Eine Hörgeschichte für Erwachsene
Der Samstagmorgen
Es ist ein Samstagmorgen im Oktober. Noch früh. Die Stadt ist wach — aber noch nicht ganz. Diese Stunde kennt man nur wenn man früh aufsteht. Wenn die Straßen noch nach Nacht riechen.
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Es ist ein Samstagmorgen im Oktober. Noch früh. Die Stadt ist wach — aber noch nicht ganz. Diese Stunde kennt man nur wenn man früh aufsteht. Wenn die Straßen noch nach Nacht riechen. Wenn das Licht noch schräg ist. Noch nicht entschieden. In der Altstadt hat der Markt begonnen. Rathausmarkt und Kirchplatz. Zwei Plätze, verbunden durch einen alten Torbogen. Der Torbogen ist aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Er hat viele Märkte gesehen. Sehr viele. Das Kopfsteinpflaster ist feucht vom Tau.
Die Stände stehen in Reihen. Über vierzig. Die Händler haben früh aufgebaut. Manche schon um sechs. Im Dunkeln noch. Jetzt — kurz nach acht — füllt sich der Markt langsam. Nicht schnell. Der Samstagmarkt hat seine eigene Zeit. Man kommt nicht gehetzt. Man kommt wenn man kommt. Es riecht nach frischem Brot. Nach Räucherfisch. Nach nassem Stein. Diese drei Gerüche gehören zusammen hier. Sie gehören zum Samstagmorgen wie das schräge Licht. Und irgendwo — aus einer Seitengasse — noch etwas anderes.
Süß. Warm. Karamell. Aber das kommt später. — Eine Frau geht durch den Markt. Sie heißt Ruth. Ruth ist vierundsechzig. Seit dreißig Jahren kommt sie jeden Samstag hierher. Dreißig Jahre. Das sind viele Märkte. Viele Brote. Viele Gespräche die immer gleich anfangen und nie gleich enden. Viele Samstage auf denen es geregnet hat. Und solche wie dieser — klar, kühl, das Licht noch schräg. Ruth trägt einen dunklen Mantel. Schwer. Der hat schon viele Oktober gesehen. Und einen Schal — wollgrau, etwas ausgefranst an einer Ecke.
Den hat sie selbst gestrickt. Vor langer Zeit. Als die Kinder noch klein waren und man abends Zeit hatte. Sie geht langsam. Nicht weil sie müde ist. Sondern weil sie weiß dass man hier langsam gehen muss. Wer zu schnell geht sieht nichts. Wer zu schnell geht hört nichts. Der Markt gibt sich nur denen die Zeit haben. Das hat ihr ihre Mutter gezeigt. Hier. Auf diesem Pflaster. Lang ist das her. Ihre Mutter hatte immer eine Liste dabei. Eine kleine, akkurate Liste auf einem Zettel den sie zusammengefaltet in der Manteltasche trug.
Aber sie kaufte nie nur was auf der Liste stand. Sie schaute. Sie sprach mit den Händlern. Sie tastete das Gemüse ab. Hob den Käse an. Roch an den Kräutern. Ruth macht das auch so. Die Liste hat sie im Kopf. Aber sie folgt ihr nicht sklavisch. Am Stand mit dem Vollkornbrot bleibt sie stehen. Die Laibe liegen in Reihen. Dunkel, rissig an der Kruste, noch warm. Ruth schaut sie an wie alte Bekannte. Der Verkäufer nickt. Er kennt sie. Ohne zu fragen legt er ihr ein kleines Stück in die Hand.
Eine Kostprobe. Wie immer. Ruth isst es langsam. Sie schaut dabei auf die Laibe. Die Krume ist dicht. Nussig. Ein bisschen sauer vom langen Gehen des Teigs. Sie denkt: Das ist gut. Nicht mehr. Nur das. Sie kauft einen halben Laib. Der Verkäufer schneidet ihn ab. Legt ihn in Papier. Beide sagen nichts. Das braucht es nicht. Nach dreißig Jahren nicht. Ein paar Stände weiter steht ein Mann. Er heißt Thomas. Thomas ist neununddreißig. Er ist zum ersten Mal allein hier. Das klingt seltsam.
