind. Bevor der Kai voll ist. Bevor alle denselben Platz wollen. Ein guter Platz an der Kaikante. Das ist wichtig. Die Stadt schläft noch halb. Oder ist gerade aufgewacht. Die ersten Bäckereien vielleicht. Der erste Kaffee irgendwo. Die Stadt wacht auf. Man geht durch die Straßen. Die Altstadt. Diese kleinen Gassen. Die noch leer sind. Dann der Hafen. Der Kai. Man schaut. Schon ein paar andere da. Die auch früh kamen.
Die auch wussten: früh ist besser. Man sucht seinen Platz. Ein Stück Kaikante. Genug für sich. Genug Abstand. Genug für die Bewegung des Wurfs. Man stellt sich. Man baut auf. Die Angel. Den Paternoster. Den Eimer. Man baut auf. Man macht alles bereit. Diese kleinen Handgriffe. Die man kennt. Oder lernt. Man ist bereit. Der Tag kann anfangen. Man steht an der Kaikante. Die Angel in der Hand. Den Paternoster. Fünf Haken. Das Gewicht unten. Die Haken dazwischen. Das Wasser vor einem.
Die Schlei. Kappeln. Diese Stadt, die man kennt. Die an der Schlei liegt. Die nach Fisch riecht. Nicht unangenehm. Dieser Geruch, der zum Ort gehört. Der immer hier war. Der immer hier sein wird. Die Stadt selbst ist klein. Überschaubar. Man findet sich schnell zurecht. Hafen. Altstadt. Mühle. Schlei. Das ist Kappeln. Sie liegt dort, wo die Schlei schmaler wird. Wo man von einer Seite zur anderen schauen kann. Wo die Brücke die beiden Ufer verbindet. Die Stadt riecht nach Fisch.
Nach Räucheraal. Nach Salzwasser. Nach dem, was hier immer war. Weil hier gefischt wird. Weil hier immer gefischt wurde. Seit dem Mittelalter. Seit dem fünfzehnten Jahrhundert. Seit dem Heringszaun. Der Angelschein. Man braucht einen. Für die Schlei. Das gehört dazu. Das ist die Regel. Man hat ihn. Man hat ihn besorgt. In der Stadt. Bei der Gemeindeverwaltung. Diese Erlaubnis. Diese kleine Karte. Die erlaubt. Die sagt: ja. Du darfst. Zehn Euro vielleicht. Oder zwanzig. Das ist nicht viel.
Das ist wenig für diesen Tag. Für diese Stunden. Für diese Heringe. Man hat den Schein in der Tasche. Man denkt nicht daran. Man angelt. Man ist jung. Das merkt man manchmal. An dem, was man nicht weiß. An dem, was man noch lernt. Das Angeln. Man hat es gelernt. Irgendwann. Irgendwo. Von jemandem. Oder von selbst. Man hat es sich beigebracht. Mit dem Paternoster. Mit diesen fünf Haken. Man steht hier. An diesem Kai. In dieser Stadt. An diesem Wasser. Das man kennt. Das einem gehört.
Ein bisschen. Norddeutschland. Das ist hier. Das ist dieser Kai. Diese Schlei. Dieser Hering. Dieses Angeln, das man kennt. Das man hier gelernt hat. Oder mitgebracht hat. Oder einfach tat. Diese Stille, die kein Lärm ist. Weil der Kai laut ist manchmal. Weil die Angler reden. Weil die Brücke klappt. Aber trotzdem still. Diese Stille, die man nicht erwartet. Die innen ist. Wenn man angelt. Wenn man wartet. Wenn man die Schnur hält. Wenn man das Wasser anschaut. Angeln. Die Landschaft heißt so.
Diese Region nördlich von Schleswig. Die flach ist. Die weit ist. Die nach Wasser riecht. Nach Schlei und Ostsee. Kappeln ist ein Teil davon. Dieser Teil an der Schlei. Dieser Teil mit dem Hering. Frühling an der Schlei. Das ist die Zeit. Die Zeit, auf die man wartet. Wenn das Wasser wärmer wird. Wenn die Tage länger werden. Wenn der Hering kommt. Die Schlei riecht anders im Frühling. Anders als im Sommer. Noch nach Winter manchmal. Nach dem, was der Winter hinterlassen hat.
