← Alle Folgen

Eine Hörgeschichte für Erwachsene

Der Mittag

5. Juni 2026 · 31:19 · ohne Werbung, kostenlos

Cover: Der Mittag

Es ist heiß. Nicht die Hitze, die man kennt. Die Hitze, die man nicht kennt — bis man hier ist. Trockene Hitze. Die Art, die keine Feuchte hat. Die einem nicht klebt. Die einfach brennt.

Transkript lesen
Lesegröße

Der vollständige Text dieser Folge zum Mitlesen. · etwa 23 Minuten Lesezeit.

Es ist heiß. Nicht die Hitze, die man kennt. Die Hitze, die man nicht kennt — bis man hier ist. Trockene Hitze. Die Art, die keine Feuchte hat. Die einem nicht klebt. Die einfach brennt. Die Sonne steht hoch. Es ist Mittag. Oder kurz nach Mittag. Die Uhr sagt etwas, aber man glaubt ihr nicht richtig. Die Zeit hier läuft anders. In der Hitze läuft Zeit langsamer. Oder schneller. Man weiß es noch nicht. Man ist noch nicht lange hier. Palm Springs. Das Wort kannte man vorher. Von Fotos, von Filmen, von dem, was man sich vorstellt, wenn jemand sagt: Kalifornien.

Palmen. Blauer Himmel. Weite Straßen. Das stimmt alles. Und trotzdem ist es anders als man dachte. Größer. Leerer. Ruhiger. Die Berge um die Stadt — die hat man nicht erwartet. So nah. So hoch. So kahl. Sie stehen um Palm Springs wie Wände. Als hätte jemand eine Stadt in eine Schale gesetzt. In eine Wüstenschale. Und die Berge halten die Hitze. Sie lassen sie nicht raus. Sie halten alles drin. Man geht durch eine Straße. Die Straße ist breit. Breiter als zu Hause. Alles hier ist breiter als zu Hause.

Die Straßen, die Autos, die Abstände zwischen den Häusern. Die Häuser selbst. Die Gärten. Der Himmel. Man geht und fühlt sich kleiner als sonst. Nicht weil man kleiner ist. Weil alles größer ist. Alles ist ein bisschen zu groß. Und trotzdem — trotzdem fühlt man sich allein. Nicht auf eine schlechte Art. Auf eine stille Art. Auf eine Art, die neu ist. Das Praktikum hat vor drei Wochen angefangen. Drei Wochen in Palm Springs. Noch drei Monate. Sechs Monate insgesamt. Ein halbes Jahr in dieser Stadt.

In dieser Hitze. In diesen Straßen. In diesem Licht. Man hat ja gesagt. Und das Ja war das Richtige. Das weiß man jetzt. Das weiß man, wenn man durch die Straßen geht und denkt: Hier bin ich. Hier, wo es heiß ist und weit. Hier, wo die Berge um die Stadt stehen und alles einschließen. Hier, wo die Palmen in Reihen die Straßen säumen. Hier. Das ist kein Traum. Das ist Palm Springs. Das bin ich, in Palm Springs. Man hat ja gesagt. Man hat nicht lange überlegt. Jemand hat gefragt: Willst du nach Kalifornien?

Und man hat gesagt: Ja. So einfach. So einfach, dass man danach ein bisschen erschrocken war. Über sich selbst. Über das Ja, das so schnell kam. Aber das Ja war richtig. Das merkt man jetzt. Das merkt man an jedem Mittag, wenn man durch die Hitze geht und denkt: Ich bin hier. Wirklich hier. In Palm Springs, Kalifornien, USA. Man wohnt in einer kleinen Wohnung, zwei Straßen vom Büro. Man geht morgens hin. Man geht abends zurück. Manchmal läuft man mittags raus. So wie jetzt. Einfach raus.

In die Hitze. In die Stille der Mittagsstraßen. Bei dieser Hitze ist kaum jemand draußen. Die Vernünftigen sind drin. Man ist draußen. Das ist eine Entscheidung. Eine kleine. Aber eine eigene. In Deutschland hätte man das nicht gemacht. Den Mittag draußen verbringen, wenn es so heiß ist. Aber hier macht man es. Weil es Palm Springs ist. Weil die Hitze hier anders ist. Weil man sie kennenlernen will. Man ist jung. Man kann das. Man geht in die Mittagshitze und lernt sie kennen.

