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Eine Hörgeschichte für Erwachsene

Das Fischerviertel

27. März 2026 · 35:35 · ohne Werbung, kostenlos

Cover: Das Fischerviertel

Es ist ein Abend im September. Noch warm. Nicht mehr Sommer — aber noch nicht Herbst. Diese Tage dazwischen, die man vergisst anzukündigen. Die einfach da sind. Die Luft riecht nach Wasser.

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Der vollständige Text dieser Folge zum Mitlesen. · etwa 20 Minuten Lesezeit.

Es ist ein Abend im September. Noch warm. Nicht mehr Sommer — aber noch nicht Herbst. Diese Tage dazwischen, die man vergisst anzukündigen. Die einfach da sind. Die Luft riecht nach Wasser. Nach Salz. Nach dem Ende des Tages. Ein altes Fischerviertel liegt am Rand einer kleinen Stadt. Es gehört zur Stadt — und es gehört nicht dazu. Eigene Regeln. Eigene Wege. Eigene Stunden. Die Häuser sind klein. Sehr klein. Manche haben nur zwei Zimmer. Gebaut für Familien die wenig hatten.

Und das Meer. Die Wände sind dick, der Putz alt. Manche Häuser stehen so nah beieinander, dass man zwischen ihnen kaum den Himmel sieht. Nur einen schmalen Streifen. Oben. Als Erinnerung. Die Gassen sind so schmal, dass zwei Menschen kaum Platz haben. Man macht Platz. Geht vorbei. Nickt vielleicht. So geht das hier. In der Mitte des Viertels — ein Friedhof. Das klingt seltsam. Aber es ist nicht seltsam. Wer einmal hier war, versteht es sofort. Der Friedhof ist klein. Umgeben von den Häusern.

Als hätte das Viertel ihn in die Mitte genommen. Als würde es auf ihn aufpassen. Alte Steine. Alte Namen. Fischer, die hier gewohnt und gearbeitet haben. Die hier alt geworden sind. Und die jetzt hier liegen. Drei Schritte von den Häusern. In denen die Nachkommen wohnen. Das ist kein trauriger Gedanke. So ist das hier. Leben und Stille. Nebeneinander. Immer schon. Im Sommer kommen manchmal Touristen. Sie stehen und schauen. Jetzt — im September, am Abend — ist niemand mehr da.

Nur die Häuser. Der Friedhof. Das Kopfsteinpflaster. Die Laternen die gerade angehen. Und das Wasser, das man nicht sieht, aber riecht. — Eine Frau geht durch das Viertel. Sie heißt Lena. Lena ist sechsunddreißig. Sie wohnt nicht hier. Sie wohnt auf der anderen Seite der Stadt. Aber manchmal kommt sie her. Abends. Wenn der Kopf zu laut ist. Das hat sie vor zwei Jahren entdeckt. Zufällig. Sie war spazieren gegangen. Hatte sich verlaufen. War in dieses Viertel geraten. Und hatte sofort gespürt: Hier ist es anders.

Seitdem kommt sie manchmal. Nicht oft. Nur wenn sie es braucht. Heute braucht sie es. Langsam geht sie. Das Kopfsteinpflaster unter den Schuhen — uneben, man muss aufpassen. Das ist gut. Wenn man aufpasst, denkt man nicht. Der Körper ist beschäftigt. Der Kopf darf kurz weg. Nah stehen die Häuser beieinander. Die Farben blass. Nicht verwittert — nur blass. Als hätten sie entschieden, nicht aufzufallen. An einer Tür hängt ein Schild. Klein. Handgeschrieben. Im Dunkeln nicht zu lesen.

Lena geht weiter. — Dann — Licht. Warmes Licht aus einem Fenster. Und Geräusche. Stimmen. Das Klirren von Gläsern. Irgendwo drinnen lacht jemand. Ein Restaurant. Klein. Sehr klein. Vielleicht zwölf Plätze. Vielleicht weniger. Die Tür ist zu. Aber das Fenster steht offen. Lena geht langsam vorbei. Für einen Moment — das Lachen. Eine Frauenstimme, die etwas sagt. Dann mehrere die lachen. Lena lächelt ein bisschen. Sie weiß nicht worüber gelacht wird. Das ist nicht wichtig. Es ist einfach schön.

