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Eine Hörgeschichte für Erwachsene

Der Dezember

1. Mai 2026 · 39:04 · ohne Werbung, kostenlos

Cover: Der Dezember

Der erste Schnee fällt nachts. Niemand merkt es sofort. Der Schlaf geht weiter. Irgendwann --- vielleicht um drei, vielleicht kurz vor vier --- ist da eine andere Stille.

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Der erste Schnee fällt nachts. Niemand merkt es sofort. Der Schlaf geht weiter. Irgendwann --- vielleicht um drei, vielleicht kurz vor vier --- ist da eine andere Stille. Eine die sich von der normalen Nachtstille unterscheidet. Schwerer. Voller. Als hätte jemand die Welt in Watte gepackt. Nicht unangenehm. Eher --- ruhig. Sehr ruhig. Eine Seite wechseln. Die Decke ist warm. Schlafen. Aber irgendwie --- irgendwo tief drin --- weiß man es schon. --- Am Morgen dann. Das Licht ist anders.

Heller. Weißer. Es kommt durchs Fenster herein wie an normalen Tagen nicht. Als wäre draußen eine zweite Lichtquelle entstanden. Noch bevor man aufsteht weiß man es. Man geht ans Fenster. Schnee. Nicht viel. Eine dünne Schicht erst. Auf den Dächern. Auf den Autos. Auf der schmalen Mauer am Garten. Auf dem Fahrrad das jemand draußen stehen gelassen hat. Die Lenkstange trägt eine weiße schmale Last. Alles weiß. Alles neu. Alles für einen Moment gleich. --- Die Kinder merken es gleichzeitig.

Das ist das Erstaunliche. Keine Absprache. Kein Wecker. An so einem Morgen sind sie einfach wach. Früher als sonst. Viel früher. Man hört sie laufen. Auf dem Flur. Schnell. Sie rennen ans Fenster. Dann rufen sie. Es hat geschneit. Als wäre das eine Neuigkeit für alle. Als hätten die Erwachsenen es noch nicht gesehen. Man lächelt. Ja. Es hat geschneit. --- Es ist Dezember. Dritter Advent vielleicht. Oder vierter. Die Zeit läuft anders im Dezember. Schneller und langsamer gleichzeitig.

Die Tage sind kurz. Die Abende kommen früh. Um vier ist es dunkel. Aber die Dunkelheit im Dezember ist eine andere als die im November. Sie ist wärmer irgendwie. Weil überall Lichter brennen. In den Fenstern die man beim Vorbeigehen sieht. An den Bäumen auf den Straßen. An den Ständen auf dem Markt. Im Dezember brennt immer irgendwo Licht. Man geht daran vorbei und merkt es kaum. Aber es macht etwas. Irgendwo tief drin. --- Und der Geruch. Zimt. Anis. Orangen. Heißer Wein. Tannengrün.

Zimt an den Händen, Orangenhaut an den Fingern. So riecht dieser Monat. Kein anderer fühlt sich so an. Man kennt diesen Geruch seit der Kindheit. Seit dem ersten Mal auf einem Weihnachtsmarkt. Wahrscheinlich war man klein. Wahrscheinlich war man an einer Hand gehalten. Und alles war groß und warm und roch nach Zimt. Der Geruch bringt das zurück. Ohne dass man es befiehlt. Er kommt einfach. Ein Gefühl ohne Adresse. Aber vertraut. Sehr vertraut. --- Friedrichsberg. Der Stadtteil südlich der Altstadt.

Am Hang zwischen dem Gottorfer Schlosssee und der Schlei. Altes Gelände. Fürstliche Gärten einmal. Reitställe des Hofes. Die Straßennamen erinnern noch daran. Herrenstall. Alter Garten. Wörter die von früher berichten. Aber heute Morgen --- der Flattenberg. --- Wenn Schnee liegt ist hier die halbe Stadt. Familien die man kennt. Familien die man nicht kennt. Junge Leute die so tun als kämen sie nur zufällig vorbei. Und die dann trotzdem rodeln. Weil man das tut. Weil man das immer tut wenn Schnee liegt und ein Hang da ist.

Ein älterer Mann mit einem Hund. Der Hund versteht das alles nicht. Den Schnee. Den Lärm. Die Schlitten die von oben kommen. Er schnüffelt. Schüttelt sich. Läuft weiter. Der Mann lacht. --- Die Schlitten liegen im Schnee. Bunt. Rot und Blau und ein Orange das jemand irgendwann gekauft hatte. Vor Jahren. Und seitdem irgendwo im Keller lag. Ein Kind sitzt oben. Es wartet. Die Mutter gibt einen Schubs. Und dann --- los. Der Schlitten fährt. Das Kind schreit. Nicht vor Angst. Vor Freude.