Die ersten paar Mal lacht man ein bisschen über sich selbst. Weil man schwitzt. Weil die Haut sich anders anfühlt hier. Trockener. Gespannter. Weil die Lippen aufspringen. Weil man mehr trinkt als je zuvor. Wasser, immer Wasser. Das hat man schnell gelernt. Durst kommt zuerst. Hunger, Erschöpfung — sie folgen. Die Wüste nimmt das Wasser unmerklich. Das ist die Wüste. Sie nimmt das Wasser aus einem. Unmerklich. Die trockene Luft. Die Hitze. Man schwitzt und merkt es nicht, weil der Schweiß sofort verdunstet.

Das ist die trockene Hitze. Sie lässt einen denken: Es ist nicht so schlimm. Dabei ist es schlimm. Man muss trinken. Eine Flasche morgens, eine mittags, eine abends. Mehr, wenn man draußen war. Das Wasser hier schmeckt anders als zu Hause. Ein bisschen mineralischer. Oder man bildet es sich ein. Egal. Man trinkt. Man geht in die Mittagshitze und lernt sie kennen. Die trockene Hitze, die brennt. Den weißen Himmel. Das Flirren. Die Palmen stehen in Reihen an der Straße. Sie sind hoch.

Viel höher als die Häuser daneben. Ihr Schatten fällt schräg, zur Seite. Bei Mittag gibt es kaum Schatten. Die Sonne steht zu hoch. Die Palmen werfen dünne Streifen. Zu dünn für einen Menschen. Man steht trotzdem kurz in einem. Einen Moment. Es hilft kaum. Aber es hilft etwas. Dann geht man weiter. Die Straße heißt South Palm Canyon Drive. Man hat sich den Namen gemerkt. Man hat sich viele Namen gemerkt. Das ist eine Art, irgendwo anzukommen. Man lernt die Namen. Die Straßen.

Die Läden. Die Menschen im Büro, die alle anders heißen als die Menschen zu Hause. Die Kolleginnen — sie sind freundlich. Am ersten Tag hatten sie gefragt, woher man komme. Man hatte geantwortet: aus Deutschland. „Deutschland? Wirklich?“ hatten sie gesagt, mit einem Ton, als wäre das etwas Besonderes. Vielleicht ist es das. Für sie ist jemand aus Deutschland ungefähr so weit weg wie für einen jemand aus Australien. Man denkt darüber nach. Wie weit weg man ist. So weit weg, dass zu Hause gerade der Abend beginnt, während man hier in der Mittagshitze steht.

Die Eltern sitzen vielleicht beim Abendessen. Die Freunde gehen aus. Die Stadt macht das, was Städte abends machen. Hier ist es Mittag. Hier flirrt die Hitze. Hier sind die Straßen leer. Das ist die Gleichzeitigkeit der Welt. Dass überall gleichzeitig etwas passiert. Dass man an einer Kreuzung in Palm Springs stehen kann, während zu Hause der Abend beginnt. Das ist eine neue Art, die Welt zu verstehen. Eine räumliche Art. Eine, die man nicht lernt, wenn man nie weggeht. Wenn man mittags durch die Straßen von Palm Springs geht, schlafen die Leute zu Hause.

Das ist ein merkwürdiger Gedanke. Das ist Fremdsein in etwas Schönem. Weil alles neu ist. Weil man aufpassen muss, dass man nicht vergisst, wo man ist. Weil man nicht will, dass die Tage ineinanderrinnen. Die Tage hier — man will sie behalten. Man ist jung. Man ist weit weg von zu Hause. Man ist allein in einer Stadt, die einem noch nicht gehört. Diese Erfahrung — man will sie behalten. Man weiß schon jetzt, dass man sie vergessen würde, wenn man nicht aufpasst. Also merkt man sich die Namen.

