Eine Hörgeschichte für Erwachsene
Die Nacht gehört dem Wind
Es ist kurz nach halb zehn. Die Stadt macht das, was kleine Städte abends machen. Sie werden still. Nicht auf einmal — sondern langsam, wie ein Atemzug der sich vertieft. Erst die Autos.
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Es ist kurz nach halb zehn. Die Stadt macht das, was kleine Städte abends machen. Sie werden still. Nicht auf einmal — sondern langsam, wie ein Atemzug der sich vertieft. Erst die Autos. Dann die Stimmen. Dann die Schritte auf dem Pflaster. Und irgendwann bleibt nur noch das übrig, was immer da war — das leise Summen der Welt, das man tagsüber nicht hört. Irgendwo schließt jemand ein Fenster. Eine Tür fällt ins Schloss. Und dann... ist da nur noch der Wind. Er kommt heute von Westen.
Das merkt man an dem Geruch — ein bisschen Salz, ein bisschen Weite, etwas das man nicht benennen kann aber sofort erkennt. Er läuft durch die Gassen wie jemand der den Weg kennt. Er biegt um Ecken die er schon tausendmal genommen hat. Er kennt jeden Stein hier — jeden Hof, jede Mauer, jeden alten Torpfosten. Er bewegt die Blätter der alten Linde auf dem Marktplatz. Ganz leicht nur. Als würde er fragen ob noch jemand wach ist. Niemand antwortet. Die Linde steht seit über hundert Jahren auf diesem Platz.
Sie hat Pferdewagen gesehen und Motorräder. Sie hat Märkte gesehen und Trauertage und Feste und gewöhnliche Dienstage die niemand mehr erinnert. Ihre Wurzeln gehen tief — tiefer als jede Straße, tiefer als jedes Fundament. Sie hat Kriege überstanden weil sie sich beugt wenn der Sturm kommt. Das ist ihr Geheimnis. Nicht Widerstand. Nachgeben. Jetzt steht sie einfach da. Im Wind. In der Nacht. Ihre Blätter bewegen sich — jedes einzeln, jedes in seinem eigenen kleinen Rhythmus.
Zusammen klingen sie wie Regen — obwohl es nicht regnet. Ein weiches, gleichmäßiges Rauschen das sich ausbreitet wie Wasser. Ein Mann geht an ihr vorbei. Er trägt eine dunkle Jacke und hat die Hände in den Taschen. Er schaut kurz nach oben in die Blätter — eine Sekunde nur, vielleicht zwei. Dann geht er weiter. Seine Schritte werden leiser. Und dann sind sie weg. Die Linde rauscht. In der Bäckerei in der Nebenstraße brennt noch Licht. Es ist das einzige Fenster weit und breit das noch hell ist.
Ein warmer, gelblicher Schein der auf das Kopfsteinpflaster fällt und dort einen langen Streifen zieht. Von weitem sieht es aus wie eine Einladung. Der Mann der dort arbeitet heißt Klaus. Er ist dreiundfünfzig Jahre alt und seit dreiundzwanzig Jahren Bäcker — immer in dieser Stadt, immer in dieser Bäckerei. Er hat sie von seinem Vater übernommen der sie von seinem Vater übernommen hat. Die Öfen sind dieselben. Die Holzregale sind dieselben. Nur die Welt draußen hat sich verändert.
Klaus stört das nicht. Er kennt den Rhythmus der Nacht besser als die meisten Menschen den Rhythmus des Tages. Er weiß wie sich die Stille um zwei Uhr morgens anfühlt — anders als die Stille um Mitternacht, anders als die Stille kurz vor dem Morgengrauen. Er weiß wann die ersten Vögel anfangen. Er weiß wann das Licht sich verändert, von schwarz zu tiefem Blau, bevor es irgendwann grau wird. Gerade knetet er Teig. Seine Hände bewegen sich gleichmäßig — vor und zurück, vor und zurück.