Er wohnt seit sieben Jahren in dieser Stadt. Aber er ist immer mit seiner Frau hierhergekommen. Oder mit den Kindern. Nie allein. Jetzt ist er allein. Die Kinder sind beim Sport. Seine Frau schläft noch. Und er hatte plötzlich das Gefühl: Ich gehe jetzt. Einfach so. Ohne Plan. Ohne Liste. Er ist früh aufgestanden. Früher als sonst. Er hatte nicht schlafen können. Nicht weil etwas nicht stimmt. Einfach so. Manchmal ist man um sechs wach und der Tag fängt an. Er hatte sich Kaffee gemacht.
Hatte die stille Küche genossen. Und dann — der Markt. Er fällt ihm immer samstags ein. Aber er geht fast nie. Heute ist er gegangen. Er steht vor dem Honigstand. Liest die Etiketten. Lindenblüte. Wildblume. Buchweizen. Heide. Er liest sie alle durch. Nicht weil er sich nicht entscheiden kann. Sondern weil die Wörter sich schön anfühlen. Lindenblüte. Das Wort allein. Der Honighändler schaut ihn nicht an. Er lässt ihn. Manche Menschen brauchen Zeit beim Honig. Thomas nimmt schließlich ein kleines Glas Wildblumenhonig.
Er hält es gegen das Licht. Das Glas ist bernsteinfarben. Fast golden. Die Sonne schräg durch das Glas — ein kleiner warmer Fleck auf seiner Handinnenfläche. Er denkt: Das nehme ich mit. Mehr braucht es nicht. Er bezahlt. Der Händler sagt die Summe. Thomas gibt das Geld. Beide lächeln kurz. Das ist alles. Das ist auch gut. — Durch den Torbogen des alten Rathauses fällt Licht. Schräg. Es trifft das Pflaster auf dem Kirchplatz und macht es für einen Moment heller als alles andere.
Der Torbogen ist niedrig. Wer hindurchgeht muss kurz den Kopf senken. Fast eine Verneigung. Manche merken das nicht. Aber manche schon. Ruth geht hindurch. Sie senkt nicht den Kopf. Sie kennt die Höhe. Dreißig Jahre. Auf dem Kirchplatz stehen die anderen Stände. Gemüse vom Hof direkt. Eier. Käse. Wollsocken in gedeckten Farben. Kalt gepresstes Öl aus Spanien. Oliven in kleinen Gläsern. Ruth bleibt beim Räucherfisch stehen. Die Fische hängen an Haken. Die Haut glänzt. Der Rauch liegt noch in der Luft — nicht stark, nur als Erinnerung.
Sie atmet ein. Dieser Geruch. Sie kennt ihn seit ihrer Kindheit. Ihr Vater hatte samstags immer Räucherfisch mitgebracht. Nicht von hier — von woanders. Aber der Geruch ist derselbe. Sie schaut auf die Fische. Sie kauft keinen. Sie kommt nicht wegen dem Kauf. Manchmal reicht das Schauen. Manchmal reicht das Riechen. Der Händler hinter dem Stand — ein Mann Mitte fünfzig, breite Hände — nickt ihr zu. Sie nickt zurück. Kein Wort. Das braucht es nicht. — Thomas hat den Honig in die Tasche gesteckt.
Er geht weiter. Er schaut sich um. Dieser Markt — er hatte ihn immer als Hintergrund erlebt. Als etwas das passiert während man Dinge erledigt. Heute ist er anders. Heute sieht er ihn. An einem Stand hängen Wollsocken. Die Muster sind schlicht. Gedeckte Farben. Weinrot. Tannengrün. Ein helles Grau. Thomas bleibt stehen. Er denkt an seinen Vater. Der hatte immer Wollsocken getragen. Dicke. Im Winter. Selbst im Haus. Er kauft ein Paar. Weinrot. Er weiß nicht genau warum. Aber das ist in Ordnung.
Manche Dinge kauft man nicht aus einem Grund. Man kauft sie weil sie sich richtig anfühlen. Die Verkäuferin wickelt sie in Papier. Ihre Hände sind geübt. Schnell. Sie sagt: Gute Wahl. Thomas lächelt. — Aus der Frau-Clara-Straße kommt der Geruch stärker. Karamell. Zucker. Warm und schwer. Die Bonbonkocherei liegt in einem Hinterhof in der Frau-Clara-Straße. Ein Gebäude von achtzehnhundertdreißig. Früher eine Räucherei. Dann eine Fischfabrik. Der hohe Schornstein steht noch. Heute kocht man dort Bonbons.