South Palm Canyon Drive. Der Bäcker an der Ecke ist ein anderer Bäcker. Nicht der deutsche Bäcker, nicht das, was man kennt. Hier gibt es Muffins, Donuts, diese süßen Dinge. Pulverkaffee, der nach nichts schmeckt. Man hat es versucht, am ersten Morgen. Seitdem trinkt man den Kaffee im Büro. Der Kaffee im Büro ist besser. Nicht gut. Aber besser. Das ist das Ankommen in einer anderen Esskultur. Man sucht das Vertraute. Findet es nicht. Findet stattdessen etwas anderes. Einen Diner an der Hauptstraße, der um sechs Uhr früh aufmacht.

Eier, Toast, Kaffee. Großzügig. Man gewöhnt sich daran. Man beginnt, die Diners zu mögen. Nicht wegen dem Essen. Wegen der Art. Wegen dem Platz. Wegen dem Kaffee, der immer nachgefüllt wird, ohne zu fragen. Das ist auch Amerika. Nicht das Palm Springs der reichen Villen. Das gibt es auch. Aber das ist nicht das, was man kennt. Man kennt die andere Seite. Die Straßen, auf denen man geht. Die Diners. Die kleinen Läden. Diese Großzügigkeit. Dieses Nicht-kleinlich-sein. Die Portionen, die groß sind.

Der Kaffee, der nachgefüllt wird. Die Freundlichkeit, die nicht aufhört. Das ist auch hier. Das gehört dazu. Das nimmt man mit. Das ist auch Amerika. Die Straßen von Palm Springs sind fast leer, mittags. Autos fahren. Aber Menschen gehen kaum. Das ist anders als zu Hause. Zu Hause gibt es Fußgänger. Hier sind alle im Auto. Man geht und fühlt sich merkwürdig dabei. Als würde man etwas falsch machen. Als gäbe es eine Regel, die besagt: Hier geht man nicht. Hier fährt man. Man geht trotzdem.

Das ist auch eine kleine Entscheidung. Eine täglich. Morgens und mittags und abends. Zu Fuß statt mit dem Auto. Das Auto hat man nicht. Man braucht es auch nicht. Alles ist nah genug. Und wer keine Angst vor der Hitze hat — oder wer sie kennenlernen will — der geht. Diese Stadt sieht man anders zu Fuß. Langsamer. Näher. Heißer. Aber echter. Man sieht die Risse im Asphalt. Die Wasserflecken auf den Bürgersteigen, wo die Sprinkler das Gras bewässern. Die kleinen Eidechsen, die in der Sonne liegen.

Dann schnell weghuschen. Die Kakteen vor den Häusern. Ihre seltsamen Formen. Als hätte jemand Skulpturen in die Vorgärten gestellt. Nicht Skulpturen — Pflanzen. Lebendige Pflanzen, die in der Hitze leben. Die die Hitze brauchen. Die ohne sie nicht wären. Die Kakteen blühen manchmal. Orange, gelb, rot. Blüten, die nicht zu dem passen, was man von außen sieht. So stachelig der Kaktus. So zart die Blüte. Das ist auch Wüste. Diese Zartheit, die man nicht erwartet. Diese Schönheit, die sich nicht zeigt, wenn man nicht aufpasst.

Die man verdient, wenn man hinschaut. Man schaut hin. Man hat Zeit zum Hinschauen. Das ist das Praktikum. Das ist die Zeit. Das ist die Wüste. Das ist die Stadt, die man sechs Monate bewohnen wird. Die man nie ganz verstehen wird. Aber ein Stück davon. Ein Mittag davon. Eine Kreuzung davon. Eine Hitze davon. Einen Berg davon. Einen Sternenhimmel davon. Das ist genug. Das ist mehr als genug. Das ist Palm Springs. Dieser eine Ort. Diese eine Zeit. Diese sechs Monate. Man hat sie gehabt.

Man hat sie gelebt. Jeden Mittag. Jeden Abend. Jeden Morgen, wenn man aufgewacht ist und aus dem Fenster geschaut hat und die Berge gesehen hat. Manchmal, bevor man aufgewacht ist, hat man sie schon gefühlt. Das Licht, das durch die Vorhänge kam. Das harte, weiße Licht. Das kein Erbarmen kennt. Das sagt: Aufstehen. Das sagt: Der Tag hat angefangen. Der Tag in Palm Springs. Immer die Berge. Immer da. An einer Kreuzung bleibt man stehen. Vier Richtungen. Alle gleich weit. Alle gleich heiß.