Nach Kälte im Wasser. Nach dem Ende des Winters. Nach dem Ende von etwas. Nach dem ersten Neuen. Dieser Frühling, der an der Schlei früh ankündigt. Früher als im Inland vielleicht. Weil das Wasser die Wärme speichert. Oder weil man es sich einbildet. Weil man es sich wünscht. Weil der Frühling an der Küste anders riecht. Anderes Licht. Andere Luft. Man steht an der Kaikante. Die Luft ist noch kühl. Aber nicht kalt. Dieser Unterschied. Zwischen kalt und kühl. Den man kennt. Den man an diesem Morgen spürt.
Man ist jung. Man ist hierhergekommen, um zu angeln. Das ist der Plan. Der einfache Plan. Die Angel. Das Wasser. Die Heringe. Die Heringe kommen zur Osterzeit. Sie kommen zum Laichen. Das machen sie jedes Jahr. Das haben sie immer gemacht. Dieser Zug ins Süße. Dieser Instinkt, der sie bringt. Sie folgen dem Wasser. Dem süßer werdenden Wasser. Die Schlei ist kein reines Salzwasser. Sie ist eine Mischung. Mehr Süß als die Ostsee. Weniger Süß als ein Fluss. Diese Mischung. Die die Heringe mögen.
Die sie sucht. Die sie findet. Jedes Jahr zur selben Zeit. Man hat davon gehört. Man weiß: die Heringe kommen. Man weiß: jetzt ist die Zeit. Also kommt man auch. Also steht man hier. An der Kaikante. Mit dem Paternoster. Mit fünf Haken. Der Paternoster. Das ist kein gewöhnliches Angelgerät. Das ist das Gerät für Kappeln. Für die Schlei. Für die Heringe. Eine lange Schnur. Das Gewicht ganz unten. Die Haken in Abständen. Fünf Haken. Manchmal mehr. Manchmal weniger. Fünf ist gut.
Fünf macht man. Die Haken haben einen kleinen Federschmuck. Eine Kunststofffeder. Rot vielleicht. Oder silbrig. Die Heringe mögen das. Die sehen das. Die beißen drauf. Nicht weil sie Hunger haben. Nicht wegen dem Futter. Einfach weil sie beißen. Weil es ihre Zeit ist. Weil das Laichen diesen Reflex bringt. Diesen Reflex, der älter ist als alles. Der nicht aufhört. Der jedes Jahr kommt. Man wirft. Der Paternoster fliegt. Man zählt kurz. Eins. Zwei. Dann zieht man hoch. Manchmal wartet man länger.
Manchmal kürzer. Man entwickelt ein Gefühl. Für die Schnur. Für das Wasser. Für den richtigen Moment. Das kommt von allein. Wenn man oft genug steht. Wenn man oft genug wirft. Das Zucken. Man lernt es kennen. Das ist unverkennbar. Das ist nicht der Strom. Das ist nicht der Wind. Das ist ein Hering. Das weiß man. Sofort. Man wirft die Angel aus. Diese Bewegung. Der Schwung. Der Paternoster fliegt. Er fällt ins Wasser. Das Gewicht zieht ihn runter. Die Haken gehen mit. Fünf Haken.
Fünf Chancen. Man hält die Schnur. Man spürt das Gewicht. Den Paternoster unten. Die Haken dazwischen. Man wartet. Nicht lange. Man wartet kurz. Das Wasser. Die Schlei. Die Heringe, die darin sind. Die Heringe, die kommen. Dann: ein Zucken. Das ist nicht Einbildung. Das ist echt. Diese Bewegung an der Schnur. Dann noch ein Zucken. Dann zieht man hoch. Langsam. Gleichmäßig. Drei Haken. Drei Heringe. Auf einmal. Die Heringe kommen in Schwärmen. Sie ziehen zusammen. Sie folgen zusammen.
In großen Schwärmen manchmal. Das weiß man. Das sieht man. Wenn einer beißt. Dann beißen alle. Wenn keiner beißt. Dann keiner. Es gibt diese Momente. Wo alle gleichzeitig ziehen. Wo der Kai lebendig wird. Wo alle auf einmal Heringe hochholen. Und dann wieder Stille. Dann wartet man. Dann ist das Wasser ruhig. Dann zieht man und nichts ist dran. Das gehört auch dazu. Das ist auch das Angeln. Dieses Wechseln. Dieses Auf und Ab. Dieses Kommen und Gehen. Das der Hering bestimmt.