Den Unterschied hört man. Immer. Unten angekommen dreht es sich sofort um. Schaut den Hang hoch. Schlitten unter den Arm. Hochlaufen. Der Schnee knirscht unter den Stiefeln. Dieses trockene Knirschen das nur bei richtig kaltem Schnee kommt. Nicht bei nassem. Nicht bei frischem der noch fällt. Erst wenn er fest liegt. Wenn er sich gesetzt hat. Dann knirscht er so. Man kennt dieses Geräusch. Und man mag es. --- Das macht man zehnmal. Zwanzigmal. Bis die Wangen so rot sind wie der Schlitten.

Bis die Finger nicht mehr ganz da sind. Bis sie pelzig werden. Bis die Mutter sagt --- jetzt reicht es. Und das Kind sagt --- noch einmal. Noch einmal. Immer noch einmal. --- Am Rand des Hangs stehen die Erwachsenen. Manche mit Kaffee aus der Thermoskanne. Der Dampf steigt auf. Kleine weiße Wolken in der Kälte. Zwei Mütter reden. Lachen. Schauen auf die Kinder. Schauen wieder weg. Reden weiter. Der Dezember hat diese Eigenschaft. Er bringt Menschen zusammen die sonst im Vorbeigehen nicken.

Und plötzlich --- stehen. Reden. Länger als geplant. --- Einer der Väter hat vergessen Handschuhe anzuziehen. Er steht mit roten Händen da. Hält die Thermoskanne mit beiden Händen umfasst. Damit die Wärme irgendwo ankommt. So wie man den Rübenbecher hält. Im September. Auf dem Capitolplatz. Man hält etwas Warmes. Das ist das Prinzip. Im September. Im Dezember. Immer. --- Weiter unten am Hang --- ein kleines Kind. Vielleicht drei Jahre. Es sitzt auf dem Schlitten. Wird gezogen.

Nicht den Hang runter. Einfach auf der flachen Fläche. Der Vater zieht. Das Kind sitzt. Schaut. Die Welt fährt vorbei. Sehr langsam. Sehr groß. Das Kind sagt gar nichts. Es ist einfach da. Ganz da. Mit dem ganzen Körper da. Das können kleine Kinder noch. Einfach da sein. Ohne etwas dabei zu denken. --- Ein Schlitten kommt den Hang runter ohne dass jemand drauf sitzt. Er ist irgendwie losgekommen. Niemand weiß wie. Er fährt alleine. Mit Würde. Als hätte er das so gewollt. Alle schauen.

Er fährt und fährt. Immer weiter. Bis er sanft in einer Schneewehe landet. Stehen bleibt. Jemand lacht. Dann alle. Solche Momente. Nichts ist passiert. Und trotzdem lacht man. --- Der Flattenberg im Dezember mit Schnee. Das ist kein großes Ereignis. Es steht in keiner Zeitung. Niemand kommt von weit her dafür. Es ist einfach --- da. Und trotzdem. Später wird man sich erinnern. An diesen Morgen. An den Schnee. An die roten Wangen. An das Knirschen unter den Stiefeln. Man erinnert sich an solche Morgen.

Immer. Sie bleiben. Auch wenn man nicht darauf achtet. Auch wenn man denkt --- das ist gewöhnlich. Das ist jeden Dezember so. Ist es nicht. Nicht ganz. Jeder Morgen ist sein eigener. --- Danach. Die Hände wieder warm machen. Rein ins Warme. Kurz. Hände aufwärmen. Nase aufwärmen. Und dann wieder raus. In die Stadt. In den Weihnachtsmarkt. --- Schleswig im Dezember riecht nach Glühwein. Von weitem schon. Noch bevor man den Markt sieht. Noch bevor man die Stände sieht. Der Geruch kommt zuerst.

Zimt. Nelken. Orangen. Heißer Rotwein der über die Gewürze zieht. Er hängt in der kalten Luft. Er treibt. Er findet einen. Diesen Geruch gibt es nur hier. Nur im Dezember. Nur auf einem Weihnachtsmarkt. Man kann ihn nicht nachbauen. Man kann nicht einfach Zimt und Wein kochen und denken --- das ist es. Es ist es nicht. Es fehlt die Kälte. Es fehlen die Menschen. Es fehlen die Lichter. Es fehlt der Dezember selbst. --- Der Stadtweg. Die Fußgängerzone. Im Dezember verwandelt. Nicht unkenntlich.

