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Eine Hörgeschichte für Erwachsene

Der Tag mit dem Oldtimer

10. Juli 2026 · 29:32 · ohne Werbung, kostenlos

Cover: Der Tag mit dem Oldtimer

Der Verwandte grinst, als man einsteigt. Das Auto ist groß, das Leder breit und weich, der Motor klingt tiefer als alles, was man kennt. So fährt man durch Los Angeles — Hollywood Boulevard, Beverly Hills, Rodeo Drive, den Sunset Boulevard, hinunter bis zum Pazifik.

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Der vollständige Text dieser Folge zum Mitlesen. · etwa 21 Minuten Lesezeit.

Los Angeles. Man hat die Stadt vom Flugzeug gesehen. Von oben. Das erste Mal. Die Stadt, die nicht aufhört. Von der Küste bis zu den Bergen. Alles Stadt. Alles Häuser, Straßen, Pools, Dächer. Soweit man schaut. Der Smog-Schleier darüber. Braun und grau. Die Stadt, die atmet. Die mit ihrer eigenen Luft lebt. Dann landet man. Man ist nicht mehr oben. Man ist drin. Und das Erste: die Luft. Die Los-Angeles-Luft. Die man kennt, ohne sie je gerochen zu haben. Die leicht nach Meer riecht.

Und nach Abgasen. Und nach Wärme. Und nach etwas, das man nicht benennen kann. Das einfach: Los Angeles ist. Man atmet. Man ist da. Mittendrin in dem, was man von oben gesehen hat. Man weiß noch, wie er klang. Das Auto. Ein Oldtimer. Amerikanisch. Aus den Fünfzigern, vielleicht den Sechzigern. Mit dem Geräusch, das amerikanische Autos haben. Tiefer als deutsche. Runder. Als käme der Motor von woanders. Als hätte er mehr Zeit gehabt. Mehr Raum. Der Tag beginnt mit dem Oldtimer.

Man hört ihn schon von weitem. Dieses Geräusch. Man öffnet die Tür. Der Verwandte steht draußen. Grinst. Er ist stolz auf das Auto. Das spürt man. Er hat es gepflegt. Er pflegt es. Das ist das Verhältnis zwischen einem Mann und seinem Oldtimer. Eine Beziehung. Eine langfristige. Er hat Zeit investiert. Er wird Zeit investieren. Und dafür bekommt er: dieses Geräusch. Dieses Gurren. Diesen Stolz. Das Grinsen, wenn man einsteigt. Man öffnet die Tür. Der Verwandte steht draußen.

Grinst. Das Auto ist groß. Weiß, vielleicht. Oder hellblau. Man erinnert sich nicht genau an die Farbe. Weiß? Hellblau? Cremeweiß? Man weiß es nicht mehr. Aber das Geräusch. Das Geräusch ist noch da. In der Erinnerung. Das tiefe Gurren. Das Rollen. Das Fahren. Man erinnert sich an das Geräusch. An das Leder. An das Große. An das Gefühl, einzusteigen. In ein anderes Amerika. In das Amerika, das war. Das Amerika der Flossen und des Chroms. Das Straße-und-Horizont-Amerika. Man steigt ein.

Der Tag beginnt. Der Oldtimer. Man steigt ein. Das Leder. Das Leder eines amerikanischen Autos aus den Fünfzigern. Breit. Weich. Als wäre es nicht Leder, sondern etwas anderes. Etwas Großzügigeres. Man sitzt auf dem Rücksitz. Die Frau neben einem. Der Verwandte vorn. So fährt man durch Los Angeles. Im Oldtimer. Durch die Straßen, die breit sind. Durch die Viertel, die wechseln. Man schaut aus dem Fenster. Man schaut auf das, was vorbeiläuft. Die Palmen. Die kleinen Häuser. Die Hauswände mit Wandgemälde.

Los Angeles ist eine Stadt der Wandgemälde. Überall. Auf Lagerhallen. Auf Wohnhäusern. Auf Mauern, die keine andere Funktion haben als zu stehen. Die Bilder. Die Geschichten. Die Farben. Los Angeles malt seine Wände. Das gehört dazu. Das ist auch Los Angeles. Die langen, geraden Straßen. Man sitzt auf dem Rücksitz. Weit. Zu dritt wäre noch Platz. Das ist amerikanisch. Die Proportion. Der Raum, den man sich lässt. Das Auto fährt an. Der Motor, tief. Das Geräusch, das man nicht vergisst.