Das Wissen, dass da drinnen jemand lacht. Dass der Abend für jemanden so ist. Sie geht weiter. Das Lachen wird leiser. Dann ist es weg. Die Gasse ist wieder still. — Das Viertel hat einen Kern. Eine Stelle wo die Häuser einen Moment zurücktreten. Wo man kurz aufatmet. Nicht groß. Ein paar Meter. Eine Bank. Ein alter Baum. Und der Friedhof daneben. Auf der Bank sitzt ein alter Mann. Er heißt Werner. Werner ist achtundsiebzig. Er wohnt hier. Sein ganzes Leben. Siebenundsiebzig Jahre in denselben Gassen.

In demselben Haus fast. Er ist einmal umgezogen. Drei Häuser weiter. Das war weit genug. Seit Jahrzehnten sitzt er auf dieser Bank. Nicht immer. Aber immer wieder. Abends vor allem. Wenn das Licht so ist. Wenn die Gasse so riecht. Wenn die Touristen weg sind und nur noch die bleiben, die wirklich hier sind. Jeden Stein kennt er. Jeden Riss im Putz. Jede Tür die ein bisschen hängt. Als Kind hat er hier gespielt. Auf diesem Pflaster. Mit denselben Steinen. Andere Kinder. Andere Zeiten.

Aber dieselben Steine. Werner schaut auf den Friedhof. Er tut das manchmal. Nicht mit Schwermut. Einfach so. Er kennt viele der Namen dort. Nicht alle. Aber viele. Alte Nachbarn. Alte Freunde. Seinen Bruder. Sein Bruder war Fischer. Wie der Vater. Wie der Großvater. Werner selbst nicht. Schlosser war er. Das hat immer ein bisschen jemanden gewundert hier. Alle Fischer. Und Werner Schlosser. Aber er wohnte hier. Das zählte. Seit zwanzig Jahren liegt der Bruder dort. Werner denkt manchmal, dass er ihn besuchen sollte.

Dann denkt er: Ich sitze hier. Drei Schritte. Das ist nah genug. Er und sein Bruder waren nicht immer einer Meinung. Das ist das Ehrlichste was man über zwei Brüder sagen kann. Sie haben sich gestritten. Manchmal lange. Manchmal über Dinge die heute keiner mehr erklären könnte. Aber sie haben sich auch beigestanden. Das zählt mehr. Am Ende zählt das mehr. Werner weiß das. Er hat lange gebraucht um das zu wissen. Jetzt weiß er es. Er schaut auf die Steine. Die Namen. Seinen Bruder kann er von hier aus nicht lesen.

Zu weit. Zu dunkel. Aber er weiß wo er liegt. Er könnte es blind finden. Das ist auch etwas. Dass man jemanden blind findet. Auch wenn man nicht mehr zusammen geht. Er hört die Geräusche aus dem Restaurant. Gelächter. Stimmen. Das Klirren von Gläsern. Werner mag das. Dass dort drinnen Leben ist. Dass er es hört ohne dabei zu sein. Das Hören ist genug. Früher — viel früher — wäre er da drin gewesen. Mit seinem Bruder. Mit den anderen. Jetzt nicht mehr. Aber das Hören reicht. Er atmet ein.

Die Luft nach Wasser. Nach Salz. Nach September. Er kennt diesen Geruch seit achtundsiebzig Jahren. Er wird ihn nie satt. — Lena geht am Friedhof vorbei. Kurz bleibt sie stehen. Über die niedrige Mauer schaut sie. Die Steine. Die alten Namen. Im Dunkeln kaum zu lesen. Verwittert. Aber sie steht. Und schaut. Es ist kein schwerer Moment. Eher ein ruhiger. So ein Ort — mitten im Viertel, umgeben von Häusern — das hat etwas. Die Häuser ganz nah. Drei Schritte. Vier vielleicht. Dahinter: die Gasse.

Die Laterne. Das Leben. Und hier: die Stille. Die alten Steine. Die Namen. Nicht getrennt. Nicht weit voneinander. Einfach nebeneinander. Lena hat das früher seltsam gefunden. Einen Friedhof mitten im Viertel. Jetzt findet sie es richtig. So sollte das sein. Nicht weggesperrt. Nicht am Rand. Mittendrin. Als Teil von allem. Sie atmet ein. Die Luft nach Wasser. Nach Stein. Nach Abend. Dann geht sie weiter. — Aus dem Restaurant hört sie noch einmal das Lachen. Lauter jetzt. Oder vielleicht ist es der Wind der es trägt.

