Eine Hörgeschichte für Erwachsene
Der Brotlaib
Es gibt Dinge, die man nicht plant. Man plant die große Route. Man plant die Städte. Man plant, wann man wo ist und wie lange. Aber was bleibt, ist selten das, was man geplant hat.
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Es gibt Dinge, die man nicht plant. Man plant die große Route. Man plant die Städte. Man plant, wann man wo ist und wie lange. Aber was bleibt, ist selten das, was man geplant hat. Was bleibt, ist der Moment davor. Der Moment danach. Das, was am Rand passiert. Während man woanders hinschaut. San Francisco ist eine Stadt, die man sofort versteht. Nicht weil man sie kennt. Sondern weil sie so ist, wie man sich eine Stadt vorstellt, die man noch nicht kennt. Die Hügel. Die Farben.
Das Licht. Das Licht ist anders hier. Nicht das Licht von Los Angeles, das breit und flach ist und alles gleich macht. Hier fällt es schräg. Es fällt zwischen Gebäuden hindurch. Es macht Schatten, die sich bewegen. Die sich den Hügel hinunterschieben, wenn der Tag weitergeht. Wenn die Sonne wandert und die Stadt sich mit ihr dreht. Ganz langsam. Ganz ohne Eile. Die Stadt empfängt einen anders als Los Angeles. In Los Angeles kommt man an und die Stadt ist überall. Sie ist links und rechts und vorne.
Sie hört nicht auf. Sie hat keine Mitte. San Francisco hat eine Mitte. Man spürt sie. Man findet sie. Man läuft und läuft und dann ist man plötzlich mittendrin. Nicht weil man es gesucht hat. Sondern weil die Stadt einen dorthin geführt hat. Über die Hügel. Durch die Straßen. An der Bucht entlang. Der PT Cruiser steht in einer Tiefgarage. Man braucht ihn hier nicht. Das ist das erste Mal auf dieser Reise, dass man ihn nicht braucht. In Los Angeles war er notwendig. In Death Valley war er notwendig.
In Las Vegas, auf dem Weg zum Grand Canyon, auf dem Weg zum Hoover Dam. Immer notwendig. Hier nicht. Hier geht man. Hier fährt man Straßenbahn. Hier ist die Stadt so gemacht, dass man sie zu Fuß versteht. Das ist ein Geschenk. Das merkt man erst, wenn man es hat. Karl ist da. Karl the Fog. Man hat davon gelesen. Man hat davon gehört. Dass San Francisco seinen Nebel hat. Dass der Nebel einen Namen hat. Dass er kommt, wenn er kommen will. Und geht, wenn er gehen will. Dass er manchmal bleibt.
Den ganzen Tag. Den ganzen Sommer. Als wäre er ein Teil der Stadt. Als wäre er eingeladen. Als wäre er willkommen. An diesem Morgen ist er da. Er liegt über der Bucht. Er liegt über den Hügeln. Er macht die Golden Gate Bridge halb unsichtbar. Man sieht die Türme. Man sieht die Kabel. Aber das, was dazwischen liegt, ist Grau. Ist Weiß. Ist nichts und ist alles auf einmal. Man steht und schaut. Man denkt: das ist dieser Ort. Das ist San Francisco. Nicht das Sonnige, das man auf Postkarten sieht.
Sondern das Graue. Das Verhangene. Das, was man nicht erwartet hat. Und das man trotzdem sofort versteht. Man geht durch die Straßen. Die Straßen steigen. Die Straßen fallen. Nie flach. Immer in Bewegung. Man läuft einen Hügel hinauf und steht oben und atmet. Man schaut zurück. Man schaut hinüber. Die Stadt breitet sich aus. Die Häuser in Reihen. Die Farben. Dieses Mintgrün. Dieses Cremeweiß. Dieses Blassblau, das man in keiner anderen Stadt so sieht. Die Painted Ladies. Man findet sie nicht sofort.