Das Gurren. Das bleibt. Das Rollen. Das Fahren ohne Eile. Ein Oldtimer fährt nicht schnell. Ein Oldtimer fährt. Das ist der Unterschied. Ein modernes Auto will ankommen. Ein Oldtimer will fahren. Das Fahren selbst ist der Punkt. Nicht das Ankommen. Das Fahren. Das ist die amerikanische Philosophie. Nicht das Ziel. Der Weg. Der Highway. Das Gefühl der offenen Straße. Das man kennt aus Filmen. Aus Büchern. Aus allem, was man je über Amerika gelesen hat. Kerouac. On the Road. Das Buch.

Das Versprechen. Man hat es gelesen. Man hat gedacht: Das möchte ich. Jetzt hat man es. Nicht ganz. Nicht Kerouac. Aber diesen Ausschnitt. Diesen Nachmittag. Diesen Oldtimer. Das man kennt. Das man jetzt hat. Im Oldtimer. Auf dem Freeway. Das Fahren selbst ist der Punkt. Das Geräusch. Das Leder. Das breite Lenkrad, das man von vorne sieht. Die Art, wie das Auto in den Kurven liegt. Schwer. Groß. Als wäre der Boden näher. Als wäre man mehr drin als auf. Das ist das Fahren im Oldtimer.

Das hat man in Europa nicht. Das ist Amerika. Das ist dieser Tag. Der Verwandte, der uns abholte. Er lebte in Los Angeles. Schon seit Jahren. Er kannte die Stadt. Oder einen Teil davon. Seinen Teil. Den er uns zeigen wollte. Den Touristenteil, aber durch seine Augen. Er kommentiert. Er zeigt. Er sagt: Hier ist das, hier war das. Er sagt: Dieses Gebäude da stand früher woanders. Er sagt: Dieser Laden ist gut, da essen wir später. Er gibt den Dingen Kontext. Ohne Kontext: Tourismus.

Mit Kontext: Verstehen. Beides hat seinen Wert. Aber mit Kontext ist schöner. Den Touristenteil, aber durch seine Augen. Das ist der Unterschied. Derselbe Ort, durch andere Augen. Er hat die Stadt gelernt. Über Jahre. Er weiß, wo man hält. Wo man nicht hält. Welche Straße leer ist um welche Zeit. Welcher Aussichtspunkt den besten Blick hat. Welches Lokal das richtige ist. Das ist das Geschenk des Einheimischen. Oder des halb-Einheimischen. Jemand, der länger da ist als man selbst.

Der den Teil kennt, den Touristen nicht kennen. Und auch den Teil, den Touristen kennen. Das ist der Unterschied. Derselbe Ort, durch andere Augen. Das Grauman's Chinese Theatre. Hollywood Boulevard. Man kennt es. Man kennt es von Fotos, von Filmen. Man kennt den roten Teppich. Man kennt die Handabdrücke. Und dann steht man davor. Und schaut. Der Eingang. Die Drachen. Das Dach, das an einen chinesischen Tempel erinnert. Oder an das, was man sich vorstellt, wenn man an chinesische Tempel denkt.

Das ist auch Los Angeles. Die Interpretation. Die Version. Die Destillation. Das Gebäude schaut zurück. Es weiß, dass es eine Version ist. Eine sehr schöne Version. Das Holz, die Drachen, die geschwungenen Dachkanten. Alles etwas zu groß, etwas zu bunt. Und genau deshalb richtig. Das hat sich geändert. Ein bisschen. Die Wandgemälde, die die Geschichte der Stadt erzählen. Die vielen Sprachen auf den Schildern. Das echte Fremde, das zur Stadt gehört. Das ist das heutige Los Angeles.