Nicht man selbst. Das ist das Angeln. Nicht man selbst. Das ist das Heringsangeln. Nicht Geduld. Nicht Warten. Nicht die stille Kunst des geduldigen Fischers. Das hier ist anders. Die Heringe beißen. Immer. Wenn sie da sind. Wenn das Wasser stimmt. Wenn die Zeit stimmt. Wenn man den Paternoster ins Wasser hält. Beißen sie. So einfach ist das. Manchmal. So einfach kann Angeln sein. Man schaut auf die anderen Angler. Sie stehen dicht nebeneinander. An der Kaikante. Schulter an Schulter fast.
Jeder mit seiner Angel. Jeder mit dem Paternoster. Jeder mit seinem Eimer. Jeder mit seinem Angelschein in der Tasche. Alte Männer dabei. Junge. Familien manchmal. Kinder, die zum ersten Mal angeln. Die noch nicht wissen, wie man den Hering vom Haken nimmt. Die es lernen. Hier. An diesem Kai. Alle ziehen hoch. Alle gleichzeitig fast. Diese Bewegung. Dieses Ziehen. Dieses Hochholen. Diese Linie von Menschen, die alle dasselbe tun. Dieselbe Bewegung. Derselbe Rhythmus. Die alle denselben Rhythmus haben.
Werfen. Warten. Ziehen. Es gibt kein Gespräch nötig. Es gibt keine Erklärung. Jeder weiß, warum er hier ist. Alle wissen es. Die Heringe. Silbrig. Glänzend. Diese Farbe. Dieses Blitzen. Der Hering ist kein großer Fisch. Nicht wie ein Lachs. Nicht wie ein Kabeljau. Klein. Handtellergroß. Manchmal etwas größer. Aber dieser Glanz. Diese Frische. Wenn man ihn aus dem Wasser zieht. Dieser Silberglanz, der fast leuchtet. Der im Licht blinkt. Der sagt: eben noch im Wasser. Jetzt hier.
Man nimmt den Hering vom Haken. Das geht schnell. Das hat man gelernt. Oder lernt es hier. An diesem Tag. An dieser Kaikante. Man legt ihn in den Eimer. Das Blitzen ist weg. Das Silber bleibt. Aber das Blitzen ist weg. Das ist so. Das gehört dazu. Das Blitzen gehört dem Wasser. Nicht dem Eimer. Das ist gut so. Das ist richtig so. Man wirft wieder aus. Wenn das Licht sie trifft. Man nimmt sie vom Haken. Man legt sie in den Eimer. Man wirft die Angel wieder aus. Das ist der Rhythmus.
Werfen. Warten. Ziehen. Ablegen. Werfen. Die Mühle Amanda. Man schaut hoch. Diese Mühle, die über alles ragt. Zweiunddreißig Meter. Die höchste in Schleswig-Holstein. Achtzehnhundert achtundachtzig gebaut. Nach holländischer Art. Diese Flügel. Diese Form. Diese Präsenz. Bis neunzehnhundert vierundsechzig hat sie gemahlen. Dann nicht mehr. Das große Mühlensterben. Die Konzerne. Die kleinen Mühlen, die aufgaben. Aber die Amanda steht noch. Sie mahlt nicht mehr. Aber sie steht.
Sie schaut auf die Schlei. Sie schaut auf den Hafen. Sie schaut auf die Angler. Wie sie immer geschaut hat. Von ihrer Galerie aus. Wenn man dort oben steht. Sieht man alles. Die Schlei. Den Heringszaun. Die Angler an der Kaikante. Den Hafen. Die Stadt. Man steht unten. Man schaut hoch. Man denkt: von oben sieht das alles klein aus. Die Angler. Der Kai. Die eigene Angel. Aber von unten ist es groß. Von unten ist der Kai lang. Die Angel voll. Der Hering schwer. Alles ist groß von unten.
