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Eine Hörgeschichte für Erwachsene

Der andere Morgen

17. April 2026 · 36:08 · ohne Werbung, kostenlos

Cover: Der andere Morgen

Es ist ein Oktobervormittag. Noch früh. Die Autobahn liegt fast leer. Zwei Menschen fahren nach Norden. Nicht weit. Nur über die Grenze. Das klingt nach mehr als es ist.

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Es ist ein Oktobervormittag. Noch früh. Die Autobahn liegt fast leer. Zwei Menschen fahren nach Norden. Nicht weit. Nur über die Grenze. Das klingt nach mehr als es ist. Die Landschaft verändert sich kaum. Felder. Hügel. Der Himmel weit und grau und schön. Aber irgendwo zwischen den Schildern wechselt etwas. Die Sprache auf den Tafeln. Die Farbe der Straßenmarkierungen. Kleine Dinge. Man merkt es trotzdem. Ein großes grünes Schild. Dänische Wörter. Zahlen. Kilometer die man anders liest als zu Hause.

Als wären sie mehr. Obwohl es dieselben Kilometer sind. Sie fahren langsam. In Dänemark fährt man langsam. Das ist eine Regel. Achtzig auf der Landstraße. Nicht mehr. Für jemanden der gewohnt ist ohne Limit zu fahren fühlt sich das seltsam an. Zuerst. Dann fühlt es sich richtig an. Der Fuß lockert sich. Die Schultern auch. Die Landschaft hilft dabei. Flach und weit. Herbstliche Felder die nach rechts und links reichen bis man nicht mehr sieht wo sie aufhören. Ab und zu ein Hof.

Roter Backstein. Ein Windrad das sich langsam dreht. Eine Kirche deren Turm über allem steht. Zwischendurch --- ein kleines Dorf. Häuser direkt an der Straße. Eine Bushaltestelle. Ein Kind das wartet. Das Kind schaut dem Auto nach. Dann schaut es wieder auf die Straße. Auf den Bus der kommt. Die Straße liegt offen. Man schaut. Das reicht. --- Sønderborg liegt an einem Sund. Der Als Sund. Zweihundertfünfzig Meter breit. Er teilt die Stadt in zwei Hälften. Man sieht das erst wenn man über die Brücke fährt.

Die König-Christian-X.-Brücke. Und darunter --- das Wasser. Grüngrau heute. Ein paar Möwen ziehen ihre Kreise über dem Sund. Ein Fischerboot das langsam in Richtung offenes Wasser gleitet. Motor aus. Nur der Strom. Man hält kurz den Atem an auf der Brücke. Nicht weil man Angst hat. Sondern weil das Wasser unter einem so groß ist. So gleichgültig. Als würde es nicht merken dass die Brücke da ist. Als wäre sie nichts. Nur ein Strich über etwas das viel älter ist. Der Atem kommt zurück.

Fährt weiter. Auf der anderen Seite der Brücke --- das Schloss. Schon von der Mitte der Brücke zu sehen. Backsteinrot. Breit und schwer am Wasser. Vier Flügel. Ein Turm. Achthundert Jahre. Das merkt man ihm an. Nicht weil es alt aussieht. Sondern weil es so ruhig dasteht. Als wäre es fertig. Als müsste es nichts mehr beweisen. König Christian der Zweite war hier gefangen. Siebzehn Jahre. In diesem Schloss. An diesem Wasser. Das weiß man vielleicht. Oder man weiß es nicht und merkt trotzdem dass hier etwas Schweres passiert ist.

Dass die Steine sich erinnern. Auch wenn man es nicht liest. --- Sie parken am Schloss. Kostenlos. Ohne Zeitbegrenzung. Man stellt den Motor ab. Man sitzt noch einen Moment. Das macht man manchmal. Wenn man angekommen ist aber noch nicht ganz bereit ist auszusteigen. Wenn man den Übergang noch ein bisschen hinauszögert. Den Übergang von Fahren zu Gehen. Von Unterwegs zu Angekommen. Das Radio läuft noch eine Sekunde nach. Dann ist es still. Nur das Ticken des Motors der abkühlt.

