Eine Hörgeschichte für Erwachsene
Der Straßenmusiker
Er spielte Cat Stevens. Das ist alles, was man noch weiß. Und dass die Gitarre gut klang. Und dass seine Stimme nah dran war. Nicht perfekt. Aber warm. Und ehrlich.
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Er spielte Cat Stevens. Das ist alles, was man noch weiß. Und dass die Gitarre gut klang. Und dass seine Stimme nah dran war. Nicht perfekt. Aber warm. Und ehrlich. Das Ehrliche ist das Wichtigste. Das Ehrliche übersteht die Zeit. Das Perfekte vergisst man irgendwann. Das Ehrliche nicht. Das bleibt. Das sitzt anders. Das geht tiefer. Und es braucht keine Perfektion dafür. Es braucht nur diese eine Sache: Dass man meint, was man spielt. Dass man da ist, wenn man spielt. Ganz da.
Der Mann war ganz da. Man hat das gespürt. Nicht gedacht. Gespürt. Das ist der Unterschied. Er spielte Cat Stevens. Und man blieb stehen. Obwohl man eigentlich weiterwollte. San Francisco. Man ist angekommen. Nach dem langen Süden. Nach der Wüste, die man kannte. Nach Palm Springs, nach dem Death Valley, nach Las Vegas. Nach dem Hoover Dam, der aussieht wie ein Monument für etwas, das die Menschen können, wenn sie wollen. Nach dem Pazifik, den man zum ersten Mal gesehen hat.
Nicht auf einem Foto. Wirklich. Man stand am Strand und dachte: Das ist also das Ende. Das Ende des Landes. Und dahinter: nichts außer Wasser. Das war ein Gedanke, der eine Weile brauchte. Der sackte. Das war zu zweit. Dieser Gedanke, der sackte. Das ist die Hochzeitsreise. Nicht die Hotels. Nicht die Sehenswürdigkeiten. Nicht die Fotos, die man macht. Die Gedanken, die man zusammen hat. Die Stille, die man zusammen hält. Das Staunen, das man zusammen staunen darf. Das ist die Hochzeitsreise.
Jetzt San Francisco. Die Küste nach oben. Der Norden. Das kühlere Amerika. San Francisco riecht anders als Los Angeles. Schon beim Aussteigen merkt man es. Die Luft ist schwerer. Feuchter. Sie hat Gewicht. Man atmet ein und denkt: Ah. Das ist das Meer, das wirklich da ist. Nicht als Kulisse. Als Tatsache. San Francisco ist eine Halbinsel. Fast eine Insel. Das Wasser ist überall. Links die Bucht. Rechts der Pazifik. Nördlich das Meer. Man spürt das. Nicht mit dem Verstand. Mit dem Körper.
Diese Schwere in der Luft. Dieses Salz, das man schmeckt, wenn der Wind kommt. Dieses Gefühl, dass man hier nicht zu weit gehen kann, ohne ans Wasser zu stoßen. Das ist ein gutes Gefühl. Das begrenzt einen auf eine ruhige Art. San Francisco ist kleiner als Los Angeles. Dichter. Hügeliger. Europäischer, sagen manche. Das stimmt, ein bisschen. Die Straßen, die sich um Hügel winden. Die viktorianischen Häuser mit ihren Holzfassaden. Die painted Ladies. Die bunten Häuser, die in Reihen stehen, als hätte jemand beschlossen: Hier ist Schönheit erlaubt.
Hier darf es aussehen. Man sieht sie von Alamo Square. Ein Park. Man sitzt auf dem Rasen. Andere Touristen neben einem. Alle machen dasselbe Foto. Die painted Ladies vorne. Die Skyline dahinter. Man macht es auch. Und dann schaut man auf das Foto später. Zu Hause. Das Foto ist gut. Aber es trifft nicht, was man gefühlt hat. Es trifft nie, was man gefühlt hat. Die painted Ladies im Foto sind kleiner als auf dem Platz. Das ist immer so. Das Sehen ist größer als das Fotografieren.
Das weiß man. Und macht das Foto trotzdem. Weil man es machen muss. Weil man beweisen will: Ich war hier. Ich habe das gesehen. Als wäre das Sehen selbst nicht genug. Dabei ist das Sehen genug. Das Sehen ist alles. Die Hügel. San Francisco hat sieben. Sieben Hügel. Wie Rom. Das sagen die San Franciscaner. Man glaubt es ihnen. Man geht sie nicht alle. Aber man geht. Man geht und merkt: Diese Stadt ist nicht flach. Diese Stadt macht einem etwas aus. In Los Angeles geht man und kommt an.