Man schaut nicht hin. Man schaut aufs Wasser. Aber man weiß, dass sie da ist. Die AAL-Schornsteine. Man sieht sie von überall in Kappeln. Diese drei Schornsteine. Auf jedem ein Buchstabe. A. A. L. Die Aal- und Fischräucherei Föh. Seit Generationen. Diese Schornsteine, die rauchen. Dieser Geruch, der über die Stadt zieht. Manchmal. Dieser Räuchergeruch. Holzrauch und Fisch. Man riecht es. Wenn der Wind stimmt. Wenn man am richtigen Ort steht. Dieser Geruch, der zu Kappeln gehört.
Wie der Fischgeruch. Wie die Schlei. Wie der Hering. Geräucherter Aal. Das ist auch Kappeln. Das ist das Andere. Neben dem Hering. Der Aal, der geräuchert wird. Der über der Stadt hängt. In diesen Schornsteinen. Man angelt keinen Aal heute. Man angelt Hering. Aber die Schornsteine stehen. Sie stehen immer. A. A. L. Von weitem zu lesen. Für jeden. Die Fischräucherei Föh. Die seit Generationen räuchert. Die zum Bild dieser Stadt gehört. Wie die Mühle. Wie die Schlei. Wie der Heringszaun.
Der Heringszaun. Man schaut auf ihn. Von der Kaikante. Dieser Zaun aus Pfählen. Diese Konstruktion, die so einfach ist. Und so alt. Fünfzehnhunderteinundfünfzig. Zuerst urkundlich erwähnt. Aber er war schon vorher da. Wahrscheinlich. Ehemals gab es fast vierzig solcher Zäune in der Schlei. Vierzig. Die dicht beieinander standen. Die alle fingen. Die alle den Hering wollten. Es gab Streit darum. Zwischen den Holmer Fischern aus Schleswig. Und den anderen. Den Schleijunkern. Dieser Streit, der Jahrhunderte dauerte.
Der Hering war Geld. Der Hering war Leben. Jetzt ist noch einer übrig. Dieser eine. Hier in Kappeln. Der letzte in Europa. Der einzige noch funktionierende. Man schaut auf ihn und denkt das nicht alles. Man schaut auf ihn und denkt: das ist alt. Das ist sehr alt. Das ist älter als alles, was man kennt. Zweitausend Pfähle. In den Schleigrund gerammt. Die Heringe folgen dem Zaun. Sie können nicht zurück. Sie kommen in die Reuse. Sie werden abgefischt. Seit vierzehnhundert einundfünfzig.
Seit dem fünfzehnten Jahrhundert. Dieser Zaun. Der letzte seiner Art in Europa. Der einzige, der noch steht. Der einzige, der noch fängt. Man denkt nicht daran beim Angeln. Man angelt. Man denkt ans Wasser. An die Heringe. An den Paternoster. An die fünf Haken. Die anderen Angler. Man kennt manche. Man kennt manche nicht. Das ist egal. Hier sind alle gleich. Alle stehen an der Kaikante. Alle wollen Heringe. Das verbindet. Ohne ein Wort. Ohne Vorstellung. Nur dieser gemeinsame Blick aufs Wasser.
Jemand zieht hoch. Fünf Haken. Fünf Heringe. Er lacht. Man schaut kurz. Man angelt weiter. Die Schlei. Man kennt sie. Man ist an ihr aufgewachsen. In Schleswig. Aber die Schlei ist lang. Sie beginnt bei Schleswig. Sie endet hier. Bei Kappeln. Und dann geht sie ins Meer. Fünfzig Kilometer. Von der Quelle bis zur Mündung. Dieser Fjord. Dieser einmalige Fjord. Der tiefste und längste Fjord an der deutschen Ostseeküste. Dieser Fjord, der tief ins Land schneidet. Der fünfzig Kilometer lang ist.
Der Schleswig mit der Ostsee verbindet. Der immer diese Verbindung war. Man kennt ihn. Man kennt ihn von Schleswig. Man kennt ihn von Haithabu. Man kennt ihn von hier. Von Kappeln. Von dieser Kaikante. Immer dieselbe Schlei. Immer dieses Wasser. Das immer da war. Das die Wikinger kannten. Das die Herzöge kannten. Das die Fischer kannten. Das man selbst kennt. Das Wasser der Schlei. Man kennt es von Schleswig. Von der anderen Richtung. Von dort, wo man aufgewachsen ist. Aber hier in Kappeln ist es anders.
