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Eine Hörgeschichte für Erwachsene

Der Schnee im Mai

29. Mai 2026 · 36:06 · ohne Werbung, kostenlos

Cover: Der Schnee im Mai

Es ist Mai. In Palm Springs ist es Mai. Das bedeutet: heiß. Sehr heiß. Schon morgens. Schon bevor die Sonne hoch steht. Diese Hitze, die man kennt. Die man nach ein paar Wochen kennt.

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Es ist Mai. In Palm Springs ist es Mai. Das bedeutet: heiß. Sehr heiß. Schon morgens. Schon bevor die Sonne hoch steht. Diese Hitze, die man kennt. Die man nach ein paar Wochen kennt. Die man erwartet. Die einfach da ist. Jeden Tag. Man ist seit Wochen hier. Seit Wochen fährt man morgens zum Unternehmen. Seit Wochen sitzt man in Büros, die klimatisiert sind. Seit Wochen isst man mittags draußen, wo es zu heiß ist zum Essen. Seit Wochen schaut man abends auf die Berge. Die immer da sind.

Die immer dasselbe tun. Dastehen. Das Praktikum ist gut. Die Menschen sind freundlich. Die Arbeit ist interessant. Aber man ist jung. Man ist allein. Man ist weit weg. Von zuhause. Von allem, was man kennt. Das ist auch etwas. Dieses Weit-weg-Sein. Man lernt, was es bedeutet. Allein in einer Stadt, die man nicht kennt. In einem Land, das nicht das eigene ist. Man lernt sich selbst dabei kennen. Ein bisschen. Aber heute ist Wochenende. Das Unternehmen ist zu. Keine Arbeit. Keine Aufgaben.

Kein Plan. Der Leihwagen steht vor dem Haus. Der Toyota. Einer der ersten Hybride. Das Unternehmen hat ihn gestellt. Für die Dauer des Praktikums. Ein Hybrid. Zweitausendundsechs war das etwas. Zweitausendundsechs war das neu. Die meisten kannten so etwas nicht. Man selbst kannte es nicht. Man hat es hier kennengelernt. In Palm Springs. In dieser Stadt, die Wasser braucht und Strom braucht und trotzdem da ist. Mit einem Wagen, der leise ist. Dieser Wagen, den man am Anfang nicht kannte.

Der so anders war als alles, was man bis dahin gefahren hatte. Dieser leise Wagen. Fast lautlos. Man hört den Motor kaum. Man hört das Rollen der Reifen. Man hört den Wind. Aber den Motor kaum. Das ist merkwürdig am Anfang. Man sucht das Geräusch. Man wartet darauf. Es kommt nicht. Dann gewöhnt man sich daran. Man steigt ein. Man fährt los. Ohne zu wissen, wohin genau. Nur: in Richtung Berge. Das reicht als Plan. Palm Springs liegt in einem Tal. Man sieht die Berge von überall.

Die San-Jacinto-Berge. Man hat den Namen gelernt. In den ersten Wochen. Jemand hat ihn erwähnt. Man hat ihn behalten. San Jacinto. Ein spanischer Name. Ein heiliger Name fast. Der Heilige Hyazinth. Man weiß es nicht genau. Man hat es nicht nachgeschlagen. Manche Dinge muss man nicht nachschlagen. Manche Dinge darf man einfach klingen lassen. San Jacinto. Der Name klingt gut. Er klingt nach diesem Berg. Nach dieser Höhe. Nach dieser Stille. Nach dem Schnee im Mai. Dreitausend dreihundertzwei Meter.

So hoch ist der San Jacinto Peak. Der höchste Punkt. Da kommt man nicht hin. Nicht mit dem Wagen. Nicht an diesem Tag. Aber man kommt nah. Nah genug, um den Schnee zu sehen. Nah genug, um die Kälte zu spüren. Nah genug, um die andere Welt zu kennen. Es gibt eine Seilbahn. Die Palm Springs Aerial Tramway. Die fährt hinauf. Fast bis ganz oben. Man hat davon gehört. Man ist nicht gefahren. Man hat den Wagen genommen. Den leisen Toyota. Den eigenen Weg. Und das war besser. Das war das Richtige.

