Eine Hörgeschichte für Erwachsene
Der lange Abschnitt
Man fährt. Südwärts. Von San Francisco zurück. Richtung Los Angeles. Richtung Flughafen. Richtung dem Ende dieser Reise. Aber das ist noch weit. Das ist noch nicht heute.
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Man fährt. Südwärts. Von San Francisco zurück. Richtung Los Angeles. Richtung Flughafen. Richtung dem Ende dieser Reise. Aber das ist noch weit. Das ist noch nicht heute. Heute ist der Highway One. Die Stadt liegt hinter einem. Die Hügel. Die Brücke. Karl, der vielleicht da ist. Vielleicht nicht. Man schaut zurück. Man schaut auf die Straße. Man fährt. Die Stadt wird kleiner. Und dann ist sie weg. Der Highway One. Man kennt ihn aus Filmen. Aus Werbung. Aus diesen Bildern, die Amerika verkauft.
Diese Straße an der Küste. Diese Kurven. Dieses Meer. Er ist kürzer als man denkt. Nicht der ganze Highway One. Der ist lang. Sehr lang. Er läuft die ganze Westküste entlang. Aber dieser Abschnitt. Dieser Abschnitt, den man fährt. Diese zwanzig Kilometer. Die sind kurz. Man hat einen anderen Weg nehmen können. Schneller. Weiter im Inland. Aber man hat den Highway One genommen. Weil man ihn fahren wollte. Weil man ihn sehen wollte. Weil das der Grund war. Dieser Abschnitt. Diese Küste.
Man bereut es nicht. Man wird es nie bereuen. Dieser Umweg. Diese extra Stunden. Dieser Wind. Dieses Meer. Man wird es nie bereuen. Der Highway One. Man hat davon gelesen. Man hat Bilder gesehen. Diese Küstenstraße, die den Pazifik entlangläuft. Die schmal ist. Die gefährlich ist manchmal. Die so schön ist, dass man vergisst, dass sie gefährlich ist. Big Sur. Man hat den Namen gehört. Man hat ihn in Zusammenhang mit dieser Küste gelesen. Big Sur. Dieses Land, das schon immer schwer zugänglich war.
Das sich lange gewehrt hat gegen Straßen. Gegen Erschließung. Gegen Menschen, die bleiben wollen. Die Straße hier ist nicht alt. Nicht für eine Straße. Sie wurde in den dreißiger Jahren gebaut. Zwanzig Jahre hat es gedauert. Zwanzig Jahre, um diese Küste zugänglich zu machen. Diese Klippen. Diesen Fels. Diese Landschaft, die keine Straße wollte. Man fährt auf dieser Straße. Man fährt auf dieser Geschichte. Man fährt auf zwanzig Jahren Arbeit. Auf der Arbeit von Menschen, die diese Klippen sprengen mussten.
Die Tunnel graben mussten. Die Brücken bauen mussten. Die hier standen wo man jetzt steht. Die diesen Wind kannten. Dieses Meer. Diese Klippen. Nur dass sie nicht schauend waren. Sondern arbeitend. Über die Schluchten. Über die Bäche, die ins Meer laufen. Irgendwann fährt man über eine Brücke. Man merkt es kaum. Man schaut nach rechts. Das Meer. Man schaut nach links. Eine Schlucht. Ein Bach. Der ins Meer läuft. Man ist auf einer Brücke. Man fährt drüber. So einfach. So selbstverständlich.
Man denkt an die Menschen, die sie gebaut haben. Die hier standen. Mit Werkzeug. Mit Sprengstoff. Mit diesen Klippen. Die keine Straße wollten. Die Straße beginnt. Oder man beginnt auf ihr. Man verlässt die Stadt und die Straße nimmt einen. Sie nimmt einem das Steuer nicht. Aber sie nimmt einen mit. Auf ihre Art. Rechts: der Pazifik. Immer rechts. Immer das Meer. Manchmal nah. Manchmal direkt unten. Manchmal aufblitzend zwischen den Felsen. Manchmal für eine Kurve lang verschwunden.
