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Eine Hörgeschichte für Erwachsene

Der Septembermorgen

24. April 2026 · 32:32 · ohne Werbung, kostenlos

Cover: Der Septembermorgen

September. Noch nicht Herbst. Nicht mehr Sommer. Diese Woche dazwischen die keinen richtigen Namen hat. In Schleswig riecht es heute nach Rübe. Das ist kein schlechter Geruch.

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September. Noch nicht Herbst. Nicht mehr Sommer. Diese Woche dazwischen die keinen richtigen Namen hat. In Schleswig riecht es heute nach Rübe. Das ist kein schlechter Geruch. Das ist der Geruch des Capitolplatzes. Von weitem schon. Warm. Erdig. Ein bisschen süß. Ein bisschen bitter. Der Geruch von etwas das lange im Boden war. Die Rübentage. Eine Tradition die vor fast dreißig Jahren erfunden wurde. Jemand hatte die Idee: Steckrübe. Die anderen sagten: Warum nicht. Und seitdem riecht der Capitolplatz im September so.

Jedes Jahr. Ende September. Wenn der Sommer wirklich vorbei ist. --- Der Capitolplatz ist nicht groß. Aber er ist voll heute. Ein Zelt in der Mitte. Lange Tische. Dampf der aus Töpfen kommt. Menschen die anstehen. Nicht ungeduldig. Einfach wartend. Rübenmus. In weißen Bechern. Mit Kochwurst daneben. Man nimmt einen Becher. Hält ihn in beiden Händen. Er ist warm. Der Dampf steigt auf. Der Geruch der Rübe. Erdig. Süß. Ein bisschen bitter an den Rändern. Der erste Löffel. Es schmeckt nach Erde und nach Herbst und nach etwas das man nicht sofort benennen kann.

Nach Erinnerung vielleicht. Nicht der eigenen. Einer älteren. Früher war das Arme-Leute-Essen. Kriegszeiten. Wenn nichts anderes da war. Die Steckrübe hat viele über den Winter gebracht. Danach wollte niemand mehr davon hören. Jahrzehnte lang. Das Gemüse das an Entbehrung erinnerte. Jetzt steht man hier und isst es freiwillig. Mit dem Löffel. Im September. Auf einem Platz in der Stadt. Und es schmeckt gut. Man isst noch einen Löffel. --- Neben dem Zelt --- der Wochenmarkt. Dienstags und freitags immer.

Regionale Produkte. Gemüse. Brot. Käse. Eier vom Hof. Ein Honigstand. Ein alter Mann der Socken verkauft. Handgestrickt. In norddeutschen Farben. Grau und Marine und ein dunkles Grün. Aber heute dominiert die Rübe. Sie liegt in Kisten. Groß. Gelb-violett. Schwer wenn man sie hochhebt. Schwerer als sie aussieht. Ein Kind hält eine hoch. Beide Hände. Sehr ernst dabei. Der Vater nickt. Das Kind legt sie zurück. Zufrieden. Als hätte es etwas Wichtiges herausgefunden. Wie schwer eine Rübe ist.

Das weiß man jetzt. Eine Frau kauft drei. Der Händler legt sie in eine Papiertüte. Sie fragt: Wie bereite ich sie zu? Der Händler erklärt. Ruhig. Geduldig. Als hätte er diese Frage schon tausendmal beantwortet. Vielleicht hat er. Man hört zu. Schälen. Würfeln. Kochen bis sie weich sind. Stampfen. Mit Butter. Mit etwas Salz. So einfach. So alt. --- Neben dem Zelt steht ein älterer Herr. Er hält seinen Rübenbecher in beiden Händen. Er isst nicht. Er schaut nur. Auf den Platz. Auf die Menschen.