Lena bleibt einen Moment stehen. Das Lachen aus dem Fenster. Das Wasser irgendwo hinter ihr. Die Stille des Friedhofs hinter ihr. Alles gleichzeitig. Alles am selben Abend. Sie atmet aus. Dann geht sie weiter. — Weiter hinten im Viertel — noch ein Licht. Noch ein Restaurant. Oder eher eine Kneipe. Klein. Alt. Die Tür steht offen. Aus der Tür kommt Musik. Kein aufgedrehtes Radio. Etwas Leises. Ein Instrument. Eine Gitarre vielleicht. Oder ein Akkordeon. Man kann es nicht genau sagen.

Lena bleibt stehen. Nur einen Moment. Sie schaut in die offene Tür. Drinnen — wenige Menschen. Ein paar Männer an einem Tisch. Einer spielt. Die anderen hören zu. Oder reden leise. Beides gleichzeitig. Dann bemerkt einer Lena in der Tür. Er nickt ihr zu. Sie nickt zurück. Dann geht sie weiter. Die Musik wird leiser. Ein paar Schritte. Leiser. Noch ein paar. Dann ist sie weg. Lena bleibt kurz stehen. Sie schaut zurück. Die offene Tür. Das warme Licht. Die Schatten drinnen. Ein Abend wie dieser — irgendwo spielt jemand.

Irgendwo hört jemand zu. Das gibt es noch. Das ist gut. Sie dreht sich wieder um. Die Gasse ist wieder still. Das Wasser riecht stärker hier. Nah. — Sie biegt ab. Und dann — das Wasser. Ein kleiner Steg. Holz. Alt. Die Planken schwingen ein bisschen wenn man draufgeht. Lena geht drauf. Langsam. Schritt für Schritt. Das Holz gibt ein bisschen nach. Ganz leicht. Das Knarren. Das Wasser unter ihr. Dunkel. Still. Nur das leise Schlagen gegen die Holzpfosten. Immer wieder. Immer gleich.

Sie geht bis ans Ende des Stegs. Bleibt stehen. Vor ihr — das Wasser. Weit. Kein Ufer zu sehen auf der anderen Seite. Nur Dunkel. Und ein paar Lichter irgendwo weit weg. Klein. Zitternd. Der Wind kommt vom Wasser. Kühl. Salzig. Lena legt die Hände auf das Geländer. Das Holz ist rau. Feucht. Sie schließt die Augen. Nur der Wind. Nur das Wasser. Nur das leise Knarren des Stegs. Das Schlagen der Wellen. Einmal. Zweimal. Immer wieder. Sie atmet ein. Tief. Dann aus. Der Kopf ist leiser.

Nicht leer. Nur leiser. Das ist es. Das war es, was sie gesucht hat. Sie denkt manchmal, dass sie das früher nicht konnte. Einfach stehen. Einfach da sein. Ohne dass etwas passieren musste. Ohne Ziel. Ohne Plan. Das hat sich verändert. Nicht auf einmal. Langsam. So langsam, dass sie es erst gemerkt hat als es schon passiert war. Vielleicht ist das das Beste an Veränderungen. Dass man sie oft erst rückwärts sieht. Man schaut zurück und denkt: Ah. Da war es. Da hat es angefangen.

Aber damals hat man es nicht gespürt. Man hat einfach weitergemacht. Und irgendwann war man woanders. Lena öffnet die Augen. Das Wasser liegt vor ihr. Ruhig. Wie immer. — Werner sitzt noch auf seiner Bank. Er hört die Musik aus der Kneipe. Er hört Schritte irgendwo. Jemand der durch das Viertel geht. Er schaut nicht hin. Das muss er nicht. Es ist jemand, der das Viertel besucht. Das merkt man an den Schritten. Langsamer. Vorsichtiger. Als würde man aufpassen, nichts zu stören.

Werner mag das. Wenn Menschen kommen und langsamer werden. Das passiert hier. Immer. Man kommt rein und wird langsamer. Das Viertel macht das. Werner weiß nicht genau warum. Vielleicht die engen Gassen. Vielleicht das Kopfsteinpflaster. Vielleicht der Friedhof in der Mitte. Vielleicht einfach das Alter des Ortes. Dass hier schon so viele waren. Und alle langsamer geworden sind. Das steckt in den Steinen. Werner atmet aus. Langsam. Er hört das Wasser. Er hört die Musik. Er hört die Stille dazwischen.