Das Exotische, eingebaut in den Hollywood Boulevard. 1927 gebaut. Fast hundert Jahre alt jetzt. Das Älteste hier. Das, was bleibt. Die Drachen. Und davor, auf dem Boden: die Handabdrücke. Und die Fußabdrücke. Und die Unterschriften. Man geht langsam. Man sucht. Man findet Mickey Mouse. Den Abdruck von Mickey Mouse, in Beton. Man hält inne. Das ist kein Abdruck von einer echten Hand. Mickey Mouse hat keine Hände. Nicht so. Und trotzdem. Der Abdruck. Der Witz des Abdrucks. Man lacht.

Die Frau neben einem lacht auch. Der Verwandte erklärt. Man hört zu. Schaut weiter. Auf dem Hollywood Boulevard. Los Angeles ist jung. Jünger als man denkt. Vor hundert Jahren: ein Dorf an der Küste. Dann kamen die Eisenbahn, die Orangen, die Filmstudios. Dann kamen alle. Innerhalb von hundert Jahren: die zweitgrößte Stadt Amerikas. Das ist Los Angeles. Das schnelle Wachsen. Das Anziehen. Jeder kam. Die Filmstudios: sie kamen wegen des Lichts. Das Los-Angeles-Licht. Dreihundert Tage Sonne im Jahr.

Das Licht, das die frühen Kameras brauchten. Das Licht, das die Bilder macht. Das Licht von Los Angeles. Dreihundert Tage im Jahr. Das haben sie ausgerechnet. Dreihundert Tage Sonne. Dreihundert Tage zum Drehen. Sie kamen wegen des Lichts. Und das Licht ist noch da. Man spürt es. Auch heute. Das Los-Angeles-Licht. Sie kamen wegen des Lichts. Und dann blieben sie. Und dann kamen mehr. Und dann: die Stadt. Die Idee, dass hier alles möglich ist. Jeder kann kommen. Aus überall. Aus Deutschland.

Aus Japan. Aus Mexiko. Aus allen Ländern. Alle kommen. Man merkt der Stadt an, dass viele hierherkamen. Aus allen Richtungen. Aus allen Gründen. Das liegt in den Stimmen, in den Farben, in den Schildern. In den Gerüchen an den Straßenecken. In der Musik, die aus Fenstern kommt. Das ist Los Angeles. Jeder kann kommen. Jeder kann bleiben. Jeder kann werden. Das Versprechen von Los Angeles. Das nie ganz gehalten wird. Für die meisten. Die meisten, die kommen um Stars zu werden, werden keine Stars.

Die meisten, die kommen für den großen Durchbruch, erleben ihn nicht. Aber sie bleiben. Sie leben. Sie machen etwas anderes. Sie werden Teil der Stadt. Das ist Los Angeles. Das Versprechen, das sich verwandelt. In etwas anderes als man dachte. Aber in etwas. Und trotzdem: Millionen kommen. Millionen versuchen es. Viele bleiben. Das ist die Stadt. Hollywood Boulevard selbst. Man geht. Alle gehen hier. Touristen aus der ganzen Welt. Alle auf demselben Bürgersteig. Alle schauend.

Die Sterne auf dem Boden. Der Walk of Fame. Jeder Stern ein Name. Ein Schauspieler. Ein Regisseur. Ein Musiker. Manchmal ein Name, den man nicht kennt. Der berühmt war. Irgendwann. Vor langer Zeit. Der vergessen wurde. Der Stern bleibt. Das ist das Seltsame. Der Stern bleibt länger als die Berühmtheit. Der Beton ist beständiger als das Ansehen. Das ist eine Lektion, die Los Angeles gibt. Ohne es zu sagen. Durch den Boden. Durch die Sterne. Die bekannt waren. Die vergessen wurden.

Die Sterne blieben. Das Ansehen nicht. Man schaut auf die Namen. Manche kennt man. Manche nicht. Manche sind vergessen. Die Namen bleiben. Der Beton, in den sie eingelassen sind, bleibt. Aber die Menschen, die die Filme gesehen haben, die die Musik gehört haben. Sie kommen und gehen. Man kommt. Man geht. Man war auf dem Hollywood Boulevard. Man hat auf die Sterne geschaut. Beverly Hills. Man fährt durch. Die Straßen sind anders. Breiter, sauberer, ruhiger. Palmen in Reihen. Die Häuser hinter Hecken.