Auf den Dampf der aus den Töpfen kommt. Er ist vielleicht siebzig. Vielleicht mehr. Er trägt eine alte Jacke. Schwere Schuhe. Er kennt diesen Platz seit Jahrzehnten. Das sieht man. An der Art wie er steht. Fest. Ohne Unsicherheit. Als wäre der Platz ein Teil von ihm. Oder er ein Teil des Platzes. Vielleicht war er früher selbst einer der Männer hinter den Töpfen. Vielleicht hat er die Rübentage von Anfang an miterlebt. Vielleicht erinnert er sich noch an das erste Mal. An die Idee die jemand hatte.

Und die anderen sagten: Warum nicht. Das denkt man nur. Man weiß es nicht. Dann isst er. Einen Löffel. Schaut wieder. Noch einen Löffel. So geht das. Essen und Schauen. Schauen und Essen. Irgendwann hebt er kurz den Blick. Sieht einen an. Nickt. Nur das. Kein Lächeln. Nur das Nicken. Das reicht hier. So nickt man in dieser Stadt. --- Vom Capitolplatz geht es in Richtung Dom. Die Gassen werden enger. Der Rübengeruch bleibt noch eine Weile. Dann kommt etwas anderes. Feuchter Stein.

Herbstluft. Das Moos zwischen den Pflasterfugen. Schleswig ist alt. Sehr alt. Man merkt das hier. Nicht am Schild das es erklärt. Sondern an der Art wie die Gassen liegen. Wie die Häuser zueinander stehen. Wie der Weg sich ohne Ankündigung dreht. Elfhundertdreiunddreißig die erste Erwähnung des Doms. Das ist neunhundert Jahre. Man rechnet es kurz nach. Neunhundert Jahre. Das ist eine Zahl die man nicht wirklich fassen kann. Man lässt sie. Wie alles heute. Man lässt es einfach da sein.

Die Häuser sind niedrig hier. Zwei Stockwerke. Manchmal drei. Türen in alten Farben. Dunkelblau. Weinrot. Ein Grün das man so nicht kaufen kann. Man bleibt vor einem Haus stehen. Über der Tür ein Datum. Siebzehnhundert und etwas. Die Zahlen sind verwittert. Man kann sie nicht ganz lesen. Das macht nichts. Kopfsteinpflaster. Uneben. Man schaut nach unten. Dann nach oben. Dann beides abwechselnd. Ein Fahrrad lehnt gegen eine Wand. Jemand hat es hier abgestellt. Vielleicht lange schon.

Es sieht aus als würde es schon immer hier stehen. Als hätte es vergessen wohin es wollte. Man schaut es kurz an. Dann geht man weiter. Das Fahrrad bleibt. An einer Ecke --- ein kleines Café. Die Tür offen. Kaffeegeruch. Stimmen. Jemand lacht. Kurz. Dann wieder leise. Man geht weiter. Nicht hinein. Nur vorbei. Manchmal reicht das. Den Geruch mitnehmen. Das Lachen. Die Wärme durch die offene Tür. Man bleibt kurz stehen. Die Gasse. Die alten Häuser. Ein Fenster im ersten Stock leicht geöffnet.

Dahinter --- nichts Bestimmtes. Nur Licht. Nur die Ahnung dass dort jemand lebt. Dass hinter jeder dieser Türen ein Alltag ist. Frühstück. Zeitung. Ein Tisch an dem jemand sitzt. Das denkt man manchmal in alten Städten. Dass das Besondere eigentlich das Gewöhnliche ist. Das Leben hinter den Fassaden. Das immer weitergeht. Dann geht man weiter. Eine alte Frau geht sehr langsam. Sie hat eine Tüte in jeder Hand. Markt. Beide Tüten voll. Sie geht trotzdem aufrecht. Ohne Eile. Sie kennt diesen Weg.

Seit Jahrzehnten. Sie kennt jede Unebenheit im Pflaster. Jede Ecke. Jede Tür. Man lässt ihr Platz. Sie nickt. Geht weiter. --- Der Dom steht über allem. Den Turm sieht man schon von weitem. Neugotisch. Neunzehntes Jahrhundert. Aber das Innere ist viel älter. Romanik. Gotik. Schichten über Schichten. Elfhundertdreiunddreißig die erste Erwähnung. Das ist lang her. Man tritt durch die Tür. Drinnen --- Stille. Sofort. Als wäre man in ein anderes Material getreten. Die Luft ist anders.