Aber anders. Besser. Die Stände stehen in Reihen. Kleine Holzhütten. Mit Lichterketten an den Dächern. Mit Tannengrün das die Kanten schmückt. Mit dem Dampf der aus allen Töpfen gleichzeitig steigt. Man geht langsam. Nicht weil man Zeit hat. Sondern weil man schauen will. Weil man nicht vorbeilaufen will. Schauen, riechen, hören. Alles auf einmal. --- Eine Kapelle spielt irgendwo. Nicht laut. Nur als Grundton. Posaunen vielleicht. Oder Trompeten. Stille Nacht. Oder Vom Himmel hoch.

Oder etwas das man nicht sofort benennen kann aber trotzdem kennt. Tief von irgendwoher. Von der Kindheit. Von einem Advent vor langer Zeit. --- Die Stimmen der Menschen drumherum. Das Klingeln einer Kasse. Das Lachen von zwei Frauen die sich unerwartet begegnen. Die sich kurz und fest umarmen. Weil man das tut. Im Dezember. Man umarmt sich. Die Schritte auf dem Pflaster. Gedämpft vom Schnee. Leiser als sonst. Weicher. Als würde der Dezember sagen --- kommt. Langsamer. --- Am Glühweinstand.

Man stellt sich an. Eine kleine Schlange. Nicht lang. Die Frau dahinter bewegt sich schnell. Becher. Kelle eintauchen. Dampf der aufsteigt. Nächster. Becher. Kelle. Dampf. Sie macht das schon viele Dezember lang. Man sieht das. --- Der Becher kommt. Heiß. Man hält ihn in beiden Händen. Wie man das macht. Wie man das immer gemacht hat. Der erste Schluck. Süß. Warm. Die Gewürze. Zimt und Nelken und die Bitterkeit der Orangen darunter. Es läuft von innen. Den Hals runter. Die Brust.

Bis irgendwo hin wo es kalt war. Wo es immer ein bisschen kalt ist. Im Winter. --- Man steht. Trinkt. Der Blick geht über die Straße. Man hat Zeit. Keine Verabredung die drängt. Kein Ziel das wartet. Man steht einfach. Mit dem Becher in der Hand. Und schaut. Das macht man sonst nie. Einfach stehen. Und schauen. --- Die Menschen gehen vorbei. Eingemummelt. Mützen. Schals die hoch gezogen sind. Dicke Jacken. Manche tragen Tüten. Viele Tüten. Manche haben Kinder an der Hand die den Schritt kaum mithalten können.

Manche gehen allein. Schauen in die Auslagen. Stehen kurz. Überlegen. Gehen weiter. --- Zwei Männer stehen am Stand nebenan. Punsch. Nicht Glühwein. Punsch. Sie reden. Laut. Sie lachen. Man hört sie nicht. Zu weit weg. Aber man sieht es. Das Lachen. Die Geste wenn einer etwas sagt das der andere schon wusste. Und trotzdem lachen beide. So ist das mit alten Freunden. Man lacht über Dinge die man schon kennt. Immer wieder. --- Ein Kind zieht an der Hand eines Mannes. Der Mann geht weiter.

Das Kind zieht. Stärker. Es zeigt. Dorthin. Da. Der Mann schaut. Schaut das Kind an. Schaut wieder hin. Sie biegen ab. Zu einem Stand mit Holzspielzeug. Das Kind hält inne. Greift nach einem kleinen Holzauto. Dreht es um. Legt es wieder hin. Nimmt ein anderes. Der Mann wartet. Er hat gelernt zu warten. --- Eine Frau allein. Sie kauft sich einen Crêpe. Steht am Stand. Isst ihn langsam. Schaut auf den Markt. Niemand wartet auf sie. Niemand zieht an ihr. Niemand braucht etwas von ihr.

Sie steht einfach. Isst ihren Crêpe. Das Licht der Stände fällt auf ihr Gesicht. Sie sieht zufrieden aus. Oder ruhig. Beides vielleicht. --- Alle kommen irgendwann auf den Markt. Einmal. Manchmal öfter. Der Dezember lässt das nicht zu --- er verlangt es. --- Weiter. Der Waffelstand. Man riecht ihn bevor man ihn sieht. Frischer Teig. Butter die heiß wird. Und dann --- die Kirschen. Heiße Kirschen. Dunkelrot. Süß und ein bisschen sauer. Der Geruch hängt in der Luft und man hat schon Hunger bevor man es merkt.