Der Teig gibt nach und federt zurück. Das Mehl liegt weiß auf dem dunklen Holztisch. Die einzige Lampe über ihm wirft einen warmen Kreis ins Dunkel. Alles außerhalb dieses Kreises existiert für ihn gerade nicht. Nur der Tisch. Nur der Teig. Nur die Hände. Er denkt an nichts Besonderes. Das ist das Schöne an dieser Arbeit — die Hände wissen was sie tun. Sie brauchen keine Anweisungen mehr. Der Kopf darf ruhen. Manchmal denkt Klaus dass das der größte Luxus ist den er kennt. Nicht Urlaub.
Nicht Schlaf. Sondern diese Stunden hier, in denen der Körper arbeitet und der Geist einfach... treibt. Draußen streicht der Wind an der Fensterscheibe entlang. Klaus schaut kurz auf. Er sieht sein eigenes Spiegelbild im Glas — einen müden Mann mit Mehl an den Unterarmen. Dann schaut er wieder auf den Teig. Er summt dabei. Kein Lied das man kennen würde. Nur ein Ton — auf und ab — der Rhythmus seiner Hände. Die Nacht gehört ihm. Und er gehört ihr. Drei Straßen weiter sitzt eine Frau auf ihrem Balkon.
Sie heißt Margarethe — aber alle sagen Greta, haben sie immer schon gesagt, seit sie klein war. Sie ist zweiundsechzig Jahre alt und schläft seit dem Frühling schlecht. Nicht immer. Nicht jede Nacht. Aber oft genug dass sie aufgehört hat dagegen anzukämpfen. Das stört sie weniger als man denken würde. Sie hat gelernt — die Nacht anzunehmen. Nicht gegen sie anzukämpfen. Nicht auf die Uhr zu schauen. Nicht im Kopf durchzurechnen wie viele Stunden noch bleiben. Stattdessen einfach aufstehen, sich eine Tasse machen, rausgehen.
Die Nacht ist nicht der Feind. Sie ist nur anders als der Tag. In ihrer Hand hält sie eine Tasse Kamillentee. Der Tee ist schon fast kalt — sie hat vergessen ihn zu trinken, weil sie zugehört hat. Dem Wind. Den Blättern. Dem leisen Knarzen des Balkongitters wenn der Wind dagegen drückt. Das macht nichts. Kalter Kamillentee ist auch gut. Sie schaut auf die Straße unter ihr. Die Straße ist leer und still. Das Pflaster glänzt ein bisschen — es hat tagsüber geregnet, kurz, und die Feuchtigkeit ist noch da.
Die Straßenlaterne am Ende des Blocks wirft einen orangen Kreis auf den Boden. In diesem Kreis — genau in diesem Kreis — sitzt eine Katze. Sie ist grau. Oder vielleicht gestromt — das ist schwer zu sagen bei diesem Licht. Sie sitzt vollkommen still und schaut geradeaus. Dann, langsam, dreht sie den Kopf. Sie schaut nach oben. Zu Greta. Einen Moment lang schauen sie sich an. Die Frau auf dem Balkon und die Katze auf dem Pflaster. Dann geht die Katze weiter. Mit dieser Würde die Katzen nachts haben — als gehörte ihnen die Welt, weil in gewissem Sinne ja auch stimmt.
Greta lächelt. Der Wind bewegt ihr Haar — ganz leicht, von der Seite. Sie schließt die Augen für einen Moment. Nicht weil sie müde ist. Sondern weil es so angenehm ist — der Wind auf der Haut, der Geruch des Sommers der langsam zu Ende geht, das Rauschen der Linde irgendwo in der Ferne. Das Salz in der Luft. Das leise Rauschen der Linde. Die Wärme der Tasse in ihrer Hand — auch wenn der Tee kalt ist, die Keramik hat noch die Wärme gespeichert. Es ist genug. Mehr als genug. Am Hafen liegt ein altes Fischerboot.
Es heißt ANNA MARIE — die Buchstaben verblasst, das Holz dunkel vom Wasser und von vielen Jahren. Früher ist es jeden Morgen vor Sonnenaufgang rausgefahren. Früher kannte jeder in der Stadt es — an seinem Motor, an seiner Farbe, an der Art wie es in den Hafen einlief. Seit drei Jahren fährt es nicht mehr. Aber es liegt dort. Ruhig. Geduldig. Als würde es warten. Das Wasser bewegt es sanft. Vor und zurück... vor und zurück. Das Wasser ist dunkel heute Nacht — fast schwarz, mit kleinen Reflexen darin wenn der Wind eine Welle macht.