Kühler. Schwerer. Der Geruch von Stein und altem Holz und etwas das keinen Namen hat. Kirchenluft. Man kennt sie. Man kennt sie vielleicht seit der Kindheit. Oder man lernt sie hier zum ersten Mal. Beides ist gut. Das Licht kommt schräg durch hohe Fenster. Es trifft den Boden. Einen hellen Streifen. Dann Schatten. Dann wieder Licht. Man geht langsam. Wie man hier geht. Wie der Raum es verlangt. Nicht weil man muss. Weil man es will. Weil der Schritt sich von selbst verlangsamt.

Weil der Raum größer ist als man. Und das spürt man. --- Der Bordesholmer Altar. Er steht im Hohen Chor. Man muss ein Stück gehen um ihn zu erreichen. Dreiundzwanzig Meter hoch. Eichenholz. Fast vierhundert Figuren. Geölt. Dunkel. Glänzend wo das Licht sie trifft. Hans Brüggemann hat ihn geschaffen. Fünfzehnhunderteinundzwanzig fertig. Er hat fast zwanzig Jahre daran gearbeitet. Allein. Mit Schülern vielleicht. Aber seine Hände. Sein Auge. Seine Vorstellung davon wie Gesichter aussehen wenn man Schmerz hat.

Wenn man trauert. Wenn man hofft. Das Schnitzwerk erzählt die Passion. Nicht in groben Zügen. In jedem Gesicht. In jeder Hand. In der Art wie jemand den Kopf dreht. Oder weg schaut. Oder direkt in einen hinein. Man steht davor und schaut. Lange. Länger als man gedacht hatte. Es gibt einen Moment bei diesem Altar wenn man aufhört zu zählen. Wenn man aufhört zu analysieren. Wenn man einfach steht und schaut. Und die fast fünfhundert Jahre zwischen einem und dem Holzschnitzer verschwinden.

Kurz nur. Aber kurz reicht. --- Dann der Kreuzgang. Der Schwahl. Ein überdachter Gang nördlich am Dom. Drei Flügel. Mittelalterlich. Gewölbe und Reste alter Malerei an den Wänden. Das leise Licht das durch schmale Fenster kommt. Im Dezember ist hier der Schwahlmarkt. Kunsthandwerk unter den Gewölben. Adventszeit. Hunderte von Menschen. Kerzenschein. Jetzt im September ist er leer. Nur der Gang. Nur die Gewölbe. Nur das Licht. Und der eigene Schritt der leise hallt. Man geht langsam.

Die Schritte hört man selbst. Das passiert selten. Dass man die eigenen Schritte hört. Im Alltag gehen sie unter. Hier nicht. Hier ist man das einzige Geräusch. Man hält kurz inne. Lauscht. Die Stille nach dem Schritt ist anders als die Stille davor. Voller. Als hätte der Stein etwas aufgenommen. An den Wänden --- Reste alter Malerei. Blass. Kaum noch erkennbar. Farben die einmal leuchteten. Rot vielleicht. Blau. Jetzt nur noch Andeutungen. Aber da. Immer noch da. Jemand hat das gemalt.

Hat hier gestanden. Mit Pinsel und Farbe. Unter diesen Gewölben. Hat sich vorgestellt wie es aussehen soll. Und dann gemalt. Und dann ist die Farbe verblichen. Und noch immer ist etwas davon da. Das ist auch ein Ort. Ohne Veranstaltung. Ohne Programm. Einfach der Gang selbst. Einfach die Zeit die sich in Stein gesetzt hat. --- Wieder draußen. Die Septemberluft trifft einen. Klarer als drinnen. Heller. Man braucht einen Moment. Vom Innen ins Außen. Von der Stille ins Geräusch.