Ein guter Abend. — Ein junger Mann kommt ins Viertel. Er heißt Tobias. Dreiundzwanzig Jahre alt. Zum ersten Mal hier. Ein Freund hat ihm davon erzählt. Schau dir das mal an, hatte er gesagt. Einfach hingehen und schauen. Tobias hatte genickt. Und es vergessen. Dann heute — zufällig vorbeigekommen. Den Wegweiser gesehen. Also. Durch die erste Gasse geht er — und bleibt sofort stehen. Das Kopfsteinpflaster. Die kleinen Häuser. Die engen Wege. Anders vorgestellt hatte er sich das.

Größer vielleicht. Touristischer. Das hier ist anders. Wirklich. Er geht weiter. Langsam. An einem Fenster geht ein Licht an. Jemand kommt nach Hause. Tobias schaut kurz hin. Dann schaut er weg. Er will nicht starren. Er geht an der Kneipe vorbei. Die Musik. Das Licht. Die Männer drinnen. Er bleibt nicht stehen. Aber er hört. Ein paar Takte. Dann geht er weiter. Er kommt zum kleinen Platz. Zur Bank. Der alte Mann sitzt dort. Tobias nickt. Werner nickt. Tobias setzt sich auf die andere Bank gegenüber.

Sie sitzen. Beide. Ohne zu reden. Das ist nicht komisch. Das ist einfach so. Der alte Mann und der junge Mann. In demselben Viertel. In demselben Abend. Tobias schaut zu Werner. Dann schaut er weg. Er will nicht aufdringlich sein. Aber nach einer Weile sagt Werner: Zum ersten Mal hier? Tobias nickt. Werner schaut geradeaus. Schön ist es, sagt er. Nicht als Frage. Als Feststellung. Ja, sagt Tobias. Werner nickt. Dann sagen beide nichts mehr. Das braucht keine Erklärung. Sie sitzen.

Das Rascheln des Baumes über Werner. Die Laternen. Der Friedhof. Die Geräusche aus der Kneipe. Tobias hört alles. Er versucht, es sich zu merken. Dann denkt er: Nein. Nicht merken. Einfach da sein. Er lehnt sich zurück. Atmet ein. Die Luft nach Wasser. Nach Salz. Er kennt das nicht. Aber er mag es. Die beiden sitzen. Ohne Eile. Der Abend geht weiter. Irgendwann steht Werner auf. Sagt nichts. Nickt kurz. Geht zu seiner Tür. Tobias schaut ihm nach. Der alte Mann. Die paar Schritte.

Die Tür. Das leise Knarren. Dann zu. — Lena steht noch auf dem Steg. Die Augen offen jetzt. Sie schaut auf das Wasser. Ein paar Lichter spiegeln sich. Von der Stadt drüben. Klein. Zitternd. Das Wasser bewegt sich kaum. Nur die Spiegelungen tanzen ein bisschen. Lena denkt an das Lachen aus dem ersten Restaurant. Sie weiß immer noch nicht worüber gelacht wurde. Und das ist gut. Manche Dinge gehören nicht einem. Manche Dinge darf man nur hören. Kurz. Im Vorbeigehen. Das ist sogar das Schönste daran.

Sie denkt an die Woche. An den Tag. An das was morgen kommt. Alles noch da. Aber kleiner jetzt. Weiter weg. Als hätte das Wasser etwas davon genommen. Nicht alles. Aber einen Teil. Sie atmet ein. Noch einmal. Das Salz. Das Holz des Stegs. Dann dreht sie sich um. Geht zurück über den Steg. Schritt für Schritt. Das Holz unter ihr. Das leise Knarren. Dann wieder das Pflaster. Sie geht langsam durch das Viertel zurück. An Werner vorbei. Er sitzt nicht mehr auf seiner Bank. Tobias sitzt noch.

Sie nickt ihm zu. Er nickt zurück. Zwei Menschen in zwei verschiedenen Abenden. Und doch im selben. Lena geht weiter. — Drinnen im kleinen Restaurant — eine Frau hinter dem Tresen. Sie heißt Hanna. Hanna ist einundfünfzig. Sie betreibt das Restaurant seit siebzehn Jahren. Nicht allein. Aber hauptsächlich. Heute Abend sind noch acht Gäste da. Zwei Tische. Zwei Gruppen. Die kennen sich nicht. Aber es ist ein kleiner Raum. Man hört einander. Das macht manchmal etwas. Hanna wischt einen Tresen ab der schon sauber ist.