Für diesen Tag. Für dieses Wochenende. Die San-Jacinto-Berge. Sie stehen immer da. Man gewöhnt sich daran. Man schaut morgens raus und sie sind da. Man schaut abends raus und sie sind da. Man vergisst manchmal, wie hoch sie sind. Dreitausend Meter. Mehr. Weil man sie von unten sieht. Weil man selbst auf hundertdreißig Metern Höhe steht. Weil sie einfach immer da sind. Heute fährt man hin. Man fährt auf sie zu. Die Straße geht erst durch die Stadt. Durch diese Straßen, die man kennt.

Die breiten Straßen. Die Palmen. Die Tankstellen. Die Läden, die noch geschlossen sind. Es ist noch früh. Die Straße durch Palm Springs kennt man. Man hat sie oft gefahren. Morgens zum Unternehmen. Abends zurück. Manchmal mittags zum Essen. Diese breiten amerikanischen Straßen. Diese Ampeln, die man lernt zu lesen. Diese Kreuzungen, an denen man rechts abbiegen darf bei Rot. Das hat man gelernt. Das und vieles andere. Heute biegt man nicht ab. Heute fährt man geradeaus. Geradeaus und immer in Richtung Berg.

Die Berge sind das Ziel. Nicht ein bestimmter Punkt. Nicht eine bestimmte Höhe. Einfach: oben. Soweit die Straße trägt. Soweit der Wagen trägt. Soweit man selbst trägt. Palm Springs hat diese Eigenart. Man kann nicht entkommen ohne zu steigen. Das Tal hat nur eine Richtung zum Entkommen: oben. In alle anderen Richtungen ist Wüste. Wüste und mehr Wüste. Aber oben sind die Berge. Und über den Bergen ist eine andere Welt. Das weiß man. Das hat man gehört. Heute schaut man es sich an.

Dann verlässt man die Stadt. Die Häuser werden weniger. Die Grundstücke größer. Die Vegetation lichter. Man sieht die Wüste zwischen den Häusern. Diese Wüste, die immer da ist. Die die Stadt umgibt. Die auf die Stadt wartet. Als wüsste sie, dass die Stadt eigentlich ihr gehört. Und dann nur noch die Wüste. Und die Straße. Und die Berge, die näher kommen. Die größer werden. Je näher man kommt, desto größer werden sie. Das klingt selbstverständlich. Ist es nicht. Weil man vergessen hat, wie groß sie sind.

Weil man sich daran gewöhnt hatte, sie von unten zu sehen. Klein. Weit weg. Immer gleich. Jetzt kommen sie näher. Jetzt werden sie größer. Jetzt versteht man ihre Größe. Der Toyota Hybrid. Man hat viel über diesen Wagen nachgedacht. Wie er funktioniert. Dieses System, das zwischen Benzin und Strom wechselt. Das einfach weiß, wann welches besser ist. Das nicht erklärt. Das entscheidet. Lautlos. Man hat keinen Hybridwagen in Deutschland. Man kannte keinen, der einen hatte. Das war neu.

Zweitausendundsechs war das neu. Dieser leise Wagen, der denkt. Der Entscheidungen trifft. Der einem das Fahren abnimmt. Nicht das Fahren selbst. Aber die Entscheidung, wie man fährt. Man mag diesen Wagen. Man mag, wie leise er ist. Man mag, wie er auf der unbefestigten Straße sucht. Wie er nicht klagt. Wie er einfach fährt. Leise. Immer leise. Die Straße beginnt zu steigen. Zuerst kaum. Man merkt es am Wagen. Der Motor schaltet. Der Hybrid denkt nach. Er entscheidet, wie er die Energie verteilt.

Lautlos. Man hört es nicht. Man spürt es kaum. Dieser Wagen, der so anders ist als alles, was man kennt. Dieser Wagen, der denkt. Die Straße wird steiler. Kurven kommen. Zuerst sanfte. Dann engere. Man lenkt und schaut und lenkt wieder. Links der Fels. Rechts der Abgrund. Man schaut nicht zu lange nach rechts. Man schaut auf die Straße. Man fährt. Die Vegetation verändert sich. Unten war es Wüste. Stachelige Büsche. Kakteen. Trockenes Gras. Jetzt wird es grüner. Nicht viel. Aber mehr.