Hier ist die Schlei schmaler. Hier ist das Wasser enger. Die beiden Ufer nah beieinander. Dieses Schleiwasser. Es hat eine eigene Farbe. Nicht das Blau der Postkarten. Nicht das Türkis der Tropen. Dieses Graubraun. Dieses Schilf-und-Tiefe-Grau. Das nur die Schlei hat. Das man kennt. Das man immer kannte. Das Wasser bewegt sich. Leicht. Die Strömung ist da. Nicht stark. Aber da. Man spürt sie manchmal an der Schnur. Diese leichte Bewegung. Diese Schlei, die fließt. Die immer fließt.
Es ist nicht grün. Nicht blau. Es ist dieses Schleigrau manchmal. Dieses Braun. Dieses Wasser, das Süß und Salz mischt. Das beides ist. Das keines ganz ist. Das die Heringe bringt. Weil sie das mögen. Dieses Wasser. Diese Mischung. Man angelt weiter. Der Eimer füllt sich. Hering für Hering. Man schaut rein manchmal. Man zählt nicht. Man schaut nur. Wie viel schon da ist. Wie viel noch kommen kann. Die Heringe liegen drin. Silbrig. Glänzend. Diese Farbe, die nicht verblasst. Nicht sofort.
Noch frisch. Noch dieser Glanz. Manche Angler haben große Eimer. Manche nehmen Plastiktüten. Manche tragen die Heringe direkt zum Auto. Kommen zurück. Angeln weiter. Man hat einen normalen Eimer. Der reicht. Der füllt sich langsam. Aber er füllt sich. Irgendwann ist er halb voll. Man schaut. Man nickt innerlich. Das ist gut. Das reicht schon. Aber man angelt weiter. Hering für Hering. Angelstunde um Angelstunde. Irgendwann macht man Pause. Man stellt die Angel ab. Man streckt sich.
Die Schultern. Den Rücken. Man hat nicht gemerkt, wie man stand. Man hat nur geangelt. Man schaut auf den Hafen. Die Boote. Die liegen. Die alten. Die neueren. Der Museumshafen ein Stück weiter. Die historischen Schiffe. Die Galeassen. Die Schoner. Diese Namen, die man kaum kennt. Die Klappbrücke. Sie steht offen manchmal. Wenn ein Boot durchfährt. Man schaut zu. Dieses Hochklappen. Diese Mechanik. Dann schließt sie sich. Langsam. Dann ist alles wieder normal. Die Autos fahren.
Man angelt. Der Raddampfer. Die Schlei Princess. Man sieht manchmal das Schaufelrad. Dieses Mississippi-Gefühl. Hier in Schleswig-Holstein. An der Schlei. Kappeln hat diese Qualität. Dieses Zusammengedrängte. Dieses Viele auf kleinem Raum. Die Mühle. Die Schornsteine. Der Heringszaun. Der Museumshafen. Die Brücke. Die Fischer-Figur. Die Schlei. Alles beieinander. Alles zu Fuß erreichbar. Auf die Schlei. Auf die anderen Angler. Auf die Stadt hinter einem. Der Museumshafen. Man geht manchmal daran vorbei.
Die alten Schiffe. Die historischen. Die restaurierten. Galeassen. Schoner. Diese Namen, die man nicht kennt. Die man nachliest manchmal. Die man vergisst. Aber die Schiffe behält man. Diese alten Holzschiffe. Die noch schwimmen. Die noch fahren. Jemand hat sie gerettet. Jemand hat sie restauriert. Jahre lang. Mühsam. In seiner Freizeit. Weil er das wollte. Weil er diese Schiffe nicht vergessen wollte. Man schaut kurz. Man geht weiter. Der Kai wartet. Die Angel wartet. Die Heringe warten nicht.
Die Klappbrücke. Sie öffnet zur Dreiviertelstunde. Für die Schiffe. Man schaut zu, wenn sie sich öffnet. Dieses Schauspiel. Diese Mechanik. Das Klappen. Das Hochgehen. Das Öffnen. Das Warten. Das Zurückklappen. Ein Boot fährt durch. Langsam. Der Skipper nickt. Man nickt zurück. Das Fischbrötchen. Man steht am Stand. Die Auswahl. Hering. Natürlich. Marinierter Hering. Gebratener Hering. Bismarck-Hering. Man wählt. Man bezahlt. Man bekommt. Man steht und isst. Die Schlei vor einem.