Und dann wieder da. Immer wieder da. Man wartet darauf. Auf das Aufblitzen. Auf das Blau oder Grau zwischen den Felsen. Auf das Wasser, das wieder sichtbar wird. Man weiß, dass es da ist. Man spürt es fast. Diese Weite rechts. Diese Offenheit. Links: die Klippen. Der Fels. Die Berge, die direkt ans Meer stoßen. Ohne Übergang. Ohne Tal dazwischen. Einfach: Berg endet, Meer beginnt. Kein Platz für Städte hier. Kein Platz für Häuser. Nur der Fels. Und die Straße, die sich dazwischenzwängt.
Schmal. Sehr schmal für einen Highway. Der PT Cruiser fährt. Man fährt langsam. Nicht weil man muss. Nicht weil ein Schild es sagt. Sondern weil man will. Weil man schauen will. Weil man nicht zu schnell durch diesen Abschnitt will. Weil man weiß, dass er aufhört. Und weil er noch nicht aufgehört hat. Zwanzig Kilometer. Vielleicht etwas mehr. Man hat nachgeschaut. Es sind ungefähr zwanzig. Vielleicht fünfundzwanzig. Man hat aufgehört nachzuschauen. Es spielt keine Rolle. Sie sollen dauern.
Sie sollen Zeit haben. So viel Zeit wie man hat. So viel wie dieser Tag gibt. Die Straße hat einen Rhythmus. Man merkt ihn nach ein paar Kilometern. Kurve. Geradeaus ein Stück. Kurve. Ausblick rechts. Kurve. Geradeaus. Kurve. Dieser Rhythmus beruhigt. Man fährt und der Rhythmus ist da. Man muss nicht nachdenken. Man muss nicht planen. Man fährt einfach. Der Wagen folgt der Straße. Die Straße folgt dem Land. Man folgt beidem. Das ist selten auf dieser Reise. Diese Ruhe beim Fahren.
In Los Angeles war das Fahren Stress. Diese Highways. Diese Spurwechsel. Diese Geschwindigkeit. Hier ist das Fahren Meditation fast. Kurve. Schauen. Kurve. Wagen folgen. Man würde ewig so fahren können. Das denkt man. Man würde diese Straße ewig fahren. Wenn sie nicht aufhören würde. Wenn dieser Abschnitt länger wäre. Hundert Kilometer. Zweihundert. Man würde fahren. Aber er hört auf. Er hört immer auf. Alles Gute hört auf. Das ist kein trauriger Gedanke. Das ist der Grund, warum es gut ist.
Weil es aufhört. Das Lenken hier ist anders als auf der Autobahn. Auf der Autobahn ist Lenken Geradeaushalten. Hier ist Lenken Folgen. Dem Fels folgen. Dem Meer folgen. Der Kurve folgen. Man ist nicht der Bestimmende. Die Straße bestimmt. Man folgt. Das ist eine Erleichterung. Manchmal. Einfach zu folgen. Einfach da zu sein. Einfach zu fahren. Der PT Cruiser macht das gut. Er ist breit für diese Straße. Manchmal zu breit. Man fährt an einer Linie vorbei und denkt: knapp. Aber er macht es.
Er folgt auch. Wie man selbst. Die Straße kurzt. Links. Rechts. Dem Fels nach. Dem Meer nach. Man lenkt. Man schaut. Man lenkt wieder. Dieselbe Bewegung. Immer wieder. Die Kurven hier sind keine Kurven wie auf der Lombard Street. Keine Touristenattraktion. Nur die Straße, die dem Land folgt. Die keinen anderen Weg hat. Die nimmt, was da ist. Dann: ein Parkplatz. Klein. Ein paar Autos. Man hält. Man steigt aus. Der Wind. Sofort der Wind. Bevor man ganz ausgestiegen ist. Bevor die Tür ganz offen ist.
Kommt er. Nicht sanft. Nicht höflich. Er begrüßt einen nicht. Er nimmt einen einfach. Dieser Wind, der vom Pazifik kommt. Der über das Wasser gekommen ist. Tausende Kilometer Wasser. Keine Stadt. Kein Land. Nur Wasser. Und dann diese Klippe. Und dann man. Man ist das erste Hindernis. Das erste, was dieser Wind trifft. Seit tausenden Kilometern. Man geht ein paar Schritte. Weg vom Wagen. Das Gras raschelt leicht. Oder ist es der Wind? Beides vielleicht. Beides zusammen. Hin zur Kante.