Das macht sie oft. Wenn sie einen Moment braucht. Um zu schauen. Die Gäste. Die Gespräche. Das Licht. Nicht weil sie hören will was gesagt wird. Sondern weil sie sehen will dass es gut ist. Dass die Leute sitzen und essen und reden. Dass der Abend so ist wie er sein soll. Das ist ihr Beruf. Aber auch mehr als das. Von einem der Tische kommt Lachen. Kurz schaut sie hin. Drei Frauen. Mitte vierzig vielleicht. Eine erzählt etwas. Die anderen lachen. Hanna lächelt auch. Was erzählt wurde, muss sie nicht wissen.

Das Lachen reicht. Durch das Fenster schaut sie auf die Gasse draußen. Die Laterne. Das Pflaster. Manchmal sieht sie Menschen vorbeigehen. Langsam. Die Hände in den Taschen. Die Augen offen. Die suchen etwas. Oder sie finden etwas. Beides passiert hier. Hanna stellt das Tuch weg. Sie geht zu den Gästen. Fragt ob noch etwas gebraucht wird. Das ist ihr Abend. — Es ist später jetzt. Die Gäste werden ruhiger. Die Gespräche leiser. Hanna hört das. Das ist der Moment wo sie weiß: Es war ein guter Abend.

Nicht weil etwas Besonderes war. Sondern weil alles so war wie es sein sollte. Die Gäste kamen. Sie saßen. Sie redeten. Sie lachten. Jetzt werden sie ruhiger. Bald gehen sie. Das ist der Bogen. Hanna kennt ihn gut. Sie hat das Restaurant von ihrer Tante übernommen. Vor siebzehn Jahren. Die Tante hatte gesagt: Du kannst das. Nicht als Ermutigung. Als Feststellung. Hanna hatte das damals nicht ganz geglaubt. Jetzt glaubt sie es. Nicht weil es immer leicht war. Weil sie es trotzdem gemacht hat.

Das ist ein Unterschied. Die Tante kommt manchmal noch vorbei. Sie trinkt einen Kaffee. Schaut sich um. Sagt meistens nichts. Manchmal nickt sie. Das reicht Hanna. Sie weiß was das bedeutet. Nach siebzehn Jahren weiß man das. Hanna stellt ein Glas weg. Das ist schon das dritte Mal heute Abend. Sie räumt auf wenn sie nachdenkt. Das hat ihr mal jemand gesagt. Ein Gast. Ein freundlicher. Er hatte gesagt: Sie räumen auf wenn Sie träumen. Hanna hatte gelacht. Er hatte nicht Unrecht.

Sie schaut noch einmal durch das Fenster. Die Gasse. Der Friedhof dahinter, kaum zu sehen. Die Laterne die ein bisschen flackert. Immer so. Schon seit Jahren. Gut. Irgendwann stehen die ersten Gäste auf. Jacken. Schlüssel. Guten Abend. Hanna nickt. Die Tür geht auf und zu. Die Gasse schluckt sie. Einer nach dem anderen. — Das Viertel wird stiller. Die Musik aus der Kneipe ist leiser geworden. Oder man hat die Tür zugezogen. Das Lachen aus dem Restaurant — auch leiser. Der Abend geht weiter.

Und draußen — das Viertel. Still. Dunkel. Lebendig auf seine eigene Art. Werner geht die paar Schritte zu seiner Tür. Keine Eile. Diese paar Schritte — die kennt er. Dreißig Meter vielleicht. Nicht mehr. Tausendmal gegangen. Bei Regen. Bei Schnee. Im Sommer wenn das Pflaster warm war. Im Herbst wenn es rutschig war. Immer dieselben Steine. Immer dieselbe Tür am Ende. Er schaut noch einmal zurück. Die Bank. Der Friedhof. Die Gasse. Die Laterne die flackert. Ein bisschen. Immer so.