Kleine Bäume. Büsche, die Blätter haben. Richtige Blätter. Grüne Blätter. Das ist merkwürdig. Das ist anders als unten. Als wäre man in einem anderen Land. Man fährt höher. Die Luft ändert sich. Man merkt es. Das Fenster ist offen. Die Luft, die reinkommt, ist anders als die Luft in Palm Springs. Kühler. Nicht kalt. Aber kühler. Man atmet tiefer. Nicht bewusst. Der Körper macht es. Weil die Luft besser ist. Weil sie mehr enthält. Mehr von dem, was Luft sein soll. Die Kurven werden enger.

Man fährt langsamer. Links: Fels. Grauer Fels. Fels, der nah ist. Sehr nah. Manchmal streckt man unwillkürlich die Hand aus. Als wollte man ihn berühren. Man tut es nicht. Man fährt. Rechts: nichts. Oder fast nichts. Eine Leitplanke. Manchmal. Manchmal auch keine. Dann nur Luft. Und tief unten das Tal. Das Tal, aus dem man kommt. Das man verlässt. Das kleiner wird mit jeder Kurve. Man schaut nicht zu lange nach rechts. Man schaut auf die Straße. Das hat man gelernt beim Fahren in den Bergen.

Nicht nach rechts schauen. Nicht nach unten. Auf die Straße. Auf die nächste Kurve. Der Toyota nimmt die Kurven ruhig. Er schaukelt nicht. Er übertreibt nicht. Er fährt. Leise. Ruhig. Als wäre die Bergstraße nichts Besonderes. Als würde er jeden Tag hier fahren. Irgendwann hört man etwas. Kein Motor. Kein Verkehr. Vögel. Richtige Vögel. Nicht die Vögel von Palm Springs, die in den Palmen sitzen. Andere Vögel. Waldvögel. Vögel, die man kennt. Die man von zuhause kennt. Die man hier nicht erwartet hat.

Man fährt und hört sie. Man lässt das Fenster weiter offen. Man hört zu. Die Straße wird schmaler. Irgendwann hört der Asphalt auf. Nicht ganz. Aber er wird schlechter. Löcher. Risse. Steine auf der Fahrbahn. Man fährt langsamer. Der Toyota fährt langsam. Er murrt nicht. Er klagt nicht. Er fährt einfach langsamer. Dann hört der Asphalt ganz auf. Schotter. Erde. Unbefestigter Weg. Man hält kurz. Man schaut auf die Straße vor einem. Man schaut zurück. Dann fährt man weiter. Der Wagen schaukelt leicht.

Die Räder suchen Halt. Sie finden ihn. Man fährt. Der Wald. Man fährt durch den Wald. Kiefern. Hohe Kiefern. Die Äste reichen über die Straße. Sie machen Schatten. Echten Schatten. Nicht den dünnen Schatten der Wüste. Sondern den Schatten, den man kennt. Den Schatten, unter dem man gehen kann. Unter dem man atmen kann. Der Waldboden. Man sieht ihn durch das Fenster. Nadeln. Braune Nadeln. Moos vielleicht. Steine. Dieser Boden, der weich ist. Der nach Wald riecht. Man kann es riechen.

Durch das offene Fenster. Diesen Geruch. Harz. Erde. Kühle. Man will anhalten. Man will aussteigen. Man will in diesen Wald gehen. Nur ein paar Schritte. Nur um zu stehen. Unter diesen Bäumen. In dieser Stille. Aber man fährt erst noch weiter. Weiter nach oben. Wo der Schnee ist. Den man noch nicht weiß, aber ahnt. Den man sehen will. Den man braucht. Dieser Kontrast. Das ist es, was man braucht. Den Kontrast. Oben und unten. Kalt und heiß. Schnee und Wüste. Deutschland und Kalifornien.