Die meisten sieht man nicht. Nur die Tore. Die Einfahrten. Die Sicherheitskameras. Beverly Hills sieht man nicht. Beverly Hills versteckt sich. Das ist seine Eigenschaft. Man fährt durch. Man schaut. Man sieht: wenig. Man versteht: viel. So lebt man, wenn man genug hat. Man versteckt sich. Man hat ein Tor. Eine Hecke. Einen Garten, den niemand sieht. Das ist die Privatheit des Reichtums. Das Sich-Entziehen. Das Nicht-Gesehen-werden-Wollen. Paradox: Man lebt in einer Stadt, die vom Gesehen-werden lebt.

Und zieht sich hinter Hecken zurück. Das ist Beverly Hills. Das Verstecken mitten im Sichtbaren. Man fährt durch Beverly Hills. Rodeo Drive. Man kennt den Namen. Man kennt ihn aus Pretty Woman. Aus allem, was man je über Los Angeles gehört hat. Die teuerste Straße. Die Schaufenster, die man nicht aufmacht. Die Läden, in denen man nicht kauft. Man schaut. Das ist das Erlaubte hier. Wer hierher kommt, schaut. Das wissen alle. Die Verkäufer wissen es. Die Schaufenster sind gemacht zum Schauen.

Nicht zum Kaufen. Die meisten kaufen nicht. Die meisten schauen. Das ist das Erlaubte hier. Schauen. Reinschauen. Die Kleider, die Schuhe, die Taschen. Die Preise, die man nicht laut sagt. Man schaut. Das ist genug. Los Angeles hat eine Qualität, die man nicht erwartet. Man erwartet: Glanz. Man erwartet: Glamour. Man erwartet: das, was man von Filmen kennt. Was man bekommt: Weite. Die Weite von Los Angeles. Die Horizontale. Alles flach. Alles ausgedehnt. Alles weit. Die Stadt hat keine Mitte.

Oder viele Mitten. Chinatown. Koreatown. Little Tokyo. Silver Lake. West Hollywood. Beverly Hills. Jedes ein eigenes Dorf. Alle nebeneinander. Alle zu einem verbunden durch Highways. Der Freeway. Los Angeles ohne Freeway ist keine Geschichte. Der Freeway ist die Stadt. Die Überfahrten. Die Auf- und Abfahrten. Die Schilder, die in alle Richtungen zeigen. Die Überlagerung von Richtungen. Der Freeway ist ein Versprechen. Man kann überall hinfahren. Von hier aus. Jede Stadt in Reichweite.

Stunden entfernt. Aber erreichbar. Das ist Amerika. Das Versprechen der Straße. Das Versprechen der weiten Entfernungen, die machbar sind. Richtung San Diego. Richtung San Francisco. Richtung Downtown. Richtung Strand. Man fährt auf dem Freeway. Im Oldtimer. Das ist merkwürdig. Ein Oldtimer auf dem Freeway. Alle anderen fahren schneller. Der Oldtimer fährt. Nicht schnell. Aber er fährt. Er gehört auch hier dazu. Er hat immer zum Freeway gehört. Er ist älter als der Freeway. Er war hier, bevor der Freeway kam.

Er hat die Stadt gesehen, als sie noch kleiner war. Als man noch ohne Freeway durchkam. Als Hollywood noch ein Dorf war. Als die Filmstudios noch draußen lagen. Dieser Oldtimer hat Los Angeles gesehen. Er sieht es immer noch. Er fährt. Er war hier, bevor der Freeway kam. Durch Autos. Ohne Auto: keine Stadt. Los Angeles denkt an Filme. Man denkt an Filme, wenn man durch Los Angeles fährt. Man kann nicht anders. Jede Straße: ein Film. Jedes Viertel: eine Geschichte. Sunset Boulevard.