--- Die Waffeln kommen aus dem Eisen. Goldbraun. Dampfend. Der Mann am Stand legt sie hin. Schöpft die Kirschsoße drüber. Puderzucker. Sahne wenn man möchte. Man nickt. Ja. Sahne. Man beißt rein. Zu heiß. Man wartet eine Sekunde. Dann nochmal. Der Teig. Weich innen. Knusprig außen. Die Kirschsoße süß und warm. Die Sahne kalt dagegen. Diese drei Dinge zusammen. Das ist die Waffel. --- Die Kirschsoße läuft. Ein bisschen auf die Finger. Man leckt sie ab. So macht man das. Das hat man schon als Kind so gemacht.

Das macht man immer noch so. Das wird man immer so machen. --- Nebenan der Crêpe-Stand. Ein junger Mann dreht den Teig auf der heißen Platte. Mit einem kleinen Holzspatel. Ruhig. Gleichmäßig. Die Bewegung ist immer dieselbe. Runden Zug. Immer gleich weit. Als hätte er nie etwas anderes gemacht. Vielleicht hat er das tatsächlich nie. Manche Menschen finden früh was sie können. Und dann machen sie das. Jeden Dezember. Auf demselben Markt. --- Zucker. Zitrone. Der Crêpe kommt gerollt.

Dünn. Fast durchsichtig. Man isst ihn im Gehen. Langsam gehen. Essen. Schauen. Die Lichter der Stände spiegeln sich im Schnee. Kleine orangefarbene Punkte. Überall. Als hätte jemand Sterne auf das Pflaster gelegt. Und sie leuchten. --- Durch die Einkaufsstraße. Die Schaufenster. Adventssterne. Gestirne aus Papier. Ein Schaufenster mit einem Schaukelpferd das sich langsam dreht. Ein Kind bleibt stehen. Starrt. Die Mutter wartet. Sagt nichts. Lässt das Kind schauen. Das ist richtig.

Das Staunen braucht Zeit. Man soll es nicht hetzen. --- Ein älterer Mann geht allein. Er hat eine Tüte. Er schaut auf die Stände. Er kauft nichts. Er geht nur. Schaut. Atmet. Vielleicht war er früher mit jemandem hier. Vielleicht ist er jetzt allein. Vielleicht kommt er trotzdem. Weil der Markt da ist. Weil der Geruch da ist. Weil das immer so war. --- Es friert. Richtig. Die Nase läuft. Die Wangen brennen. Der Atem steht als kleine weiße Wolke vor einem. Man zieht den Schal höher.

Über die Nase. Nur noch die Augen frei. Und trotzdem geht man nicht rein. Noch nicht. Noch eine Runde. Weil die Lichter so schön sind. Weil der Glühwein noch warm ist in der Erinnerung. Weil der Markt noch nicht fertig ist. Immer noch eine Runde. --- Und dann --- die Schule. Ein Stück abseits. Aber man kennt sie. Man weiß wo sie ist. Wenn man hier wohnt. Wenn man Kinder hat. In der Woche vor den Ferien --- der Schulbasar. Jede Klasse hat einen Stand. In der Aula. Im Flur. In den Klassenräumen die ihre Türen öffnen.

Einladend. Kommt rein. Schaut. --- Was verkauft wird ist gemacht. Das ist der Punkt. Nicht bestellt. Nicht gekauft und eingepackt. Gemacht. Mit den Händen. In Bastelnachmittagen. Mit zu viel Kleber und nicht ganz geradem Schnitt. Aber mit Ernst. Kerzen die Kinder in langen Nachmittagen gezogen haben. Figuren aus Ton. Irgendwas. Man erkennt nicht immer was. Aber das Kind erklärt es. Das ist ein Engel. Das ist ein Stern. Das ist ein Hase. Ach so. Natürlich. Man sieht es jetzt.

--- Und Kuchen. Kaffee. Die Eltern haben gebacken. Jeder bringt etwas mit. Manche Mütter stehen schon um sechs in der Küche. Das weiß man. Das sieht man an den Kuchen. An der Sorgfalt. An den Mustern auf den Plätzchen. Zimtsterne. Butterplätzchen mit Zuckerglasur in Weiß und Rot. Ein Blechkuchen mit Äpfeln der noch warm ist. Irgendwo ein Lebkuchen der nach dem Advent selbst riecht. Dunkel. Schwer. Süß. Als wäre der ganze Monat in einen Kuchen gepresst worden. --- Man kauft etwas.

