Eine Hörgeschichte für Erwachsene
Die Gassen im Abendlicht
Es ist ein früher Abend. Noch hell. Aber das Licht hat schon diese Farbe, die nur der Abend hat. Weich. Warm. Ein bisschen müde. Die Sonne steht tief. Nicht untergegangen — nur tief.
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Es ist ein früher Abend. Noch hell. Aber das Licht hat schon diese Farbe, die nur der Abend hat. Weich. Warm. Ein bisschen müde. Die Sonne steht tief. Nicht untergegangen — nur tief. Sie legt sich flach über die Dächer. Über den alten Putz. Über die Kopfsteine. Alles sieht anders aus jetzt. Milder. Als hätte der Tag beschlossen, freundlicher zu werden bevor er aufhört. Es gibt Städte, die am Morgen am schönsten sind. Frisch. Still. Bevor alles beginnt. Und es gibt Städte, die am Abend am schönsten sind.
Diese Stadt gehört zur zweiten Sorte. Am Abend, wenn das Licht tief steht, wenn die Steine warm sind, wenn die Laternen schon brennen obwohl es noch hell ist — dann zeigt sie was sie ist. Alt. Ruhig. Sich selbst genug. Man muss sie nicht kennen um das zu spüren. Man geht einfach durch die Gassen. Und nach ein paar Minuten — vielleicht nach einer, vielleicht nach zehn — beginnt man langsamer zu werden. Der Schritt. Der Atem. Der Kopf. Die Stadt macht das. Nicht bewusst. Einfach so.
Weil alte Städte das können. Weil die Steine das gespeichert haben. Generationen von Abenden. Von Menschen die hier gegangen sind. Die auch schneller waren. Die auch langsamer wurden. Das ist in den Steinen. In den Gassen. In der Luft wenn der Wind abends durch die engen Straßen streicht. Die Gassen der alten Stadt sind fast leer. Nicht ganz. Aber fast. Die wenigen Schritte die man noch hört, klingen gedämpft. Langsam. Ruhig. Als hätten auch die Schritte beschlossen, leiser zu werden.
Passend zur Stunde. Der Tag ist vorbei. Die Nacht ist noch nicht da. Es ist diese Stunde dazwischen. Eine gute Stunde. — Eine Frau geht durch die Gasse. Sie heißt Anna. Anna ist achtundvierzig. Sie kommt von der Arbeit. Nicht gehetzt. Nicht aufgewühlt. Nur... voll. Der Kopf voll. Der Tag voll. Sie hat beschlossen, nicht direkt nach Hause zu gehen. Nur ein kleiner Umweg. Ein paar Straßen. Ein paar Minuten mehr. Sie macht das manchmal so. Wenn der Tag zu viel war. Nicht zu schlimm.
Einfach zu viel. Dann braucht sie den Weg. Den echten. Den unter den Füßen. Anna mag diese Gassen. Die alten Häuser. Die schmalen Türen. Die Fensterläden, die ein bisschen schief hängen. Die Laternen, die schon brennen, obwohl es noch nicht dunkel ist. Als wären sie ungeduldig. Als könnten sie den Abend nicht abwarten. Sie wohnt seit achtzehn Jahren in dieser Stadt. Sie kennt diese Gassen gut. Und trotzdem entdeckt sie manchmal etwas Neues. Eine Tür, die sie noch nie bemerkt hat.
Ein Stein im Pflaster, der anders liegt als die anderen. Ein Fenster, das immer offen steht. Das ist das Schöne an alten Städten. Sie geben nicht alles auf einmal. Man muss wiederkommen. Immer wieder. Dann zeigen sie mehr. Der Wind kommt von der Seite. Ganz leicht. Er riecht nach warmem Stein. Und ein bisschen nach Wasser. Anna bleibt kurz stehen. Sie schaut auf die Hauswand neben sich. Der Putz ist alt. Abgeblättert an einer Stelle. Darunter ein hellerer Ton. Sie schaut. Dann geht sie weiter.