Dieses kleine metallische Geräusch das man kennt aber selten beachtet. Dann doch. Tür auf. Die Luft draußen ist kühler als im Wagen. Oktober. Aber nicht unangenehm. Eher: richtig. Als wäre man genau zur richtigen Jahreszeit hier. Der Parkplatz liegt direkt am Wasser. Man steigt aus und das Erste was man riecht ist Salz. Nicht stark. Nur als Grundton. Kühl. Klar. Der Geruch von Wasser das nicht aufhört. Von Wasser das hier schon war als das Schloss gebaut wurde. Und das noch hier sein wird wenn man längst weg ist.

Man atmet einmal tief. Dann nochmal. Das macht man hier ganz natürlich. Als würde die Luft es verlangen. --- Das Schloss ist gepflegt. Das merkt man sofort. Die Wege um das Schloss herum sind sauber. Kein loses Pflaster. Keine Lücken im Grün. Die Beete --- noch nicht ganz winterlich, aber auf dem Weg --- sind ordentlich zurückgeschnitten. Das Gras kurz und eben. Es ist dieses Aufgeräumtsein das einlädt. Man flaniert hier. Ganz natürlich. Man braucht keinen Plan. Der Weg zeigt sich von selbst.

In manchen Städten muss man wissen wohin man geht. Hier nicht. Hier folgt man einfach. Den Wegen. Dem Wasser. Dem Licht das über das Pflaster fällt. Sie gehen einmal um das Schloss herum. Langsam. An einer Seite liegt das Wasser direkt daneben. Der Als Sund nur ein paar Schritte entfernt. Man hört ihn leise. Das Wasser das gegen die Steine drückt. Sanft. Gleichmäßig. Wie ein Atem. Die Schlossmauern sind hoch. Backstein. Die Fugen alt aber fest. Man legt die Hand kurz an die Mauer.

Der Stein ist kühl. Fast kalt. Aber er gibt nach einer Weile etwas ab. Eine Wärme die tief sitzt. Von innen kommt. Von den Jahrhunderten vielleicht. An einer anderen Seite ein kleiner Garten. Bänke. Ein Baum der schon viele Blätter verloren hat. Die Blätter liegen ordentlich am Rand. Als hätte jemand sie dorthin gefegt. Oder als wären sie selbst gegangen. Weil sie wussten wohin sie gehören. Eine Taube sitzt auf einer Bank. Sie schaut auf den Weg. Als würde sie auf jemanden warten.

Als wäre das ihr Job. Man geht an ihr vorbei. Sie weicht ein bisschen zur Seite. Nicht weit. Nur soviel wie nötig. Dann --- die Flagge. Am Turm des Schlosses weht der Dannebrog. Rot-weiß. In der Oktoberluft. Straff. Der Mann schaut sie an. Er fragt: Was bedeutet das? Die Frau sagt: Keine Ahnung. Vielleicht Feiertag. Vielleicht Geburtstag. Vielleicht wird an Schlössern in Dänemark einfach immer geflaggt. Man weiß es nicht. Man lässt es offen. Ein kleines Rätsel das man nicht auflöst.

Das bleibt. Die Flagge weht. Das Schloss steht. Beides passt zusammen. --- Sie gehen hinein. Ins Schloss. Es ist kühl drinnen. Die Mauern halten die Wärme des Sommers nicht mehr. Oder vielleicht ist das die Kälte von achthundert Jahren. Man weiß es nicht. Die Räume sind groß. Die Decken hoch. Die Ausstellungen erzählen von der Geschichte des Grenzlands. Dänisch, dann Preußisch, dann Dänisch wieder. Volksabstimmung neunzehnhundertzwanzig. Eine Region die sich erinnert. Die weiß auf welcher Seite sie war.