Natürlich. Nicht weil man es braucht. Sondern weil das hier das Prinzip ist. Die Klassenkasse. Der Austausch. Die Wärme die entsteht wenn Menschen zusammen etwas tun. Nicht für sich. Für etwas. Für die Klasse. Für die Kasse. Für das Gefühl dass man gemeinsam etwas gemacht hat. --- Zwei Kinder sitzen hinter einem Stand. Vielleicht acht Jahre. Vielleicht neun. Sie haben Tassen aufgereiht. Schüsseln. Ein Schild vorne. Handgeschrieben. Mit Buntstiften. Man erkennt das Wort Kaffee.

Und etwas das Kuchen sein soll. Und eine Zahl. Fünfzig Cent. Sie nehmen das sehr ernst. Beide. Wenn jemand kommt stehen sie auf. Gleichzeitig. Fragen was man möchte. Geben es mit beiden Händen. Warten auf das Geld. Legen es in eine Blechdose. Die Blechdose ist der Höhepunkt. Das sieht man. --- In einer Ecke --- Kaffee. Echten Kaffee. Aus einer großen Kanne. Dazu Kuchen. Für die Erwachsenen. Die Mütter und Väter die hereingekommen sind. Die jetzt sitzen. Trinken. Reden. Der Dezember hält kurz an.

In dieser Ecke. Mit Kaffee und Kuchen. Und dem Geruch von Wachs und Zimt und Kaffeebohnen. --- Eine Mutter kauft die Kerze die ihr Kind gemacht hat. Das Kind schaut zu. Sehr ernst. Die Mutter legt die Münzen auf den Tisch. Das Kind nimmt sie. Zählt sie. Einzeln. Legt sie in die Kasse. Schaut noch einmal hoch. Die Mutter lächelt. Das Kind lächelt zurück. Klein. Kurz. Aber mit allem was drin ist. Stolz. --- Sonntag. Einen Tag danach. Oder zwei. Die Kinder sind früh wach. Früher als sonst.

Ohne Wecker. Wegen Husum. Wegen der Eisbahn. --- Die Messehalle Husum. Ende November öffnet sie. Bis in den Januar. Sechshundert Quadratmeter Eis. Drinnen. Nicht draußen. Drinnen. Eine ganze Winterwelt unter einem Dach. Mit Weihnachtsdorf-Atmosphäre drumherum. Mit Lichterketten. Mit Hütten. Mit dem Geruch von heißer Schokolade. --- Man fährt mit dem Auto. Eine halbe Stunde. Durch die norddeutsche Landschaft. Im Dezember sieht sie anders aus. Flacher als sonst. Weißer. Die Felder liegen still.

Der Himmel grau und nah. Als hätte er sich tiefer gesenkt als gewöhnlich. Näher ans Land. Ein Reiher steht am Graben. Reglos. Er schaut dem Auto nach. Oder er schaut gar nicht. Der Dezember stört ihn nicht. Wie er nie gestört wird. Im Sommer. Im Herbst. Im Dezember. Immer. --- Die Kinder schauen aus dem Fenster. Einer schläft schon wieder. Der andere schaut. Die Felder. Die Bäume am Rand der Straße. Ein Windrad das sich dreht. Langsam. Gleichmäßig. --- Die Halle. Man tritt ein.

Sofort --- Kälte. Aber eine andere als draußen. Trockener. Schärfer. Die Kälte von Kunsteis. Die man nirgendwo sonst spürt. Und der Geruch. Kühl. Fast metallisch. Aber darunter --- Popcorn. Und heiße Schokolade. Und das Wachs der Schlittschuhe. Diese Mischung gibt es nur hier. In Eishallen. Im Winter. Man kennt sie. Und man mag sie. --- Das Eis liegt vor einem. Weiß. Glänzend. Gekratzt von den Spuren der früheren Läufer. Nicht mehr ganz makellos. Aber das macht nichts. Ein paar Läufer drauf.

Manche flink. Manche vorsichtig. Manche halten sich an der Bande. Und wagen sich nicht los. Noch nicht. --- Ein kleines Mädchen steht an der Bande. Beide Hände fest am Gummirand. Der Blick geht aufs Eis. Die anderen fahren. Sie lässt sie fahren. Der Vater steht daneben. Er sagt nichts. Er wartet. Das ist richtig. Man muss das selbst entscheiden. Den ersten Schritt. Immer selbst. --- Dann --- ein Schritt. Auf das Eis. Vorsichtig. Die Schlittschuhe gleiten. Das Mädchen quietscht.