In San Francisco geht man und steigt. Man keucht, manchmal. Man hält an. Man schaut zurück. Und dann sieht man: die Stadt. Die Straße, die man heraufgegangen ist. Die Häuser, die kleiner werden, je weiter man zurückschaut. Die Bucht am Horizont. Grau-blau. Das Wasser, das immer da ist. Das ist das Geschenk der Hügel. Dass man sieht. Immer wieder. Unerwartet. Man biegt ab und da ist ein Ausblick, den man nicht gesucht hat. Die Stadt liegt unter einem. Und für einen Moment ist man sehr still.
Man schaut und sagt nichts. Die Frau neben einem schaut auch. Man braucht keine Worte. Die Stadt sagt alles. Der Nebel. San Francisco hat Nebel. Das hat man nicht erwartet. Im Sommer. In Kalifornien. Nebel. Man hat Sonne erwartet. Man hat Wärme erwartet. Man hat bekommen: Karl. Die Locals nennen den Nebel Karl. Das hat man irgendwo gelesen. Oder jemand hat es einem gesagt, in einem Café. Karl. Als wäre der Nebel ein alter Mann, der jeden Morgen die Stadt besucht. Der über das Wasser kommt.
Der sich über die Hügel legt. Der die Golden Gate Bridge schluckt. Einfach so. Weil er es kann. Weil er schon immer da war. Bevor es die Brücke gab. Bevor es die Stadt gab. Karl war da. Und er kommt wieder. Jeden Tag, wenn er will. Die Golden Gate im Nebel. Nur die Türme schauen raus. Die roten Türme. Das hat man nicht auf dem Foto gesehen. Das Foto zeigt immer die klare Brücke. Das Foto zeigt, was die Brücke ist, wenn Karl nicht da ist. Aber wenn Karl da ist, ist die Brücke etwas anderes.
Etwas Schöneres. Das Flüchtige. Das, was kommt und geht. Das, was man nicht festhalten kann. Nur die Türme schauen raus. Rot über dem Weiß. Man schaut. Und denkt: Das ist schöner. Das Unvollständige. Das, das sich versteckt. Die Golden Gate Bridge. Man fährt drüber. Man steht daneben. Sie ist rot. Nicht golden. Das hat man gewusst. Und trotzdem erwartet man etwas anderes. Man erwartet immer das Foto. Was man bekommt, wenn man wirklich davor steht: die Größe. Die Größe, die das Foto nicht fasst.
Die Türme, so hoch, dass man den Nacken zureklegt. Dass man nach oben schaut und das Ende nicht sieht. Die Wolken kommen und gehen. Manchmal stecken sie die Türme an. Dann verschwinden die Türme oben im Grau. Und die Brücke hängt. Hängt einfach da. Im Nichts. Das macht etwas mit einem. Das lässt einen kurz kleiner werden. Und das ist gut. Das ist das Richtige. Manchmal soll man kleiner werden. Manchmal soll die Welt größer sein als man selbst. Die Viertel. San Francisco ist nicht eine Stadt.
San Francisco ist viele kleine Städte. Chinatown. Man geht hinein und die Sprache ändert sich. Die Schilder, die Zeichen, die Schriften. Man kann sie nicht lesen. Man ist Gast. Das spürt man. Die Straßen werden enger. Die Läden haben andere Waren. Die alte Frau, die an einem Stand Gemüse kauft, schaut kurz. Dann wieder auf das Gemüse. Man ist Gast. Man geht. Man schaut. Man ist froh, dass es diese Städte in der Stadt gibt. Dass nicht alles gleich ist. Dass San Francisco Ecken hat, die einem fremd sind.
Gut fremd. North Beach. Ein anderes Viertel. Ein anderer Ton. Die Cafés, die Espresso machen und nicht Filterkaffee. Die Bücher in den Regalen. Die Zeitungen auf den Tischen. Kerouac. Ginsberg. Die Beats. Ginsberg schrieb sein großes Gedicht hier. Neunzehnhundertfünfundfünfzig. In North Beach. Er begann: Ich sah. Die besten Köpfe meiner Generation. Er schrieb auf, was er sah. Er machte aus dem Sehen Worte. Das ist das San Francisco der Beats. Das Aufschreiben. Das Sagen. Das Ehrlichsein über das, was man sieht.