Nicht zu nah. Aber nah genug. Nah genug, um das Wasser zu sehen. Das direkt unter einem ist. Fast. Das Gras hier. Kurzes Gras. Braun fast. Trocken. Es ist Juli. Das Gras hat die Hitze schon hinter sich. Das Wasser hat es nicht erreicht. Das Wasser erreicht hier oben nichts. Nur der Wind erreicht hier oben alles. Man schaut auf die Schuhe. Auf das Gras unter den Schuhen. Man denkt: hier stehe ich. Auf dieser Klippe. Am Highway One. Über dem Pazifik. Das ist merkwürdig zu denken.
Das ist gut zu denken. Das ist das, wofür man gereist ist. Für diese Momente. Für dieses Stehen. Für dieses Denken: hier stehe ich. Man stellt sich hin. Man stellt sich dem Wind. Man lässt ihn kommen. Er kommt. Er nimmt die Haare. Er nimmt den Atem kurz. Man atmet gegen ihn. Man atmet mit ihm. Er kühlt. Er drückt. Er ist stark. Stärker als man dachte. Stärker als der Wind in Norddeutschland manchmal. Obwohl man Wind kennt. Obwohl man an der Küste aufgewachsen ist. Obwohl man die Nordsee kennt.
Dieser Wind ist anders. Er hat mehr Weg hinter sich. Er hat mehr Wasser hinter sich. Er kommt von weiter. Man spürt das. Dieser Wind riecht nach Pazifik. Nach Salz. Nach Weite. Nach etwas, das man nicht benennen kann. Das einfach Ozean ist. Das einfach hier ist. Das zum Ort gehört wie die Klippen dazugehören. Die Frau steht daneben. Auch sie lässt den Wind kommen. Man schaut sich an. Man sagt nichts. Was soll man sagen. Der Wind sagt genug. Man denkt an die Nordsee. Man denkt an Schleswig.
An die Schlei. An die Morgen, an denen man gelaufen ist. An den Wind, den man kennt. Dieser Wind hier ist verwandt. Nicht derselbe. Aber verwandt. Beide kommen vom Wasser. Beide haben dieses Salz. Beide haben diese Frische. Diese Frische, die man nicht kaufen kann. Die man nur hat, wenn man am Wasser steht. Aber der Pazifik ist größer. Das spürt man. Man spürt die Größe. Die Nordsee ist ein Binnenmeer fast. Ein See, verglichen mit diesem. Der Pazifik hat keinen anderen Ufer in Sichtweite.
Er hat keinen anderen Ufer in Gedankenweite. Er geht einfach. Und geht. Und geht. Man steht zwischen zwei Welten. Dem Wind, den man kennt. Und dem Meer, das man nicht kennt. Das man nie ganz kennen wird. Und das ist in Ordnung. Das ist mehr als in Ordnung. Man schaut auf das Meer. Diese Farbe. Nicht das Blau der Postkarten. Nicht das Blau, das man erwartet. Nicht das Türkis der Südsee. Nicht das helle Blau des Mittelmeers. Tiefer. Grüner. Kälter in der Farbe. Als wäre das Wasser schwerer als anderes Wasser.
Als trüge es mehr. Dieser Pazifik, der anders ist als man dachte. Der schwerer ist. Der dunkel ist. Der nicht einlädt. Der nicht sagt: komm, das Wasser ist warm. Der einfach da ist. In seiner ganzen Größe. In seiner ganzen Tiefe. In seiner ganzen Gleichgültigkeit. Man schaut auf dieses Meer und versteht, was Größe bedeutet. Nicht Höhe. Nicht Schönheit. Größe. Diese Fläche, die kein Ende hat. Dieser Horizont, hinter dem noch mehr Wasser ist. Noch mehr. Noch mehr. Bis Japan. Bis zur anderen Seite der Welt.
Die Wellen. Man hört sie mehr als man sieht. Von hier oben sieht man sie kommen. Man sieht sie brechen. Aber man hört das Brechen später. Weil der Schall braucht. Weil der Schall Zeit braucht. Weil das Bild schneller ist als der Ton. Man schaut auf eine Welle. Man sieht sie brechen. Man wartet. Dann hört man es. Dieses Rauschen. Diese Sekunde danach. Das ist merkwürdig. Das ist schön. Bild und Ton, die nicht zusammenpassen. Die trotzdem zusammengehören. Das Rauschen. Man kennt Rauschen.