Alles auf einmal. Auf diesem Berg. An diesem Wochenende. An diesem Tag, der keinen Plan hatte. Höher. Immer höher. Die Bäume werden größer. Richtige Bäume. Kiefern vielleicht. Oder etwas Ähnliches. Bäume, die man aus Deutschland kennt. Oder fast kennt. Man fährt durch diesen Wald und denkt: das ist nicht Palm Springs. Das ist ein anderer Ort. Das ist ein anderer Berg. Das ist eine andere Welt. Dann sieht man es. Weiß. An den Seiten des Weges. Schnee. Im Mai. Schnee im Mai in Kalifornien.

Man hält. Man steigt aus. Die Kälte trifft einen sofort. Nicht die Kälte von Death Valley, die man Monate später erleben wird. Nicht diese trockene, bedrohliche, lebensfeindliche Kälte. Eine andere Kälte. Eine bekannte Kälte. Eine Kälte, die nach Deutschland riecht. Nach Wald. Nach feuchter Erde. Nach Schnee, der taut. Nach dem Frühling, den man zu Hause kennt. Nach dem April, nach dem März. Nach dieser Jahreszeit, die man hier vergessen hatte. Weil es hier keinen Frühling gibt.

Weil es hier nur Wüste und Hitze gibt. Und dann das. Diese Kälte. Diese vertraute Kälte. Mitten in Kalifornien. Im Mai. Man atmet tief ein. Man bleibt stehen. Man schließt kurz die Augen. Man atmet nochmal. Diese Luft. Diese Luft, die nach zuhause riecht. Ein bisschen. Nur ein bisschen. Aber genug. Man kniet hin. Man nimmt den Schnee in die Hand. Er ist weich. Feucht. Nicht der Schnee von zuhause im Winter. Dieser ist anders. Schwerer vielleicht. Feuchter. Dieser Schnee, der nicht mehr lange da sein wird.

Der auf dem Weg ist zu verschwinden. Der im Mai noch da ist. Weil die Sonne noch nicht lang genug geschienen hat. Weil die Höhe ihn schützt. Weil dieser Berg ihn festhält. So lange er kann. Man hält ihn in der Hand. Er schmilzt. Langsam. Aber er schmilzt. Das Wasser läuft die Hand hinunter. Man spürt es. Kalt. Dieses Wasser, das Schnee war. Das Berg war. Das Höhe war. Das jetzt in der Hand ist. Das bald versickert. In diesem Boden. In dieser Erde. In diesem Berg. Irgendwo. Wasser, das nach unten will.

Wie alles nach unten will. Wie man selbst nach unten fährt. Irgendwann. Man steht. Man schaut nach oben. Die Bergspitzen. Noch weißer. Noch mehr Schnee. Dort oben. Wo man nicht hinfährt. Wo die Straße aufhört. Oder wo man aufhört. Die Wolken sind nah. Hier oben sind die Wolken nah. Man hat das Gefühl, man könnte sie berühren. Man tut es nicht. Man schaut nur. Diese Wolken, die so viel größer sind als man dachte. Die von unten wie Watte aussehen. Die von hier wie Nebel sind. Wie Feuchtigkeit.

Wie Bewegung. Irgendwo über diesen Wolken ist noch mehr Berg. Noch mehr Schnee. Noch mehr Stille. Man geht nicht dorthin. Man braucht nicht dorthin. Man bleibt hier. An dieser Stelle. Mit diesem Schnee. Mit diesem Blick. Hier ist genug. Hier ist mehr als genug. Hier ist alles. Dann dreht man sich um. Man schaut nach unten. Nach Palm Springs. Die Stadt liegt da. Klein von hier oben. Viel kleiner als man dachte. Diese Stadt, in der man wohnt. In der man jeden Tag durch die Straßen fährt.

Die man zu kennen glaubt. Von hier oben sieht sie anders aus. Von hier oben sieht man, was sie ist. Eine Stadt in der Wüste. Eine Stadt, die nicht da sein sollte. Nicht ohne Wasser. Nicht in dieser Hitze. Nicht in diesem Tal. Und trotzdem ist sie da. Man schaut länger auf die Stadt. Man sucht Dinge, die man kennt. Die Straße, auf der man jeden Tag fährt. Man findet sie nicht. Alles ist zu klein. Zu weit. Zu ähnlich von hier oben. Aber man findet die Golfplätze. Die sind nicht zu übersehen.