Alle gleich breit. In alle vier Richtungen: Palmen, flache Häuser, der Asphalt, der in der Hitze flirrt. Dieses Flirren. Das kennt man von Fotos. Aber auf einem Foto flirrt es nicht wirklich. Hier flirrt es. Das ist der Hitzespiegel. So nennt man das. Die heiße Luft über dem Asphalt bricht das Licht. Sie verhält sich wie Wasser. Sie lässt Dinge unwirklich aussehen. Beim ersten Mal dachte man: Das Licht ist kaputt. Die Luft flimmert, als wäre sie flüssig. Das Licht bricht wie auf Wasser.

Das ist die Wüste, die zeigt, was sie ist. Sie zeigt die Hitze sichtbar. Sie macht das Unsichtbare sichtbar. Die Luft selbst wird sichtbar. Das ist das Flirren. Die Luft über dem Asphalt bewegt sich. Sie verzerrt das Bild. Die Häuser am Ende der Straße tanzen leicht. Die Palmen tanzen leicht. Als wäre alles nicht ganz fest. Als würde die Welt an ihren Rändern unscharf. Man steht an der Kreuzung. Man wählt eine Richtung. Nicht weil sie besser ist — einfach weil man stehen bleiben nicht kann.

Die Wohnung liegt zwei Straßen weg. Man hat sie noch nicht zum Heimkommen. Drei Wochen noch kein Heimkommen. Es ist eine Wohnung. Mit einer Küche, die man kaum benutzt. Mit einem Fernseher, den man an hat, weil es sonst zu still ist. Mit einem Bett, das groß ist für eine Person. Das Bett ist gut. Das Bett ist das Beste an der Wohnung. Man schläft gut hier. Besser als erwartet. Der Körper ist müde vom Tag. Von der Hitze. Vom Englischsprechen — das ermüdet anders als Deutschsprechen.

Man denkt nach, sucht Wörter, übersetzt. Das kostet Energie. Am Abend ist man müde auf eine andere Art. Eine gute Art. Man schläft ein und schläft durch. Bis der Wecker klingelt. Oder bis es zu hell wird. Das Licht hier beginnt früh. Das harte, weiße Licht der Wüste. Das kein Erbarmen kennt. Die Stille der Wüste nachts ist anders als jede Stille, die man kennt. Tiefer. Absoluter. Kein Verkehr. Keine Nachbarn, die man hört. Nur manchmal der Wind. Der Wind nachts in Palm Springs ist anders als der Wind tags.

Kühler. Fast kalt. Die Wüste kühlt schnell aus. Das hat man nicht erwartet. Man war auf die Hitze vorbereitet. Nicht auf die Kälte danach. Es gibt einen Pool. In fast jeder Wohnung hier gibt es einen Pool. Oder es gibt einen im Komplex. Man hat ihn einmal benutzt. Am ersten Wochenende. Man ist allein. Das erste Wochenende allein in einer fremden Stadt. Man hat keinen Plan gemacht. Man hat einfach geschaut, was passiert. Was passiert ist: Nichts. Nichts im guten Sinne. Man hat gefrühstückt, alleine im Diner.

Man hat die Zeitung aufgeschlagen, obwohl man nicht alles versteht. Man hat Kaffee getrunken, der nachgefüllt wurde, ohne zu fragen. Man hat einen langen Spaziergang gemacht. Weiter als man geplant hatte. Bis an den Rand der Stadt, wo die Häuser aufhören und die Wüste anfängt. Das geht schnell. Palm Springs ist nicht groß. In zwanzig Minuten zu Fuß ist man am Stadtrand. In dreißig steht man in der Wüste. Wirklich in der Wüste. Die Häuser hinter einem. Der Asphalt hinter einem.

Vor einem: Sand. Fels. Die Saguaro-Kakteen, die man kennt von Fotos. Und jetzt kennt man sie auch von wirklich. Von dem Moment, in dem man davor steht. In dem man hochschaut und merkt, wie groß sie sind. Die Saguaro-Kakteen wachsen langsam. Jahrzehnte brauchen sie, um so hoch zu werden. Man steht vor einem Kaktus und denkt: Du warst hier, als ich noch nicht war. Du wirst hier sein, wenn ich weg bin. Das relativiert etwas. Das ist gut. Die Wüste. Man steht am Rand der Wüste und schaut.