Meer hat man schon gehört. Die Nordsee. Die Ostsee. Die Schlei. Aber das hier ist anders. Lauter vielleicht. Oder nur anders. Dieser Pazifik hat mehr Atem. Mehr Raum. Mehr Geschichte. Mehr Wasser dahinter. Es ist kein einzelnes Geräusch. Es ist viele Geräusche auf einmal. Viele Wellen. Viele Brecher. Die übereinanderlaufen. Die sich mischen. Die ein einziges großes Rauschen werden. Das nie aufhört. Das immer da ist. Das man schon hört, wenn man noch im Auto ist. Durch das Glas.
Gedämpft. Aber da. Die Wellen kommen. Man hört sie. Von hier oben hört man sie. Dieses Brechen. Dieses Rauschen. Das nicht aufhört. Das nie aufhört. Das seit Jahrmillionen so ist. Und so sein wird. Die Vegetation. Man schaut auf die Vegetation. Diese Pflanzen, die hier wachsen. Die gelernt haben, hier zu wachsen. Die keine andere Wahl hatten. Sie sind klein. Diese Pflanzen. Klein und gedrängt. Als würden sie sich festhalten. Als wüssten sie, was kommt. Dieser Wind. Immer dieser Wind.
Sie haben sich angepasst. Nicht bewusst. Nicht mit einem Plan. Sondern weil die, die es nicht taten, nicht überlebten. Weil die, die zu hoch wuchsen, umgebrochen sind. Weil die, die zu weich waren, getrocknet sind. Weil nur die blieben, die gelernt haben. Oder die schon wussten. Sie wachsen nicht hoch. Sie wachsen breit. Sie wachsen nah am Boden. Wo der Wind schwächer ist. Wo die Feuchtigkeit länger bleibt. Wo man sicherer ist. Diese Pflanzenwelt. Diese Küstenwelt. Die man nicht kennt.
Die man nie so gesehen hat. Diese Anpassung, die so vollständig ist. Die so perfekt ist. Die so still ist. Diese Pflanzen wissen nicht, dass sie angepasst sind. Sie wachsen einfach. So wie sie wachsen. Weil das ihr Ort ist. Weil das ihr Wind ist. Weil das ihr Meer ist. Manche haben diese silbrigen Blätter. Diese Blätter, die das Licht reflektieren. Die das Salz abhalten. Die gemacht sind für diesen Ort. Für diese Küste. Für diesen Wind. Man kniet hin. Man schaut genauer. Diese kleinen Blüten manchmal.
Diese Farben, die man nicht erwartet hat. Lila. Gelb. Weiß. Mitten in dieser rauen Landschaft. Mitten in diesem Wind. Diese Farben. Die einfach da sind. Die niemanden fragen. Die einfach blühen. Weil es ihre Zeit ist. Weil es ihr Ort ist. Man steht auf. Der Wind drückt weiter. Man lehnt sich leicht dagegen. Der Körper findet das Gleichgewicht. Das macht er von selbst. Dann steigt man wieder ein. Der Wagen ist windstill. Diese plötzliche Stille. Diese Windlosigkeit. Man hört das Rauschen des Meeres noch.
Schwächer. Durch das Glas. Gedämpft. Aber noch da. Man fährt weiter. Die Straße nimmt einen wieder. Kurve. Geradeaus ein bisschen. Kurve. Meer rechts. Fels links. Der zweite Halt. Kleiner Parkplatz. Kaum Platz. Man parkt. Man steigt aus. Wieder der Wind. Derselbe Wind. Oder ein anderer. Man weiß es nicht. Er kommt von derselben Richtung. Er riecht nach demselben Meer. Er ist trotzdem anders. Weil man anders ist. Weil der erste Halt noch da ist. In einem. Man geht näher an die Kante.
Nicht zu nah. Die Frau sagt: nicht zu nah. Man geht nicht zu nah. Aber näher. Man schaut hinunter. Das Wasser. Diese Entfernung. Diese Tiefe. Die Wellen, die ankommen. Die brechen. Die zurückfließen. Die wiederkommen. Immer. Man zählt eine Welle. Vom Horizont bis zum Brechen. Man zählt. Man verliert sie. Sie taucht unter. Oder sie war nie da. Oder man schaut auf die falsche. Man zählt eine andere. Man verliert sie auch. Man hört auf zu zählen. Das Zählen hilft nicht. Das Zählen ist nicht der Punkt.