Über offenem Feuer. In Kupferkesseln. Mit alten Walzen die noch aus der Fischfabrik-Zeit stammen. Die Sprottenwalze formt jetzt Bonbons in Fischform. Die alten Formen in neuem Material. Ruth geht an der Frau-Clara-Straße vorbei. Sie bleibt kurz stehen. Sie schließt die Augen. Dieser Geruch. Er erinnert sie an etwas das sie nicht benennen will. Nicht weil es schmerzt. Sondern weil es zu groß ist für Worte. Ein Sommer. Sehr lang her. Ein Jahrmarkt vielleicht. Oder ein Nachmittag in einer fremden Stadt.
Sie weiß es nicht mehr genau. Und das ist gut so. Manche Erinnerungen sind besser unscharf. Man hält sie am Rand. Man lässt sie da. Man geht weiter. Ruth öffnet die Augen. Der Markt ist noch da. Das Brot riecht noch. Der Fisch riecht noch. Und aus der Gasse — der Zucker. Alle drei gleichzeitig. Sie atmet aus. Dann geht sie weiter. — Auf dem Rathausmarkt steht eine junge Frau. Sie heißt Mia. Mia ist siebenundzwanzig. Sie arbeitet unter der Woche in einem Büro. Samstags kommt sie hierher.
Seit zwei Jahren. Sie kommt nicht wegen der Einkäufe. Obwohl sie einkauft. Sie kommt wegen dem Gefühl. Dieses Gefühl ist schwer zu beschreiben. Es ist etwas mit der Langsamkeit. Mit dem Nebeneinander der Dinge. Räucherfisch neben Oliven neben Wollsocken neben Honig. Das ergibt keinen Sinn — und genau das gefällt ihr. Unter der Woche hat alles seinen Platz. Alles ist sortiert. Kategorisiert. Der Kalender sagt was kommt. Die Liste sagt was zu tun ist. Hier ist das anders. Hier steht ein Gemüsehändler neben einem der griechische Spezialitäten verkauft.
Neben dem hängen Wollsocken. Drei Stände weiter gibt es Räucherfisch. Und irgendwo dazwischen riecht es nach Karamell. Das ist das Schöne. Das macht keinen Sinn. Und trotzdem stimmt es. Mia steht vor dem Stand mit dem Gemüse. Der Hof heißt Hühnerland. Sie kauft hier jeden Samstag. Heute nimmt sie Rote Beete. Drei Stück. Noch mit Erde dran. Die Erde klebt an den Knollen. Dunkel. Fast schwarz. Mia hält eine in der Hand. Sie ist schwer. Schwerer als sie aussieht. Sie denkt: Das kam aus dem Boden.
Letzte Woche noch. Jetzt halte ich es in der Hand. Das ist nicht selbstverständlich. Der Gärtner reicht ihr eine Tüte. Mia legt die Rote Beete hinein. Vorsichtig. Als wäre es wichtig wie sie hineinlegt. Sie nimmt auch noch Grünkohl. Eine Handvoll Petersilie. Einen kleinen Kürbis — orange, flach, mit einer komischen Wölbung an der Seite. Der Gärtner sagt: Den hab ich extra für Sie aufgehoben. Mia lacht. Sie weiß nicht ob das stimmt. Es spielt keine Rolle. — Thomas hat die Wollsocken in der Tasche.
Den Honig auch. Den Käse. Er geht durch den Torbogen zurück auf den Rathausmarkt. Er senkt kurz den Kopf. Er merkt es selbst. Er lächelt. Auf dem Rathausmarkt bleibt er bei einem Stand stehen. Aufschnitt. Käse. Wurst. Der Händler — ein älterer Mann, Schürze, rote Wangen vom frühen Morgen — schneidet gerade eine Scheibe ab. Dünn. Genau richtig. Thomas schaut zu. Der Mann schneidet ohne hinzuschauen. Die Hände wissen was sie tun. Das hat Thomas noch nie so gesehen. Hände die etwas wissen.