Sand, Fels, Gestrüpp. In der Ferne: die Berge. Nichts bewegt sich. Kein Wind. Kein Tier. Nur die Hitze. Und das Schweigen, das so laut ist, dass man es hört. Das hat man nicht erwartet. Dass Stille so laut sein kann. Die Wüste ist ein Ort, der einem etwas nimmt. Alle Nebengeräusche. Alle Ablenkungen. Das Rauschen des Alltags. Das bleibt zu Hause. Hier ist nichts davon. Hier ist nur Sand und Hitze und Stille und Himmel. Und man selbst, der dasteht und schaut. Das ist die Wüste.

Das ist der Rand von Palm Springs. Das ist der Rand von allem, was man kennt. Aber der Rand ist kein Ende. Der Rand ist ein Anfang. Von etwas anderem. Von dem, was dahinter liegt. Der Sand. Die Stille. Die Weite. Der Rand lädt ein. Er sagt: Komm weiter. Schau, was da ist. Man geht ein Stück rein. Nicht weit. Aber ein Stück. Weit genug, dass die Stadt hinter einem kleiner wird. Weit genug, dass man allein ist. Wirklich allein. Niemand weiß, wo man gerade steht. Nicht die Eltern.

Nicht die Freunde zu Hause. Nur man selbst. Wenn man hier umfällt und keiner anhält, hat man verloren. Man denkt das tatsächlich. Dann geht man trotzdem weiter rein. Mit dem Sand. Mit den Kakteen. Mit der Stille. Mit dem Himmel. Mit dem Gefühl, dass man hier sein darf. Dass die Wüste einen lässt. Dass sie einen aufnimmt für den Moment. Als wäre man ein Tier, das kurz reinläuft. Kurz schaut. Kurz bleibt. Dann wieder geht. Das ist gut. Das ist genug. Das ist der Rand von Palm Springs.

Das ist der Rand von allem. Man ist ins Wasser gegangen, am Nachmittag. Warm wie eine Badewanne. Das hat man auch nicht erwartet. Man hat sich einen Pool vorgestellt als Abkühlung. Das Wasser ist warm. Es hilft gegen die Hitze — ein bisschen. Aber nicht so wie man dachte. Seitdem sitzt man manchmal am Pool. Ohne rein zu gehen. Man sitzt und schaut auf das blaue Wasser. Das blaue Wasser, das blau ist wegen der Folie. Das die Sonne reflektiert. Das still liegt. Wie alles hier mittags still liegt.

Man sitzt am Pool und hört den Wind in den Palmen. Dieser Klang. Dieses Rascheln der Palmenblätter, wenn der Wind kommt. Das ist kein Birkenblätterrascheln. Das ist anders. Schwerer. Trocken. Als würden die Blätter sagen: Wir leben hier. Wir leben in der Hitze. Wir sind gemacht dafür. Die Palmen kennen Palm Springs. Sie kennen es besser als jeder Mensch. Sie stehen hier, seit man diesen Ort Palm Springs genannt hat. Manche schon davor. Die Cahuilla lebten hier, bevor es Palm Springs gab.

Sie lebten in der Wüste. Sie kannten die Wasserquellen. Sie kannten die Pflanzen. Sie kannten die Jahreszeiten der Wüste. Heute gibt es noch Cahuilla hier. Man begegnet ihnen manchmal. Man sieht ihre Namen auf Straßenschildern. Auf Ortsnamen. Die Wüste gehört ihnen mehr als jedem anderen. Die Palmen wissen das. Die stehen hier, seit man diesen Ort Palm Springs genannt hat. Sie stehen und rascheln. Man sitzt und hört zu. Die Berge. Man schaut immer wieder auf die Berge. Sie sind immer da.

Am Morgen, wenn man ins Büro geht: Berge. Am Mittag, wenn man durch die Straßen läuft: Berge. Am Abend, wenn man zurückgeht: Berge. Sie verändern sich mit dem Licht. Am Morgen kühl und bläulich. Am Mittag kahl und braun, fast weiß im Licht. Am Abend golden, und für einen kurzen Moment fast rot. Der San Jacinto, der höchste, über dreitausenddreihundert Meter. Mitten in der Wüste. Das Wüstenfloor liegt bei hundertdreißig Meter. Der Gipfel bei dreitausenddreihundert. Das ist ein Unterschied, den man versteht wenn man hinschaut.