Die Gasse macht eine Kurve. Dahinter — ein kleiner Platz. Nicht groß. Keine Touristen mehr jetzt. Nur eine Bank. Ein Baum. Ein Brunnen, der nicht mehr läuft. Anna geht über den Platz. Ihre Schritte klingen anders hier. Weiter. Mehr Luft um sich herum. Sie bleibt bei der Bank stehen. Nicht lange. Nur kurz. Sie setzt sich. Die Bank ist aus Holz. Warm noch, von der Sonne. Das hätte sie nicht erwartet. Sie legt die Hände flach auf das Holz. Warm. Wirklich warm. Die Sonne hat den ganzen Tag darin gespeichert.
Und jetzt gibt sie es zurück. Anna sitzt. Schaut auf den Brunnen. Er läuft nicht mehr. Der Stein ist trocken. An einer Stelle ein kleiner Riss. Gras wächst darin. Aber er steht noch. Das ist auch etwas. Dass man nicht mehr gebraucht wird — und trotzdem bleibt. Einfach so. Als wäre das selbstverständlich. Sie hört, irgendwo in einer der Gassen, leise Musik. Kein Lied das sie kennt. Nur ein paar Töne. Eine Melodie, die aufhört bevor sie ganz fertig ist. Dann Stille. Dann wieder die Gasse.
Anna atmet ein. Sie denkt an nichts. Das passiert ihr selten. Wirklich an nichts. Aber hier, auf dieser Bank, auf diesem Platz — der Kopf macht eine Pause. Sie lässt ihn. Noch einen Moment. Dann steht sie auf. Sie schaut hoch. Der Himmel ist noch hell. Ein helles Blau, das langsam ins Goldene geht. Ganz oben — schon fast weiß. Sie schaut es an. Nicht lange. Nur einen Moment. Dann geht sie weiter. Durch die nächste Gasse, die schmaler ist, schattiger. Die Häuser stehen nah beieinander hier.
Fast zu nah. Der Geruch von warmem Stein ist stärker geworden — und darunter, ganz schwach, Brot. Von irgendwo. Anna riecht es. Sie weiß nicht woher. Sie sucht auch nicht danach. — Ein kleines Kind läuft durch die Gasse. Vielleicht vier Jahre alt, vielleicht fünf. Es läuft vor seiner Mutter her — nicht weit, immer in Sichtweite — und bleibt plötzlich vor einer Hauswand stehen. Streicht mit der Hand über den Stein. Dann bückt es sich, hebt einen kleinen Stein vom Pflaster auf, dreht ihn um.
Schaut ihn an. Als wäre das das Wichtigste gerade. Dieser eine Stein. Anna bleibt stehen. Sie denkt: So macht man das. So lernt man einen Ort — mit den Händen, mit den Füßen, mit dem ganzen Körper. Erst viel später mit dem Kopf. Das Kind legt den Stein wieder hin. Genau dahin, wo er lag. Als wäre das wichtig. Vielleicht ist es das. Die Mutter sagt etwas, leise, nicht ungeduldig. Das Kind läuft weiter. Anna schaut ihnen nach. Dann geht sie weiter. — Ein paar Straßen weiter sitzt ein Mann auf einer Bank.
Er heißt Henrik. Henrik ist zweiundsiebzig. Er sitzt jeden Abend hier — nicht aus Gewohnheit, sondern aus Wahl. Das ist ein Unterschied, den er kennt. Er hat ihn einmal jemandem erklärt, einem jungen Mann, der ihn fragte ob er nicht einsam sei. Henrik hatte gesagt: Nein. Und dann hatte er erklärt warum. Nicht Gewohnheit. Wahl. Er kommt hierher weil er es will. Weil dieser Platz, diese Bank, diese Stunde — die mag er. — Die Bank steht unter einer Kastanie, die sehr alt ist. Ihre Blätter hängen tief.