Nicht der Kopf. Die Hände. Er kauft ein Stück Käse. Hart, mit kleinen Löchern, ein bisschen würzig. Er weiß nicht mehr welchen. Er hat den Namen vergessen bevor er ihn richtig gehört hat. Aber der Käse ist gut. Das merkt er an dem Geruch. Er steckt ihn zur Tüte mit dem Honig. Er hält die Tüte einen Moment in beiden Händen. Honig. Käse. Wollsocken. Dann geht er weiter. — Ruth sitzt auf einer Bank am Rand des Marktes. Nicht weil sie müde ist. Weil sie schauen will. Sie macht das manchmal.
Einfach sitzen. Den Markt von außen ansehen. Die Menschen gehen vorbei. Manche kennt sie. Manche nicht. Manche waren hier als Kinder. Jetzt bringen sie ihre eigenen Kinder mit. Das Pflaster ist dasselbe. Die Stände fast dieselben. Ein kleines Mädchen — vier, fünf Jahre — bleibt vor dem Räucherfischstand stehen. Sie schaut die Fische an. Sie zeigt auf einen. Der Vater beugt sich runter. Er sagt etwas. Das Mädchen nickt. Sehr ernst. Ruth beobachtet das. Sie denkt: So lernt man einen Ort.
Mit dem Zeigen. Mit dem Fragen. Schritt für Schritt. Samstag für Samstag. Sie hat das auch so gelernt. Von ihrer Mutter. Hier. Auf diesem Pflaster. Ihre Mutter hatte eine bestimmte Art gehabt, die Händler anzusprechen. Nie laut. Nie fordernd. Immer mit diesem ruhigen Ton der sagte: Ich habe Zeit. Ich bin nicht in Eile. Ich möchte sehen was du hast. Ruth hat das übernommen. Sie weiß das. Sie trägt diese Ruhe mit sich herum. Manchmal denkt sie: Das ist das Beste was meine Mutter mir mitgegeben hat.
Nicht die Wohnung. Nicht das Geschirr. Diese Ruhe. Das Mädchen am Räucherfischstand zeigt jetzt auf einen anderen Fisch. Noch ernst. Der Vater lacht leise. Das Mädchen lacht auch. Ruth lächelt. Sie sitzt. Sie schaut. Das ist genug. — Mia geht durch die Frau-Clara-Straße. Sie geht nicht wegen der Bonbonkocherei. Sie geht weil die Straße ein Abkürzung ist. Aber der Geruch hält sie an. Karamell. Warm. Fast körperlich. Sie bleibt vor dem Schaufenster stehen. Drinnen — die Schauküche.
Ein Mann rührt in einem Kupferkessel. Die Masse ist hellgelb. Sie dampft leicht. Mia schaut. Sie denkt an nichts Bestimmtes. Nur das Rühren. Nur die Farbe. Nur den Geruch. Dann sieht sie die Bonbons in der Auslage. Fischformen. Glänzend. Bunt. Sie kauft eine kleine Tüte. Zitrone. Sie öffnet sie noch auf der Straße. Sie isst einen. Süß. Dann sauer. Dann warm. Sie geht weiter. Die Tüte in der Hand. Den Geschmack noch im Mund. — Der Markt hat seinen Höhepunkt erreicht. Kurz vor zehn.
Die Stände sind voll. Die Stimmen werden mehr. Das Pflaster ist trockener jetzt. Die Sonne hat den Tau genommen. Den Morgen ein bisschen wärmer gemacht. Oktober — aber dieser Morgen lässt sich Zeit. Thomas steht am Rand und schaut. Er hat alles was er wollte. Honig. Käse. Wollsocken. Er könnte gehen. Aber er geht nicht. Er schaut auf den Torbogen. Das Licht fällt jetzt anders hindurch. Steiler. Der Morgen hat sich verändert. Nicht viel. Ein bisschen. Er denkt an seine Frau. Er denkt: Nächsten Samstag komme ich wieder.
Vielleicht allein. Vielleicht nicht. Beides ist gut. — Ruth sitzt noch einmal auf einer Bank. Nicht lange. Nur kurz. Sie kauft noch ein kleines Glas Honig. Und eine Handvoll Walnüsse. Die liegen lose in einer Holzkiste. Der Händler schaufelt sie in eine Tüte. Wiegt sie. Schaut sie an. Nickt. Ruth zahlt. Sie sagt: Bis nächste Woche. Der Händler sagt: Bis nächste Woche. Dreißig Jahre. Dieser Satz. Immer derselbe. Immer wahr. Sie geht einmal quer durch den Markt. Das macht sie immer am Ende.