Der Film. Chinatown. Der Film. Los Angeles dreht sich im Kreis seiner eigenen Bilder. Die Stadt spielt sich selbst. In hundert Jahren Filmen. Man kommt und erkennt alles. Nicht weil man es kannte. Weil man es gesehen hat. Das ist das Merkwürdige an Los Angeles. Man kennt es, bevor man da ist. Man erkennt es, wenn man da ist. Das Wiedererkennungsgefühl einer Stadt aus Filmen. Das kennt man. Das hat man erwartet. Aber man hat nicht erwartet, wie stark es ist. Wie sehr man erkennt.

Wie sehr man spürt: Ich war hier. Ich war nie hier. Und trotzdem war ich hier. In den Filmen. In den Serien. In allem, was man je gesehen hat. Man fährt durch eine Straße und denkt: Diese Straße kenne ich. Man ist nie hier gewesen. Aber man kennt sie. Weil sie gedreht wurde. Weil sie in einem Film war. Weil hundert Geschichten durch diese Straße führten. Das ist Los Angeles. Die Stadt, die sich selbst darstellt. Die sich selbst erklärt. Durch Bilder. Durch Geschichten. Man fährt durch und erkennt.

Das ist das Wiedererkennungsgefühl einer Stadt aus Filmen. Mit Oldtimer: die richtige Stadt. Hollywood Sign. Man sieht es von unten. Von einem Parkplatz, von dem man hält. Weit oben. An den Hügeln. Weiße Buchstaben auf braunem Hügel. HOLLYWOOD. Man schaut. Der Verwandte macht ein Foto. Alle machen ein Foto. Das macht man hier. Das Schild ist zu weit für ein gutes Foto. Aber man macht es trotzdem. An diesem Tag passiert etwas. Nichts Großes. Aber etwas. Man merkt: Das ist schön.

Nicht das Theater. Nicht der Walk of Fame. Nicht Rodeo Drive. Dieser Tag. Der Oldtimer. Der Verwandte, der erklärt. Die Frau, die schaut. Das Zusammen-durch-Los-Angeles-Fahren. Im Oldtimer. Mit dem Verwandten, der erklärt. Durch die Stadt, die man nicht kennt. In die man hineingelassen wird. Das ist ein Geschenk. Das Zusammen-Staunen. An einem Tag in einer Stadt, die man nicht kennt. Durch die Augen von jemandem, der sie kennt. Das ist das Geschenk. Nicht die Sehenswürdigkeiten.

Man wird die Sehenswürdigkeiten vergessen. Nicht das Chinese Theatre. Nicht Rodeo Drive. Man wird den Oldtimer nicht vergessen. Das Geräusch. Das Leder. Das Gurren. Das bleibt. Das Fahren durch Los Angeles. Das ist das Geschenk. Nicht die Sehenswürdigkeiten. Der Tag selbst. Man macht es, weil man da war. Weil das Foto beweist, dass man da war. Man zeigt es. Irgendwann. Jemandem. Schau: Hollywood Sign. Haben wir gesehen. Waren wir. Das Foto beweist es. Man hat sich vorgebeugt.

Man hat geschaut. Die Buchstaben, weiß auf dem Hügel. Man hat gedacht: Das ist wirklich da. Das ist das Hollywood Sign. Das echte. HOLLYWOOD. Venice Beach. Vielleicht war es Venice. Die langen Promenaden. Die Muskelträger am Strand. Die Skater. Die Straßenmaler. Die Sänger mit der offenen Gitarrentasche. Das Chaos des Strands. Ein Rollschuhfahrer dreht sich. Mitten auf der Promenade. Er macht das schon lange. Man sieht es. An der Art, wie er dreht. Rückwärts, dann vorwärts, dann wieder rückwärts.

Als hätte der Boden keine Bedeutung. Als wären Rollschuhe Flügel. Ein Kreis von Zuschauern bildet sich. Alle schauen. Die meisten filmen mit dem Telefon. Der Mann tanzt trotzdem. Oder deswegen. Man filmt nicht. Man schaut einfach. Ohne Telefon. Das ist auch eine Entscheidung. Das Schauen ohne Festhalten. Der Moment, der endet. Der vielleicht bleibt, weil man ihn nicht festhält. Das Meer riecht anders hier. Nicht wie die Nordsee. Salziger, vielleicht. Oder wärmer. Die Salzluft von Los Angeles.