Man läuft. Man fragt. Man läuft wieder. Dann sind sie da. Auf einmal. Man biegt um eine Ecke und da sind sie. Diese sechs Häuser. Nebeneinander. In diesen Farben. Mintgrün, Cremeweiß, Blassblau, Buttergelb. Dahinter die Türme der Stadt. Dahinter der Himmel. An diesem Nachmittag ohne Karl. Einfach blau. Man macht ein Foto. Man macht mehrere. Man schaut auf das Display. Das Foto zeigt die Häuser. Das Foto zeigt die Farben. Aber es zeigt nicht, wie es sich anfühlt, dort zu stehen.
Wie die Sonne auf dem Gesicht ist. Wie der Wind von der Bucht kommt. Wie man gerade gelaufen ist und jetzt steht und atmet. Und denkt: gut. Einfach gut. Das ist genug. Das war immer genug. Man muss nicht alles erklären. Manche Dinge sind einfach so. Das Hotel ist nicht teuer. Es ist eins von diesen Hotels, die man mit dem Rabattheft findet. Das kleine Heft mit den Rabatten für Motelketten. Zwanzig Prozent hier. Fünfzehn Prozent dort. Man hat es am Anfang der Reise am Flughafen mitgenommen.
Man hat es fast vergessen. Und dann, in Las Vegas, hat man es das erste Mal aufgeschlagen. Und seitdem benutzt man es. Es funktioniert. Die Zimmer sind einfach. Sauber. Ein Bett. Ein Badezimmer. Ein Fernseher, der amerikanische Sender zeigt. Und morgens, im Frühstücksraum, das immer gleiche Buffet. Die Donuts. Die Muffins. Der French Toast, der schon fertig ist und unter einer Wärmelampe steht. Der Kaffee aus der Maschine. Dieser Pulverkaffee, der nach nichts schmeckt, das man kennt.
Und den man trotzdem trinkt. Weil er zu dieser Reise gehört. So wie der PT Cruiser dazugehört. So wie das Rabattheft dazugehört. So wie die Weite dazugehört. Das amerikanische Frühstück ist eine eigene Welt. Man lernt sie kennen, über die Tage. Die Donuts, die in einem Plastikbehälter liegen. Manchmal frisch, manchmal von gestern. Die Muffins, die größer sind als man erwartet. Der French Toast. Goldgelb. Leicht angebrannt an den Rändern. Immer derselbe Kaffee dazu. Immer richtig.
Man frühstückt langsam. Man schaut aus dem Fenster des Frühstücksraums. Eine Straße. Noch leer. Noch ruhig. Es ist keine Eile. Es gibt nirgendwo eine Eile auf dieser Reise. Das hat man gelernt. In Los Angeles hat man noch gehetzt. Noch gedacht: man muss, man will, man soll. In Death Valley hat man angefangen zu verstehen. In Las Vegas hat man aufgehört, die Zeit zu zählen. Und jetzt, in San Francisco, frühstückt man einfach. Man trinkt den schlechten Kaffee. Man isst den French Toast.
Man schaut auf die Straße draußen. Auf die Menschen, die vorbeigehen. Auf die Hügel, die man dahinter ahnt. Es gibt einen Markt. Man findet ihn zufällig. Man läuft eine Straße entlang, die man noch nicht kennt. Und dann ist er da. Stände. Gemüse. Obst. Käse. Brot. Menschen, die einkaufen. Nicht Touristen. Einheimische. Menschen, die hier wohnen. Die hier jeden Samstag kommen. Die wissen, welcher Stand die frischesten Tomaten hat. Man geht durch die Reihen. Man schaut. Man kauft nichts.
Man hat keine Küche. Man hat keinen Platz. Aber man schaut. Man schaut auf die Farben. Das Orange der Kürbisse. Das Rot der Tomaten. Das Grün der Kräuter. Eine Frau verkauft Blumen. Rote Dahlien. Weiße Lilien. Sie ordnet sie gerade. Sie tut es mit einer Sorgfalt, die man nur hat, wenn man Dinge liebt. Man steht und schaut. Die Frau schaut kurz hoch. Sie lächelt. Man geht weiter. Am Rand des Marktes gibt es einen Mann. Er verkauft Kaffee. Echten Kaffee. Nicht Pulver. Man kauft einen Becher.