Der Punkt ist das Schauen. Man schaut einfach. Die Frau steht neben einem. Sie schaut auch. Man braucht nichts zu sagen. Man braucht nichts zu erklären. Wir sind hier. Das ist genug. Das ist mehr als genug. Der Wind nimmt zu. Oder man merkt ihn mehr. Man zieht die Jacke enger. Im Juli. An der Küste Kaliforniens. Man zieht die Jacke enger. Das hätte man nicht gedacht. Das gehört dazu. Zu dieser Küste. Zu diesem Abschnitt. Irgendwann wieder ein Parkplatz. Kleiner diesmal. Nur Platz für zwei Autos.
Man hält. Dieselbe Prozedur. Aber nicht dieselbe. Dieselbe. Aber jedes Mal anders. Weil der Wind anders weht. Weil das Licht anders fällt. Weil man anders schaut. Weil man das letzte Mal schon war. Und das letzte Mal bleibt. Ein dritter Halt. Man weiß es nicht mehr genau. Vielleicht der dritte. Vielleicht der vierte. Man zählt nicht mehr. Man hält an, wenn es möglich ist. Wenn ein Parkplatz da ist. Wenn die Straße es erlaubt. Diesmal ist es ein größerer Platz. Andere Menschen.
Ein Paar mit einem Hund. Der Hund rennt. Er rennt gegen den Wind. Er bellt den Wind an. Der Wind interessiert sich nicht. Der Hund auch nicht. Er bellt weiter. Man schaut dem Hund zu. Man schaut der Frau zu. Der anderen Frau. Die dem Hund zuschaut. Die lacht. Man steht am Rand. Der Wind. Dieses Mal ist man vertrauter mit ihm. Man kennt ihn schon. Man hat ihn schon. Man begrüßt ihn fast. Das Meer. Dasselbe Meer. Aber an dieser Stelle anders. Eine Bucht vielleicht. Ein Bogen im Fels.
Das Wasser ruhiger hier. Weniger Wellen. Mehr Blau. Weniger Grau. Man zeigt es der Frau. Man zeigt auf die Bucht. Sie schaut. Sie nickt. Mehr braucht es nicht. Dieser Abschnitt. Diese zwanzig Kilometer. Man fährt sie und hält an und fährt und hält an. So geht das. So geht diese Straße. Nicht schnell. Nicht durch. Sondern so. Mit Pausen. Mit diesen Momenten, wo man aussteigt. Wo der Wind einen empfängt. Wo das Meer da ist. Die Klippen. Die Klippen. Man hat Klippen gesehen. Die Kreidefelsen auf Rügen.
Die Küste in Dänemark. Aber diese hier sind anders. Diese sind rauer. Dunkler. Unzugänglicher. Diese Klippen wurden nicht von ruhigem Wasser geformt. Sie wurden von diesem Pazifik geformt. Von diesen Wellen, die ankommen und ankommen und ankommen. Die nie aufhören. Die keine Pause machen. Die keine Nacht kennen. Die keinen Winter kennen. Die einfach kommen. Man sieht es in den Formen. Diese Höhlen, die das Wasser gegraben hat. Diese Bögen, die es hinterlassen hat. Diese Formen, die kein Bildhauer gemacht hat.
Nur das Wasser. Nur die Zeit. Nur dieser Pazifik. Irgendwann werden diese Klippen nicht mehr da sein. Das Wasser hört nicht auf. Es wird weiterarbeiten. Wenn man nicht mehr da ist. Wenn niemand mehr da ist, der schaut. Es wird weiterarbeiten. Das ist kein trauriger Gedanke. Das ist ein ruhiger Gedanke. Von oben schaut man auf sie. Diese senkrechten Felsen. Diese Abbrüche. Das Meer darunter, das dagegen drückt. Das immer dagegen drückt. Das den Fels formt. Langsam. Sehr langsam.
Über Jahrtausende. Man steht und schaut und versteht, was Zeit bedeutet. Nicht mit dem Kopf. Mit den Augen. Die Farben des Felsens. Grau. Braun. Ein Ockergelb manchmal. Streifen, die die Geschichte zeigen. Verschiedene Zeiten. Verschiedene Sedimente. Verschiedene Jahrmillionen. Übereinandergestapelt. Man liest sie. Ohne sie zu verstehen. Aber man liest sie. Der Vogel. Man weiß nicht, was es ist. Ein Greifvogel vielleicht. Groß. Mit großen Flügeln. Er sitzt auf dem Vorsprung und schaut aufs Meer.