Henrik hat eine Zeitung neben sich liegen. Er liest sie nicht — er liest abends nie. Er schaut. Auf die Gasse, auf die Laternen, auf die Fenster, in denen sich das Abendlicht spiegelt. Er hört den Wind in den Blättern. Ein leises Rascheln, das kommt und geht. Henrik atmet aus. Er denkt an früher. Nicht an etwas Bestimmtes — nur an früher. Wie er als Kind hier war, wie die Gassen damals aussahen. Nicht viel anders. Die Häuser dieselben. Die Steine dieselben. Das Licht am Abend dasselbe.
Das beruhigt ihn — dass manche Dinge bleiben. Dass man manchmal zurückkommt an einen Ort, an einen Abend, an ein Licht — und es ist noch da. — Henrik ist in dieser Stadt geboren. Er hat sie einmal verlassen, für dreißig Jahre. Arbeit, Familie, anderes Leben. Dann ist er zurückgekommen. Das haben manche nicht verstanden. Warum man zurückkommt. Henrik hat keine große Erklärung dafür. Nur diese: Die Abende. Diese Abende hier, in diesen Gassen, unter dieser Kastanie. Die hat er vermisst.
Nicht immer bewusst — aber sie waren nicht da. Jetzt sind sie da. Er lehnt sich zurück. Die Bank ist ein bisschen unbequem, die Rückenlehne zu gerade. Er weiß das. Er kommt trotzdem. Oder vielleicht gerade deshalb. Man muss nicht immer bequem sitzen. Man muss manchmal einfach sitzen. — Über ihm das Rascheln der Kastanie. Henrik denkt an seine Frau. Sie ist vor drei Jahren gestorben. Nicht plötzlich — es hatte Zeit gegeben. Zeit zum Abschiednehmen. Er denkt nicht mehr mit Schmerz an sie.
Oder nicht immer. Er denkt an die Abende. Sie hatte diese Bank gemocht. Sie waren oft zusammen hier gesessen, manchmal geredet, manchmal einfach nur gesessen. Das vermisst er. Das Nebeneinandersitzen. Jetzt sitzt er allein hier und schaut für beide. Das fühlt sich richtig an. Er schaut auf seine Hände. Alte Hände, faltig, die Adern treten hervor. Er hat das eine Zeit lang gestört — diese Hände, wie sie aussahen. Jetzt nicht mehr. Das ist auch ein Weg den man geht. Vom Stören zum Akzeptieren.
Vom Akzeptieren zum Mögen, manchmal sogar. Diese Hände haben viel gemacht. Haben viel gehalten. Seine Frau hat oft seine Hand gehalten — auch auf dieser Bank. Er legt die rechte Hand auf die linke. Nur so. — Der Wind in der Kastanie rauscht. Ein älteres Paar geht durch die Gasse, langsam, Arm in Arm. Sie reden leise miteinander. Henrik hört die Stimmen, nicht die Worte. Das klingt gut. Stimmen ohne Worte — einfach das Gespräch, das Hin und Her. Das ruhige Hin und Her. Sie gehen vorbei.
Die Gasse ist wieder still. Henrik schließt die Augen. Nur das Rascheln. Nur den Wind. Nur den Abend, der bleibt. Dann öffnet er die Augen wieder. Die Gasse ist noch da. Das Licht auch. Die Gasse ist noch da. Natürlich ist sie das. — Am Ende der Gasse steht ein kleines Café, das noch offen hat. Nicht mehr lange. Drinnen steht Mira. Mira ist neunundzwanzig. Sie räumt die letzten Tassen weg, stellt Stühle zurecht, wischt die Theke ab. Dieselben Handgriffe jeden Abend. Dieselbe Reihenfolge.
Tassen. Stühle. Theke. Die Hände wissen was sie tun — der Kopf darf irgendwo anders sein. Mira arbeitet seit drei Jahren hier. Das Café gehört Frau Berger, einer älteren Frau, die manchmal vorbeikommt, kurz reinschaut, einen Kaffee trinkt und wieder geht. Sie redet nicht viel. Aber wenn sie redet, dann sagt sie etwas. Einmal hat sie zu Mira gesagt: Ein gutes Café schläft auch. Es braucht die Nacht genauso wie den Tag. Mira hat das nicht sofort verstanden. Jetzt versteht sie es.