Die man mitnimmt. Die sich in die Haare legt. Die man noch riecht, wenn man längst nicht mehr am Strand ist. Der erste Pazifik-Geruch. Den man je gerochen hat. Man merkt ihn sich. Man weiß nicht warum. Aber man merkt ihn sich. Die Frau neben einem. Sie atmet tief. Sie hat es auch gemerkt. Diesen Geruch. Dieses erste Mal. Das sieht man ihr an. Das muss man nicht sagen. Es ist einfach da. Beide wissen es. Das organisierte Chaos. Als wäre es einstudiert. Als wäre Venice ein Freilichttheater.

Und man ist Zuschauer. Man schaut. Man läuft. Man kauft sich ein Eis. Vanilla. Oder Chocolate. Das macht keinen Unterschied. Das Eis schmeckt gut. Alles schmeckt gut, am Strand. Die Salzluft. Das Licht. Der Burger, der kommt. Der Burger am Strand von Los Angeles. Das ist kein gewöhnlicher Burger. Das ist der Burger, den man isst, wenn man am Pazifik sitzt. Wenn man gerade den Hoover Dam gesehen hat. Und das Death Valley. Und Las Vegas. Und Hollywood. Und das Chinese Theatre.

Wenn man müde ist und satt vom Sehen. Dann isst man den Burger. Und schaut auf das Wasser. Und denkt: Das war ein guter Tag. Alles gut. Der Burger am Strand. Das ist die Erinnerung, die bleibt. Nicht das Theater. Nicht der Walk of Fame. Rodeo Drive. Der Burger. Am Strand. Santa Monica, vielleicht. Oder Venice. Man weiß es nicht mehr genau. Aber man weiß: Strand. Und Burger. Und Abend. Sunset Boulevard. Der Name. Man kennt den Namen. Sunset Boulevard. Man fährt drauf. Der Verwandte sagt: Das ist Sunset.

Man schaut. Die Straße ist lang. Sie kommt aus dem Osten. Sie geht Richtung Westen. Richtung Meer. Sunset. Das Licht, das gerade nachläuft. Das Licht, das immer Richtung Westen geht. Das Licht und die Straße, beide Richtung Westen. Beide zum Meer. Man fährt auf dem Sunset Boulevard. Richtung Strand. Das ist Los Angeles. Das Licht des Abends auf dem Pazifik. Der Geruch des Ozeans. Das erste Mal, den Pazifik zu sehen. Den Pazifik. Nicht die Nordsee. Nicht die Ostsee. Der Pazifik.

Man war an der Nordsee aufgewachsen. Man kennt das Meer. Man dachte: Das kenne ich. Dann steht man vor dem Pazifik. Das ist nicht das Meer, das man kennt. Das ist größer. Viel größer. Die Nordsee endet irgendwo. Man weiß, wo. Der Pazifik endet nicht. Er geht weiter. Über China. Über Japan. Er hört nicht auf. Er ist das Größte, das es gibt. Größer als der Atlantik. Größer als die Nordsee. Größer als alles Wasser, das man je gesehen hat. Man steht vor ihm. Man hat keinen Begriff dafür.

Man hat keine Maßeinheit. Man sieht nur: das Ende des Landes. Das Aufhören des Kontinents. Man hat in Europa gelebt. In Deutschland. Man kennt das Aufhören. Die Nordseeküste. Das Ende des Landes. Aber da ist noch mehr. Europa geht weiter. England. Frankreich. Alles irgendwie verbunden. Hier: das Ende. Das Ende der westlichen Welt. Und dann: Wasser. Wasser bis zum Horizont. Und der Horizont ist nicht das Ende. Der Horizont ist nur, wie weit man sieht. Dahinter: mehr. Mehr Wasser.

Er ist das Größte, das es gibt. Man steht vor ihm. Man ist klein. Sehr klein. Kleiner als vor dem Hoover Dam. Kleiner als vor dem Death Valley. Der Pazifik macht einem klar: Du bist sehr klein. Das ist kein schlechtes Gefühl. Es ist ein richtiges Gefühl. Den Pazifik. Er liegt da. Groß. Stiller als man dachte. Man hat den Atlantik gesehen. An der Nordseeküste. Das ist ein raues Meer. Ein windiges. Ein graues. Der Pazifik ist anders. Nicht immer. Aber an diesem Abend. An diesem Strand.