Man sitzt in einem der Cafés. Man trinkt Espresso. Man schaut auf die Straße. Man denkt: Hier saßen sie. Hier haben sie geschrieben. Das Café war nach dem großen Erdbeben wieder da. Neunzehnhundertundsechs. Das Erdbeben und das Feuer danach. Drei Tage brannte San Francisco. Das Gas, das ausströmte. Die Leitungen, die brachen. Die Feuerwehr, die kein Wasser hatte. Drei Tage. Und dann bauten sie. Das ist etwas, das man spürt in San Francisco. Dieses Aufstehen. Dieses: Man baut wieder.
Man baut wieder, egal was war. Man sitzt im Café und trinkt Espresso und die Straße macht das, was Straßen tun. Die Leute gehen. Manche bleiben kurz. Manche setzen sich. Das Leben, das von selbst passiert. Man liest vielleicht. Man schaut. Man denkt an Kerouac, der hier saß. Der mit seiner Schreibmaschine kam. Der auf der Rolle tippte. Man denkt: Was hat er gesehen, der hier saß? Dieselbe Straße? Nicht dieselbe. Eine andere. Aber dieselbe Stadt. Dieselbe Luft. Karl war auch damals schon da.
Karl ist immer da gewesen. Karl kennt alle, die je in North Beach saßen. Die Beats. Die Hippies. Die Touristen. Die Hochzeitsreisenden. Alle hat er gesehen. Alle hat er eingehüllt. Das ist etwas, das tröstet. Dass Karl da ist. Dass manche Dinge nicht verschwinden. Der Nebel. Die Straße. Die Cafés. Das Aufstehen nach dem Erdbeben. Der Cable Car. Man fährt. Man klammert sich fest. Die Straße wird steiler. Steiler als man dachte. Man klammert sich fester. Die Sitze sind aus Holz.
Das Holz ist alt. Man riecht das Holz. Man riecht das Öl, das die Bremsen brauchen. Dann: der Gipfel. Die Straße hört auf zu steigen. Und da ist alles. San Francisco unten. Das Wasser. Die Brücke in der Ferne. Alcatraz, die Insel in der Bucht. Man schaut. Man klammert sich noch. Der Cable Car hat keine Türen. Man hängt raus, fast. Die Luft, die an einem vorbeizieht. Kühle, feuchte Luft. Karls Luft. Die Leute auf den Bürgersteigen unten schauen nicht hoch. Die es gewohnt sind.
Man ist Tourist. Das ist okay. Man ist in San Francisco. Man klammert sich und schaut. Das macht man einmal. Das muss man einmal gemacht haben. Alcatraz. Die Insel in der Bucht. Man sieht sie von der Stadt aus. Immer. Sie ist da. Man kann nicht in San Francisco sein und Alcatraz nicht sehen. Man fährt rüber. Das Wasser ist kalt. Grau, kalt, arbeitend. Die Insel nähert sich. Das Gebäude, das man kennt. Der Zellenblock. Man geht rein. Der Audioguide beginnt. Die Stimme erzählt.
Die Zellen. Man geht durch sie. Sie sind klein. Sehr klein. Kleiner, als man gedacht hat. Man misst mit den Augen. Denkt: Hier hat jemand gelebt. Nicht gelebt. Gewesen. Neunundzwanzig Jahre war das Gefängnis in Betrieb. Von neunzehnhundertvierunddreißig bis neunzehnhundertdreiundsiebzig. Man rechnet. Man ist kurz wo anders. Dann ist man wieder hier. In der Zelle. Die Drei. Frank Morris und die Brüder Anglin. Neunzehnhundertzweiundsechzig. Sie bastelten Werkzeuge aus Löffeln.
Sie gruben sich durch die Wände. Monate lang. Sie bauten ein Floß aus Regenmänteln. Sie verschwanden. Wurden nie gefunden. Das FBI sagt: ertrunken. Das Wasser war zu kalt. Die Strömung zu stark. Manche sagen: Nein. Manche sagen: Sie haben es geschafft. Die Geschichte ist offen. Das macht sie gut. Die Bucht hält das Geheimnis. Sie gibt es nicht raus. Man steht am Ufer der Insel und schaut auf das graue Wasser. Denkt an die Strömungen darunter. Die man nicht sieht. Die einfach da sind.