Das Wasser. Die Angler. Den Heringszaun dahinter. Ein Fischbrötchen in Kappeln. Das ist nicht irgendwo. Das ist Kappeln. Das ist hier. An diesem Ort. Mit diesem Hering. Der aus dieser Schlei kommt. Der hier geräuchert wurde. Oder mariniert. Oder gebraten. Man isst langsam. Man schaut. Man ist nicht in Eile. Nirgendwo muss man hin. Niemand wartet. Der Tag gehört einem. Der Eimer ist fast voll. Die Angel wartet. Hering. Natürlich Hering. Hier in Kappeln. Hier an diesem Tag. Hering.
Man steht und isst. Man schaut auf die Schlei. Das Wasser. Die anderen Angler, die weiterfischen. Die nicht aufgehört haben. Die Fischer-Figur. Man geht daran vorbei. Dieser Mann aus Bronze. Er steht neben der Brücke. Er schaut auf die Schlei. Er hat eine Angel. Er wartet. Auf der anderen Seite des Wassers steht Elli. Seine Frau. Auch aus Bronze. Mit einer Bratpfanne. Man ist sich nicht einig, ob die Pfanne für die Fische ist. Oder ob sie ihrem Mann damit eins überziehen will.
Weil er wieder nicht hört. Weil er immer wieder angelt. Weil er immer wieder nicht hört. Weil er immer wieder zu spät kommt. Weil er immer wieder zu lange bleibt. Weil die Schlei ihn hält. Immer wieder. Weil er einfach wieder nicht nach Hause kommt. Man lächelt. Man kennt das. Man versteht den Fischer. Man steht ja selbst hier. Mit der Angel. Man versteht auch Elli. Man geht weiter. Zurück an die Kaikante. Die Heringstage. Man kennt sie. Wer in der Region aufwächst, kennt sie.
Dieses Fest. An Himmelfahrt. Seit neunzehnhundert neunundsiebzig. Seit über vierzig Jahren. Die Heringswette. Wer fängt am meisten. Wer wird Heringskönig. Das ist das Spiel. Das ist die Wette. Festzelt. Musik. Hafenmarkt. Kappeln feiert. Kappeln und alle, die kommen. Aus der ganzen Region. Aber heute sind keine Heringstage. Heute ist früher. Heute ist Osterzeit. Heute ist nur der Kai. Nur die Angel. Nur die Heringe. Kein Fest. Kein Lärm. Keine Bühne. Das ist besser. Für heute.
Das ist das Eigentliche. Nicht das Fest. Sondern dieses. Die Kaikante. Die Schnur. Das Wasser. Die Heringe. Der Heringskönig. Den gibt es bei den Heringstagen. Wer die meisten Heringe fängt. Wer gewinnt. Ein Titel. Ein schöner Titel. Ein Spaß. Ein Brauch. Man ist kein Heringskönig. Man fischt für sich. Für den Eimer. Für diesen Tag. Das reicht. Die Schlei abends. Wenn man fertig ist. Wenn man nach Hause geht. Schaut man noch einmal zurück. Auf das Wasser. Die Schlei abends ist anders als die Schlei morgens.
Das Licht ist anders. Das Wasser ist dasselbe. Aber es sieht anders aus. Wärmer. Goldener. Wenn die Sonne tiefer steht. Die anderen Angler. Manche sind noch da. Manche gehen auch. Man nickt. Man geht. Dieser Tag. Der gehört einem jetzt. Man trägt ihn. Den Eimer. Den Fisch. Den Tag. Irgendwann nimmt man seine Sachen. Den Eimer. Die Angel. Man geht. Die anderen bleiben vielleicht. Man geht. Kappeln. Erstmals erwähnt dreizehnhundert siebenundfünfzig. Eine Hafenstadt. Die immer eine Hafenstadt war.