Schon seit Jahren. Gut. Er macht die Tür auf. Das leise Knarren. Das kennt er. Er macht sie leise zu. — Tobias sitzt noch. Er schaut auf den Friedhof. Die Steine. Die Namen die er nicht lesen kann. Er denkt: Hier haben Menschen gewohnt. Ihr ganzes Leben. Das ist kein trauriger Gedanke. Es ist einfach... wahr. Er atmet ein. Die Luft nach Wasser. Nach Salz. Nach Abend. Er kennt das nicht. Er wohnt nicht am Wasser. Aber er mag es. Er denkt an seinen Freund der ihm von diesem Ort erzählt hat.

Der hatte gesagt: Geh einfach hin. Keine weitere Erklärung. Tobias hatte das damals für zu wenig gehalten. Jetzt versteht er es. Manche Orte erklären sich nicht. Die muss man einfach gehen. Stehen. Atmen. Er sitzt auf der Bank des alten Mannes. Das fühlt sich seltsam an. Und auch nicht. Als hätte der alte Mann ihm kurz Platz gemacht. Damit er auch ein Stück davon hat. Von diesem Abend. Von diesem Platz. Tobias schaut auf die Tür durch die Werner verschwunden ist. Dunkel jetzt.

Kein Licht mehr. Aber die Tür ist noch da. Und irgendwo dahinter der alte Mann. In seinem Zimmer. Das er sein ganzes Leben kennt. Tobias weiß nicht ob er so lange an einem Ort bleiben könnte. Sein ganzes Leben. Er ist dreiundzwanzig. Er weiß noch nicht wo er in zehn Jahren ist. Oder in dreißig. Das ist keine Angst. Nur eine Frage. Vielleicht ist es auch gar nicht so wichtig wo man ist. Sondern wie man sitzt. Wenn man sitzt. Er bleibt noch ein bisschen sitzen. Die Geräusche aus den Restaurants.

Das Knarren eines Fensterladens. Das Wasser irgendwo hinter ihm. Er schaut in die Gasse. Leer jetzt. Nur die Laternen. Er holt sein Telefon heraus. Dann steckt er es wieder weg. Er will kein Foto machen. Das hier soll nicht ein Bild werden. Das soll einfach bleiben. So wie es ist. In ihm. Er schaut weiter in die Gasse. Die Laternen. Die kleinen Häuser. Die Tür mit den zwei Hälften. Er denkt: Ich komme wieder. Im Winter vielleicht. Wenn es anders aussieht. Wenn das Licht anders ist.

Dann steht er auf. Geht durch das Viertel zurück. Langsam. Das Pflaster unter seinen Schritten. Er achtet drauf. Schritt für Schritt. — Die Nacht kommt. Das Viertel schläft ein. Zuerst die Häuser am Rand. Dann die in der Mitte. Zuletzt vielleicht die Kneipe. Irgendwann. Die Lichter gehen aus. Eines nach dem anderen. Das Wasser schlägt gegen den Steg. Immer weiter. Die Steine speichern die Wärme des Abends. Nicht lange. Aber noch eine Weile. Der Steg liegt still. Das Holz arbeitet leise in der Kühle.

Das Knarren das Lena gehört hat. Es ist noch da. Nur jetzt ist niemand mehr drauf. Nur der Wind. Und das Wasser. Das schlägt und schlägt. Gleichmäßig. Geduldig. Die Gassen sind leer. Das Kopfsteinpflaster liegt still. Dieselben Steine auf denen Werner als Kind gespielt hat. Auf denen Lena heute Abend aufgepasst hat. Auf denen Tobias langsam gegangen ist. Dieselben Steine. Immer dieselben. Das ist das Ruhigste was es gibt. Dass manche Dinge einfach bleiben. Der Friedhof in der Mitte.

Still. Wie immer. Die Häuser drum herum. Still. Wie immer. Das Viertel atmet. Tief. — Hanna macht das Licht über dem letzten Tisch aus. Die Gäste sind gegangen. Einer nach dem anderen. Mit Jacken und Schlüsseln und gutem Abend. Jetzt ist sie allein. Sie räumt nicht sofort auf. Das hat Zeit. Sie setzt sich kurz. An den Tisch am Fenster. Schaut hinaus. Die Gasse. Die Laterne. Das Pflaster. Kein Mensch mehr. Nur der Wind. Der durch die Gasse zieht. Sie hat heute Abend drei Menschen gesehen.