Man schaut auf San Francisco, von der Insel aus. Die Skyline. Die Hügel dahinter. Die Brücke links. So sieht die Stadt aus, von außen. Von der Mitte der Bucht. Wie eine Kulisse. Wie etwas, das man sich ausgedacht hat. Aber es ist wirklich da. Man ist wirklich hier. Man steht auf einer Insel in der San Francisco Bay. Auf einer Hochzeitsreise. Aus Deutschland. Das ist manchmal schwer zu glauben. Dass man wirklich hier ist. Nicht zu Hause. Nicht auf dem Weg. Hier. Das muss man manchmal festhalten.
Den Moment einmal halten. Sagen: Jetzt. Jetzt bin ich hier. Das ist der Moment. Dann fährt man zurück. Zurück zur Stadt. Zurück zu den Hügeln. Zurück zu Karl. Der Straßenmusiker. Man geht durch die Straßen. Fisherman's Wharf, vielleicht. Oder die Gegend um Union Square. Man weiß es nicht mehr genau. Man geht und die Stadt macht Geräusche. Autos. Stimmen. Das Rattern des Cable Car, irgendwo. Und dann: Gitarre. Man hört es, bevor man es sieht. Die Melodie kommt um eine Ecke. Oder durch eine Lücke zwischen den Gebäuden.
Man folgt ihr. Man geht auf sie zu. Der Mann mit der Gitarre. Er sitzt auf einem Klappstuhl. Er spielt Cat Stevens. Wild World. Oder Father and Son. Man weiß es nicht mehr genau. Einen dieser Songs. Die man kennt. Die man immer gekannt hat. Die man nicht mehr hören wollte, dachte man. Und dann hört man sie, hier, auf der Straße in San Francisco. Und man bleibt stehen. Einfach so. Man wollte weitergehen. Und man bleibt stehen. Cat Stevens. Diese Gitarrenart. Diese Stimme, die der Mann nachmacht.
Nicht perfekt. Nicht Cat Stevens. Aber nah genug. Nah genug, dass man plötzlich woanders ist. Nicht auf der Straße. Sondern in einer Küche. In einem Auto. Als Kind. Das Radio, das den ganzen Tag lief. Der Vater, der diese Musik mochte. Die Mutter, die manchmal mitsang. Cat Stevens. Diese Stimme. Diese Melodien, die man nie lernen musste. Die einfach da waren. Von Anfang an. Man hat sie nie gelernt. Sie waren immer schon da. So als wären sie mit einem gekommen. Als wäre man damit aufgewachsen wie mit dem Duft des Hauses.
Den man nicht mehr riecht, wenn man zu Hause ist. Den man erst riecht, wenn man wiederkommt. Wenn man die Tür öffnet. Ah. Das ist es. Das. So ist es mit dieser Melodie. Man hört sie und denkt: Ah. Das kannte man. Das hat man immer gekannt. Der Musiker schaute nicht auf die Leute, die standen. Er spielte für sich. Oder für die Musik. Oder für etwas, das man nicht sieht. Er spielte einfach. Die Gitarrentasche vor ihm. Ein paar Dollar darin. Ein paar Münzen. Man kramte. Man fand etwas.
Man legte es rein. Er nickte. Kurz. Kaum merkbar. Dann wieder: die Gitarre. Die Frau neben einem stand auch. Sie hatte angehalten, ohne es zu merken. So wie man selbst angehalten hatte. Er spielte Cat Stevens. Sie kannte die Melodie. Man sah es. An der Art, wie sie den Kopf ein bisschen neigte. Zur Seite. Ganz leicht. An dem kleinen Lächeln. Das nicht für jemanden war. Das einfach kam. Das Wiedererkennen. Das Wiederhören. Sie kannte die Melodie aus ihrer Kindheit. Man kannte sie aus der eigenen.
Zwei Kindheiten. Zwei Häuser. Zwei Radios. Dieselbe Melodie. Das ist etwas, das man nicht planen kann. Das einfach passiert. Dass man mit jemandem auf einer Straße in San Francisco steht. Und beide hören dieselbe Melodie. Und beide sind kurz woanders. Und beide lächeln. Leicht. Ohne dass man sich ansieht. Das ist auch etwas. Das ist vielleicht das Schönste. Man hat in diesem Moment nichts gesagt. Man hat einfach gestanden. Und gehört. Manchmal braucht man keine Worte. Manchmal reicht das Stehen.