Und wer sie heute ist. Sie gehen nicht durch alle Räume. Das braucht es nicht. Sie schauen ein paar Dinge an. Eine alte Karte. Ein Foto von neunzehnhundertzwanzig. Menschen die auf eine Abstimmung warten. Die Gesichter ernst. Erwartungsvoll. Dann die Schlosskirche. Renaissance. Das Licht kommt schräg durch hohe Fenster. Schmal und lang. Es fällt auf den Steinboden und bleibt dort liegen. Als hätte es seinen Platz gefunden. Die Orgel steht dort seit Jahrhunderten. Die älteste noch funktionstüchtige Orgel Europas --- heißt es.

Man glaubt es sofort. Sie sieht so aus. Dunkel das Holz. Die Pfeifen hoch und schmal. Eine Stille die sich anders anfühlt als draußen. Schwerer. Voller. Als hätte der Raum etwas aufbewahrt über die Jahre. Gebete vielleicht. Oder einfach die Zeit. Sie stehen kurz. Sagen nichts. Das ist richtig so. Dann wieder hinaus. In den Oktobertag. Die Luft frischer nach dem Innen. Der Sund noch da. Natürlich. --- Sie stehen noch eine Weile. Es gibt keinen Grund weiterzugehen. Und keinen Grund zu bleiben.

Beides stimmt gleichzeitig. Die Flagge weht. Das Wasser bewegt sich. Man steht dazwischen. Eine Schulklasse kommt um die Ecke. Kinder. Acht, neun Jahre vielleicht. Sie gehen in einer losen Reihe. Zwei Lehrerinnen vorne. Eine hinten. Die Kinder reden miteinander. Auf Dänisch. Lachen. Stoßen sich an. Ein Junge bleibt stehen. Er schaut auf das Schloss. Wirklich schaut. Nicht so wie Kinder manchmal schauen wenn man ihnen sagt dass sie schauen sollen. Sondern wirklich. Eine der Lehrerinnen sagt etwas zu ihm.

Er nickt. Geht weiter. Schaut aber noch einmal zurück. Über die Schulter. Das macht etwas. Dieses Zurückschauen. Man weiß nicht was er denkt. Man weiß nicht was er sieht. Aber man erkennt das Gefühl. Das Gefühl wenn ein Ort einen festhält. Auch wenn man schon geht. Dann sind die Kinder weg. Die Gasse ist wieder still. Nur die Flagge. Nur das Wasser. Nur die Steine. --- Sie führt nach Norden. Entlang des Sunds. Das Pflaster ist breit und eben. Sitzbänke alle paar Meter. Alte Häuser auf der einen Seite.

Jugendstil. Fassaden mit kleinen Verzierungen die man nur sieht wenn man langsam geht. Wasser auf der anderen Seite. Sie gehen. Das Wasser liegt ruhiger jetzt. Oder man hat sich daran gewöhnt. Kleine Wellen nur. Das Boot von vorhin liegt am Steg. Festgemacht. Niemand an Bord. Eine Möwe sitzt auf dem Bug. Wartet auf nichts Bestimmtes. Weiter nördlich --- der Yachthafen. Segelboote liegen nebeneinander. Die Masten stehen still. Im Oktober ist wenig los hier. Die Saison fast vorbei.

Aber die Boote sind noch da. Abgedeckt manche. Andere noch offen. Als würde man noch nicht ganz glauben dass es vorbei ist. Am Rand der Promenade --- eine Bronzeskulptur. Ein großer Fisch --- ein Butt --- in einer Hand gehalten. Der Bildhauer ist Günter Grass. Auch er hatte Bezug zu diesem Grenzland. Zu dieser Gegend zwischen Deutsch und Dänisch. Die Skulptur steht still hier. Die Passanten gehen vorbei. Manche schauen. Manche nicht. Sie schauen. Eine Weile. Dann gehen sie weiter.