Die immer vom Wasser lebte. Vom Fisch. Vom Hering besonders. Das hat sich verändert. Nicht ganz. Aber es hat sich verändert. Die Fischerei ist kleiner geworden. Die Touristen mehr. Die Ferienwohnungen mehr. Der Hering aber bleibt. Der Hering kommt noch. Jedes Jahr. Zur Osterzeit. Er folgt dem Wasser. Er folgt dem Instinkt. Er kommt in die Schlei. Er kommt nach Kappeln. Er weiß nichts von Tourismus. Er weiß nichts von Veränderung. Er weiß nichts. Er kommt einfach. Weil er immer kam.
Und die Angler kommen auch. Mit dem Paternoster. Mit dem Eimer. Mit dem Angelschein. Diese Kontinuität. Dieses immer Wiederkehren. Dieser Hering, der immer kommt. Diese Angler, die immer kommen. Diese stille Wiederholung. Jedes Jahr. Dasselbe. Die Altstadt von Kappeln. Man geht hindurch. Die schmalen Gassen. Die alten Häuser. Diese Altstadt, die eine einzige Sehenswürdigkeit ist. Man geht nicht schnell. Man schaut. Diese Häuser. Diese Geschichte. Diese Stadt, die immer eine Fischerstadt war.
Die immer am Wasser war. Die immer den Hering hatte. Die den Hering noch hat. Die Nikolaikirche. Sie steht zwischen den Häusern. Sie überragt sie. Dieser Backsteinbau aus dem achtzehnten Jahrhundert. Der immer da ist. Wie die Mühle. Wie die Schlei. Erbaut zwischen siebzehnhundert neunundachtzig und siebzehnhundert dreiundneunzig. Dieser Backsteinbau. Diese Ruhe, die von ihr ausgeht. Auch wenn die Stadt drumherum lebt. Man geht vorbei. Man schaut kurz. Man schaut hoch zu ihr.
Zweiunddreißig Meter. Man geht weiter. Zum Hafen. Zurück zum Kai. Zurück zur Angel. Die Mühle Amanda. Man geht daran vorbei. Man schaut hoch. Diese Mühle, die alles überragt. Die achtzehnhundert achtundachtzig gebaut wurde. Die noch steht. Die immer stand. Von der Mühlengalerie aus kann man die Stadt sehen. Man geht nicht hinauf. Man schaut von unten. Man denkt: von oben sieht man alles. Die Schlei. Den Hafen. Die Angler an der Kaikante. Den Heringszaun. Man geht weiter. Man ist später manchmal noch in Kappeln.
Nicht zum Angeln. Zum Spazieren. Zum Schauen. Man geht an der Kaikante entlang. Dieselbe Kaikante. Man erinnert sich. Die Mühle steht noch. Der Heringszaun steht noch. Die AAL-Schornsteine stehen noch. Die Fischer-Figur steht noch. Und Elli steht noch. Mit ihrer Bratpfanne. Manches ändert sich. Neue Restaurants. Neue Läden. Neue Ferienwohnungen. Die Stadt verändert sich ein bisschen. Wie alle Städte sich verändern. Aber die Schlei. Die Schlei ändert sich nicht. Sie fließt. Sie bringt die Heringe.
Zur Osterzeit. Jedes Jahr. Man steht an der Kaikante. Man schaut auf das Wasser. Dasselbe Wasser. Dieselbe Kaikante. Dieselbe Schlei. Man denkt: hier habe ich gestanden. Mit dem Paternoster. Mit fünf Haken. Man geht nach Hause. Den Eimer mit Heringen. Diese Ausbeute. Dieser Tag. Man ist zufrieden. Nicht weil viele drin sind. Sondern weil man dabei war. Weil man dort stand. An der Kaikante. In Kappeln. An der Schlei. Mit dem Paternoster. Die Heringe werden gemacht. Man säubert sie.
Man brät sie vielleicht. Oder man mariniert sie. Das ist Geschmackssache. Das gehört einem. Diese Entscheidung. Dieses kleine Eigentum. Das entscheidet man selbst. Hier. An diesem Herd. Mit diesem Hering. Aber das Beste ist nicht das Essen. Das Beste ist dieses Wissen. Man hat diese Heringe selbst gefangen. Heute morgen. In Kappeln. An der Schlei. Mit fünf Haken. Man denkt manchmal an diesen Tag. Später. Jahre später. Man denkt an den Kai. An den Paternoster. An die fünf Haken.