Diese Stunde ist die Nacht des Cafés. Das Einschlafen. Die Stille danach. Sie mag das — dieses Zwischen. Wenn der Tag aufgehört hat und die Nacht noch nicht richtig angefangen hat. Dieser Moment gehört nur dem Raum. Und ein bisschen ihr. — Tagsüber ist der Raum voll, laut, lebendig. Aber jetzt — jetzt ist er anders. Die Stühle stehen ordentlich. Das Licht ist wärmer. Es riecht nach Kaffee und nach Holz und nach dem langen Tag. Durch das offene Fenster kommt die Gasse herein.
Warmer Stein. Ein Hauch von Brot. Ein bisschen Wind. Mira lehnt sich an den Türrahmen und schaut hinaus. Eine Katze läuft über das Pflaster — schwarz, schmal. Sie bleibt kurz stehen, schaut zu Mira, dann geht sie weiter. Mira schaut ihr nach. Wohin geht eine Katze abends. Was sucht sie. Sie stellt sich vor: Die Katze weiß es selbst nicht genau. Sie geht einfach. Das reicht. Mira geht zurück zur Theke, löscht das Licht über der Kaffeemaschine. Nur die kleine Lampe am Fenster bleibt an.
Die macht sie immer so. Es sieht einladender aus. Auch wenn niemand mehr reinkommt. Sie nimmt ihre Tasche. Schaut sich noch einmal um. Der Raum ist still, ordentlich, fertig. Gut so. — Hinter dem Café führt ein schmaler Weg hinunter zum Wasser. Anna geht ihn jetzt entlang. Sie hat den Umweg verlängert — noch ein paar Minuten, nur ein bisschen. Der Weg ist schmal, die Steine uneben. Zwischen ihnen wächst Moos, dunkelgrün, fast schwarz in den Schatten. Anna geht langsam und achtet auf jeden Schritt.
Das tut ihr gut. Wenn man auf die Schritte achtet, hört man auf, an anderes zu denken. Der Körper übernimmt. Der Kopf wird leiser. Unten — das Wasser. Still, fast glatt. Nur ein paar kleine Wellen, wenn der Wind darüber streicht. Das Abendlicht liegt auf der Oberfläche. Gold. Ein bisschen Rot. Anna bleibt stehen. Sie lehnt sich an das Geländer — das Metall kühl, der Wind warm. Sie schaut auf das Wasser. Es bewegt sich kaum. Nur dieses leichte Schimmern. Diese kleinen Wellen die kommen und gehen, immer gleich, immer wieder.
Sie denkt: Das Wasser macht das schon lange so. Bevor sie hier stand, bevor die Gassen gebaut wurden, bevor irgendjemand auf die Idee kam, ein Geländer hinzustellen. Das Wasser hat einfach weitergemacht. Das beruhigt sie — nicht weil es ihr Problem löst, sondern weil es zeigt: Manche Dinge brauchen keinen Grund. Sie gehen einfach weiter. Anna atmet ein. Der Geruch von Wasser, von Stein, von Abend. Und darunter — ganz schwach — Brot. Noch da. Sie atmet aus. Der Tag fällt ein Stück von ihr ab.
Nicht alles. Aber genug. — Das Wasser macht keine Pause. Es schlägt immer weiter gegen die Steine, ganz leise, ganz gleichmäßig. Das ist das Verlässlichste was sie kennt. Nicht das Wetter, nicht der Berufsverkehr, nicht die Launen des Tages — sondern das. Das Wasser, das immer weiter schlägt. Sie hat früher immer etwas gesucht, worauf sie sich verlassen konnte. Feste Zeiten. Klare Absprachen. Pläne die hielten. Manchmal haben sie gehalten. Manchmal nicht. Das Wasser hält immer.