Greift schnell wieder an die Bande. Lacht. Noch ein Schritt. Noch einer. Die Bande immer noch in Reichweite. Aber vielleicht --- vielleicht --- etwas weniger nötig. --- Die größeren Kinder sind schon weg. Sie fahren Runden. Nicht elegant. Aber mit Überzeugung. Die Arme ausgestreckt. Fürs Gleichgewicht. Oder für das Gefühl. Beides vielleicht. Einer fällt. Nicht schlimm. Er steht auf. Schüttelt sich. Fährt weiter. Als wäre nichts. So macht man das. Man fällt. Man steht auf. Man fährt weiter.

--- Ein älteres Paar fährt Hand in Hand. Langsam. Gleichmäßig. Sie kennen sich auf dem Eis. Man sieht das. Viele Dezember lang. Viele Sonntage in dieser Halle. Sie reden nicht. Sie fahren. Hand in Hand. Das reicht. --- Das Klingen von Schlittschuhen auf Eis. Dieses scharfe kurze Geräusch. Man vergisst es zwischen den Jahren. Und erinnert sich sofort wenn man es wieder hört. Das ist das Merkwürdige mit manchen Geräuschen. Sie legen sich irgendwo ab. Tief. Und warten. Jahre manchmal.

Und dann --- da. Sofort. Vollständig. --- Ein Junge fährt alleine in der Mitte. Weit weg von der Bande. Er übt etwas. Man sieht es. Er dreht sich. Immer wieder. Einmal. Wieder. Er kommt nicht ganz durch. Drei Viertel. Dann verliert er das Gleichgewicht. Fängt sich. Fährt wieder an. Probiert es nochmal. Er sieht niemanden. Er schaut nur aufs Eis vor sich. Und versucht es. Und versucht es. Nur das. Manchmal ist das genug. Mehr als genug. --- Das Klingen der Schlittschuhe. Das ist das Geräusch der Halle.

Alles andere --- Weihnachtsmusik aus den Lautsprechern, Rufe der Kinder, das Rauschen der Luft wenn jemand schnell vorbeifährt --- liegt darunter. Tiefer. Als Hintergrund. Das Klingen obendrauf. Das ist der Sonntag in der Halle. Das ist der Dezember hier drin. --- Eine Pause. Heiße Schokolade am Rand der Halle. Der Becher dampft. Die Kinder trinken zu schnell. Verbrennen sich. Warten. Trinken weiter. Man sitzt auf einer Bank. Die Schlittschuhe noch an den Füßen. Unbequem. Zu schwer.

Aber man lässt sie an. Weil man gleich wieder rausfährt. Noch eine Runde. Immer noch eine Runde. --- Das kleine Mädchen von vorhin setzt sich daneben. Sie hat ihre Schokolade. Der Blick bleibt beim Eis. Die anderen fahren noch. Sie beobachtet. Dann dreht sie sich um. Schaut einen an. Sagt --- ich kann es fast. Man nickt. Ja. Fast. --- Sie kann es. Schon jetzt. Sie weiß es nur noch nicht. --- Draußen wieder. Nachmittag. Das Licht geht schon. Rosa und Grau. Der Horizont über der Marsch.

Weit. So weit wie immer hier oben. Der Norden macht das. Er gibt Weite. Auch im Dezember. Auch wenn der Himmel grau ist. --- Auf dem Rückweg. Die Kinder schlafen. Alle. Schnell. Wie Kinder das können. Von einer Minute auf die andere. Einfach weg. Der Körper hat genug. Der Körper schläft. Kein Widerstand. Kein Aufhalten. Einfach --- schlafen. Man schaut kurz rüber. Der Kopf lehnt gegen das Fenster. Die Wange auf der Scheibe. Der Atem beschlägt sie ein kleines bisschen. --- Die Felder draußen.

Der Schnee der liegt. Im Dunkeln sieht man ihn trotzdem. Er leuchtet ein bisschen. Von sich aus. Das macht Schnee. Er nimmt das Licht des Tages auf. Und gibt es abends wieder. Langsam. --- Die letzten Lichter eines Dorfes. Dann Dunkel. Dann wieder ein Fenster das leuchtet. Irgendwo in einem Haus. Irgendwo sitzt jemand. Warm. Vielleicht liest jemand. Vielleicht schaut jemand aus dem Fenster. Sieht das Auto vorbeischieben. Denkt nichts dabei. Die Straße fährt weiter. Der Blick geht ins Dunkel.