Einmal quer. Dann nach Hause. Der Markt ist voller jetzt als am frühen Morgen. Die Stimmen lauter. Das Pflaster trockener. Die Sonne schräg aber warm. Oktober kann das — an manchen Tagen. Warm sein ohne zu lügen. Ruth schaut auf die Menschen die vorbeilaufen. Manche kennt sie. Manche nicht. Manche sind neu in der Stadt. Man sieht es an der Art wie sie schauen. Offen. Noch ohne Gewöhnung. Das ist auch schön. Dieser Blick. — Die Stände fangen an sich zu leeren. Nicht alle. Aber manche.
Die ersten Händler beginnen abzubauen. Langsam. Ohne Eile. Der Markt hat seinen eigenen Rhythmus beim Abbau. Genauso wie beim Aufbau. Die Tücher werden gefaltet. Die Kisten gestapelt. Die Wagen vorgezogen. Das Kopfsteinpflaster kommt wieder zum Vorschein. Stück für Stück. Als würde der Markt den Platz zurückgeben. Bis nächste Woche. — Mia geht zurück durch den Torbogen. Sie hat die Rote Beete. Die Bonbons. Und das Gefühl das sie hierhergebracht hat. Das ist noch da. Stärker sogar.
Sie bleibt kurz im Torbogen stehen. Rathausmarkt auf der einen Seite. Kirchplatz auf der anderen. Der Torbogen dazwischen. Sie schaut auf die Steine über sich. Fünfzehntes Jahrhundert. Das weiß sie von einem Schild das irgendwo hängt. Fünfzehntes Jahrhundert und er steht noch. Er verbindet noch. Sie geht hindurch. Sie senkt kurz den Kopf. Sie merkt es. Sie lächelt. — Die Kieler Straße beginnt wo der Markt aufhört. Die autofreie Einkaufsstraße. Kleine Läden. Cafés deren Stühle auf dem Pflaster stehen.
Eine Kirche mittendrin — St. Nikolai, dreizehntes Jahrhundert, roter Backstein. Der Turm ragt über alles. Ruhig. Thomas geht die Kieler Straße entlang. Er hat es nicht geplant. Er geht einfach. Ein Café hat Stühle draußen. Oktober — aber die Sonne ist jetzt stark genug. Ein Mann sitzt allein mit einem Kaffee. Er liest nichts. Er schaut auf die Straße. Thomas setzt sich an den Nebentisch. Er bestellt einen Kaffee. Er lehnt sich zurück. Die Straße ist ruhiger als der Markt. Weniger Stimmen.
Mehr Schritte. Manche schauen in Schaufenster. Manche gehen durch ohne zu schauen. Manche bleiben stehen und wissen nicht warum. Thomas hält die Tüte mit dem Honig und dem Käse auf dem Schoß. Die Wollsocken stecken oben raus. Er schaut auf sie. Weinrot. Er denkt an seinen Vater. An die dicken Socken im Winter. An die Art wie er morgens in der Küche stand. Immer früh. Immer schon wach. Mit Kaffee. Mit der Zeitung die er nie ganz las. Sein Vater war kein Mann der viel redete. Aber samstags — samstags hatte er Zeit.
Dann blieb er länger am Tisch sitzen. Dann erzählte er manchmal. Kleine Dinge. Nichts Großes. Wie der Garten aussieht. Was der Nachbar gesagt hat. Wie der Herbst riecht dieses Jahr. Thomas hatte das damals nicht geschätzt. Erst später. Viel später. Er sitzt. Er trinkt seinen Kaffee. Er lässt den Gedanken kommen. Den Gedanken an seinen Vater. Er jagt ihn nicht weg. Er hält ihn auch nicht fest. Er lässt ihn einfach da sein. Die Sonne liegt auf dem Pflaster. Der Mann am Nebentisch schaut noch immer auf die Straße.
Beide sitzen. Beide schweigen. Das ist gut so. — Ruth geht nach Hause. Durch Gassen die sie seit dreißig Jahren kennt. Die Walnüsse in der Tüte klingen leise beim Gehen. Dieses Geräusch kennt sie. Es gehört zum Samstag. Sie geht an der Bonbonkocherei vorbei. Der Duft ist noch da. Leiser jetzt. Oder sie hat sich daran gewöhnt. Beides möglich. Irgendwo zwischen Markt und dem Weg nach Hause liegt dieser Moment. Der Moment wo die Stadt einen loslässt. Wo man nicht mehr auf dem Markt ist aber noch nicht zu Hause.