Er schmeckt nach echtem Kaffee. Nach gebrannten Bohnen. Nach Bitterkeit, die nicht unangenehm ist. Man steht und trinkt. Und denkt: das ist der Unterschied. Zwischen dem Kaffee im Hotel und diesem. Zwischen dem, was man braucht, und dem, was man will. Beides hat seinen Platz. Beides gehört zur Reise. Man geht durch den Markt. Man schaut. Man trinkt. Man kauft nichts. Man braucht nichts zu kaufen. Man ist einfach da. In dieser Stadt. An diesem Morgen. Mit diesem Kaffee. Das reicht vollständig.
Es gibt einen Starbucks. Den ersten Starbucks. Nicht den allerersten, der je gebaut wurde. Aber den ersten, den man betritt. Den ersten, in dem man steht und bestellt und wartet. Man bestellt etwas, das man nicht ganz kennt. Man versucht, es richtig auszusprechen. Die Frau hinter der Theke lächelt. Nicht weil man es falsch gemacht hat. Einfach so. Weil das hier so ist. Man nimmt den Becher. Man geht nach draußen. Die Stadt ist laut. Die Stadt ist lebendig. Und man steht mittendrin und trinkt seinen Kaffee und schaut.
Dann hört man ihn. Noch bevor man ihn sieht. Eine Gitarre. Akustisch. Nicht laut. Aber klar. Diese Art von Klarheit, die entsteht, wenn jemand wirklich spielen kann. Wenn die Finger wissen, was sie tun. Wenn die Musik nicht nachdenkt. Er sitzt auf einer Kiste. Ein Mann. Nicht jung, nicht alt. Jeans. Ein Hemd, das nicht neu ist. Eine Gitarre auf den Knien. Vor ihm ein offenes Etui. Ein paar Scheine darin. Ein paar Münzen. Er schaut nicht hoch. Er schaut auf seine Finger. Er spielt.
Wild World. Man erkennt es nach zwei Takten. Dieser Rhythmus. Diese Akkorde. Cat Stevens. Man kennt das Lied. Man kennt es gut. Man hat es als Kind gehört, irgendwo. Im Radio. Bei Eltern oder Großeltern oder wer auch immer es aufgelegt hatte. Aber man hat es nie so gehört. Nicht so. Nicht hier. Nicht auf einem Gehweg in San Francisco, mit dem Nebel dahinter und der Bucht dahinter und dem Geruch nach Salz und Kaffee. Der Mann singt leise. Nicht für die Menge. Es gibt keine Menge.
Ein paar Menschen gehen vorbei. Manche bleiben kurz stehen. Manche nicht. Er singt trotzdem. Er singt für sich. Oder für die Stadt. Oder für niemanden. Oder für alle, die zufällig vorbeikommen und zuhören. Für einen kurzen Moment. Für so lange, wie sie stehen bleiben. Man bleibt stehen. Man trinkt seinen Starbucks. Man schaut den Mann an. Er schaut nicht hoch. Seine Finger laufen über die Saiten. Automatisch. Als wären sie das schon tausendmal gelaufen. Als würden sie es tausendmal wieder laufen.
Der Song geht zu Ende. Eine kurze Pause. Die Finger wechseln die Position. Und dann beginnt Father and Son. Man erkennt es sofort. Diese Melodie, die man kennt wie ein altes Zimmer. Wie etwas, das immer da war. Wie etwas, das nie ganz weggeht. Father and Son. Ruhiger als Wild World. Weicher. Eine Geschichte zwischen zwei Menschen. Einer, der bleiben will. Einer, der gehen muss. Oder umgekehrt. Man ist nie ganz sicher, wer recht hat. Das ist das Schöne daran. Das ist vielleicht das Ehrlichste daran.
Man legt einen Schein ins Etui. Der Mann schaut kurz hoch. Nickt. Sagt nichts. Spielt weiter. Man geht weiter. Ein paar Schritte später dreht man sich noch einmal um. Der Mann spielt noch. Er hat nicht aufgehört. Er hört so schnell nicht auf. Man kann ihn noch hören. Ganz leise. Immer leiser. Dann ist man um eine Ecke. Dann ist er weg. Aber die Melodie ist noch da. Father and Son. Wild World. Moonshadow vielleicht. Morning Has Broken. Einer dieser Songs. Die man nicht sucht.