Der Berg ist riesig. Er ist immer da. Er schaut auf die Stadt. Man hat das Gefühl, er schaut auch auf einen. Man ist neu hier. Der Berg kennt Palm Springs. Der Berg kennt alles, was hier war. Lange bevor es Palm Springs gab. An einem Abend, in der zweiten Woche, hat man einen Anruf nach Hause gemacht. Der Zeitunterschied macht das schwierig. Wenn man nach dem Büro anruft, ist es in Deutschland fast Mitternacht. Man hat trotzdem angerufen. Man hat geredet. Hat erzählt, was man sieht.

Die Berge. Die Hitze. Den Pool. Die leeren Straßen mittags. Die Palmen. Auf der anderen Seite: Stimmen, die man kennt. Ein Stück zu Hause, durch das Telefon. Dann aufgelegt. Dann: die Stille der Wohnung. Diese Stille. Die man kennt, wenn man auflegt. Wenn der Anruf beendet ist. Wenn die Stimmen weg sind. Wenn man wieder allein ist. Nicht traurig allein. Nur: allein. In Palm Springs. In der kleinen Wohnung. Mit dem Fernseher, den man anlässt. Mit dem großen Bett. Mit dem Kaffee, der nachgefüllt wird, ohne zu fragen.

Mit dem Flirren der Hitze draußen, das man abends noch sieht, wenn man ans Fenster geht. An manchen Abenden geht man spazieren, wenn die Hitze nachlässt. Nach sechs Uhr. Wenn der Schatten länger wird. Wenn die Luft sich verändert. Wenn das Licht golden wird. Das goldene Stundenlicht der Wüste. Es macht alles anders. Die Palmen werden zu Silhouetten. Die Berge werden tiefer. Die leeren Straßen füllen sich ein bisschen. Menschen kommen raus. Die Vernünftigen, die tagsüber drin waren.

Man trifft sie jetzt. Alte Männer auf Fahrrädern. Frauen mit Hunden. Paare, die spazieren gehen. Die gleichen Rituale wie überall. Aber in diesem Licht. Diesem besonderen Licht. Die Sonne geht unter — und wie sie untergeht. Hier geht sie unter und macht dabei etwas. Sie brennt die Berge an. Sie macht den San Jacinto rot. Für fünfzehn Minuten, vielleicht zwanzig. Dann ist es vorbei. Dann wird alles blau. Dann schwarz. Und dann die Sterne. Die Sterne in der Wüste. Es gibt viele Dinge, auf die man sich freut, wenn man nach Hause kommt.

Das eigene Bett. Die eigene Küche. Die Menschen. Aber die Sterne hier — die wird man vermissen. Das weiß man jetzt. Drei Wochen, und man weiß es schon. Dass man die Sterne vermissen wird. Das sagt etwas. Das sagt, dass Palm Springs etwas gegeben hat. Etwas, das man mitnimmt. Etwas, das nicht in den Koffer passt. Nur im Kopf. Nur in der Erinnerung. Nur in dem Wissen: Es gibt Nächte, in denen der Himmel so ist. Und man hat sie gesehen. Das hat man nicht erwartet. So viele. So klar.

Keine Wolken, keine Feuchtigkeit, kein Licht der Stadt. Nur die Sterne. Man liegt im Bett und der Himmel ist so nah, dass man das Gefühl hat, ihn anfassen zu können. Das stimmt natürlich nicht. Der Himmel ist genauso weit wie überall. Aber er sieht näher aus. Weil er klarer ist. Weil nichts dazwischen ist. Keine Wolken. Keine Feuchtigkeit. Nur die Luft und dann die Sterne. Die Milchstraße sieht man hier. Als Band. Als weißes Band über dem schwarzen Himmel. Die Milchstraße. Die man in Deutschland nur auf Fotos sieht.