Das gemeinsame Hören. Das gleichzeitige Erkennen. Das ist genug. Das ist mehr als genug. Man hat sich nicht angesehen in diesem Moment. Man stand einfach. Nebeneinander. So nah, dass man spürte, wie der andere atmete. Diese Wärme. Diese Stille zwischen zwei Menschen, die dieselbe Melodie kennen. Das passiert nicht oft. Vielleicht einmal. Wenn man Glück hat. Dass man neben jemandem steht. Und beide erkennen. Beide wissen. Beide sind kurz an demselben Ort. Nicht auf dieser Straße.
Sondern woanders. In der Kindheit. In dem Moment, als die Melodie das erste Mal ankam. Und jetzt, auf dieser Straße in San Francisco, kommt sie wieder. Für beide. Zur selben Zeit. Das verbindet. Stärker als ein Gespräch manchmal. Das gemeinsame Schweigen. Das gemeinsame Hören. Das ist die Hochzeitsreise, die man sich nicht vorstellt. Man stellt sich die Golden Gate vor. Man stellt sich die Bucht vor. Man stellt sich etwas Großes vor. Und dann ist es das. Ein Mann mit einer Gitarre.
Eine Melodie. Eine Frau, die den Kopf neigt. Das ist der Moment. Die Passanten gingen vorbei. Die meisten gingen vorbei. Manche blieben kurz. Manche legten etwas in die Tasche. Manche nicht. Der Musiker spielte weiter. Unabhängig davon, wer blieb und wer ging. Er spielte einfach. Cat Stevens. Wild World. Oder Father and Son. Auf einer Straße in San Francisco. An einem Nachmittag. Das bleibt. Das bleibt von San Francisco. Nicht die Golden Gate. Nicht Alcatraz. Der Musiker. Der Cat Stevens spielte.
Und dass man stehenblieb. Und dass die Frau den Kopf neigte. Und dass es gut war. Man hat keine Aufnahme davon. Man hat kein Video. Man wollte das Telefon rausnehmen. Man hat es gelassen. Es hätte nicht gepasst. Manche Momente will man nicht einfangen. Die will man nur haben. Im Kopf. Im Körper. Nirgendwo sonst. Nur da. Man hat auch kein Foto von dem Gesicht der Frau, als sie den Kopf neigte. Das Lächeln. Das für niemanden war. Das einfach kam. Das Foto würde es nicht treffen.
Das trifft kein Foto. Das ist gut so. Manche Dinge gehören nicht auf ein Foto. Die gehören in die Erinnerung. Dort sind sie sicher. Dort bleiben sie. Und wenn man sich erinnert, sind sie genauso da. Das Lächeln. Der Musiker. Die Melodie. Cat Stevens auf einer Straße in San Francisco. An einem Nachmittag, als man auf Hochzeitsreise war. Der Fisherman's Wharf. Nicht elegant. Touristisch. Man weiß das. Man riecht es auch. Fisch und Meer und frittiertes Zeug und Sonne auf altem Holz.
Man geht trotzdem. Wegen dem Clam Chowder. Wegen dem Brot. Das Sourdough. Das Sauerteigbrot, das San Francisco erfunden hat. Oder das San Francisco gepflegt hat. Generation für Generation. Die Bäcker, die den Teig nie wegwarfen. Die ihn weitergaben. Mutter an Tochter. Vater an Sohn. Der Teig, der Jahrzehnte alt ist. Der immer noch lebt. Das Brot ist schwer. Man hält es in beiden Händen. Es ist warm. Man schneidet oben auf. Die Suppe wird eingefüllt. Der Clam Chowder. Die Muschelsuppe.
Weiß, cremig, warm. Man isst. Zuerst die Suppe. Dann die Innenwände des Brots. Die die Suppe aufgesogen haben. Das Brot, das nach Suppe schmeckt. Das Suppe ist und gleichzeitig Brot. Dann den Deckel. Dann den Rest. Nichts bleibt übrig. Nichts. Man schaut auf den leeren Teller. Denkt: Das war gut. Das war sehr gut. Das einfachste Essen des ganzen Trips. Das beste. So ist das manchmal. Das Einfachste trifft einen am meisten. Das Einfachste bleibt. Wie die Melodie. Wie der Musiker.