Die einfach da sind. Die einfach bleiben. Weil sie so sind. Weil sie so gemacht wurden. Um zu bleiben. Die Cable Car. Man hat davon gewusst. Man hat Bilder gesehen. Man hat gelesen, wie sie funktioniert. Aber man hat es nicht verstanden, bis man davor steht. Bis man sieht, was in der Erde passiert. Man wartet an der Haltestelle. Andere Menschen warten auch. Einige schauen auf ihre Telefone. Eine Frau hält Einkaufstüten. Ein Kind schaut auf die Schienen. Man schaut auch auf die Schienen.
Die Cable Car kommt um die Ecke. Sie klingelt. Dieses Klingeln, das man schon von weitem hört. Das nicht elektronisch ist. Das eine Glocke ist. Eine echte Glocke. Der Gripman zieht an einem Seil. Die Glocke klingelt. Das war immer so. Das wird immer so sein. Sie hält. Man steigt ein. Man greift eine Stange. Die Stange ist aus Metall. Kalt. Glatt. Tausende Hände haben sie gehalten. Seit 1873. Zwischen den Gleisen ist ein Schlitz. Ein schmaler Schlitz im Asphalt. Man schaut hinein.
Man sieht nichts. Aber da unten, in der Tiefe, bewegt sich etwas. Ein Seil. Ein Stahlseil. Es läuft die ganze Strecke entlang. Unter der ganzen Stadt. Ununterbrochen. Mit immer gleicher Geschwindigkeit. Es stoppt nie. Es wartet nicht. Es läuft einfach. Von einem Ende der Strecke zum anderen und wieder zurück. Angetrieben von einem Motor irgendwo in der Stadt. Die Cable Car selbst hat keinen eigenen Motor. Sie ist ein Wagen auf Schienen. Nicht mehr. Aber der Mann vorne. Der Gripman.
Der hat einen Hebel. Einen großen Hebel. Und mit diesem Hebel greift er nach unten. Durch den Schlitz. An das laufende Seil. Eine Art riesige Zange. Sie klemmt das Seil. Und weil das Seil läuft, fährt die Cable Car. Will er langsamer? Er löst den Griff ein bisschen. Will er stoppen? Er lässt das Seil los. Vollständig. Nicht mehr. Das ist der ganze Mechanismus. Ein Seil in der Erde. Eine Zange. Ein Hebel. Seit 1873. Seit dem ersten Tag. Man steht an der Haltestelle. Die Cable Car kommt.
Sie klingelt. Dieses Klingeln, das zu dieser Stadt gehört wie die Hügel dazugehören. Man steigt ein. Man greift die Stange. Der Gripman zieht den Hebel. Unter dem Boden klemmt die Zange das Seil. Und die Stadt beginnt sich zu bewegen. Den Hügel hinauf. Steil. Sehr steil. Steiler als man es aus dem Flachen kennt. Man hält sich fest. Der Wind kommt. Man sieht die Straße unter sich. Man sieht das Wasser am Ende der Straße. Direkt am Ende. Als wäre die Stadt ins Wasser gebaut. Als würde sie jeden Moment hineinfallen.
Aber sie fällt nicht. Sie hält. Oben. Man schaut. Die ganze Stadt auf einmal. Die Bucht. Karl, der noch über der Brücke hängt. Die Hügel drüben. Alles auf einmal. Den Hügel hinunter. Jetzt ist es anders. Bergab ist das Seil noch da. Aber der Gripman hält es loser. Gerade so fest, dass die Geschwindigkeit stimmt. Und dazu die Bremsen. Hölzerne Bremsblöcke, die auf die Schienen drücken. Man hört es. Dieses Schleifen. Dieses Zischen. Dieser Geruch nach warmem Holz und Metall. Am Ende der Strecke, unten am Wasser, dreht der Wagen um.
Manuell. Vier, fünf Männer schieben den Wagen auf eine Drehscheibe. Sie drehen. Von Hand. Die ganze schwere Cable Car. Bis sie in die andere Richtung zeigt. Seit 1873. Seit dem ersten Mal. Immer so. Kein Knopf. Kein Motor. Nur Menschen, die schieben. Man steht am Wasser. Die Beine sind noch ein bisschen wackelig. Nicht weil es gefährlich war. Einfach weil es neu war. Weil der Körper noch nicht weiß, was er davon halten soll. Man dreht sich um. Man schaut der Cable Car nach. Sie fährt zurück.