Hier sieht man sie mit bloßem Auge. Das ist ein Geschenk der Wüste. Diese Klarheit. Diese Weite. Diese Nacht. Man macht ein Foto. Mit dem Telefon. Es wird nicht gut. Es wird nie gut. Man kann die Milchstraße nicht fotografieren mit dem Telefon. Man kann diesen Himmel nicht in ein Bild packen. Manche Dinge bleiben. Manche Dinge gehen nur in den Kopf. Nicht in das Telefon. Dieser Himmel geht in den Kopf. Er bleibt da. Er ist noch da, Jahre später. Wenn man irgendwo ist und nach oben schaut und denkt: In Palm Springs war der Himmel so.

Das hat man dreimal gemacht, die ersten Wochen. Draußen liegen und die Sterne anschauen. Das macht man in Deutschland nicht. Hier macht man es. Das blaue Wasser des Pools. Die Berge. Man ist weit weg. Das ist gut so. Das ist richtig so. Aber man merkt es. Manchmal merkt man es. Jetzt steht man an der Kreuzung. Mittags. Die Hitze flirrt. Die Palmen stehen. Die Berge schauen. Man ist jung und weit weg. Das sind zwei Zustände, die man selten zusammenhat. Meistens ist man jung und zu Hause.

Oder weit weg und nicht mehr so jung. Beides gleichzeitig — das ist selten. Das ist diese Zeit. Diese sechs Monate. Man weiß, dass sie aufhören. Man weiß, dass man wiederkommt. Zurück nach Deutschland. Zurück in das Vertraute. Aber jetzt ist man hier. In Palm Springs. Im Mittag. In der Hitze. Allein in etwas Schönem. Das ist ein Gefühl, das man nicht immer hat. Das man selten hat. Das Gefühl, dass das, was passiert, passiert. Dass man wirklich hier ist. Dass dieser Moment — dieser Mittag, diese Kreuzung, diese Hitze — wirklich stattfindet.

Nicht in einem Film. Nicht in einem Buch. Nicht in dem, was man sich vorgestellt hat. Hier. Jetzt. In der Wirklichkeit. Das ist selten, dieses Gefühl. Das Gefühl, wirklich da zu sein. Voll da. Ohne Abstand. Ohne die Glasscheibe zwischen einem und dem Moment. Man steht an dieser Kreuzung in Palm Springs. Man ist jung. Man ist allein. Man ist weit weg. Und man ist vollständig hier. Dass man dabei ist. Man nimmt die erste Richtung. Nicht weil sie besser ist. Einfach weil man stehen bleiben nicht kann.

Man geht. Die Hitze geht mit. Der Asphalt strahlt Wärme unter den Schuhen. Oder man bildet es sich ein. Die Palmen stehen. Die Häuser stehen. Nur man selbst bewegt sich. Der einzige Mensch auf der Straße, mittags. In der Hitze. In Palm Springs. Und dann weiß man, was das bedeutet hat. Dann weiß man, was diese sechs Monate waren. Was die Kreuzung war. Was der Mittag war. Was das Fremdsein in etwas Schönem war. Noch nicht jetzt. Jetzt geht man. Die erste Richtung. Die Palmen stehen.

Die Hitze flirrt. Die Berge schauen. Man geht. Das ist Palm Springs im Mittag. Das ist man, im Mittag von Palm Springs. Jung, allein, weit weg. Und vollständig da. Die Hitze liegt auf der Haut. Die Sonne brennt. Der Asphalt flirrt. Die Palmen stehen still. Die Berge schauen. Nicht mehr. Das ist genug. Drei Wochen. Noch drei Monate. Man weiß nicht, was diese Zeit aus einem machen wird. Man weiß es noch nicht. Aber man geht. Man geht immer weiter. Die erste Richtung. Immer weiter.

Man erwartet viel, wenn man nach Amerika geht. Große Erfahrungen. Große Momente. Was man bekommt: kleine Dinge. Den Berg jeden Morgen. Den Kaffee, der nachgefüllt wird. Die leeren Mittagsstraßen. Die Kreuzung mit vier Richtungen. Die Stille der Wüste nachts. Die Sterne. Das sind keine großen Dinge. Aber sie sind beständig. Sie bauen sich auf. Aus vielen kleinen Dingen wird etwas Großes. Das ist diese Zeit. So wie die Wüste immer weiter geht. Jenseits der Stadt. Jenseits des Horizonts.