Dieser Zwischenraum. Ruth mag diesen Zwischenraum. Sie geht langsam damit er länger dauert. — Mia geht in Richtung Hafen. Sie hat den Weg nicht geplant. Aber die Stadt zieht sie. Der Hafen liegt nah. Vom Markt sind es vielleicht zehn Minuten. Durch die Altstadt. An alten Häusern vorbei. An kleinen Fenstern. An Türen die aussehen als würde man sie selten öffnen. Die Gassen hier sind enger als die Kieler Straße. Stiller. Das Kopfsteinpflaster ist unebener. Man muss aufpassen. Mia passt auf.
Unter die Füße schaut sie. Dann auf die Häuser. Auf die Gassen die abbiegen ohne Ankündigung. Eine Gasse führt auf einen kleinen Platz. Kein Markt mehr hier. Nur eine Bank. Ein Baum der schon anfängt Blätter zu verlieren. Ein paar orange, ein paar noch grün. Auf dem Pflaster liegen die ersten. Mia bleibt kurz stehen. Sie schaut auf die Blätter. Oktober. Die Stadt zieht sich langsam zusammen. Nicht traurig. Nur anders. Ruhiger. Dann weiter. Zum Hafen. — Am Hafen — das Wasser.
Ruhig heute. Ein paar Boote. Segelboote verschiedener Größen. Ein Fischerboot das schon wieder draußen war heute Morgen. Man sieht es an den Netzen. Noch feucht. Aufgehängt zum Trocknen. Mia bleibt am Geländer stehen. Sie atmet ein. Jetzt kommt das Salz. Es war die ganze Zeit da. Aber hier — am Wasser — ist es stärker. Klar. Kühl. Ostsee. Sie denkt an den Morgen. Das Brot auf dem Markt. Den Zucker aus der Gasse. Und jetzt das Salz. Drei Gerüche. Einer nach dem anderen. Als hätte die Stadt ihr etwas zeigen wollen.
Als hätte die Stadt einen Bogen gezogen. Anfang, Mitte, Ende. Oder: Gestern, Heute, Irgendwann. Sie schaut auf das Wasser. Es bewegt sich kaum. Nur diese kleinen Wellen die immer kommen. Immer gleich. Ruhig. Ein Möwenschrei. Kurz. Dann wieder Stille. Mia lehnt am Geländer. Sie denkt an nichts Bestimmtes. Nur das Wasser. Nur das Salz. Nur diesen Morgen der noch nicht vorbei ist. Sie öffnet die Tüte mit den Bonbons. Sie isst einen. Zitrone. Der Geschmack passt nicht zum Salzgeruch.
Oder doch. Irgendwie doch. Süß und salzig. Das ist keine schlechte Kombination. Sie lacht kurz. Für sich. Niemand hört es. Das macht nichts. — Ruth geht zurück durch die Altstadt. Die Walnüsse in der Tüte klingen leise beim Gehen. Das Papier mit dem Brot ist noch warm. Sie geht an der Bonbonkocherei vorbei. Der Schornstein. Das Schaufenster. Die Walzen die sich langsam drehen. Ruth bleibt kurz stehen. Sie schaut auf die Walzen. Fischformen. Sie kennt die Geschichte. Früher Räucherei.
Dann Fischfabrik. Jetzt Zucker. Das gefällt ihr. Dass ein Ort sich erinnert. Auch wenn er sich verändert hat. Dass die alten Formen noch da sind. In neuen Dingen. Sie denkt: So ist das überall. Man sieht nicht immer was vorher da war. Aber manchmal sieht man es. Wenn man genau schaut. Wenn man weiß wonach man schaut. Sie geht weiter. Irgendwo zwischen Markt und dem Weg nach Hause liegt dieser Moment. Der Moment wo die Stadt einen loslässt. Wo man nicht mehr auf dem Markt ist aber noch nicht zu Hause.