Den Hügel hinauf. Langsam. Immer gleichmäßig. Weil das Seil unter ihr gleichmäßig läuft. Weil das Seil nie schneller und nie langsamer wird. Weil das der einzige Weg ist, wie diese Stadt funktioniert. Mit etwas, das immer läuft. Das man nicht sieht. Aber das trägt. Man läuft durch die Viertel. North Beach. Enge Straßen. Kleine Restaurants. Menschen, die reden. Laut. Mit Händen. Chinatown. Ein Tor. Rot und grün und gold. Auf der anderen Seite eine andere Welt. Andere Schilder.
Anderes Gemüse. Andere Gesichter. San Francisco auf eine andere Art. Aber trotzdem San Francisco. Lombard Street. Die krummste Straße der Welt, sagen manche. Man fährt sie hinunter. Mit dem PT Cruiser. Den ganzen Weg oben angestellt. Eingefädelt in die Schlange der anderen Autos. Alle langsam. Alle im Schritttempo. Acht Kurven in einem Block. Rote Hortensien links und rechts. Man lenkt. Links. Rechts. Links. Rechts. Die Hortensien so nah, dass man sie fast berühren könnte. Immer wieder.
Der Wagen ist breit für diese Straße. Nicht zu breit. Aber man spürt es. Man spürt, wie schmal es ist. Wie die Hortensien ganz nah sind. Wie die anderen Autos ganz nah sind. Unten. Man ist unten. Man dreht sich im Sitz um. Man schaut nach oben. Die Kurven. Die Hortensien. Die anderen Autos, die noch fahren. Langsam. Im Zickzack. Genau wie man selbst. Vor einer Minute. Man lacht. Einfach so. Die Frau lacht auch. Man schaut sich an. Man weiß, was der andere denkt. Das war gut.
Man denkt: Das machen wir nicht nochmal. Oder doch. Vielleicht doch. Fisherman's Wharf ist nicht das, was man erwartet. Es ist touristischer als man dachte. Lauter. Voller Menschen, die alle dasselbe suchen. Und trotzdem. Es gibt einen Moment, in dem man am Wasser steht. In dem man aufs Meer schaut. Auf die Bucht. Auf das, was dahinter liegt. Und in dem man versteht, warum alle kommen. Das Wasser. Die Möwen. Der Geruch. Dieser Geruch nach Salz und Fisch und etwas, das man nicht benennen kann.
Aber das nach Küste riecht. Nur anders als Norddeutschland. Weiter irgendwie. Als wäre der Pazifik größer als die Nordsee. Was er ist. Was er tatsächlich ist. Irgendwo an der Pier ist ein Schild. Man sieht es und muss lachen. Forrest stop here. Ein Schild, das an den Film erinnert. An diesen Mann, der quer durch Amerika läuft. Der am Wasser ankommt und einfach stoppt. Weil er irgendwann aufhört. Weil man irgendwann aufhört. Man macht ein Foto davon. Weiß selbst nicht ganz warum.
Aber es passt. Irgendwie passt es. Und dann, von irgendwo, ein Geräusch. Laut. Rau. Fast klagend. Man schaut. Pier neununddreißig. Die Seelöwen. Sie liegen auf Holzpontons, die im Wasser treiben. Dutzende. Übereinandergestapelt manchmal. Einer schiebt einen anderen. Der andere schiebt zurück. Sie bellen. Sie schlafen. Sie rutschen ins Wasser und klettern wieder raus. Man schaut lange. Die Seelöwen schauen zurück. Oder auch nicht. Es ist ihnen egal. Sie sind die Einheimischen hier.
Schon seit den achtziger Jahren. Sie kamen einfach. Und blieben. Weil das Wasser hier gut ist. Weil die Pontons da sind. Weil niemand sie wegjagt. Man steht und schaut und versteht, dass manche Entscheidungen sehr einfach sind. Wenn das Wasser gut ist. Wenn der Platz da ist. Wenn niemand nein sagt. Dann bleibt man. So einfach ist das. So selten ist das. Es gibt ein anderes Schild. Holz. Handgemalt. Clam Chowder. Man stellt sich an. Die Frau dahinter macht es hundertmal am Tag.