Er schaut nicht auf die Straße. Er schaut nicht auf den Menschen, der da steht. Er schaut aufs Meer. Er sieht das Meer anders als man selbst. Er sieht es von oben manchmal. Er sieht die Fische darin. Er sieht, was sich bewegt. Was sich versteckt. Was auftaucht. Er sieht das Meer als Speisekammer. Als Arbeitsplatz. Als Heimat. Als das, wofür er gemacht ist. Man ist nicht dafür gemacht. Man ist Besucher. Man kommt und schaut. Und geht wieder. Für ihn ist diese Klippe zuhause. Dieser Wind ist sein Wind.
Dieser Abschnitt ist sein Abschnitt. Man ist der Gast hier. Man ist der Fremde. Man schaut und geht wieder. Er bleibt. Irgendwo sitzt ein Vogel. Auf einem Vorsprung. Er schaut aufs Meer. Er wartet. Er ist nicht ungeduldig. Er kennt das Warten. Er ist für das Warten gemacht. Man schaut ihn an. Er schaut nicht zurück. Man geht. Er bleibt. Manchmal kommt der Nebel. Nicht Karl. Nicht der Nebel von San Francisco. Ein anderer Nebel. Dieser Küstennebel, der vom Meer kommt. Der über die Klippen zieht.
Der die Aussicht nimmt. Und gibt. Wenn der Nebel da ist, sieht man das Meer nicht. Man hört es. Man riecht es. Aber man sieht es nicht. Man sieht nur Grau. Dieses weiche Grau. Das alles dämpft. Das alles ruhiger macht. Als wäre die Küste schon schläfrig. Als würde sie sich vorbereiten. Heute ist kein Nebel. Oder wenig. Ein paar Fetzen. Die über die Klippen ziehen wie Gedanken. Die kommen und gehen. Ohne zu bleiben. Wie alles hier. Die über die Klippen ziehen. Die kommen und gehen.
Die die Sicht für einen Moment nehmen. Und sie zurückgeben. Und nehmen. Und zurückgeben. Das Licht. An der Küste ist das Licht anders. Man hat es in San Francisco gelernt. Dieses Licht, das schräg fällt. Das Schatten macht, die sich bewegen. Hier ist es noch anders. Hier gibt es keine Häuser, die das Licht teilen. Keine Hügel, die Schatten werfen. Nur das Meer und der Himmel und das Licht dazwischen. Wolken heute. Nicht viele. Aber genug, um das Licht zu brechen. Diese Wolken, die das Sonnenlicht filtert.
Die es weicher machen. Die die Schatten mildern. Wenn die Sonne durch eine Lücke kommt. Für einen Moment. Dann ändert sich das Meer. Es leuchtet. Dieses kurze Leuchten. Diese Sekunde, wo das Wasser aufhört, dunkel zu sein. Wo es golden wird. Oder silbern. Man schaut. Die Sekunde vergeht. Die Wolke schließt sich. Das Meer ist wieder dunkel. Man wartet auf die nächste Lücke. Sie kommt. Sie geht. Man fährt weiter. Die Straße wird wieder enger. Eine Kurve, die man nicht ganz sieht.
Man fährt langsamer. Die Kurve öffnet sich. Ein Ausblick, den man nicht erwartet hat. Das Meer in seiner ganzen Breite. Dieser Horizont. Gerade. Absolut gerade. Als hätte jemand eine Linie gezogen. Zwischen Wasser und Himmel. Und der Himmel heute bewölkt. Und das Wasser dunkel. Und die Linie trotzdem. Dann ist der Abschnitt vorbei. Man weiß es, bevor ein Schild es sagt. Man spürt es. Die Straße wird breiter. Ein zweiter Fahrstreifen. Andere Autos, die schneller fahren. Eine Tankstelle irgendwo.