Dieses Grün. Dieses intensive, künstliche, bewässerte Grün. Das sich abhebt von allem anderen. Von der Wüste. Von den sandigen Hügeln. Von dem Beige und Braun und Ockergelb. Dazwischen: Grün. Viele Male. Palm Springs ist bekannt für seine Golfplätze. Man hat es gehört. Man hat gelacht darüber, ein bisschen. Golf in der Wüste. Golf, wo es vierzig Grad hat. Golf, wo jedes Grashalm Wasser braucht. Wasser, das man herbeischafft. Das man herholt. Das man pumpt und leitet und verteilt.

Damit das Grün grün bleibt. Von hier oben sieht man, was das bedeutet. Diese kleinen grünen Flecken. Diese Oasen. Diese Entscheidung: hier will man spielen. Hier will man Grün haben. Auch wenn die Natur es nicht vorsieht. Auch wenn man dafür kämpfen muss. Jeden Tag. Mit Wasser. Man findet das merkwürdig. Man findet es verständlich. Beides. Menschen wollen Grün. Menschen wollen spielen. Menschen wollen einen Ort, der schön ist. Auch wenn der Ort eigentlich anders ist. Auch wenn man ihn dafür verändern muss.

Das ist menschlich. Das ist Palm Springs. Das Grün. Von hier oben sieht man das Grün. Die Palmen. Die Gärten. Die Golfplätze. Viele Golfplätze. Man sieht sie. Diese großen grünen Flächen. Mitten in der Wüste. Dieses Grün, das nicht da sein sollte. Das nur durch Wasser da ist. Durch Wasser, das man irgendwoher holt. Das man herholt, weil man Grün haben will. Weil man Golf spielen will. Weil man eine Stadt haben will, die grün ist. In der Wüste. Man schaut und denkt: das ist merkwürdig.

Man schaut und denkt: das ist schön. Beides gleichzeitig. Merkwürdig und schön. Diese Stadt, die sich die Wüste genommen hat. Die sich entschieden hat: hier. Man bleibt hier. Man macht es grün. Und es ist grün geworden. Von hier oben sieht man auch das Braune. Das Beige. Die Wüste, die die Stadt umgibt. Die wartet. Die immer gewartet hat. Die Stadt und die Wüste. Zwei Welten, die nebeneinander existieren. Die sich nicht kennen. Die sich nicht brauchen. Aber nebeneinander da sind.

Der Schnee neben einem taut. Man hört es. Dieses leise Tropfen. Wasser, das entsteht. Das nach unten läuft. Das irgendwann in der Wüste endet. Irgendwann in diesem Tal. Irgendwann in einem dieser Golfplätze vielleicht. Oder in einem Garten. Oder einfach versickert. In der trockenen Erde. Spurlos. Schnee im Mai. Man steht dabei und versteht es nicht ganz. Man weiß, dass es möglich ist. Dass Berge kalt sind. Dass Höhe Kälte bedeutet. Das weiß man. Aber man hat es nicht erwartet.

Man hat es nicht in sein Bild von Kalifornien eingefügt. Kalifornien ist Sonne. Strand. Hollywood. Wüste. Hitze. Nicht das. Nicht dieser Schnee. Nicht diese Stille. Nicht diese Kiefern, die aussehen wie zuhause. Nicht diese Luft, die nach Deutschland riecht. Und doch ist es dasselbe Kalifornien. Derselbe Bundesstaat. Derselbe Tag. Nur dreißig Minuten Fahrt von der Kreuzung entfernt, die man kennt. Von der Hitze. Vom Flirren über dem Asphalt. Dreißig Minuten. Und eine andere Welt.

Man nimmt wieder Schnee in die Hand. Er schmilzt schnell. Schneller als zuhause. Weil die Sonne hier stärker ist. Auch oben. Auch bei Kälte. Diese Sonne, die nicht nachlässt. Man spürt sie auf dem Gesicht. Kalt und warm gleichzeitig. Die Luft kalt. Die Sonne warm. Beides zusammen. Das ist dieser Berg. Das ist dieser Tag. Man steht lange. Länger als man geplant hatte. Man hatte nichts geplant. Man ist einfach gefahren. Aber man steht länger als man dachte. Weil es so still ist.