Ein älterer Mann sitzt auf einer Bank. Er schaut auf den Sund. Er macht das schon eine Weile. Man sieht es an der Art wie er sitzt. Ohne Eile. Ohne Plan. Als wäre das Schauen selbst der Zweck. Vielleicht wohnt er hier. Vielleicht kommt er jeden Morgen. Vielleicht ist das sein Platz. Dieser eine Platz auf dieser einen Bank mit diesem einen Blick auf den Sund. Sie gehen an ihm vorbei. Er schaut nicht auf. Das ist richtig so. --- Weiter nördlich öffnet sich die Promenade zum Yachthafen.

Segelboote liegen nebeneinander. Die Masten still. Im Oktober ist wenig los hier. Die Saison fast vorbei. Aber die Boote sind noch da. Manche abgedeckt mit grauem Plane. Andere noch offen. Als würde man noch nicht ganz glauben dass es vorbei ist. Dass der Sommer wirklich gegangen ist. Man kennt das. Dieses Nicht-ganz-Loslassen. Den letzten warmen Tag noch einmal heraufbeschwören wollen. Die Boote machen das auch. Sie liegen und warten. Auf nichts Bestimmtes. Oder auf alles. Eine Leine schlägt leise gegen einen Mast.

Immer wieder. Gleichmäßig. Wie ein Uhr die tickt ohne dass jemand sie aufgezogen hat. Sie stehen einen Moment am Rand des Stegs. Das Wasser darunter dunkel und ruhig. Ein paar Enten treiben nahe am Ufer. Ohne Eile. Sie schauen kurz auf — dann wieder weg. Als hätten sie wichtigeres zu tun. Der Mann schaut auf die Boote. Er fragt sich welches ihm gefallen würde. Nicht wirklich. Aber so wie man das manchmal denkt. Wenn man vor Dingen steht die man nicht hat und sich kurz vorstellt wie es wäre.

Das Grüne dort mit dem dunklen Rumpf. Oder das kleinere daneben. Das Weißlackierte dessen Lack an einer Stelle abgeblättert ist. Das hat etwas. Etwas das zeigt dass es benutzt wurde. Wirklich benutzt. Nicht nur dagestanden. Die Frau schaut auf die Masten. Wie sie in den Oktoberhimmel ragen. Grau in Grau. Fast unsichtbar oben. Dann sagt sie: Wir sollten mal. Der Mann nickt. Er weiß was sie meint. Sie meinen es vielleicht nicht ernst. Oder doch. Das bleibt offen. Wie so vieles an diesem Morgen.

Sie gehen weiter. Die Leine schlägt noch einmal gegen den Mast. Dann sind sie zu weit weg um es zu hören. --- Am Ende der Promenade --- in die Altstadt. Die Gassen werden enger. Die Häuser älter. Jugendstil überall. Türen in Dunkelrot und Graugrün. Fassaden mit kleinen Verzierungen. Man geht langsamer hier. Nicht weil man muss. Sondern weil man möchte. Weil jede Ecke etwas zeigt das man beim schnellen Gehen nicht sehen würde. Ein Tier in Stein über einem Türbogen. Ein Fenster dessen Rahmen eine andere Farbe hat als alle anderen.

Eine Hausnummer in alten Ziffern. Sie gehen nebeneinander. Manchmal bleibt einer stehen. Der andere wartet. Das ist selbstverständlich. Man hat gelernt voneinander zu warten. Man weiß dass der andere zurückkommt. Eine schmale Gasse führt zwischen zwei alten Häusern hindurch. So eng dass man die Schultern ein bisschen zieht. Am Ende --- ein kleiner Platz. Unerwartet. Eine Bank. Ein Brunnen. Keine Touristen. Zwei Kinder sitzen auf dem Brunnenrand. Sie reden leise miteinander. Man versteht kein Wort.