Die Postkarten. Man schrieb sie am nächsten Morgen. Im Motelzimmer. Das kleine, rote Rabattheft auf dem Tisch. Der Kaffee, den man im Styroporbecher hatte. Man schrieb. Handschriftlich. Mit dem Kugelschreiber, den man im Koffer hatte. An die Eltern. An Freunde. Hier sind wir. Hier ist es schön. Die Hügel. Der Nebel. Die Brücke. Das Brot. Man schrieb, was man sah. Man schrieb, was man gegessen hatte. Man schrieb nicht über den Musiker. Manche Dinge schreibt man nicht. Die behält man.
Die Postkarten kamen wahrscheinlich an. Manche vielleicht erst nach der Rückkehr. Das war das Postkartenrisiko. Man schickte trotzdem. Immer. Weil es damals so war. Weil man schrieb, wenn man reiste. Weil man Postkarten schickte. Weil man sagte: Schaut, wo wir sind. Schaut, was es gibt. Die Woche. Fast eine Woche. Die längste Station. Man hatte Zeit in San Francisco. Mehr Zeit als anderswo. Und das war das Richtige. San Francisco braucht Zeit. San Francisco ist keine Stadt, durch die man fährt.
San Francisco ist eine Stadt, in der man geht. Die Hügel geht. Die Straßen geht. Die Viertel durchgeht. Und dann irgendwann anhält. Weil ein Mann Gitarre spielt. Weil eine Melodie um die Ecke kommt. Weil man nicht weiterkan, obwohl man weiterwill. Das Motelzimmer. Die Klimaanlage, die zu laut ist. Das große Bett. Das amerikanische Motelbett. Das immer gut ist. Das ist ein Gesetz. Das gilt. Man liegt. Es ist fast still. Draußen: San Francisco. Diese Stadt, die nie ganz schläft.
Manchmal hört man ein Auto. Manchmal eine Stimme, weit weg. Manchmal nichts. Manchmal Karl. Karl macht kein Geräusch. Karl ist einfach da. Er liegt über der Stadt. Über den Hügeln. Über der Brücke. Man denkt daran, wie die Stadt von der Insel aussah. Die Skyline. Die Hügel. Die Türme der Golden Gate, die über Karl schauten. Man denkt: Man war wirklich da. Nicht in einem Film. Nicht auf einem Foto. Wirklich in San Francisco. Das ist manchmal schwer zu glauben. Dass das wirklich passiert.
Dass man hier liegt. In diesem Motel. In dieser Stadt. Auf dieser Reise. Die man gemeinsam macht. Die man gemeinsam behalten wird. Immer. San Francisco draußen. Die Hügel. Die Bucht. Karl, der irgendwo wartet. Der morgen wieder kommt. Weil er immer wieder kommt. Weil er das tut. Man denkt an den Musiker. Den Mann mit der Gitarre. Cat Stevens auf der Straße. Wild World. Oder Father and Son. Man weiß es nicht mehr. Aber die Melodie ist noch da. Im Ohr. Im Kopf. Die Melodie, die man immer kannte.
Die man nie lernen musste. Die jetzt in San Francisco war. Auf einer Straße. An einem Nachmittag. Als man auf Hochzeitsreise war. Als man noch nicht wusste, was diese Woche bedeuten würde. Das weiß man erst später. Man weiß es jetzt. Nicht damals. Die Frau neben einem schläft. Die Klimaanlage läuft. Die Stadt ist draußen. Die Hügel. Die Brücke. Alcatraz, die Insel. Die Drei, die vielleicht entkamen. Das Sourdough-Brot. Die painted Ladies. Karl. Alles da. Alles San Francisco.
Man schläft ein. Die Melodie bleibt. Cat Stevens bleibt. Auf der Straße. In der Erinnerung. Immer. Der Nebel liegt jetzt über der Stadt. Karl. Er legt sich über die Hügel. Er kriecht das Wasser hoch. Er umhüllt die Brücke. Nur die Türme schauen raus. Die roten Türme. Die immer schauen. Durch Nebel. Durch Regen. Durch alles. Die roten Türme, die immer da sind. Über dem Nebel. Über allem. Die schauen. Man schläft. Die Türme schauen. Karl liegt. San Francisco schläft leise. Die Melodie.