Er liegt ruhig. Große Wellen, aber sanfte. Die Farbe des Sonnenuntergangs auf dem Wasser. Orange, rosa, gold. Das Wasser nimmt die Farbe. Trägt sie. Wirft sie zurück. Ruhiger. Schöner. Man sitzt am Strand. Man isst den Burger. Man schaut auf den Pazifik. Die Sonne geht unter. Nicht spektakulär. Aber schön. Das Licht auf dem Wasser. Das Pazifik-Licht. Das Abendlicht. Das flache, goldene Licht, das man schon kennt. Vom Hoover Dam. Von der Wüste. Dieses Licht ist überall im Westen.

Es wandert. Es kommt von Osten. Es geht nach Westen. Es endet hier. Am Pazifik. Am Strand. Das Licht auf der Haut. Das Licht auf dem Burger, der auf dem Schoß liegt. Das Licht auf allem. Die Frau neben einem. Sie schaut auch. Beide schauen. Beide essen. Beide schweigen. Das ist gut. Das reicht. Das hat immer gereicht. Am Abend. Man liegt im Bett. Los Angeles draußen. Die Stadt schläft nicht. Sie ist nie ganz still. Irgendwo fährt ein Auto. Irgendwo leuchtet ein Licht. Irgendwo dreht jemand einen Film.

Oder träumt davon, einen zu drehen. Das ist Los Angeles. Die Stadt der Träume. Das klingt abgenutzt. Das klingt wie ein Klischee. Aber man liegt im Bett und denkt: Ja. Das stimmt. Diese Stadt träumt. Man spürt es. Man spürt die Energie des Wollens. Des Versuchens. Das liegt in der Luft. Das Los-Angeles-Wollen. Man liegt im Bett. Man hat den Tag. Den Oldtimer. Den Hollywood Boulevard. Den Pazifik. Den Burger. Die Frau neben einem. Den Verwandten, der grinste. Das alles hat man.

Das nimmt einem niemand. Los Angeles draußen. Die Stadt, die nicht schläft. Man schläft. Das ist genug. Der Oldtimer steht irgendwo. In einer Garage. In Los Angeles. Er wartet auf den nächsten Tag. Er hat immer gewartet. Er wird warten. Das Geräusch ist noch im Ohr. Das tiefe Gurren. Das Rollen durch die Straßen. Das Fahren, das der Punkt war. Das Fahren, das der Tag war. Das bleibt. Das hat immer gereicht. Der Tag mit dem Oldtimer. Der Tag in Los Angeles. Der Tag, den der Verwandte geschenkt hat.

Das Geräusch des Autos. Die Sterne auf dem Bürgersteig. Die Handabdrücke. Mickey Mouses Handabdruck. Das Lachen. Rodeo Drive, durch das man schaute. Hollywood Sign, das man fotografierte. Den Pazifik. Den Burger. Die Frau. Das alles. Ein Tag. Ein langer Tag. Ein guter Tag. Der bleibt. Immer. Los Angeles schläft nicht. Aber man schläft. Mit dem Geräusch des Oldtimers im Ohr. Mit dem Salzgeruch des Pazifiks auf der Haut. Mit dem Abendlicht, das noch hinter den Augen ist. Gold und rosa und gut.

Alles gut. Der Pazifik liegt draußen. Weit weg. Aber da. Groß und still. Das größte Wasser der Welt. Es schläft auch nicht. Es liegt und atmet. Wie immer. Das beruhigt. Das hat immer beruhigt. Das Ende des Kontinents. Man war da. Man stand am Ende des Kontinents. Am Pazifik. Norddeutschland liegt im Gedächtnis. Die Nordsee. Das andere Ende. Der andere Ozean. Hier: das Ende nach Westen. Dort: das Ende nach Norden. Beide Ozeane. Beide gesehen. Das ist etwas. Man hat beide gesehen.