Die Kinder atmen. Das Heizgebläse summt. Leise. Gleichmäßig. --- Zu Hause. Die Kerzen am Adventskranz. Vier jetzt. Alle vier brennen. Das Tannengrün drumherum. Trocken schon ein bisschen. Der Dezember trocknet alles aus. Aber der Geruch bleibt. Immer. Bis zuletzt. Der Geruch von Tannengrün und Wachs. Von den Zimtsternen die noch auf dem Tisch liegen. Vom Schulbasar. Das Fenster beschlägt ein bisschen. Von innen. Weil es warm ist hier. Weil draußen der Schnee liegt. Der Unterschied zwischen drinnen und draußen ist groß im Dezember.

Das spürt man. Das schätzt man. Das Warme. Das Drinnen. --- Die Stille darüber. Dieselbe Stille wie heute Morgen. Bevor alles angefangen hat. Die Stille die der Schnee bringt. Die andere. Die tiefere. --- Der Dezember. Der ganze Dezember. An einem Tag. --- Jetzt ist es anders. Jetzt ist die Stille vollständig. Die Kerzen brennen tiefer. Die Stimmen sind weg. Das Haus atmet. Gleichmäßig. Ruhig. Man liegt. Oder sitzt. Der Tag liegt hinter einem. Der Flattenberg. Die roten Wangen.

Der Glühwein. Die Waffeln. Das Eis in Husum. Das Mädchen. Ich kann es fast. Man denkt daran. Nicht mit Absicht. Es kommt einfach. So wie Bilder kommen wenn man müde ist. Wenn der Tag fertig ist. Wenn die Augen schwer werden. --- Und dann. Etwas anderes. Leiser. Weiter weg. Als würde das Denken seinen eigenen Rhythmus verlieren. Langsamer werden. Als würden die Bilder größer. Nicht kleiner. Größer. Weniger scharf. Weicher. --- Irgendwo --- Salzwasser. Der Geruch von weitem. Nicht von heute.

Von früher. Von einem anderen Morgen. Von einem anderen Monat. --- Ein Samstagmorgen. Herbst. Brot. Räucherfisch. Ein Torbogen aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Feucht. Kühl. Die Stände darunter. Ruth die dreißig Jahre lang freitags und samstags hier stand. Dreißig Jahre dieselbe Stelle. Denselben Markt. Dreißig Jahre lang aufgebaut. Und abgebaut. Und wieder aufgebaut. Das ist etwas. Das ist sehr viel. Mia die kam wegen dem Gefühl. Thomas der zum ersten Mal allein war. Der wusste was er kaufen wollte.

Aber nicht warum er blieb. Warum er länger blieb als geplant. Man war dort. Oder es fühlt sich so an. Als hätte man diesen Geruch in sich. Den Räucherfisch. Das Salz. Das Brot. Den Hafen dahinter. Eckernförde. Oktober. --- Und dann --- Salz. Aber stärker. Satter. Eine Brücke. Grüngraues Wasser darunter. Breit. Ruhig. Ein Backsteinschloss am Ufer. Achthundert Jahre. Eine Flagge die weht. Rot-weiß. Was sie bedeutet --- man weiß es nicht. Das Rätsel liegt noch da. Schön so. Manche Dinge soll man nicht auflösen.

Manche Dinge dürfen einfach bleiben. Lakritze. Süß und dunkel. Der erste Löffel. Die Überraschung. Wie etwas sein kann das man nicht kannte. Und das man dann mag. Das Lachen danach. Die Promenade. Die Regenschirme in Jernbanegade. Bunt. Als wären sie extra dafür da. Senfgelb. Tiefrot. Ein Blau das nach Sommer riecht. Der Klang der Kirchenglocke. Irgendwo weit. Die älteste Orgel Europas in dieser kleinen Kirche. Das hatte jemand gesagt. Oder man hatte es gelesen. Und dann war man drin gestanden.

Hatte hinaufgeschaut. Hatte daran gedacht. So alt. So lange schon. Diese Töne. Sønderborg. Sommer. --- Weiter. Tiefer. Ein Capitolplatz im September. Dampf aus einem Zelt. Rübenmus. Warm in beiden Händen. Der Geruch von Erde. Von Herbst der anfängt. Von September der nach etwas riecht das man nicht benennen kann. Aber das man kennt. --- Ein Dom der schweigt. Fast vierhundert Figuren. Der Moment wo man aufgehört hat zu zählen. Weil man gemerkt hat --- das ist nicht zum Zählen.