An die Heringe, die kamen. Man denkt an das Wasser. An die Schlei, die vor einem lag. An die Mühle Amanda dahinter. An die AAL-Schornsteine. An die Brücke. An die Fischer-Figur mit seiner Frau Elli. Man denkt: das war ein guter Tag. Einfach. Unkompliziert. Kein Plan dahinter. Keine große Geschichte. Nur dieser Morgen. Nur dieser Kai. Nur diese Schlei. Ein Morgen an einem Kai. Mit einer Angel. In Kappeln. Das stimmt so. Das reicht vollständig. Manchmal ist das genug. Einfach da gewesen zu sein.
Einfach geangelt zu haben. Einfach den Hering in den Eimer gelegt zu haben. Dieser Hering auf dem Teller. Selbst gefangen. Er war noch heute morgen im Wasser. Dieser Morgen, den man hatte. Diesen Kai, auf dem man stand. Er ist aus der Schlei. Er ist aus diesem Wasser, das man kennt. Das man sah, als man die Angel auswarf. Das man roch. Das man fühlte. Man isst. Man sitzt. Man denkt an den Morgen. An den Kai. An die anderen Angler. An das Zucken an der Schnur. An das Ziehen. An die Heringe, die silbrig aus dem Wasser kamen.
Die geblinkt haben. Kurz. Die jetzt auf dem Teller sind. Diese Ausbeute. Dieser Tag. Später. Zuhause. Die Heringe werden gemacht. Man isst sie. Frischer Hering. Selbst gefangen. An der Kaikante von Kappeln. Mit dem Paternoster. Mit fünf Haken. Das ist ein gutes Gefühl. Dieses Gefühl, wenn man selbst etwas getan hat. Wenn man selbst draußen war. Wenn man selbst geangelt hat. Wenn der Fisch auf dem Tisch vom eigenen Haken kommt. Kappeln. Diese Stadt. Diese Schlei. Dieser Kai. Man kommt hierher und es ist fast immer dasselbe.
Das Wasser. Die Mühle. Der Heringszaun. Die AAL-Schornsteine. Die Fischer-Figur mit Elli. Die Angler, die kommen. Wenn die Heringe kommen. Zur Osterzeit. Man war jung hier. Man hat geangelt. Man hat den Hering nach Hause getragen. In diesem Eimer. Schwer. Durch diese Straßen. Das ist genug. Das war immer genug. Das ist genug. Man schläft. Draußen ist irgendwo die Schlei. Sie fließt. Sie fließt immer. Von Schleswig nach Kappeln. Diese fünfzig Kilometer. Diesen Weg, den man kennt.
Den die Heringe kennen. Von Kappeln ins Meer. Immer. Die Heringe ziehen. In der Nacht auch. Sie folgen dem Wasser. Dem Heringszaun entlang. Sie kommen. Wie sie immer kommen. Seit dem fünfzehnten Jahrhundert. Seit dem Heringszaun. Seit den Pfählen aus Eschenholz. Seit den Fischern, die hier standen. Lange vor einem. Viele vor einem. Und die Angler kommen auch. Mit dem Paternoster. Mit dem Eimer. Mit dem Angelschein. Immer wieder. Jedes Jahr. Zur Osterzeit. An diese Kaikante. Die Mühle Amanda steht.
Zweiunddreißig Meter. Sie schaut auf die Schlei. Wie immer. Die AAL-Schornsteine stehen. A. A. L. Der Heringszaun steht. Der letzte. Der einzige. Der Hering kommt. Er bleibt. Jedes Jahr. Er bleibt. Jedes Jahr. In der Nacht auch. Sie folgen dem Wasser. Dem Heringszaun entlang. Sie kommen. Wie sie immer kommen. Seit Jahrhunderten. Zur Osterzeit. In die Schlei. Nach Kappeln. Der Hering bleibt. Die Schlei bleibt. Der Kai bleibt. Kappeln bleibt. Der Hering kommt. Er bleibt. Jedes Jahr. Die Mühle Amanda bleibt. Zweiunddreißig Meter. Sie schaut auf die Schlei. Sie schaut auf den Kai. Sie schaut auf die Angler.