Von der Kirchenluft in die Stadtluft. Man bleibt kurz auf der Treppe vor dem Dom stehen. Nicht lange. Nur einen Atemzug. Drinnen war man fünfhundert Jahre zurück. Jetzt --- September. Kopfsteinpflaster. Ein Tourist der sein Telefon hebt. Ein Fahrrad das vorbeirollt. Ein Kind das läuft. Der Übergang von Jahrhunderten in Sekunden. Man gewöhnt sich nie ganz daran. Und das soll so bleiben. Ein paar Schritte auf dem Kopfsteinpflaster. Der Domturm über einem. Der ist immer da. Egal von wo man kommt.

Egal wo man steht. Er ist das Erste was man sieht wenn man aus einer Gasse tritt. Der Orientierungspunkt. Vom Dom sind es nur wenige Schritte zum Graukloster. Die Altstadt ist so gebaut. Alles nah beieinander. Dom. Kloster. Rathaus. In anderen Städten wären das verschiedene Viertel. Hier ist es dasselbe Viertel. Man geht Richtung Rathaus. Zum Graukloster. Das Graukloster ist heute das Rathaus. Aber darunter --- das Alte. Mittelalterliche Backsteingebäude. Noch erhalten. Die Stadtverwaltung sitzt drin.

Aber von außen sieht man die Schichten. Zwölfhundertvierunddreißig gegründet. Franziskanerkloster. Auf dem Gelände eines ehemaligen dänischen Königshofes. Herzog Abel hat es den Brüdern geschenkt. Die grauen Mönche zogen ein. Grau --- wegen der Farbe ihrer Kutten. Daher der Name. Zeitweise eines der größten Franziskanerklöster im Königreich Dänemark. Ordenstreffen. Pilger. Mönche die beteten und arbeiteten und schrieben. Dann die Reformation. Fünfzehnhundertachtundzwanzig. Die Brüder wurden vertrieben.

Das Kloster wurde Armenstift. Die Kirche wurde Rathaus. Dann ein neues klassizistisches Rathaus oben drauf. Man steht davor und versucht es zu lesen. Die Schichten. Königshof. Kloster. Armenstift. Rathaus. Dieselbe Stelle. Verschiedene Zeiten. Die mittelalterlichen Backsteinteile sind noch sichtbar. Dunkelrot. Die Fugen tief. Das Material ehrlich. Daneben das klassizistische Rathaus. Heller Putz. Saubere Linien. Achtzehntes Jahrhundert. Beide stehen nebeneinander. Kein Widerspruch.

Nur Zeit. Auf dem Grundstück war vorher ein dänischer Königshof. Bevor die Mönche kamen. Bevor der Herzog das Gelände verschenkte. Bevor alles was danach kam. Damals war das hier eine andere Stadt. Oder dieselbe Stadt --- aber noch weiter weg von allem was danach kam. Man steht auf dem Pflaster und versucht es sich vorzustellen. Die Brüder die hier gingen. In grauen Kutten. Im September. Das Herbstlicht fiel damals genauso schräg. Auf dasselbe Pflaster. Das Licht bleibt — egal was sonst kommt.

--- Durch die Altstadt. Richtung Osten. Richtung Freiheit. Der Stadtweg liegt hinter einem. Die Fußgängerzone mit ihren Läden. Die skandinavisch geprägte Atmosphäre die man in Schleswig überall spürt. Jemand spricht Dänisch. Auf der Straße. Ein Gespräch zwischen zwei Männern. Normal. Alltäglich. Hier ist das normal. Das Dänische das in deutschen Straßen klingt. Das Grenzland. Man hört es. Dann ist man vorbei. Hier --- Richtung Freiheit --- wird das anders. Weniger Läden. Mehr Bäume.