Sie denkt an ihren Sohn. Er ist zweiundzwanzig, wohnt jetzt in einer anderen Stadt. Weit weg — aber nicht zu weit. Sie schreibt ihm manchmal. Er schreibt zurück, auch manchmal. Das ist genug. Als er klein war, hat er immer Wasser geliebt — Seen, Flüsse, Meere, alles was nass war. Er hat Stunden am Wasser stehen können, einfach schauen. Anna hat das damals nicht verstanden. Sie hatte immer das Gefühl, er müsste irgendwohin. Dabei war er schon dort. Jetzt versteht sie es. Das Wasser bewegt sich.
Eine kleine Welle, kaum zu sehen. Anna schaut ihr nach, bis die Welle am Stein landet, bis sie weg ist. Dann kommt die nächste. Sie denkt: Irgendwo steht er vielleicht auch gerade irgendwo, an einem Wasser, und schaut. Vielleicht. Das weiß sie nicht — und das muss sie nicht wissen. Sie schaut einfach. Wie er früher. Wie sie jetzt. — Irgendwo in den Gassen geht noch jemand. Er heißt Luca. Luca ist siebenundzwanzig, seit drei Monaten neu in dieser Stadt. Er kennt die Gassen noch nicht alle — das ist kein Problem, das ist ein Vorteil.
Für ihn sieht noch alles frisch aus. Die alten Häuser, die schmalen Türen, die Laternen die schon brennen. Er wohnt zwei Straßen weiter, aber er geht jeden Abend einen anderen Weg. Absichtlich. Er will die Stadt lernen — nicht aus einer Karte, mit den Beinen. Das hat eine alte Nachbarin zu ihm gesagt, am ersten Tag: Leg die Karte weg. Geh einfach. Verirr dich ruhig. Dann findest du. Luca hat das gemacht. Er hat sich viermal verirrt in drei Monaten. Und viermal etwas gefunden.
Heute: diese Gasse. Er ist noch nie hier gewesen. Er bleibt stehen. Die Laternen, die alten Häuser, der Geruch von warmem Stein — und ganz schwach, von irgendwo: Brot. Er schaut sich um. Eine Bäckerei, lange geschlossen schon. Aber das Schild hängt noch — verschnörkelte Buchstaben, alt. Er fotografiert es nicht. Er bleibt einfach stehen und schaut. Länger als er dachte. Die Art wie die Buchstaben geschrieben sind — mit Bögen und Schnörkeln, die man heute nicht mehr macht. Als hätte jemand das Schild mit viel Zeit gemacht, ohne Eile.
Er fragt sich, wer das war. Ein Bäcker, der auch schreiben konnte. Oder jemand, der eigens dafür gerufen wurde — jemand der das konnte: Buchstaben machen, die bleiben. Er schaut das Haus dahinter an. Die Fenster dunkel, die Tür fest zu — aber der Putz gepflegt. Jemand kümmert sich darum. Auch wenn nichts mehr drin ist. Das gefällt ihm. Er geht einen Schritt zurück, schaut auf das ganze Haus. Dann dreht er sich um. Er denkt: Ich komme wieder. Morgen oder übermorgen, bei anderem Licht.
— Henrik steht von seiner Bank auf. Langsam. Er streckt sich kurz — der Rücken, das macht er immer so, jeden Abend. Der Körper erinnert ihn daran, dass er nicht mehr jung ist. Das ist in Ordnung. Er hat damit Frieden gemacht, vor langer Zeit schon. Früher hat ihn das gestört. Dieses Langsamer-Werden. Das Aufstehen das mehr Aufwand ist als früher. Irgendwann hat er aufgehört, dagegen anzukämpfen. Nicht weil er aufgegeben hat — sondern weil er verstanden hat, dass der Körper seinen eigenen Takt hat.
Und dass man gut darin lebt, wenn man mitgeht. Er geht ein paar Schritte, nur bis zur Ecke. Die nächste Gasse, schmaler, dunkler schon. Die Laternen brennen heller jetzt. Das Licht hat sich verändert — goldener, weicher. Er bleibt stehen. Ein Fahrrad lehnt an einer Wand, schon lange vielleicht, niemand kommt es holen. Ein Blumentopf auf einem Fensterbrett, rote Geranien, leuchtend im Abendlicht. Ein Paar Schuhe vor einer Tür — klein, ein Kind. Henrik schaut das alles an. Er denkt: Diese Gasse, diese Häuser, diese Abende.