Man sieht es. Sie greift den Laib. Sie schneidet den Deckel ab. Sie höhlt ihn aus. Mit schnellen, geübten Griffen. Die Suppe kommt aus einem großen Topf. Sie schöpft. Sie setzt den Deckel drauf. Und dann hält man es in den Händen. Diesen ausgehöhlten Brotlaib. Mit der Suppe darin. Die Suppe ist heiß. Sie dampft. Sie riecht nach Muscheln und Sahne und etwas, das nach Meer schmeckt. Die Suppe läuft nicht aus. Das Brot wird nicht weich. Man versteht nicht ganz, wie das funktioniert.
Aber es funktioniert. Man steht am Wasser. Man isst. Man schaut auf die Bucht. Man isst die Suppe. Und dann isst man das Brot. Das Brot, das nach Suppe schmeckt. Das nach allem schmeckt, was darin war. Das nach Muscheln schmeckt und nach Sahne und nach Salz. Und nach diesem Tag. Und nach dieser Stadt. Man sitzt auf einer Bank. Am Wasser. Die Sonne auf dem Gesicht. Die Bucht vor einem. Alcatraz in der Ferne. Daneben die Möwen. Sie halten Abstand. Einen respektvollen Abstand. Aber sie schauen.
Sie wissen, was man in der Hand hält. Man lässt es nicht übrig. Man isst alles. Den letzten Rest. Den Boden. Den Rand. Man hält den leeren Laib in der Hand. Er ist leicht jetzt. Er war voll und jetzt ist er leer. Und man denkt: das war gut. Das war sehr gut. Alcatraz liegt in der Bucht. Man kann es sehen von hier. Diese grauen Gebäude. Diese stille Insel. Man fährt rüber. Das Schiff ist klein. Die Überfahrt dauert fünfzehn Minuten. Vielleicht zwanzig. Die Bucht ist ruhig. Das Wasser ist dunkel.
Fast schwarz, aus der Nähe. Kälter, als man erwartet. Viel kälter. Schon vom Schiff aus spürt man es. Den Wind. Die Gischt. Diese andere Kälte. Diese Kälte, die nichts mit Norddeutschland zu tun hat. Die von woanders kommt. Aus dem Pazifik. Aus der Tiefe. Man versteht, warum niemand von hier wegschwimmen konnte. Das Wasser lässt es nicht zu. Es ist zu kalt. Zu stark. Zu weit. Und die Stadt ist so nah. Das ist das, was einen trifft. Diese Nähe. Diese Stadt, die man sehen kann.
Und die man trotzdem nicht erreichen kann. Nicht von dort. Nicht durch dieses Wasser. Alcatraz ist still. Auch mit den anderen Besuchern. Es ist still auf eine Art, die sich nicht erklärt. Die Gänge. Die Zellen. Die kleinen Fenster. Man schaut durch so ein Fenster. Man sieht das Wasser. Man sieht San Francisco. Die Stadt, die man gerade verlassen hat. So nah. Und so weit weg. Eine Stimme läuft über Kopfhörer. Eine aufgezeichnete Stimme. Ruhig. Sachlich. Sie sagt: das hier war der Speisesaal.
Dreimal am Tag haben sie hier gegessen. Schweigend, in den ersten Jahren. Später durften sie reden. Leise. Das hier war der Hof. Eine Stunde pro Tag, in früheren Zeiten. Mehr später. Die Männer haben Handball gespielt, manchmal. Oder Baseball. Oder einfach gelaufen. Im Kreis. Immer im Kreis. Die Mauern auf allen Seiten. Das Wasser dahinter. Die Zellen sind kleiner als man denkt. Wirklich kleiner. Ein Bett. Ein Waschbecken. Ein Regal. Nicht mehr. Aber ein Fenster. Immer ein Fenster.