Weil die Stadt da unten so klein ist. Weil der Schnee neben einem tropft. Weil die Luft so anders ist. Weil man vergessen hat, dass so etwas möglich ist. Dass man in einer halben Stunde von der Wüste in den Schnee fahren kann. Dass beides dasselbe Tal ist. Derselbe Ort. Nur oben und unten. Man denkt an zuhause. An Norddeutschland. An den Schnee, den man dort kennt. Der im Winter kommt. Der erwartet wird. Der manchmal nicht kommt. Der manchmal zu viel kommt. Dieser Schnee hier ist nicht erwartet.

Man hat nicht damit gerechnet. Man hat nicht an Schnee gedacht, als man losfuhr. Man hat an die Berge gedacht. An die Höhe. An die Aussicht vielleicht. Nicht an Schnee. Und dann der Schnee. Der einfach da ist. Der wartet. Der einem gehört. Für diesen Moment. Für diese halbe Stunde. Auf diesem Berg. Im Mai. In Kalifornien. Weit weg von zuhause. Und doch: zuhause. Kein anderes Auto kommt. In der ganzen Zeit, die man hier steht. Niemand. Kein Wanderer. Kein anderer Fahrer. Niemand.

Man ist allein auf diesem Weg. Auf diesem Berg. Mit diesem Schnee. Mit diesem Blick. Das Alleinsein hier ist anders als das Alleinsein in Palm Springs. In Palm Springs ist man allein unter Menschen. Menschen, die man nicht kennt. Kollegen, die freundlich sind, aber fremd. Eine Stadt, die man nicht kennt. Ein Land, das nicht das eigene ist. Dieses Alleinsein hat ein Gewicht. Hier oben ist das Alleinsein leicht. Es ist nur man und der Berg. Und der Schnee. Und die Stille. Das ist kein schweres Alleinsein.

Das ist das richtige Alleinsein. Das, das man sucht, ohne zu wissen, dass man es sucht. Das ist ein Geschenk. Das weiß man in diesem Moment. Nicht so deutlich. Aber man spürt es. Dieses Wochenende. Dieser Wagen. Diese Straße. Dieser Moment. Den man nicht geplant hat. Den man sich nicht ausgedacht hat. Der einfach kam. Weil man losgefahren ist. Ohne Plan. Einfach losgefahren. Man ist jung. Man ist allein in einer fremden Stadt. Man ist weit weg von allem, das vertraut ist. Von zuhause.

Von der Familie. Von den Freunden. Von der Sprache, die die eigene ist. Das ist manchmal schwer. Das ist manchmal einsam. Das ist manchmal auch gut. Dieses Alleinsein, das einen lehrt. Und dann gibt es diese Momente. Diese Momente, die man sich nicht kaufen kann. Die man sich nicht organisieren kann. Die einfach kommen. Wenn man offen ist. Wenn man losgefahren ist. Wenn man nicht zuhause geblieben ist. Man steht auf diesem Berg. Mit dem Schnee. Mit dem Blick. Mit der Stille.

Und denkt: gut. Das war die richtige Entscheidung. Herzukommen. Herzufahren. Auch wenn es weit war. Auch wenn man nicht wusste, was kommt. Es war richtig. Irgendwann steigt man wieder ein. Man weiß nicht, wie lange man gestanden hat. Man hat nicht auf die Uhr geschaut. Man schaut jetzt. Es war länger als man dachte. Der Toyota ist kalt geworden. Auch er. Auch ihm ist die Kälte nicht entgangen. Er steht im Schatten der Bäume. Im Schatten der Kälte. Im Schatten dieses anderen Ortes.

Man startet den Motor. Er startet lautlos. Wie immer. Fast lautlos. Dieses leise Surren. Dieses Erwachen ohne Geräusch. Man ist es fast gewöhnt. Fast. Man wird es nie ganz gewöhnen. Diese Lautlosigkeit. Dieses Flüstern, das kein Geräusch ist. Die so anders ist als alles, was man kennt. Alle Autos, die man je gefahren hat. Die einen Klang haben. Eine Stimme. Dieser hat keine. Oder fast keine. Er flüstert. Man dreht die Heizung an. Heizung im Mai. In Kalifornien. Man lacht leise.