Der Weg öffnet sich. Die Schlei kommt in Sicht. Zuerst nur ein Stück. Zwischen den Häusern. Dann mehr. Dann das ganze Wasser. Und dann --- die Schule. Die A.P. Møller-Skolen. Auf dem alten Kasernengelände. Auf der Freiheit. Direkt an der Schlei. Gelber Ziegel. Horizontal eingekerbte Fensterbänder. Ein kupfernes Dach das alle Gebäudeteile zusammenfasst. Modern. Sehr modern. Aber nicht fremd. Die Architekten haben den gelben Ziegel bewusst gewählt. Als Referenz an den Dom. Der Dom --- Backstein, dunkel, Jahrhunderte alt.

Die Schule --- gelber Ziegel, hell, einundzwanzigstes Jahrhundert. Beide Backsteinbauten. Achthundert Jahre dazwischen. Und eine Stadt die beides trägt. Nebeneinander. Ohne Erklärung. Ohne dass es jemanden zu stören scheint. Schichten die sich nicht ausschließen. --- Aus einem der großen Fenster schaut ein Jugendlicher. Vielleicht sechzehn. Er schaut auf die Schlei. Das Wasser direkt hinter der Schule. Wenn man hier Pause hat kann man ans Wasser gehen. Zehn Schritte. Dann Schlei.

Dänisch wird hier unterrichtet. Auf Dänisch. Schüler und Lehrer per Du. Sechshundertfünfundzwanzig Schüler. Manche fahren früh morgens um sechs los. Von Tönning. Von Bredstedt. Stundenlange Fahrt. Wegen dieser Schule. Wegen dieser Zugehörigkeit. Wegen dem Dänischen das hier gesprochen wird. Das Grenzland. Deutsch und Dänisch nebeneinander. Seit Jahrhunderten. Nicht als Problem. Als Tatsache. Als das was man hier ist. Der Jugendliche am Fenster schaut noch auf die Schlei. Der Blick von unten trifft ihn von draußen.

Derselbe Blick --- aber von einem anderen Ort. Er sieht das Wasser aus dem Fenster. Man sieht das Fenster mit ihm darin. Irgendwo hinter ihm läuft der Unterricht weiter. Stimmen auf Dänisch. Ein Lachen. Das Scharren eines Stuhls. Er hört es vielleicht nicht mehr. Er schaut auf die Schlei. Das ist genug für jetzt. Dann dreht er sich um. Zurück zum Unterricht. Zurück ins Dänische. --- Man geht zurück. Durch die Altstadt. Denselben Weg zurück. Aber er ist jetzt anders. Weil man anders ist.

Weil man mehr gesehen hat. Die Häuser die man vorhin schon gesehen hat sehen jetzt anders aus. Nicht weil sie sich verändert haben. Sondern weil man mehr weiß. Über was dahinter liegt. Über die Zeit in den Mauern. Das Datum über der Tür. Siebzehnhundert und etwas. Vorhin war das eine Zahl. Jetzt ist es ein Mensch der diese Tür gebaut hat. Der hier wohnte. Der morgens durch diese Tür gegangen ist. Das Fahrrad lehnt noch dort. Es war die ganze Zeit hier. Geduldig. Wie alles in dieser Stadt.

Die alten Dinge hier sind nicht stolz auf ihr Alter. Sie sind einfach da. Und lassen einen vorbeigehen. Der Dom kommt wieder in Sicht. Man geht daran vorbei. Ein letzter Blick nach oben. Der Turm im Septemberlicht. Grau und fest. Er bleibt. Man geht. Das ist die Ordnung. Durch die Altstadt. Richtung Hafen. Der Geruch wechselt. Von Stein zu Wasser. Von trocken zu salzig. Der Hafen kündigt sich an. Bevor man ihn sieht riecht man ihn. Salz. Fisch. Das Brackwasser das nach beidem riecht.

Nicht ganz Meer. Nicht ganz Fluss. Etwas dazwischen. Wie diese Stadt selbst. Dann ist man da. Am Hafen --- Fischerboote. Manche klein. Manche größer. Die Netze aufgehängt zum Trocknen. Oder aufgerollt auf dem Deck. Grau. Schwer. Ein Mann steht an einem der Boote. Er schaut auf etwas. Eine Leine vielleicht. Oder einfach auf das Wasser. Er dreht sich nicht um. Er hat Zeit. Oder er nimmt sie sich. Das ist hier dasselbe. Die Masten stehen still im Septemberlicht. Und Stände. Fischbrötchen.