Durch das man den Himmel sieht. Nur den Himmel. Und manchmal die Brücke. Die Brücke, über die man nicht kann. Man geht durch den Gang. Die Türen stehen offen. Heute stehen sie offen. Früher nicht. Früher waren sie zu. Früher war dieses Rollen das lauteste Geräusch im Gang. Das Rollen der Schienen. Das Klicken des Schlosses. Man stellt sich vor, wie das klingt. Man ist froh, dass man es sich nur vorstellen muss. Man hört zu. Man geht. Man schaut. Man versteht, dass dieser Ort eine Geschichte hat, die größer ist als ein Nachmittag.
Als eine Woche. Als eine Reise. Und dass ein Nachmittag trotzdem reicht. Um etwas davon zu fühlen. Um etwas davon mitzunehmen. Nicht alles. Aber genug. Das Schiff bringt einen zurück. Die Überfahrt zurück ist anders als die Hinfahrt. Man schaut nicht mehr auf Alcatraz. Man schaut auf die Stadt. Auf das, was wartet. Auf das, was noch kommt. Auf die Hügel, die im Nachmittagslicht anders sind. Wärmer. Gelber. Als wären sie ein anderes Licht als heute Morgen. Als hätte die Stadt sich verändert, während man weg war.
Aber natürlich nicht. Die Stadt ist dieselbe. Man ist ein bisschen anders. Die Stadt empfängt einen. Die Sonne steht tiefer jetzt. Karl ist irgendwann am Nachmittag gegangen. So ist Karl. Man ist auch auf der Golden Gate Bridge gewesen. An einem anderen Tag. Man hat sie zu Fuß überquert. Rauf. Runter. Das klingt einfach. Es ist nicht ganz einfach. Der Wind auf der Brücke ist anders als der Wind in der Stadt. Der Wind auf der Brücke kommt von beiden Seiten gleichzeitig. Er drückt von links.
Er drückt von rechts. Man hält sich am Geländer. Man schaut hinunter. Das Wasser ist weit unten. Sehr weit. Grün und grau und kalt. Man schaut nach links. Die Stadt. Die Hügel. Das Weiß der Häuser. Man schaut nach rechts. Die Bucht. Marin County. Die grünen Hügel drüben. Und man denkt: das hier ist es. Das, wofür man nach San Francisco kommt. Nicht die Brücke selbst. Nicht das Stahlseil, das größer ist als man dachte. Nicht die Höhe. Sondern dieser Blick. Diese eine Sekunde, in der man steht und in alle Richtungen schaut und alles sieht.
Und versteht. Ohne Worte. Einfach versteht. Man geht die ganze Brücke. Rauf. Runter. Den Fußweg entlang. Links die Stadt. Rechts das offene Meer. Der Wind drückt. Immer. Man hält sich am Geländer. Man schaut hinunter. Das Wasser ist weit unten. Grün und grau und kalt. Sehr kalt. Man möchte nicht wissen, wie kalt. Auf der anderen Seite steht man und schaut zurück. Die Brücke. Die Stadt dahinter. Die Hügel. Man versteht, warum Menschen hierher kommen und fotografieren. Warum alle fotografieren.
Man fotografiert auch. Und weiß, dass das Foto nicht zeigt, wie der Wind ist. Wie die Brücke schwingt, ganz leicht. Wie man das spürt. Unter den Füßen. Immer. Und die Stadt leuchtet jetzt anders. Klarer. Schärfer. Als hätte sie sich ausgezogen. Als wäre das ihr eigentliches Gesicht. Man geht durch die Stadt. Man kennt sie jetzt ein bisschen. Man kennt jetzt die Straße, die steil ist. Man kennt den Laden, der immer offen ist. Man kennt die Richtung zum Wasser. Die man immer spürt.
Auch wenn man sie nicht sieht. Man geht nach dem Rückweg vom Schiff durch die Stadt. Ohne Ziel. Die Straßen leeren sich langsam. Nicht ganz. San Francisco leert sich nie ganz. Aber es wird ruhiger. Die Lichter der Restaurants brennen. Irgendwo Musik. Man hört sie einen Moment lang. Dann ist man vorbei. Man läuft an einem kleinen Laden vorbei. Der Laden ist noch offen. Man schaut durchs Fenster. Bücher. Nur Bücher. Ein Mann sitzt drin und liest. Er liest in seinem eigenen Laden.