Allein in diesem Wagen. Auf diesem Berg. Mit der Heizung. Im Mai. In Kalifornien. Weit weg von zuhause. Das ist auch etwas. Dieses Lachen. Dieses kleine, leise Lachen, das niemand hört. Nur man selbst. Und vielleicht die Kiefern. Die schweigen. Aber da sind. Man fährt zurück. Den Weg hinunter. Die Fahrt zurück ist anders. Nicht weil die Straße anders ist. Nicht weil der Wagen anders ist. Sondern weil man weiß, was hinter einem liegt. Was oben ist. Was man gesehen hat. Was man in der Hand hatte.

Man fährt bergab und denkt an den Schnee. Man fährt durch den Wald und riecht nochmal diesen Geruch. Harz. Kühle. Wald. Man fährt durch die Kurven. Jetzt lenkt man in die andere Richtung. Links war rechts. Rechts war links. Die Landschaft sieht anders aus. Dieselbe Landschaft. Aber anders. Weil man in die andere Richtung schaut. Die Bäume werden kleiner. Die Vegetation trockener. Die Luft wärmer. Grad für Grad. Man fühlt es. Man kann es zählen fast. Wenn man genug aufpasst. Irgendwann ist der Asphalt wieder gut.

Die Straße wird breiter. Die Häuser kommen. Die Palmen. Palm Springs empfängt einen. Mit seiner Hitze. Mit seinen Straßen. Mit seinem Grün, das man jetzt von oben gesehen hat. Man fährt langsamer. Man schaut. Man schaut anders als morgens. Morgens war Palm Springs einfach die Stadt. Jetzt ist Palm Springs die Stadt, die man von oben gesehen hat. Die grüne Stadt in der Wüste. Die Stadt mit den Golfplätzen. Die Stadt, die sich entschieden hat zu bleiben. Man hält an einer Ampel.

Die Sonne blendet. Man zieht die Sonnenbrille runter. Neben einem hält ein großes amerikanisches Auto. Der Fahrer schaut geradeaus. Die Ampel springt auf Grün. Man fährt. Das ist Palm Springs. Das ist der Alltag. Das ist auch schön. Auf seine eigene Art. Aber man war weg. Das weiß man. Das spürt man noch. In der Haut, die sich erinnert. An die Kälte. An die andere Luft. An den Schnee. Man hält an einer Tankstelle. Man kauft Wasser. Sehr kaltes Wasser. Man trinkt. Der Kassierer nickt.

Man nickt. Man fährt weiter. Das ist der Alltag. Aber man trägt heute etwas mit. Etwas Kaltes. Etwas Weißes. Etwas Stilles. Von oben. Aber man war weg. Man war oben. Man hat den Schnee in der Hand gehabt. Man hat die Stadt von oben gesehen. Man hat diese Stille gehabt. Diese halbe Stunde. Diese andere Welt. Diesen leisen Wagen, der einen getragen hat. Hinauf und wieder hinunter. Abends sitzt man auf der Terrasse. Der Vermieter hat eine Terrasse. Man sitzt dort manchmal abends.

Manchmal mit einem Glas. Manchmal ohne. Manchmal nur kurz. Manchmal lange. Man schaut auf die Berge. Dieselben Berge. Die jeden Abend da sind. Die jeden Abend dasselbe tun. Dastehen. Und schweigen. Heute schaut man anders. Heute weiß man, was oben ist. Heute weiß man, wie die Luft dort ist. Wie die Stille dort ist. Wie der Schnee dort tropft. Die Berge sehen abends anders aus. Das Licht kommt von der Seite jetzt. Es macht Schatten in den Falten. Es macht die Formen deutlicher.

Diese Konturen. Diese Linien. Die man untertags nicht so sieht. Man trinkt etwas Kaltes. Man schaut. Man denkt: heute war ich dort. Oben. Auf diesem Berg. Mit dem Schnee. Mit dem Blick. Mit dieser Stille. Das ist schwer zu glauben. Nicht weil es unwirklich war. Sondern weil man jetzt hier sitzt. In der Wärme. Im Mai. In Palm Springs. Und oben ist Schnee. Noch. Morgen vielleicht weniger. Übermorgen noch weniger. In einer Woche vielleicht weg. Bis zum nächsten Winter. Aber jetzt noch.