Dieser Zwischenraum. Ruth mag diesen Zwischenraum. Sie geht langsam damit er länger dauert. Die Gassen werden ruhiger. Die Stimmen weniger. Nur noch der eigene Schritt. Und das leise Klingen der Walnüsse. — Der Markt ist fast leer. Die letzten Stände werden abgebaut. Das Pflaster liegt wieder frei. Krümel. Ein vergessenes Stück Papier. Die Spuren eines Morgens. Die Händler kennen diesen Moment. Das Ende des Marktes hat seinen eigenen Rhythmus. Genauso wie der Anfang. Nur umgekehrt.
Die Tücher werden gefaltet. Die Kisten gestapelt. Die Wagen vorgezogen. Der Honighändler stellt die letzten Gläser in eine Kiste. Sorgfältig. Eins nach dem anderen. Er summt etwas dabei. Leise. Man hört es kaum. Der Räucherfischhändler hängt die letzten Fische ab. Seine Hände sind geübt. Er macht das seit Jahren. Vielleicht Jahrzehnten. Jeder Handgriff sitzt. Der Brotbäcker hat fast nichts mehr. Ein halber Laib. Ein paar Brötchen. Er gibt sie zum halben Preis ab. Ein Mann nimmt alles.
Beide nicken. Das Pflaster bekommt langsam seinen Platz zurück. Der Torbogen steht. Er stand vor dem Markt. Er steht nach dem Markt. Er wird nächsten Samstag wieder stehen. Und den Samstag danach. Und in dreißig Jahren noch. Das ist keine große Sache. Aber es ist eine gute Sache. Irgendwo in der Kieler Straße sitzt Thomas noch. Der Kaffee ist kalt. Er hat ihn ausgetrunken ohne es zu merken. Er sitzt einfach. Die Sonne ist wärmer geworden. Oktober — aber an diesem Morgen fühlt es sich nicht nach Ende an.
Es fühlt sich nach etwas an das gerade beginnt. Er kann es nicht benennen. Das macht nichts. — Ruth stellt die Tüte auf den Küchentisch. Die Walnüsse. Den Honig. Sie macht das Fenster auf. Ein Spalt. Von draußen — Schritte. Eine Stimme. Das leise Geräusch der Stadt die ihren Samstagvormittag lebt. Sie setzt sich an den Tisch. Sie schält eine Walnuss. Langsam. Die Schale bricht sauber. Der Kern liegt darin. Hell. Faltig wie eine kleine Landkarte. Ruth schaut ihn an. Dann isst sie ihn.
Draußen riecht es noch nach Markt. Ein bisschen. Brot und Fisch und das Letzte vom Zucker. Fast weg. Aber noch da. — Ihr seid jetzt auch fast dort. Vielleicht liegt ihr schon. Vielleicht dreht sich noch etwas — der Tag, die Woche, das was morgen kommt. Lasst es leiser werden. Wie der Markt der sich auflöst. Wie die Stände die abgebaut werden. Wie das Pflaster das wieder frei liegt. Der Samstagmorgen gehört jetzt auch euch. Ihr müsst nicht hinfahren. Ihr seid schon da. Das Brot.
Warm in der Hand. Die Kruste rissig. Der Räucherfisch. Der Rauch der schon fast weg ist. Nur noch als Erinnerung in der Luft. Der Zucker aus der Gasse. Warm. Die Walzen die sich drehen. Die Formen die bleiben. Das Salz vom Wasser. Kühl. Immer da. — Ruth schläft. Mit dem Fenster einen Spalt offen. Die Walnussschalen liegen auf dem Tisch. Das halbe Brot liegt daneben. Morgen früh. Das weiß sie schon jetzt. Thomas liegt zu Hause. Er hat die Wollsocken auf den Nachttisch gelegt.
Weinrot. Er schaut sie noch kurz an. Dann schläft er. Mia ist noch wach. Sie sitzt am Fenster. Die Tüte mit den Bonbons neben sich. Sie schaut auf die Straße. Leer jetzt. Nur die Laternen. Sie isst noch einen Bonbon. Den letzten. Zitrone. Dann legt sie sich hin. — Der Torbogen steht. Das Pflaster liegt still. Die Stände sind weg. Aber der Geruch bleibt. Noch eine Weile. Brot. Und ganz schwach — aus der Gasse noch — Zucker. Und das Salz das immer da ist. Die Walnussschale auf dem Tisch. Das Glas Honig bernsteinfarben im Regal. Die Laternen draußen. Brot. Salz. Schlaft gut.