Es spiegelt die Sterne — unscharf, bewegt, aber da. Als wäre da unten eine zweite Version des Himmels, eine die sich nicht so sicher ist von sich selbst. Die Leinen die das Boot halten knarzen leise bei jeder Bewegung. Es ist ein gleichmäßiges Geräusch — fast wie Musik. Fast wie Atem. Einatmen wenn das Boot nach vorne schaukelt. Ausatmen wenn es zurückgeht. Vor und zurück. Einatmen. Ausatmen. Eine Möwe schläft auf dem Dach der kleinen Kabine. Den Kopf unter den Flügel gesteckt.
Sie weiß nichts von der Nacht — nichts von dem Wind, nichts von Greta auf ihrem Balkon, nichts von Klaus in seiner Bäckerei. Sie schläft einfach. Vollständig. Ohne Vorbehalt. Das Wasser schaukelt das Boot. Vor und zurück... vor und zurück... In einem Haus am Ende der Hafenstraße schläft schon jemand. Man kann es von außen nicht sehen. Aber das Licht ist seit einer Stunde aus. Und hinter dem Fenster mit den blauen Vorhängen — dicke, schwere Vorhänge die den Raum dunkel halten — ist jemand eingeschlafen.
Vielleicht schnell. Vielleicht langsam. Vielleicht hat es lang gedauert heute Nacht, und irgendwann ist der Gedanke einfach weggedriftet, wie ein Boot das sich von seinem Steg löst und langsam, ganz langsam, aufs offene Wasser zieht. Hinter dem Fenster ist es still. Ganz still. Der Wind läuft weiter durch die Gassen. Er ist älter als die Stadt. Er war hier bevor das erste Haus stand — bevor der erste Stein gelegt wurde, bevor der erste Baum gefällt wurde, bevor irgendjemand auf die Idee kam dass man hier leben könnte.
Er hat alles gesehen was seitdem passiert ist. Er erinnert sich an nichts davon. Das ist das Privileg des Windes — er trägt keine Last. Er weht. Das ist alles. Er streicht über das Pflaster des Marktplatzes. Er schiebt ein einzelnes Blatt vor sich her — ein frühes, ein das schon im August gefallen ist, trocken und gebogen. Das Blatt dreht sich, bleibt kurz stehen, dreht sich wieder. Dann ist es weg, um eine Ecke, in die Dunkelheit. Die Linde rauscht. Greta auf ihrem Balkon hat die Augen noch immer geschlossen.
Die Tasse ist kalt. Der Wind ist warm. Irgendwo — weit weg, vielleicht auf der anderen Seite der Stadt, vielleicht noch weiter — fährt ein Zug. Man hört ihn kaum. Nur ein leises Summen, das kommt und geht, wie ein Gedanke der auftaucht und wieder verschwindet bevor man ihn greifen kann. Greta atmet aus. Tief... und langsam. Sie spürt wie sich ihre Schultern senken. Wie sich die Spannung die sie den ganzen Tag mit sich getragen hat — die kleine, ständige Anspannung des Alltags, der Termine und Aufgaben und offenen Fragen — wie die sich auflöst.
Nicht auf einmal. Aber langsam. Wie Zucker in warmem Wasser. Sie atmet ein. Salz. Wind. Der leichte Geruch von nassem Stein. Sie atmet aus. Klaus in der Bäckerei formt jetzt die Brötchen. Eins nach dem anderen. Seine Hände kennen die Form — rund, fest, gleichmäßig. Er braucht nicht hinzuschauen. Er legt sie auf das Blech — eins, zwei, drei — und greift schon nach dem nächsten Stück Teig. Es ist eine Bewegung die er zehntausendmal gemacht hat. Hunderttausendmal vielleicht. Die Hände erinnern sich.