Der Geruch stärker hier. Direkt am Wasser. Man stellt sich an. Nicht lange. Der Stand ist nicht neu hier. Das sieht man. Der Mann dahinter macht das seit Jahren. Die Hände wissen was sie tun. Brötchen aufschneiden. Krabben drauf. Sauce. Zitrone. Alles in einer Bewegung. Krabben oder Matjes. Oder beides. Man entscheidet. Das Brötchen kommt. Groß. Die Krabben frisch. Klein und rosa. Salz und Meer und ein bisschen Zitrone. Man beißt rein. Das Brötchen ist groß. Die Krabben frisch.

Klein und rosa. Salz und Meer und ein bisschen Zitrone. Das ist der dritte Geruch des Tages. Nach der Rübe. Nach der Kirchenluft. Jetzt das Salz vom Wasser. Alle drei zusammen jetzt. Irgendwie. Ein Nordseekrabbenbrötchen ist nicht kompliziert. Krabben. Brötchen. Vielleicht Remoulade. Vielleicht Zitrone. Das war es. Aber es schmeckt nach mehr. Nach dem Hafen. Nach dem Wasser. Nach dem Morgen der hinter einem liegt. Man isst langsam. So wie man heute alles gemacht hat. Langsam.

Das Wasser liegt direkt daneben. Die Schlei. Im September noch hell. Das Licht auf dem Wasser. Die Möwen. Ein Boot das langsam kommt. Man isst. Der Blick bleibt auf dem Wasser. Beides zusammen. --- Der Holm liegt gleich nebenan. Die alte Fischersiedlung. Eingeschossige Häuser. Achtzehntes und neunzehntes Jahrhundert. Um einen Friedhof gruppiert. Nur alteingesessene Bürger leben hier. Und werden hier begraben. Mitten in der Siedlung. Mitten in den Häusern. Der Friedhof gehört dazu.

Er ist kein Rand. Er ist die Mitte. Das ist ungewöhnlich. Aber wenn man es weiß beginnt man es zu verstehen. Der Holm war immer so. Die Fischer lebten hier. Die Fischer sind hier gestorben. Und ihre Kinder und deren Kinder. Der Friedhof ist nicht das Ende des Lebens hier. Er ist ein Teil davon. Man geht hindurch. Langsam. Die Gassen sind sehr schmal. Manchmal nur für eine Person breit. Die Häuser nah beieinander. Gärten die man fast berühren kann. Herbstblumen in den Beeten.

Noch. Noch ein paar Wochen. Eine ältere Frau gießt Blumen. Sie schaut kurz auf. Nickt. Dann weiter. Ein Kind sitzt auf einer Treppe. Es schaut auf eine Katze die im Garten sitzt. Die Katze schaut zurück. Wer zuerst wegschaut verliert. Keiner verliert. Das ist der Holm. Man ist Besucher hier. Aber man ist willkommen. Solange man langsam geht. Solange man versteht dass hier jemand wohnt. Dass das hier kein Museum ist. Und gleichzeitig --- ist es das doch. In dem Sinne dass es etwas bewahrt.

Die Fischersiedlung. Die Art zu leben. Den Friedhof in der Mitte. Die Gassen die so schmal sind dass zwei Menschen kaum nebeneinander passen. Der Friedhof liegt hinter einer niedrigen Mauer. Man schaut kurz hinein. Alte Grabsteine. Namen die man nicht kennt. Aber Schleswiger Namen. Seit Generationen dieselben Familien. Ein Stein nahe der Mauer. Verwittert. Die Schrift noch lesbar. Ein Name. Ein Datum. Achtzehnhundert und etwas. Darunter ein zweiter Name. Dieselbe Familie. Ein paar Jahrzehnte später.