Wie viele davon hat er gesehen. Sehr viele. Und es wird nicht langweilig — jedes Mal ist das Licht ein bisschen anders, jedes Mal stehen andere Dinge da. Er sieht einen jungen Mann die Gasse entlanggehen, langsam, schauend, so wie man schaut wenn man noch nicht alles kennt. Henrik erinnert sich daran. Wie das war. Diese Art zu schauen. Irgendwann schaut man anders. Vertrauter. Auch gut — aber anders. Er geht zurück zur Bank, setzt sich wieder, legt die Hände auf die Knie. Er hört den Wind in der Kastanie, hört die Schritte von jemandem der vorbeigeht, hört eine Tür die leise zugezogen wird — irgendwo, jemand kommt nach Hause.
Henrik sitzt. Einfach... zufrieden. Das trägt ihn. — Mira schließt das Café ab. Sie dreht den Schlüssel zweimal, steckt ihn in die Tasche. Bleibt noch einen Moment stehen, vor der Tür, im Licht der kleinen Lampe. Sie schaut die Gasse hinunter. Die Laternen. Die alten Häuser. Die Katze, die jetzt auf einer Mauer sitzt. Mira atmet ein. Warmer Stein, Abendluft, Brot ganz schwach noch immer. Sie atmet aus. Sie denkt an Frau Berger — die hat ihr das Café anvertraut, jeden Abend, jeden Schlüssel, jeden Abschluss.
Mira nimmt das ernst. Nicht schwer. Aber ernst. Sie schaut noch einmal durch das Fenster. Die kleine Lampe. Der ordentliche Raum. Gut. Sie geht los. Langsam. Heute Abend hat sie es nie eilig. Sie geht durch die Gasse, die Laternen über ihr. Das Licht wirft lange Schatten auf das Pflaster — ruhige Schatten, die mit ihr wandern. Mira schaut auf ihren eigenen Schatten, wie er vor ihr herläuft. Sie hat das als Kind faszinierend gefunden, dass man einen Schatten hat, dass er einem überallhin folgt.
Jetzt denkt sie nicht mehr oft daran. Heute schon. Sie bleibt kurz stehen, hebt den Fuß. Der Schatten macht es nach. Sie schaut es einfach an. Dann geht sie weiter. Irgendwann biegt sie ab — eine breitere Straße, weniger alt, weniger schön. Aber auch das gehört dazu. Die schönen Gassen enden irgendwo. Das Leben geht dahinter weiter. Sie geht nach Hause. Die Schatten wandern mit. — Luca steht am Ende der Gasse und schaut zurück. Das Schild der alten Bäckerei, im Abendlicht fast golden.
Die verschnörkelten Buchstaben. Er versucht sie zu lesen. Fast. Nicht ganz. Es macht nichts. Er dreht sich um und geht weiter, in die nächste Gasse, die er auch noch nicht kennt. Der Wind kommt von vorne, kühl jetzt — der Abend macht sich bereit. Luca steckt die Hände in die Taschen. Er denkt: Ich bin neu hier. Aber der Abend ist nicht neu. Der Abend war schon hier bevor ich kam. Das gefällt ihm. Er ist der Neue. Aber der Abend kennt ihn schon. Oder so fühlt es sich an. Als würde der Abend jeden kennen, der durch seine Gassen geht.
Egal ob zum ersten Mal oder zum tausendsten. Er geht weiter, durch die Gasse, über das Pflaster, an den Laternen vorbei. Nach Hause. — Das Viertel hat noch mehr Augen. In einem der alten Häuser, im zweiten Stock, sitzt eine Frau am Fenster. Sie heißt Sofia. Sofia ist vierundvierzig. Sie sitzt nicht jeden Abend hier — aber heute. Sie hat einen langen Tag hinter sich, nicht schwer, nur lang. Jetzt sitzt sie, die Beine hochgezogen, eine Decke über den Schultern, ein Buch auf dem Schoß das sie nicht liest.