Nicht wegen der Sprache. Sondern weil sie so leise reden als wäre es ein Geheimnis. Als gehörte dieser Platz nur ihnen. Sie bleiben kurz stehen. Dann gehen sie weiter. Oben an der Straße --- die Jernbanegade. Darüber aufgespannt zwischen den Häusern: bunte Regenschirme. Viele. Rot, Gelb, Orange, Blau. Sie hängen in der Luft wie eine Idee von Farbe. Wenn das Oktoberlicht sie trifft leuchten sie kurz auf. Dann wieder nicht. Man steht darunter und schaut nach oben. Das ist ein seltsames Gefühl.

Wie wenn man in einem anderen Land plötzlich merkt dass jemand hier etwas gedacht hat. Eine Idee gehabt hat. Regenschirme über einer Straße aufgehängt und gedacht: Das ist schön. Und es stimmt. Die Gassen führen zur Perlegade. Die Fußgängerzone. Breiter. Heller. Kleine Läden auf beiden Seiten. Nicht die großen Ketten. Eigene Läden. Mit eigenen Gesichtern. Eine Bäckerei deren Fenster beschlagen ist von innen. Ein Spielzeugladen dessen Auslage so voll ist dass man nicht weiß wo man zuerst hinschauen soll.

Ein kleines Modegeschäft das aussieht als käme man schon seit Jahrzehnten hierher. Ein Buchladen mit dänischen Titeln in der Auslage. Man erkennt kein Wort. Aber die Bücher sehen gut aus. Manchmal reicht das. Sie bleiben vor einem Schaufenster stehen. Kleidung. Dänische Labels. Man kennt die Namen nicht alle. Oder man kennt sie --- aber hier hängen sie anders. In Läden die man zuhause nicht hat. Die Farben sind gedeckt. Ein Mantel in einem Grau das es so nicht gibt bei uns. Oder doch --- aber nicht in diesem Schnitt.

Nicht in dieser Qualität die man schon durch das Schaufenster spürt. Der Mann schaut auf ein Paar Schuhe. ECCO. Die kennt er. Aber hier in der Auslage sehen sie anders aus. Vielleicht liegt es am Licht. Vielleicht an der Tatsache dass man sie hier kaufen könnte. Hier und nicht zuhause. Das macht einen Unterschied. Manchmal ist der Ort Teil des Dinges. Die Frau schaut auf eine Jacke. Dunkelgrün. Funktional. Aber mit einem Detail an der Schulternaht das man übersehen kann --- oder nicht.

Sie übersieht es nicht. Sie gehen rein. Der Laden riecht nach Wolle. Ruhige Musik. Eine Verkäuferin nickt. Sagt nichts. Lässt sie schauen. Das ist gut. Die Frau nimmt einen Pullover vom Stapel. Oversized. Cremefarben. Wolle die sich anders anfühlt. Schwerer. Weicher. Sie hält ihn vor sich. Legt ihn zurück. Kauft ihn nicht. Aber sie hat ihn gespürt. Das bleibt. Nebenan --- Regenmäntel. Glänzend. In Farben die man zu Hause nicht kaufen würde. Senfgelb. Tiefrot. Ein leuchtendes Blau.

Als hätte jemand entschieden: Wenn es regnet, dann wenigstens schön. Das ist dänisch. Das Wetter akzeptieren und trotzdem Farbe wählen. Sie gehen wieder raus. Das Wissen dass es das gibt. Dass es hier anders ist. Nicht besser. Nicht schlechter. Nur anders. Und das ist etwas wert. --- Das Café liegt in der Perlegade. Kieslings. Man sieht es schon von weitem. Drinnen ist es voll. Nicht zu voll. Voll auf die richtige Art. Stimmen die sich mischen. Kaffeeduft der durch die Tür kommt wenn jemand aufmacht.

Von dänischen Wörtern die man halb versteht. Sie setzen sich ans Fenster. Ein Tisch für zwei. Die Stühle sind unbequem auf eine Weise die man nach zehn Minuten vergisst. Weil man nicht mehr an sie denkt. Weil man schaut. Draußen geht die Perlegade weiter. Die Menschen bewegen sich langsam. Taschen in den Händen. Manche bleiben stehen. Schauen in Schaufenster. Reden miteinander. Eine ältere Frau steht vor dem Spielzeugladen. Sie schaut lange hinein. Dann geht sie weiter. Ohne etwas gekauft zu haben.