Dann ein dritter. Man liest sie nicht alle. Man muss nicht. Man versteht trotzdem. Hier hat jemand gelebt. Hat das Wetter gekannt. Das Wasser. Die Stellen wo die Fische waren. Hat morgens den Kahn losgebunden. Hat abends die Netze aufgehängt. Hat diesen Weg entlangsgegangen. Genau diesen. Man steht auf demselben Pflaster. Und schaut auf denselben Stein. Und das ist alles was man wissen muss. Die Fischer die hier lebten haben auf der Schlei gearbeitet. Auf der Ostsee. Das Wissen wurde weitergegeben.

Von Vater zu Sohn. Von Mutter zu Tochter. Hier. In diesen Häusern. In diesen Gassen. Jetzt wohnen hier andere Menschen. Aber die Häuser sind noch dieselben. Das Pflaster ist noch dasselbe. Der Friedhof in der Mitte. Immer noch. Man geht langsam hindurch. Wieder hindurch. Raus aus dem Holm. Man dreht sich einmal um. Die Gasse liegt still. Die niedrige Mauer. Der Friedhof dahinter. Alles an seinem Platz. Raus an den Hafen. Die Schlei liegt weit vor einem. Das Licht liegt darauf.

Norddeutsches Septemberlicht. Das sich nicht entscheidet. Das bleibt. --- Man setzt sich auf eine Bank am Hafen. Das Brötchen ist weg. Der Kaffee den man sich geholt hat dampft noch. Aus einem kleinen Pappbecher. Die Schlei liegt vor einem. Breit. Flach. Das Licht ändert sich. Eine Wolke zieht durch. Das Wasser wird dunkler. Dann wieder hell. Hinter dem Wasser --- Holm und Häuser. Und der Domturm der über alles ragt. Man hat heute schon am Fuß des Turms gestanden. Und innen.

Und jetzt schaut man ihn von hier an. Von der anderen Seite des Wassers. Derselbe Turm. Anderer Blick. Das macht einen Unterschied. Ein paar Möwen stehen am Ufer. Sie schauen aufs Wasser. Ernst. Als wäre das ihr Job. Vielleicht ist es das. Ein älterer Mann kommt mit einem Hund. Der Hund ist sehr klein. Der Mann ist sehr groß. Sie passen nicht zusammen. Aber sie passen zusammen. Der Mann setzt sich auf eine Bank weiter weg. Der Hund legt sich darunter. Beide schauen auf die Schlei.

Man schaut auch auf die Schlei. Alle schauen auf die Schlei. Die Schlei lässt das zu. Sie ist breit genug. Die Schlei ist kein Fluss und kein Meer. Sie ist ein Ostseefjord der sich tief ins Land zieht. Von der Ostsee bis hierher --- fast vierzig Kilometer. Immer schmaler. Immer stiller. Hier am Hafen noch breit. Das Wasser bewegt sich kaum. Nur dieses sanfte Kommen und Gehen. Kein Wellengang. Nur Atem. Das Brackwasser riecht nach beidem. Nach Süßwasser. Nach Salz. Nicht ganz Meer.

Nicht ganz Fluss. Etwas dazwischen. Wie diese Stadt selbst. Deutsch und Dänisch. Geschichte und Gegenwart. Alles dazwischen. Alles zusammen. Alles nebeneinander. Ohne dass es erklärt werden muss. Der Kaffee ist fast kalt. Man hält den Becher trotzdem. Die Schlei bewegt sich kaum. Nur dieses sanfte Kommen und Gehen an den Steinen. Wie Atem. Und dann --- ohne dass man es so entschieden hat --- kommt ein anderer Morgen. Nicht dieser. Ein früherer. Man weiß nicht mehr genau wann.

Irgendwann in den neunziger Jahren vielleicht. Ein Herbstmorgen. Auch September. Eine Küche. Der Geruch von Rübe. Jemand hat gekocht. Die Großmutter vielleicht. Oder die Mutter. Man saß am Tisch. Klein noch. Die Hände um einen warmen Becher. Dieselbe Geste wie heute. Damals war das nichts Besonderes. Damals war das einfach Dienstag. Oder Mittwoch. Irgendein Herbsttag in einer Küche die es längst nicht mehr gibt. Das Licht war dasselbe. Schräg. Septemberlicht. Das Fenster beschlagen.