Cat Stevens. Man kann Zahlen vergessen. Namen vergessen. Gesichter vergessen. Aber eine Melodie, die man als Kind kannte. Die geht nicht. Die ist eingraviert. Die ist tiefer als das Denken. Die sitzt woanders. Und wenn sie kommt, aus einem Radio, aus einer Küche, aus einer Gitarre auf einer Straße in San Francisco. Dann ist man sofort da. Sofort in der Küche. Sofort im Auto. Sofort Kind. Das ist das Schönste an Musik. Dass sie das kann. Dass sie einen zurückbringt. Ohne Ankündigung.
Ohne Erlaubnis. Einfach so. Weil eine Melodie das kann. Die Woche in San Francisco war die beste. Das weiß man jetzt. Nicht damals. Jetzt. Weil der Musiker spielte. Weil man stehenblieb. Weil die Frau den Kopf neigte. Weil dieselbe Melodie aus zwei verschiedenen Kindheiten kam. Und auf einer Straße zusammenkam. Das ist etwas, das man nicht kaufen kann. Das passiert. Oder es passiert nicht. In San Francisco ist es passiert. Irgendwo in der Stadt spielt jetzt noch jemand. Immer.
Diese Stadt schläft nie ganz. Immer ist jemand auf der Straße. Immer ist jemand, der spielt. Der singt. Der die Melodie hat. Die bleibt. Man schläft. Irgendwo draußen: Karl. Irgendwo draußen: die Türme. Irgendwo draußen: ein Musiker, vielleicht. Der die Melodie spielt. Auch wenn man schläft. Auch wenn man weit weg ist. Auch Jahre später. Die Melodie bleibt. Wild World. Oder Father and Son. Einer dieser Songs. Der immer war. Der immer bleibt. Karl liegt über der Stadt. Die Türme schauen durch ihn.
Die roten Türme. Durch die Nacht. Durch alles. San Francisco schläft. Man schläft. Die Woche war gut. Die Woche war sehr gut. Die Woche in San Francisco war die beste Woche des ganzen Trips. Das weiß man erst jetzt. Nicht damals. Jetzt. Wenn man zurückdenkt. Die Hügel, die man ging. Die Hügel, die zeigten. Die Bucht, die grau-blau lag. Alcatraz, die Insel mit dem Geheimnis. Karl, der jeden Morgen wiederkam. Die Zellen, die kleiner waren als das Motelzimmer. Das Brot, das die Suppe trank.
Die Postkarten, die man schrieb. Die painted Ladies. Der Cable Car, an dem man sich klammerte. Und der Musiker. Immer der Musiker. Der Cat Stevens spielte. An einem Nachmittag. Auf einer Straße. In dieser Stadt. In dieser Woche. Auf dieser Reise. Das bleibt von allem. Das bleibt von San Francisco. Nicht die Golden Gate. Nicht Alcatraz. Der Musiker. Die Melodie. Das Lächeln der Frau. Das Wiedererkennen. Zwei Kindheiten. Dieselbe Melodie. Das ist San Francisco. Das ist die Woche.
Das ist die Hochzeitsreise. Die Morgen hier waren anders. San Francisco morgens. Karl, der noch nicht weg ist. Die Luft, die noch kühler ist als am Nachmittag. Man geht früh raus. Man kauft Kaffee. Im Styroporbecher. Man geht durch Straßen, die noch nicht voll sind. Die Stadt wacht auf. Langsam. Die Bäcker machen auf. Die ersten Autos. Ein paar Leute, die zur Arbeit gehen. Karl, der sich langsam hebt. Der die Brücke freigibt. Die Türme, die auftauchen. Rot über dem Weiß. Jedes Mal.
Jeden Morgen. Als hätte man die Brücke noch nicht gesehen. Als wäre es das erste Mal. Das ist das Schöne. Dass es sich wiederholt. Und trotzdem jedes Mal neu ist. Karl, der sich hebt. Die Türme, die auftauchen. Die Stadt, die wacht. Man trinkt den Kaffee. Man geht. Man hat Zeit. Fast eine ganze Woche Zeit. Das ist Reichtum. Nicht das Geld. Die Zeit. Dass man gehen kann. Dass man sehen kann. Dass man anhalten kann. Wenn ein Musiker spielt. Wenn eine Melodie kommt. Die man immer kannte. Die man nie vergessen hat. Man schläft. Die Melodie. Cat Stevens. Die Melodie bleibt. Immer.