In dieser Nacht noch. Während Palm Springs schläft. Während man schläft. Man schaut auf die Bergspitzen. Man weiß, wo der Schnee liegt. Man war dabei. Man hat ihn in der Hand gehalten. Das Praktikum geht noch ein paar Wochen. Dann fliegt man zurück. Dann ist Palm Springs vorbei. Dann ist dieser Wagen vorbei. Dieser leise Toyota. Diese Straßen. Diese Hitze. Diese Berge. Aber das ist später. Heute ist heute. Heute war ein guter Tag. Ein stiller Tag. Ein Tag, der einem gehörte.

Ganz. Man denkt an den Tag. An den Schnee. An das Tropfen. An die Golfplätze, die von oben so grün waren. An die Stadt, die so klein war. An den Wagen, der lautlos gefahren ist. An die Kälte, die nach Deutschland roch. Das Praktikum hat Monate gedauert. Monate in dieser Stadt. In dieser Hitze. Mit diesem Wagen. Mit diesen Straßen. Mit diesen Menschen, die freundlich sind. Die einen aufnehmen. Die einen willkommen heißen. Ohne viel Aufhebens. Man hat viel gelernt. Nicht nur bei der Arbeit.

Nicht nur vom Unternehmen. Nicht nur von den Kollegen. Man hat gelernt, wie es ist, allein zu sein. Wie es ist, in einer fremden Stadt zu leben. Wie man einen Alltag aufbaut, wenn alles neu ist. Wie man morgens aufsteht und nicht weiß, wen man treffen wird. Wie man abends sitzt und an zuhause denkt. Und man hat gelernt, dass es Momente gibt. Momente, die man nicht plant. Die einfach kommen. Wie dieser Tag. Wie dieser Berg. Wie dieser Schnee. Dieser Schnee im Mai. Der nicht da sein sollte.

Und doch da war. Auf einen wartend. Man erinnert sich später. Jahre später. Nicht an jeden Tag des Praktikums. Nicht an alle Aufgaben. Nicht an alle Meetings. Nicht an alle Namen der Kollegen. Nicht an alle Wege, die man gefahren ist. Man erinnert sich an diesen Tag. An diesen Berg. An diesen Schnee. An diese Stille. An den leisen Toyota. An die Kälte, die nach Deutschland roch. An die Stadt, die von oben so klein war. An das Tropfen des Schnees. Das ist es, was bleibt. Nicht das Große.

Sondern das Unerwartete. Das, was man nicht suchte. Das, was einfach da war. Wenn man losfährt. Ohne Plan. An einem Wochenende. In einem fremden Land. In einem leisen Wagen. Einfach in Richtung Berg. Das war ein guter Tag. Ein stiller Tag. Ein Tag, an dem man nichts geplant hatte. Und alles bekommen hat. Man schläft. Draußen ist es warm. Warm und still. Diese Wärme, die abends bleibt. Die nicht weggeht. Die sich in den Wänden hält. In den Steinen. In der Luft, die nicht kühler wird.

Nur ein bisschen. Nur so viel, dass man schlafen kann. Palm Springs schläft. Oder ruht. Die Golfplätze liegen still. Das Bewässerungssystem läuft vielleicht. Nachts läuft es oft. Wenn es kühler ist. Wenn das Wasser weniger verdunstet. Das Grün, das grün bleiben will. Das grün bleibt, weil jemand es so will. Die Berge stehen. Wie immer. Wie jeden Abend. Nur dass man sie heute anders sieht. Weil man heute dort war. Weil man heute weiß, was dort oben ist. Der Wald. Die Stille. Die Kälte.

Der Schnee. Der Schnee liegt noch oben. Noch. In diesen Nächten schmilzt er langsamer. Weil es kälter ist. Weil die Sonne weg ist. Er hält sich. Für diese Nacht. Und vielleicht die nächste. Und dann wird er weniger. Und dann ist er weg. Bis nächsten Winter. Aber jetzt liegt er noch. Der Schnee im Mai. Man war dabei. Man hat ihn in der Hand gehabt. Er bleibt.

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