Jemand hat etwas gesagt. Man erinnert sich nicht was. Nur den Klang. Diese Stimme. Ruhig. Alltäglich. Die Stimme die man nie wieder hören wird. Und dann ist die Erinnerung weg. So schnell wie sie kam. Das Wasser liegt wieder vor einem. Die Schlei. September. Hier. Jetzt. Der Kaffee ist kalt. Man trinkt ihn trotzdem. Das ist gut so. Solche Momente gibt es. Nicht oft. Aber sie gibt es. Ein Geruch reicht manchmal. Die Wärme eines Bechers in den Händen. Und plötzlich ist man zwei Orte gleichzeitig.

Hier am Wasser. Und irgendwo in einem Oktober der längst vorbei ist. Und beides stimmt. Und man findet diese Momente nicht. Man geht einfach. Und manchmal kommen sie. Das Graukloster. Die Schichten der Zeit. Königshof. Kloster. Rathaus. Das Herbstlicht das immer dasselbe war. Die Schule auf der Freiheit. Den gelben Ziegel. Den Jugendlichen am Fenster. Das Dänische das hier gesprochen wird. Dieser Morgen hat viel gezeigt. Aber leise. Von Ort zu Ort. Von Geruch zu Geruch. Von Jahrhundert zu Jahrhundert.

Rübe. Kirchenluft. Salz. Capitolplatz. Dom. Graukloster. Freiheit. Holm. Hafen. Alles in einer Stadt. Alles an einem Morgen. Alles noch da. Eine Stadt die viel trägt. Und es nicht ankündigt. Wenn man nur geht. Wenn man nur schaut. Wenn man sich Zeit lässt. Alte Städte erklären sich nicht. Sie zeigen sich dem der langsam geht. Nicht als Museum. Als Pflaster unter den Füßen. Als Kirchenluft. Als Rübengeruch der von weitem kommt. Als Salz das am Hafen wartet. Kein Vorwissen nötig.

Keine Geschichte im Kopf. Nur gehen. Langsam. Und zulassen was kommt. Die Rübe hat das schon gewusst. Das Gemüse das man jahrzehntelang nicht haben wollte. Und das jetzt in weißen Bechern dampft. Und Menschen zusammenbringt. Auf einem Platz. Im September. Der Altar hat das immer gewusst. Fünfhundert Jahre. Immer dieselben Figuren. Immer dasselbe Licht. Immer die Menschen die vorbeikommen und schauen. Und weitergehen. Und etwas mitnehmen das keinen Namen hat. Die Schlei hat das gewusst.

Seit immer. Sie zieht sich ins Land rein. Sie verbindet Meer und Stadt. Sie trägt Boote und Licht und den Geruch von weitem Wasser. Sie war hier bevor die Stadt da war. Und sie wird hier sein wenn alles andere sich verändert hat. --- Ihr seid jetzt auch fast dort. Vielleicht liegt ihr schon. Denkt an das Rübenmus. Den weißen Becher. Warm in den Händen. Den Dampf. Den Altar im Dom. Die Figuren. Den Moment wo man aufgehört hat zu zählen. Die Schlei. Das Licht darauf. Das Salz am Hafen.

Und vielleicht --- ganz am Rand --- eine andere Küche. Ein anderer Herbst. Eine Stimme die man kennt. Oder kannte. Der Geruch von Rübe. Derselbe Geruch. Anderer Morgen. Andere Zeit. Aber das Licht war dasselbe. Schräg. Durch ein Fenster. Das Licht kennt keinen Unterschied zwischen damals und jetzt. Wie manche Momente. Nicht ganz wach. Nicht ganz eingeschlafen. Etwas dazwischen. Rübe. Kirchenluft. Salz. Schlaft gut.

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