Das Wüstenland dehnt sich aus. Es hat immer Zeit. Es hat immer Platz. Es nimmt alle auf, die kommen. Und lässt alle gehen, wenn sie müssen. Das ist die Wüste. Manchmal denkt man: Ich könnte hierbleiben. Nicht für immer. Aber länger. Noch ein halbes Jahr. Noch ein ganzes. Die Berge zu sehen, jeden Morgen. Die Sterne, jede Nacht. Die Hitze, jeden Mittag. Aber man geht. Man weiß, dass man geht. Das Zuhause wartet. Und bis dahin: dieser Mittag. Diese Kreuzung. Diese Hitze. Diese Berge.

Dieses Flirren. Diese sechs Monate. Die noch nicht vorbei sind. Die noch drei Monate haben. Die man lebt. Jeden Mittag. Jeden Abend. Jeden Morgen mit den Bergen. Jeden Stern. Jede Kreuzung. Jede Richtung. Alles davon. Alles gehört dazu. Alles ist Palm Springs. Alles ist dieser Mittag. Dieser eine Mittag in Palm Springs. Der flirrt. Der brennt. Der bleibt. Immer. Wie die Wüste. Wie der Berg. Wie die Hitze um Mittag. Wie dieser Ort. Wie diese Zeit. Wie der Mittag, der immer war.

Immer weiter. Man wird das mitnehmen. Das Wissen, dass man weggehen kann. Dass man an eine Kreuzung kommen kann, die man nicht kennt. Und trotzdem eine Richtung wählen kann. Einfach eine. Nicht weil sie richtig ist. Weil man geht. Weil man immer geht. Das ist das Mittag-Wissen. Das Wissen von der Kreuzung. Das Wissen aus Palm Springs. Man ist jung. Man ist weit weg. Man ist allein in etwas Schönem. Das ist eine vollständige Aussage. Das ist alles, was man wissen muss. Für jetzt.

Für diesen Mittag. Für diese Kreuzung. Für Palm Springs. Drei Wochen. Noch drei Monate. Der Berg schaut. Die Palmen stehen. Die Hitze flirrt. Man geht. Das ist genug. Das ist mehr als genug. Das ist der Mittag in Palm Springs. Das ist man, jung und weit weg und allein in etwas Schönem. Das trägt man mit. Die Hitze bleibt. Sie hört nicht auf, mittags. Sie ist immer da. Aber man geht trotzdem. Man geht durch sie hindurch. Man lernt sie kennen. Man wird ein Teil von ihr, für diese sechs Monate.

Ein kleiner Teil. Ein menschlicher Teil. In der großen, alten Wüstenhitze. Und weil die Wüste immer eine Richtung hat. Immer eine. Egal welche man wählt. Palm Springs. Diese Stadt in der Wüste. Diese Hitze. Diese Stille. Dieser Mittag, der sich nicht beeilt. Der wartet. Der da ist. Man sitzt. Man atmet. Das ist genug. Es geht weiter. Wie es immer weitergeht. Die Wüste atmet. Auf ihre Art. Diese heiße, trockene Luft. Die sich bewegt. Die Hitze, die flimmert. Am Horizont. Dieser Mittag, der nicht endet.

Der sich hinzieht. Der Palm Springs ist. Der diesen Ort ausmacht. Diese Stille. Diese Hitze. Dieses Licht. Die Sonne sinkt. Langsam. Die Wüste wird kühler. Nur ein bisschen. Noch nicht viel. Aber man spürt es. Diese Veränderung. Diesen Übergang. Vom Mittag zum Nachmittag. Von der Hitze zur Wärme. Noch immer Palm Springs. Noch immer Wüste. Man schläft. Draußen ist die Wüste. Die Wüste schläft nicht. Sie ist. Sie wartet auf den nächsten Mittag. Palm Springs. Dieser Mittag. Diese Stille.

Diese Wärme. Die noch da ist. Auch im Traum. Dieser Mittag. Der immer wieder kommt. Der immer wieder geht. Dieser Ort. Diese Stille. Diese Wärme. Die bleibt. Die Wüste kühlt. Es reicht für heute.

← Zurück zu allen Folgen