Das ist zum Stehen. Und Schauen. Und Verstummen. Der Schwahl-Kreuzgang. Leer. Die Schritte die dort hallen. Nur die eigenen. Und das Graukloster. Die Schichten. Königshof. Dann Kloster. Dann Armenstift. Dann Rathaus. Ein Gebäude das alles war. Alles nacheinander. Und trägt das noch in sich. Die Steine wissen es. Auch wenn niemand mehr hinsieht. --- Eine Schule am Wasser. Gelber Ziegel. Als Referenz an den Dom. Ein Jugendlicher der auf die Schlei schaut. Was er denkt weiß man nicht.

Aber er schaut. Lange. Irgendwann fährt er weiter. Aber der Moment --- der bleibt. Schleswig. September. --- Die Bilder kommen und gehen. Ohne Ordnung. Ohne Erklärung. So kommen Bilder wenn man schläft. Oder wenn man fast schläft. An der Grenze. Da wo alles noch da ist und trotzdem schon fließt. --- Sommer. Licht das bleibt. Abend an der Schlei. Gras. Wasser. Das Licht das lange bleibt. Als wolle es nicht gehen. Als könnte es nicht. Als hätte es noch etwas zu zeigen. Die Schlei die breit liegt.

Still. Fast ohne Wellen. Nur das leichte Zittern. Das Wasser immer hat. Wenn man genau hinschaut. Irgendwo ein Boot. Das sich kaum bewegt. Ein Kind das läuft. Immer noch. Auch wenn es Abend ist. Auch wenn alle anderen schon sitzen. Es läuft einfach. Weil der Abend so schön ist. Weil das Gras so weich ist. Weil man mit fünf Jahren noch rennt wenn man rennen kann. Das lernt man später. Dass man rennen soll wenn man kann. Dieses Kind weiß es schon. Ohne es zu wissen. --- Herbst.

Holm. Das Fischerviertel. Alte Steine. Der Friedhof in der Mitte. Die Häuser drumherum. Als wäre das hier ein Dorf im Dorf. Der Geruch von Salz. Und Tauwerk. Und irgendetwas das man nicht benennen kann. Aber das nach Holm riecht. Nach Schleswig. Nach September. --- Und dann --- dieser Morgen. Wieder. Der Flattenberg. Schnee. Das Knirschen unter den Stiefeln. Der Schlitten der fährt. Das Kind das schreit. Vor Freude. Nicht vor Angst. Den Unterschied hört man. Immer. --- Die Bilder werden langsamer.

Wie Wasser das ruhiger wird. Das aufhört zu fließen. Das einfach --- liegt. Stille. Gute Stille. --- Eins bleibt. Noch. Eine Küste. Norddeutsch. Der Wind der immer weht. Der Horizont. Die Weite. Das Wasser. Schlei. Sund. Ostsee. Nordsee. Immer Wasser. Als wäre das der Faden. Der durch alles geht. Durch alle neun Orte. Durch alle Jahreszeiten. Durch alle Gesichter. Durch alle Gerüche. Durch alle Lichter. Durch alle Morgen. Durch diesen Morgen. Durch diesen Tag. Wasser. Das verbindet.

Das bleibt. Das war immer da. --- Ihr seid jetzt fast dort. Der Tag liegt hinter euch. Oder viele Tage. Oder ein ganzes Jahr. --- Denkt an den Schnee. Den ersten. Die andere Stille die er bringt. Bevor alle wach sind. Bevor der Tag anfängt. Diese Stille gehört euch. Nur euch. In diesem Moment. --- Denkt an die Kerzen. Alle vier. Den Geruch von Wachs und Tannengrün. Die Wärme die von innen kommt. Die man nicht einschalten kann. Die einfach da ist. Wenn man zusammen ist. Wenn Lichter brennen.

Wenn der Dezember da ist. --- Denkt an das Eis. Das Klingen der Schlittschuhe. Das Mädchen das sagt --- ich kann es fast. Sie kann es. Schon jetzt. Sie weiß es nur noch nicht. Und das ist das Schönste. Das Noch-nicht-Wissen. Der Moment bevor. --- Und denkt an den Faden. Das Wasser. Das durch alles geht. Das immer da war. Das immer da sein wird. Schlei. Sund. Ostsee. Nordsee. Norden. --- Der Tag war voll. So voll wie ein Dezember sein kann. Und trotzdem war er ruhig. Das geht zusammen. Der Schnee liegt noch. Draußen. Die Stille liegt noch. Man hört sie. Auch hier drin. Auch jetzt. Besonders jetzt. Schnee. Stille. Wasser. Schlaft gut.

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