Einzeln. Die langsam durch die Gasse gegangen sind. Alle drei haben kurz innegehalten. Vor dem Friedhof. Vor der Kneipe. Am Ende wo das Wasser ist. Das passiert immer. Die Menschen kommen hierher und halten inne. Das macht das Viertel. Hanna mag das. Dass sie einen Teil davon hat. Mit dem warmen Licht. Mit dem Lachen das durch das Fenster geht. Sie denkt an den Abend. Nicht an einzelne Momente. Einfach an den Abend als Ganzes. Er war gut. Nicht besonders. Einfach gut. Das reicht.

Sie steht auf. Macht das letzte Licht aus. Nur die kleine Lampe bleibt. Am Fenster. Für den Abend. Für den Weg. — Das Viertel schläft ein. Zuerst Werner. In seinem Zimmer, das er sein ganzes Leben kennt. Die Decke, die Geräusche, das leise Knarren wenn der Wind kommt. Er kennt jeden Laut. Jedes Geräusch hat seinen Namen. Das ist auch schön. Sehr schön sogar. Dann Lena. In ihrer Wohnung auf der anderen Seite der Stadt. Sie liegt und hört die Stille des Viertels noch. Als Echo.

Das Wasser. Das Salz. Die Musik die irgendwann aufgehört hat. Dann schläft sie. Tobias zuletzt. Er liegt und denkt noch. An das Pflaster. An die Musik. An den alten Mann auf der Bank. An das Nicken. Dann schläft auch er. Hanna räumt noch kurz auf. Dann auch sie. — Ihr seid jetzt auch fast dort. Vielleicht liegt ihr schon. Vielleicht dreht sich noch etwas. Der Abend. Die Woche. Das was morgen kommt. Lasst es leiser werden. Wie das Viertel. Wie die Musik, die langsam aufgehört hat.

Wie das Lachen das vorbeiging. Man muss nichts festhalten. Man darf einfach hören. Kurz. Im Vorbeigehen. Das Lachen aus dem Restaurant. Die Musik aus der Kneipe. Das Wasser gegen den Steg. All das war heute Abend da. Für Lena. Für Werner. Für Tobias. Und jetzt für euch. Ihr müsst nirgendwo hingehen. Ihr seid schon da. Die Stille des Viertels ist jetzt auch hier. Das Kopfsteinpflaster. Die engen Gassen. Der kleine Friedhof in der Mitte. Das warme Licht aus dem Restaurant. Das Lachen das kurz durch das Fenster kam.

Die Musik die noch ein bisschen nachklingt. Das Wasser das immer weiter schlägt. Immer. Auch jetzt. Auch wenn ihr schläft. Ihr müsst nichts festhalten davon. Es bleibt trotzdem. In irgendeiner Form. Als Ruhe. Als Stille. Als das Gefühl dass der Abend gut war. Auch dieser. Auch eurer. Was immer heute war — er hat euch bis hierher gebracht. Bis in diese Stunde. Das ist genug. — Das Wasser macht keine Pause. Es schlägt weiter gegen den alten Steg. Immer gleich. Ruhig. Das Viertel kennt das seit Jahrhunderten.

Seit die ersten Häuser gebaut wurden. Seit die ersten Fischer hier wohnten. Seit die ersten Namen auf die Steine gemeißelt wurden. Immer das Wasser. Immer das gleiche. Und die Menschen — die kamen und gingen. Werner ist noch da. Einer der letzten die ihr ganzes Leben hier waren. Aber das Wasser war vor Werner da. Und wird nach ihm da sein. Das ist kein trauriger Gedanke. Das ist einfach wahr. Das Wasser ist größer als alle Geschichten. Und trotzdem — es ist freundlich. Es schlägt ruhig.

Es lädt ein zum Schauen. Es nimmt etwas weg, wenn man es lässt. Lena weiß das. Werner weiß das. Tobias lernt es gerade. Hanna weiß es seit Jahren. Das Wasser weiß es nicht. Es macht einfach was es immer macht. Mehr braucht es nicht. Nur das Wasser. Nur die Stille. Nur das leise Knarren des Holzes. Lena schläft. Werner schläft. Hanna schläft. Tobias schläft. Das Viertel schläft. Die Restaurantfenster sind dunkel. Die Kneipentür ist zu. Die Musik ist weg. Nur das Wasser. Das schlägt noch. Immer weiter. Lasst es kommen. Das Wasser. Die Stille. Das Viertel in der Nacht. Ihr seid fast da.

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