Ein Schild. Man ist durch. Diese zwanzig Kilometer. Diese Pausen. Diesen Wind. Dieses Meer. Man ist durch. Die Frau wacht auf. Sie schaut aus dem Fenster. Sie sieht eine normale Straße. Sie fragt: wo sind wir. Man sagt: wir sind durch. Sie dreht sich um. Sie schaut nach hinten. Als könnte man die Küste noch sehen. Man kann sie nicht mehr sehen. Sie fragt: war es schön. Man sagt: ja. Sie nickt. Sie dreht sich wieder nach vorne. Sie schaut auf die Straße. Das ist alles. Das ist genug.
Ja, es war schön. Das ist die Antwort. Das war immer die Antwort. Nicht: es war spektakulär. Nicht: ich habe so etwas noch nie gesehen. Nur: ja. Es war schön. Das fasst es zusammen. Das fasst diesen Abschnitt zusammen. Diesen Wind. Dieses Meer. Diese Pausen. Dieses Fahren. Ja. Es war schön. Man fährt. Man schaut. Man fährt. Es gibt keine Dörfer hier. Keine Tankstellen. Keine Restaurants. Kein Supermarkt. Kein Hotel. Nichts, das Menschen brauchen. Nichts, das Menschen dort hinzieht.
Hier ist die Küste. Hier ist der Fels. Hier ist das Meer. Das genügt. Das genügt vollständig. Für eine Küste. Für diesen Abschnitt. Für diese Art von Ort. Nur diese Straße. Und das Meer. Und die Klippen. Und ab und zu ein Parkplatz. Und ein Paar, das aussteigt. Das den Wind lässt. Das das Meer schaut. Das sich vielleicht anschaut. Das nichts sagt. Das wieder einsteigt. Das weiterfährt. So wie alle weiterfahren. Auf dieser Straße. Alle in dieselbe Richtung. Alle auf demselben Weg.
Alle mit demselben Meer rechts. Man fährt allein durch diesen Abschnitt. Die Frau schläft. Und man ist allein mit der Straße. Das passiert selten auf dieser Reise. Die meiste Zeit sind es zwei. Zwei, die schauen. Zwei, die reden. Zwei, die entscheiden. Wohin. Wann. Wie lange. Jetzt ist es nur man selbst. Und der Highway One. Und der Pazifik. Der immer rechts ist. Der immer da ist. Der einem nicht zuschaut. Der einem nicht beachtet. Der einfach da ist. Man fährt und denkt. Nicht an etwas Bestimmtes.
Der Kopf macht, was er macht, wenn man fährt. Er wandert. Er springt. Er kommt zurück. Er wandert wieder. Man lässt ihn. Man hält ihn nicht. Man lenkt den Wagen. Den Kopf lässt man. Irgendwann denkt man an nichts. Das kommt manchmal beim Fahren. Dieser Zustand. Wo man fährt und der Kopf leer ist. Nicht leer wie erschöpft. Leer wie frei. Das kennt man vom Laufen manchmal. Von diesem Moment auf dem Rückweg. Hier kommt er auch. Auf diesem Abschnitt. Auf dieser Straße. Mit dem Meer rechts.
Das ist ein Geschenk. Dieser Abschnitt hat keinen Plan. Man fährt. Man hält an, wenn man will. Man fährt weiter, wenn man will. Niemand erwartet einen. Niemand wartet. Das ist selten. Dieses Gefühl. Diese Strecke ohne Verpflichtung. Diese Stunden, die einem gehören. Vollständig. Man hat auf dieser Reise viel geplant. Universal Studios. Death Valley. Las Vegas. Alcatraz. Alles geplant. Alles organisiert. Dieser Abschnitt ist anders. Man fährt. Man sieht. Man hält an. Man schaut.
Man fährt weiter. Das ist der Plan. Und kein Plan. Und das ist das Richtige. Die Frau schläft irgendwann. Nicht tief. Aber sie lehnt den Kopf ans Fenster. Sie schaut nicht mehr. Sie ruht. Man fährt allein durch diesen Abschnitt. Allein mit der Straße. Allein mit dem Meer. Das ist auch gut. Das ist vielleicht sogar besonders. Diese Kurve. Dieses Fahren. Dieser Abschnitt der Reise, den man allein hat. Allein mit dem PT Cruiser. Allein mit dem Highway One. Allein mit diesem Pazifik.