Das Schauen hat ihr gereicht. Eine junge Mutter schiebt einen Kinderwagen. Das Kind schläft. Die Mutter schaut auf ihr Telefon. Dann auf das Kind. Dann wieder auf das Telefon. Das ist überall gleich. Auch in Sønderborg. Der Kaffee kommt. Und Zimtschnecken. Kanelsnegle. Groß. Noch warm. Die Spirale aufgerollt. Goldbraun. Man riecht den Zimt schon bevor man beißt. Warm. Süß. Ein bisschen mehr Kardamom als zu Hause. Oder mehr Butter. Der erste Biss. Zimt. Butter. Ein bisschen Salz darunter.

Das passt. Ein Stück abreißen. Hinlegen. Einen Schluck Kaffee. Durch das Fenster schauen. Das ist der Rhythmus. Stück. Kaffee. Schauern. Wieder von vorne. Sie trinken. Sie schauen. Sie sagen ab und zu etwas. Nichts Wichtiges. Gerade das Richtige. Die Perlegade füllt sich ein bisschen. Vormittag. Die Läden sind geöffnet. Manche Menschen gehen mit Ziel. Manche ohne. Man erkennt den Unterschied. Die mit Ziel schauen geradeaus. Die ohne schauen zur Seite. Das Dänische um sie herum ist freundlich.

Man versteht es nicht wirklich. Aber man versteht genug. Den Ton. Die Geste. Das Lachen das genauso klingt wie überall. Die Kellnerin kommt und fragt ob alles gut ist. Auf Dänisch. Dann auf Englisch. Dann lacht sie und sagt auf Deutsch: Schmeckt es? Ja, sagen sie. Sehr. Sie geht wieder. Das war alles. Aber es hat etwas. Dieses kleine Gespräch das keine Sekunde länger dauert als es muss. Das trotzdem warm ist. Wenn man in einem fremden Café sitzt und merkt dass es sich trotzdem vertraut anfühlt --- das ist etwas.

Das hat einen Namen vielleicht. Hygge sagen die Dänen. Oder man nennt es einfach: gut. Beides stimmt. --- Dann das Eis. Nebenan --- eine kleine Eisdiele. Man sieht sie durch das Fenster des Cafés. Eine Tafel draußen. Handgeschrieben. Verschiedene Sorten. Und eine davon: Lakrids. Lakritze. Die Frau schaut die Tafel an. Sie sagt: Das probieren wir nicht. Der Mann sagt: Doch. Sie gehen hinüber. Die Eisdiele ist klein. Drei Tische. Eine Theke. Hinter der Theke eine junge Frau. Sie lächelt als sie eintreten.

Das dänische Lächeln das sofort offen ist. Ohne Anlaufzeit. Sie erklärt die Sorten. Auf Dänisch zuerst. Dann auf Englisch. Dann --- weil sie merkt woher sie kommen --- auf Deutsch. Ihr Deutsch ist gut. Das liegt an der Grenze. An dem Grenzland das Dänisch und Deutsch kennt wie zwei Seiten derselben Münze. Lakridseis. Dunkel. Fast schwarz. Ein bisschen glänzend in der kleinen Vitrine. Die Frau hält den Becher. Sie schaut ihn an. Sie riecht daran. Sie ist skeptisch. Das sieht man.

Der Mann sagt: Probier einfach. Dann der erste Löffel. Stille. Dann: Das ist seltsam. Der Mann nickt. Dann: Das ist gut. Der Mann nickt wieder. Dann sagt sie nichts mehr. Sie isst weiter. Lakritze und Sahne und etwas Dunkles darunter das man nicht benennen kann. Süß und herb zugleich. Wie ein Widerspruch der keiner ist. Fremd --- aber auf eine Art die man sofort mag. Ungewohnt lecker. Das ist der einzige Begriff der passt. Ungewohnt lecker. Der Mann isst seinen Becher auch. Er schaut sie an.