Er sieht nicht hoch. Er braucht nicht hochzusehen. Er ist beschäftigt. Man geht weiter. Die Bucht ist in der Ferne. Man sieht sie nicht mehr. Aber man weiß, in welcher Richtung sie ist. Das lernt man in dieser Stadt. Man lernt, wohin das Wasser ist. Immer. Ganz automatisch. Weil es wichtig ist. Weil es der Orientierungspunkt ist. Die Nacht macht die Stadt anders. Die Hügel machen es anders. Die Lichter verteilen sich. Oben. Unten. In der Ferne. Man sieht Lichter, die man nicht verorten kann.
Die einfach da sind. Die zur Stadt gehören wie die Hügel dazugehören. Wie das Wasser dazugehört. Wie Karl dazugehört, auch wenn er heute weg ist. Am Abend ist man in einem Restaurant. Man sitzt am Fenster. Man schaut auf die Straße. Man redet über den Tag. Über das Brot. Über die Suppe. Über Alcatraz. Über das Forrest-Schild. Über den Gripman und das Seil in der Erde. Über Karl, der da war und dann weg war. Über den Mann mit der Gitarre. Über Wild World. Über Father and Son.
Man redet und isst und schaut auf die Straße. Und man denkt: das war ein guter Tag. Ein sehr guter Tag. Ein Tag, den man nicht geplant hat. Den man einfach hatte. Draußen wird es ruhiger. Die Stadt legt sich. Nicht ganz. San Francisco legt sich nie ganz. Aber die Straße draußen wird leerer. Die Stimmen weniger. Die Lichter bleiben. Die Hügel bleiben. Das Wasser bleibt. Irgendwo draußen fährt noch eine Cable Car. Man hört sie, ganz leise. Dieses Klingeln. Dieses Rollen. Es gibt Dinge, die man nicht plant.
Den ausgehöhlten Brotlaib. Den ersten Starbucks. Karl, der da war und dann weg war. Das Schiff nach Alcatraz. Den Mann mit der Gitarre. Wild World in einer fremden Stadt. Die Cable Car den Hügel hinauf. Das Seil in der Erde. Das Forrest-Schild. Diese Woche, die man nicht so geplant hatte. Diesen Abend, der jetzt vorbei ist. Der aber nicht weg ist. Der nie ganz weggeht. Das Hotel wartet. Das Rabattheft liegt auf dem Tisch. Man wird es morgen wieder aufschlagen. Man wird die nächste Etappe planen.
Den Highway One. Die Küste zurück. Das lange Fahren. Das Meer. Die Klippen. Aber das ist morgen. Morgen ist weit. Heute ist noch dieser Abend. Dieser letzte Abend in San Francisco. Mit dem Licht, das jetzt anders ist. Mit der Stille, die kommt. Wenn die Stadt sich legt. Wenn die Hügel still werden. Wenn das Wasser nicht mehr zu hören ist. Nur zu ahnen. Das Bett ist einfach. Das Zimmer ist einfach. Die Nacht ist still. Stiller als man erwartet hat. Für eine Stadt, die sich nie ganz legt.
Aber irgendwann, tief in der Nacht, wird es ruhig. Auch hier. Auch in San Francisco. Irgendwo draußen fährt noch eine Cable Car. Man hört sie, ganz leise. Dieses Klingeln. Dieses Rollen. Das letzte Klingeln des Tages. Das Seil unter ihr läuft weiter. Das Seil stoppt nie. Auch nicht jetzt. Auch nicht nachts. Es läuft immer. Durch die ganze Stadt. Unter den Hügeln hindurch. Unter den Straßen, die jetzt still sind. Unter den Menschen, die schlafen. In der Stille der Nacht. Immer.
Morgen früh werden sie einsteigen. In den PT Cruiser. Sie werden aus der Tiefgarage fahren. Sie werden die Stadt verlassen. Nicht für immer. Niemand verlässt San Francisco für immer. Man kommt immer zurück. Irgendwann. Aber das ist morgen. Heute schläft man. Man schläft. Draußen leuchtet die Stadt. Draußen klingelt irgendwo eine Cable Car. Das Seil läuft. Das Brot war gut. Die Suppe war heiß. Das Wasser war kalt. Die Insel war still. Der Mann hat gespielt. Wild World. Father and Son. Die Melodie bleibt. Das Brot bleibt.