Sie schaut hinunter auf die Gasse. Ein junger Mann geht vorbei, die Hände in den Taschen. Er schaut sich um, als würde er die Gasse zum ersten Mal sehen. Sofia beobachtet ihn. Wie er stehenbleibt. Wie er hochschaut. Er sieht sie nicht — sie sitzt im Dunkeln, nur das Licht der Gasse fällt herein. Das ist ihr recht. Manchmal ist es schön, zu schauen ohne gesehen zu werden. Der junge Mann geht weiter, verschwindet um die Ecke. Sofia schaut auf die leere Gasse. Der Wind bewegt ein Blatt auf dem Pflaster — ganz langsam, hin und her.
Sie schaut ihm nach. In diesem Haus wohnt sie seit elf Jahren, kennt jede Laterne, jeden Stein. Und trotzdem schaut sie — jeden Abend ein bisschen anders. Das Licht, die Schatten, die Menschen die vorbeigehen. Heute der junge Mann mit den Händen in den Taschen. Gestern eine Frau mit einem Hund. Vorgestern nichts — nur der Wind. Auch das ist etwas. Sofia legt das Buch beiseite und streckt sich ein bisschen. Durch das offene Fenster kommt die Abendluft — warmer Stein, und ganz schwach Brot.
Sie weiß woher es kommt: die alte Bäckerei, zwei Gassen weiter, seit Jahren geschlossen. Aber der Geruch ist noch im Stein, in den Wänden, in der Luft wenn der Wind richtig steht. An manchen Abenden ist er da. An manchen nicht. Heute ist er da. Sofia lehnt sich ans Fensterbrett. Ein guter Abend. Kein besonderer. Einfach gut. Sie denkt manchmal, dass das die besten Abende sind — die ohne besonderen Anlass. Die einfach kommen und bleiben, ohne dass man sie erwartet hätte. Sie bleibt noch sitzen.
Noch ein bisschen. — Anna steht noch immer am Wasser. Die Sonne ist jetzt fast weg — nur noch ein Streifen am Horizont, orange, dann rosa, dann grau. Das Wasser hat die Farbe angenommen. Es schimmert noch, aber leiser jetzt. Anna legt die Hände auf das Geländer, das kühler geworden ist. Sie schließt die Augen. Der Wind streicht über ihre Haare, ganz leicht. Der Geruch von Wasser, von Stein, von Abend. Noch da, sehr schwach, kaum noch — aber da. Sie öffnet die Augen wieder. Das Wasser ist noch da.
Natürlich ist es das. Anna denkt an den Morgen, nicht planend, nicht mit Liste — einfach so. Den ersten Kaffee. Das Licht, das dann anders ist. Morgenkühl statt Abendwarm. Sie mag beides — den Morgen für den Anfang, den Abend für das Ende. Beides braucht das andere. Sie atmet ein letztes Mal tief aus, löst die Hände vom Geländer, dreht sich um. Geht zurück durch den schmalen Weg, über die unebenen Steine, das Moos dazwischen, zurück in die Gassen. Der Abend ist jetzt dunkler.
Die Laternen heller. Anna geht langsam nach Hause — nicht denselben Weg zurück. Andere Gasse, schmaler, ruhiger. Sie kennt sie, aber sie geht sie selten. Heute. Die Häuser hier sind älter, die Türen niedriger, die Fenster kleiner. In einem brennt noch Licht, warm, gelblich. Jemand ist noch wach — oder schläft mit Licht. Anna geht vorbei. Sie denkt: Jeder Abend hat seine Fenster, seine Lichter, seine Menschen dahinter. Sie schaut nicht hinein. Aber sie weiß dass jemand da ist.