Sie schaut zurück. Beide lächeln. Weil etwas überrascht hat. Weil man nicht wusste was kommt. Und es dann gut war. Das junge Mädchen hinter der Theke beobachtet das. Sie sagt auf Deutsch: Sie mögen es. Nicht als Frage. Als Feststellung. Ja, sagt die Frau. Obwohl ich dachte dass ich es nicht mögen würde. Das Mädchen lächelt. Das passiert öfter, sagt sie. --- Sie stehen noch einen Moment in der Eisdiele. Die Becher in der Hand. Fast leer. Durch das Fenster sieht man die Perlegade.

Das Treiben. Die bunten Regenschirme oben. Ein Hund der an einer kurzen Leine vor einem Laden wartet. Geduldig. Als wäre das sein Job. Als hätte er das schon hundert Mal gemacht. Man isst den letzten Löffel. Stellt den Becher hin. Die junge Frau hinter der Theke räumt ab. Schnell. Gewandt. Sie hat das schon oft gemacht. Aber sie macht es trotzdem mit Sorgfalt. Nicht gehetzt. Man sieht das manchmal. Menschen die ihre Arbeit gut machen. Nicht weil jemand schaut. Einfach so. Das ist etwas.

Sie gehen raus. In die Perlegade. Der Oktobernachmittag kommt näher. Das Licht ist tiefer geworden. Schräger. Die bunten Regenschirme über der Jernbanegade fangen es auf. Ein letztes Mal leuchten sie. Rot, Gelb, Orange, Blau. Sie gehen zurück zur Promenade. Einen anderen Weg. Durch eine Gasse die sie vorhin nicht gegangen sind. Die Gasse ist schmal. Kopfsteinpflaster. Uneben. Man muss aufpassen. Die Häuser stehen nah beieinander. Oben berühren sie sich fast. Ein Stück Himmel dazwischen.

Grau und schön. Eine Katze sitzt in einem Fenster im ersten Stock. Sie schaut auf sie herunter. Interessiert. Dann gelangweilt. Dann woanders hin. Als wäre sie fertig mit ihnen. Als hätte sie genug gesehen. Weiter unten --- ein Kind steht vor einer Tür. Es klingelt. Es wartet. Klingelt nochmal. Dann geht die Tür auf und das Kind verschwindet drinnen. Die Tür fällt zu. Die Gasse ist wieder leer. Als wäre nichts gewesen. Am Ende der Gasse --- wieder das Wasser. Der Sund. Der Geruch kommt zurück.

Salz. Kühl. Wie am Anfang. Aber jetzt anders. Jetzt riecht es auch nach Zimt. Und ganz leise --- nach Lakritze. Noch im Mund. Noch irgendwo. Drei Gerüche. Salz. Zimt. Lakritze. Das ist dieser Morgen. Das ist Sønderborg im Oktober. Das nimmt man mit. --- Sie stehen noch einmal am Schloss. Das Licht ist anders jetzt. Schräger. Es ist später geworden. Nicht viel. Aber man merkt es. Der Schatten des Turms liegt weiter auf dem Pflaster. Das Wasser unter der Brücke hat eine andere Farbe.

Dunkler. Ruhiger. Die Flagge weht noch. Rot-weiß im Oktoberlicht. Was sie bedeutet weiß man immer noch nicht. Man hat nicht nachgeschaut. Man hat es gut so gelassen. Manche Dinge sind schöner wenn man sie nicht vollständig versteht. Wenn man sie einfach lässt. Als Bild. Als Frage die offen bleibt. Das Schloss steht wie vorhin. Ruhig. Schwer. Als wäre es nicht überrascht dass sie wieder da sind. Als würde es das öfter sehen. Menschen die kommen. Schauen. Gehen. Wiederkommen. Man legt die Hand noch einmal kurz an die Mauer.