Der rechts von einem ist. Immer. Irgendwann hört der Abschnitt auf. Die Straße wird breiter. Andere Straßen kommen. Andere Autos. Der Verkehr nimmt zu. Man ist wieder in einer Welt, die mehr Menschen hat. Man schaut zurück. Durch das Heckfenster. Die Straße, die man gefahren ist. Sie verschwindet in einer Kurve. Man sieht die Kurve. Man sieht nicht, was dahinter ist. Das Meer ist weg. Die Klippen sind weg. Nur die Straße. Die sich in eine Kurve schmiegt. Und dann weg ist. Die Frau schläft noch.
Sie hat es nicht gesehen, dieses Ende. Dieses Verlassen des Abschnitts. Das macht nichts. Sie war dabei. Sie war in den Pausen dabei. Sie hat den Wind gespürt. Sie hat das Meer gesehen. Das ist genug. Mehr als genug. Man schaut zurück. In den Rückspiegel. Die Straße hinter einem. Sie sieht aus wie jede andere Straße. Man sieht das Meer nicht mehr. Man sieht die Klippen nicht mehr. Man sieht nur die Straße. Aber man war da. Man hat diese zwanzig Kilometer gehabt. Diese Pausen.
Diesen Wind. Diese Vegetation. Dieses Meer. Diese Stille, die trotz des Windes eine Stille war. Die Frau wacht auf. Sie schaut aus dem Fenster. Sie schaut auf die Straße vor einem. Sie fragt: wo sind wir. Man sagt: wir sind durch. Sie nickt. Sie schaut wieder aus dem Fenster. Diese Reise. Sie ist fast vorbei. Man fährt nach Los Angeles. Man fliegt nach Hause. Man weiß es. Man spürt es noch nicht. Noch ein paar Tage. Noch ein paar Nächte in amerikanischen Motels. Noch ein paar Frühstücke mit Donuts und Pulverkaffee.
Noch ein paar Straßen, die man noch nicht kennt. Und dann der Flughafen. Und dann das Flugzeug. Und dann Deutschland. Aber das ist später. Jetzt ist der Highway One. Jetzt ist diese Küste. Jetzt ist dieser Wind. Dieser Pazifik. Diese Klippen. Diese Pflanzen, die sich festhalten. Man wird sich erinnern. Das weiß man jetzt schon. Nicht alles von dieser Reise. Aber das. Diesen Abschnitt. Diesen Wind. Diese zwanzig Kilometer. Nicht weil sie die schönsten waren. Vielleicht waren sie das.
Vielleicht nicht. Das ist nicht die Frage. Die Frage ist nicht: was war am schönsten. Die Frage ist nicht: was hat am meisten beeindruckt. Diese Fragen helfen nicht. Sie vergleichen, was nicht vergleichbar ist. Sondern weil sie so waren. Weil man angehalten hat. Weil man ausgestiegen ist. Weil man den Wind gelassen hat. Weil man das Meer geschaut hat. Weil man die kleinen Pflanzen angeschaut hat. Die sich festhalten. Im Wind. Man schläft. Draußen ist irgendwo der Pazifik. Er hört nicht auf.
Er macht weiter. Er macht immer weiter. Die Wellen kommen. Sie kommen immer. Heute Nacht. Morgen Nacht. In zwanzig Jahren. In hundert. Sie kommen einfach. Die Klippen stehen. Der Wind weht. Die kleinen Pflanzen halten sich. Nah am Boden. Im Wind. Immer im Wind. Sie halten sich. Sie halten sich seit Jahrzehnten. Seit Jahrhunderten vielleicht. Dieselben Pflanzen. Oder ihre Nachkommen. Irgendwie dieselben. Dieselbe Wurzel. Dieselbe Stelle. Derselbe Wind. Immer derselbe Wind. Und sie halten sich.
Der lange Abschnitt ist noch da. Die zwanzig Kilometer. Die Parkplätze. Der Wind. Das Rauschen. Man war da. Man hat angehalten. So oft man konnte. Man hat den Wind gelassen. Man hat das Meer angeschaut. Man hat die Pflanzen angeschaut. Man hat die Frau angeschaut. Man hat nichts gesagt. Weil es nichts zu sagen gab. Weil der Wind gesprochen hat. Das bleibt. Der lange Abschnitt bleibt. Dieser Wind bleibt. Dieses Meer bleibt. Diese Pflanzen, die sich festhalten. Sie bleiben alle.