Das ist genug. Die Wärme des Tages steigt noch ganz schwach aus den Steinen. Anna geht durch sie hindurch, trägt sie ein Stück mit. Die Gasse öffnet sich — eine breitere Straße, vertrauter, fast zu Hause. Sie atmet einmal durch. Der Geruch von warmem Stein noch einen Moment, schwächer jetzt, fast weg. Dann noch einmal. Dann ist er weg. Dann ist sie um die Ecke. Dann ist sie zu Hause. — Die Gassen werden dunkler. Die Laternen heller. Der Wind weht durch die alten Straßen — er kennt sie alle, jede Ecke, jeden Stein.
Er trägt den Geruch des Abends mit sich, die Wärme des Tages, die Stille der Gassen. Von der alten Bäckerei, deren Schild noch hängt, die längst geschlossen hat. Der Geruch ist trotzdem da. Vielleicht nur in der Erinnerung. Vielleicht im Stein. Vielleicht beides. Die Menschen gehen nach Hause. Anna, Henrik, Mira, Luca — sie gehen langsam, ohne Eile, ohne etwas festhalten zu müssen. Das ist vielleicht das Schönste an diesem Abend. Dass man nichts musste. Dass man einfach da war.
Sie kennen sich nicht. Sie wissen nichts voneinander. Aber sie waren im selben Abend, in denselben Gassen, unter denselben Laternen. Sie haben denselben Geruch getragen — warmen Stein, Wind. Das verbindet nichts. Und irgendwie doch etwas. Der Wind streicht an Lucas Fenster vorbei, das er noch nicht lange kennt. An Annas Fenster, das sie seit achtzehn Jahren kennt. An Henriks Fenster, das er sein ganzes Leben kennt. Er bringt nichts. Er nimmt nichts. Er weht. Das reicht ihm. Wie die Stille.
Wie der Abend. Wie die Laternen, die die ganze Nacht brennen werden — ruhig, für niemanden, für alle. — Ihr seid jetzt auch fast dort. Vielleicht liegt ihr schon. Vielleicht dreht sich noch etwas — der Tag, das was noch kommt, das was gewesen ist. Lasst es leiser werden. Wie die Gassen, wie das Wasser, wie der Wind der durch die alten Straßen zieht. Alles was heute war — war. Der Geruch von warmem Stein. Die Laternen die schon brennen, obwohl es noch hell ist. Das Wasser das sich kaum bewegt.
Ihr müsst es nicht festhalten. — Luca liegt in seiner neuen Wohnung. Er kennt die Decke noch nicht ganz, die Geräusche der Nacht noch nicht alle — aber er lernt sie, jeden Abend ein bisschen mehr. Er denkt an das Schild der alten Bäckerei, die verschnörkelten Buchstaben. Morgen schaut er es sich nochmal an, bei Tageslicht. Dann schläft er. Henrik liegt in dem Zimmer, das er sein ganzes Leben kennt. Die Decke, die Geräusche — das leise Knarren wenn der Wind gegen das Fenster drückt, das Ticken der Heizung wenn sie anspringt.
Er kennt jeden Laut. Jedes Geräusch hat seinen Namen. Das ist auch schön. Sehr schön sogar. Mira liegt irgendwo, der Schlüssel des Cafés in der Tasche. Morgen früh öffnet sie wieder. Dieselben Handgriffe, dieselbe Reihenfolge. Tassen, Stühle, Theke. Aber das ist morgen. Jetzt ist Nacht. Anna schläft schon. Sofia sitzt noch am Fenster — noch ein bisschen. Die Gasse ist jetzt fast dunkel, nur die Laternen. Sie denkt an nichts Bestimmtes. Nur die Laternen, das Pflaster, den Geruch von Brot der fast weg ist.
Fast. Dann steht sie auf, legt die Decke auf den Stuhl, macht das Fenster zu — fast zu. Einen Spalt lässt sie offen. Damit der Abend noch ein bisschen reinkommt. Dann geht sie schlafen. — Nur die Laternen bleiben. Sie brennen die ganze Nacht. Ruhig. Für niemanden. Für alle. Und ganz schwach, in der Nachtluft — der Geruch von Brot. Fast weg. Aber noch da.