Kühl. Fest. Achthundert Jahre. Das ist lang. Oder kurz. Kommt drauf an von wo man schaut. Das Wasser auch. Das Wasser immer. --- Sie gehen zum Auto zurück. Der Parkplatz liegt noch genauso wie vorhin. Natürlich. Aber er sieht anders aus. Kleiner irgendwie. Vertrauter. Als hätte man ein Recht darauf bekommen. Man steigt ein. Die Türen fallen zu. Das Geräusch das ein Auto macht wenn man drin ist. Das Geräusch von zuhause. Auch das. Der Motor springt an. Das Navi zeigt den Weg.

Süden. Deutschland. Eine Stunde. Noch einmal der Parkplatz. Noch einmal der Sund. Das Schloss im Rückspiegel. Kleiner. Dann weg. --- Die Felder liegen flach. Herbstlich. Die Farben gedämpft. Beige und Grau und ein bisschen Grün noch. Weiter hinten ein Gehöft. Rauch aus einem Schornstein. Jemand ist zuhause. Sie fahren langsam. Noch immer. Nicht nur wegen der Regeln. Sondern weil man nicht schnell fahren will. Wenn man einen Morgen hatte der gut war. Wenn man ihn noch ein bisschen halten will.

Wenn die Bilder noch klar sind. Das Schloss. Die Flagge. Die Kanelsnegle. Der erste Löffel Lakritze. Das Gesicht der Frau bei diesem ersten Löffel. Manche Morgen legt man sich ins Gedächtnis. Nicht weil man es so entscheidet. Sie legen sich von selbst hin. Ganz leise. Und bleiben. Die Grenze kommt. Ein Schild. Deutschland. Die Schilder wechseln die Sprache. Die Landschaft bleibt dieselbe. Felder. Hügel. Der Himmel weit. Irgendwo auf dieser Strecke --- nicht genau da wo die Schilder wechseln, sondern irgendwo danach --- kehrt man zurück.

In den Alltag. In das Vertraute. Aber man bringt etwas mit. Einen Geschmack. Eine Flagge die man nicht verstanden hat. Einen Mann auf einer Bank der auf den Sund schaut. Eine junge Frau die auf Deutsch sagt: Das passiert öfter. Einen Pullover den man gespürt hat. Ohne ihn zu kaufen. Regenmäntel in Farben die man sich merkt. Senfgelb. Tiefrot. Leuchtendes Blau. Das bringt man mit. Das bleibt. Man darf jetzt schneller fahren. Aber man tut es nicht sofort. Der Fuß bleibt noch eine Weile.

Auf achtzig. Als wäre man noch ein bisschen drüben. Als wollte man noch nicht ganz ankommen. Dann doch. Das Gaspedal. Langsam. Ein bisschen mehr. Aber nicht viel. --- Ihr seid jetzt auch fast dort. Vielleicht liegt ihr schon. Denkt an das Salz. Das erste. Am Parkplatz. Kühl und klar. Der Geruch von Wasser das nicht aufhört. Denkt an den Zimt. Warm. Im Café. Das Geräusch von Tassen. Die goldbraune Spirale. Das Dänische um einen herum das man halb versteht. Denkt an die Modegeschäfte.

Die andere Farbpalette. Das Grau das es so zuhause nicht gibt. Der Schnitt der einem auffällt ohne dass man weiß warum. Das Gefühl dass dort jemand anders gedacht hat. Anders --- aber gut. Und an die Lakritze. Dunkel. Fremd. Dann nicht mehr fremd. Man dachte: Nein. Und dann war es: Ja. Das passiert öfter. Wenn man sich traut. Wenn man über die Grenze fährt. Wenn man langsam fährt. Wenn man bleibt. Wenn man den ersten Löffel nimmt. Und wenn man die Flagge stehen lässt. Als Frage. Als Rätsel. Als das Schöne das man nicht erklären muss. Der andere Morgen. Er liegt hinter euch. Er liegt bei euch. Beides. Salz. Zimt. Lakritze. Schlaft gut.

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