Er summt noch immer. Den gleichen Ton, auf und ab, ohne Anfang und ohne Ende. Draußen geht jemand vorbei. Klaus schaut auf — ein Reflex — aber da ist schon niemand mehr. Nur der leere Bürgersteig, das Kopfsteinpflaster, der Lichtstreifen aus seinem Fenster. Er schaut wieder auf seine Hände. Eins. Zwei. Drei. Das Boot im Hafen schaukelt. Vor und zurück... vor und zurück... Die Möwe schläft. Das Wasser ist ruhig. Die Sterne spiegeln sich darin — unscharf, ein bisschen verschwommen, aber da.
Alles ist da. Alles ist gut. Die Stadt schläft. Fast alle. Ein paar Fenster noch hell hier und dort — ein Schlafloser, ein Nachtarbeiter, jemand der auf einen Anruf wartet. Aber die meisten Fenster sind dunkel. Die meisten Menschen liegen irgendwo in dieser Stadt und atmen ruhig. Und die die noch wach sind — die lassen es zu. Sie kämpfen nicht. Sie schauen nicht auf die Uhr. Sie rechnen nicht. Sie lassen einfach die Nacht die Nacht sein — mit ihrem Wind, mit ihren Geräuschen, mit ihrer eigentümlichen Stille die sich anders anfühlt als Tagesstille.
Sie atmen. Sie hören den Wind. Der Wind weht. Die Linde rauscht. Das Boot schaukelt. Vor und zurück... vor und zurück... vor und zurück... Greta öffnet kurz die Augen. Sie schaut auf die Straße — die leere Straße, das Pflaster, den orangen Lichtkreis der Laterne. Die Katze ist lange weg. Irgendwo schläft auch sie jetzt — unter einem Gebüsch vielleicht, oder auf einer warmen Motorhaube, oder in einem Hausflur der immer offen ist. Greta schließt die Augen wieder. Sie ist noch nicht müde.
Aber sie ist ruhig. Das ist genug. Der Wind streicht über ihren Balkon. Er nimmt nichts mit. Er bringt nichts. Er weht einfach — durch diese Stadt, über diese Dächer, an diesen Fenstern entlang. Er war hier gestern Nacht. Er wird hier sein morgen Nacht. Er kennt kein Gestern und kein Morgen. Er kennt nur jetzt. Jetzt. Diesen Moment. Diese Stille. In der Bäckerei stellt Klaus das erste Blech in den Ofen. Die Ofentür klappt zu — ein dumpfes, warmes Geräusch. Er wischt sich die Hände an seiner Schürze ab und geht zum Waschbecken.
Das Wasser ist kalt. Er lässt es laufen bis es wärmer wird und wäscht sich das Mehl von den Unterarmen. Dann trocknet er sich ab und macht sich einen Kaffee. Er stellt sich ans Fenster. Schaut raus auf die leere Straße. Er trinkt seinen Kaffee. Er denkt an nichts. Er schaut einfach. Das ist gut so. Die Linde rauscht. Das Boot schaukelt. Vor und zurück... Die Nacht ist lang. Sie hat keine Eile. Sie wartet auf niemanden und sie treibt niemanden an. Sie ist einfach da — groß und still und dunkel und voll von diesen kleinen Geräuschen die man tagsüber nicht hört.
Das Knarzen einer Dachrinne. Das Tropfen von irgendwo. Das ferne Bellen eines Hundes, einmal, dann Stille. Irgendwo schläft jetzt jemand ein. Vielleicht bist du es. Vielleicht spürst du es schon — dieses leichte Wegdriften, als würde der Boden unter dir ein bisschen weicher werden. Als würden die Gedanken ihre Schärfe verlieren. Als würde der Abstand zwischen den Dingen größer werden — zwischen einem Gedanken und dem nächsten, zwischen einem Atemzug und dem nächsten. Das ist gut.
Lass es zu. Der Wind weht. Die Linde rauscht. Das Boot schaukelt — vor und zurück, vor und zurück, vor und zurück. Klaus stellt seine Kaffeetasse in die Spüle und geht zurück zu seinem Teig. Greta atmet. Die Möwe schläft. Die Stadt schläft. Und die Nacht — die Nacht gehört dem Wind. Wie immer. Wie immer.