Beide standen vor einem. Beide groß. Beide still auf ihre Art. Beide da. Der Oldtimer wartet. Er ist geduldig. Er hat immer gewartet. Auf den nächsten Fahrer. Auf den nächsten Tag durch Los Angeles. Auf das nächste Gurren. Das nächste Rollen durch die Straßen. Er wartet. Und irgendwo in Los Angeles ist es immer Tag. Irgendwo fährt immer ein Oldtimer. Irgendwo macht ein Motor dieses Geräusch. Dieses tiefe, runde Gurren. Das Amerika-Geräusch. Das man kennt. Das man nicht vergisst.

Das bleibt. So ist Los Angeles. So war dieser Tag. Die Sterne auf dem Bürgersteig. Der Oldtimer auf dem Freeway. Die Hecken in Beverly Hills. Das Licht, das dreihundert Tage im Jahr kommt. Der Pazifik, der nicht aufhört. Der Burger, der gut schmeckte. Der Verwandte, der grinste. Die Frau, die alles sah. Das alles zusammen. Ein Tag in Los Angeles. Der Tag mit dem Oldtimer. Der bleibt. Das hat immer gereicht. Noch eine Nacht in Los Angeles. Dann weiter. San Francisco wartet. Die Küste wartet.

Noch mehr Amerika wartet. Aber heute Nacht: Los Angeles. Der Oldtimer in der Garage. Der Pazifik am Strand. Die Stadt, die nicht schläft. Und man, der schläft. Mit dem Geräusch im Ohr. Mit dem Licht hinter den Augen. Mit dem Tag, der gut war. Gut. Sehr gut. Das Los-Angeles-Licht wartet auf morgen. Dreihundertster Tag. Oder der erste. Es macht keinen Unterschied. Das Licht kommt. Der Oldtimer wartet. Los Angeles wartet. Auf den nächsten Tag. Auf die nächsten, die kommen. Die staunen wollen.

Die schauen wollen. Die am Pazifik sitzen wollen. Die am Burger essen. Die den Oldtimer hören wollen. Das Geräusch bleibt. Das tiefe Gurren. Das Rollen. Das Fahren durch die Stadt. Durch die Straßen, die breit sind. Durch die Viertel, die wechseln. Vorbei an den Palmen. Vorbei an den Wandgemälde. Vorbei an allem, was Los Angeles ist. Das Geräusch bleibt. Das ist der Tag. Das ist der Oldtimer. Das ist Los Angeles. Gut. Am Pazifik. Am Ende des Kontinents. Am Anfang des Wassers.

Dort, wo alles endet und alles beginnt. Das ist dieser Abend. Das ist dieser Tag. Der Oldtimer. Los Angeles. Der Pazifik. Die Frau. Das alles war. Das alles bleibt. Das bleibt immer. Wie das Geräusch. Wie das Gurren. Wie der Pazifik. Wie dieser Tag. Wie die Hochzeitsreise. Immer. Das Geräusch. Der Oldtimer. Diese Fahrt. Los Angeles. Die Straßen, die man kannte. Die man nicht kannte. Die man fuhr. Das Gurren des Motors. Das hat man behalten. Dieses Geräusch. Das zu diesem Tag gehört.

Das zu dieser Hochzeitsreise gehört. Das bleibt. Wie alles bleibt. Was man trägt. Was man nie losgelassen hat. Dieser Tag. Dieser eine Tag in Los Angeles. Mit dem Oldtimer. Mit diesem Gurren. Mit dieser Stadt, die man durchfuhr. Die man sah. Die man vergisst. Die man nicht vergisst. Man schläft. Das Gurren ist noch da. Im Hinterkopf. Dieses leise Gurren. Das bleibt. Los Angeles. Diese Stadt. Diese Straßen. Diese Palmen. Diese Sonne. Dieser Oldtimer. Der durch die Stadt fuhr.

Der diesen Hochzeitsreisetag hatte. Der dieses Gurren hatte. Man schläft. Das Gurren ist leise. Ganz leise. Aber da. Diese Reise. Diese Tage. Das Gurren des Motors darunter. Das Licht darüber. Das kalifornische Licht. Beides zusammen. Das bleibt. Das Gurren bleibt. Leise. Ganz leise. Aber da.

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