Eine Hörgeschichte für Erwachsene
Es ist kurz nach elf...
Es ist kurz nach elf Uhr nachts. Draußen... ist es still. Nicht die Stille, die drückt. Die andere. Die weiche. Die, die sich anfühlt wie eine Decke, die jemand über die Welt gelegt hat.
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Es ist kurz nach elf Uhr nachts. Draußen... ist es still. Nicht die Stille, die drückt. Die andere. Die weiche. Die, die sich anfühlt wie eine Decke, die jemand über die Welt gelegt hat. Wir sind heute Nacht an der Küste. Nicht weit von hier — vielleicht kennt ihr den Ort, vielleicht auch nicht — liegt ein kleines Stück Küste, das die meisten Menschen nur vom Durchfahren kennen. Eine schmale Straße. Reet auf den Dächern. Robinien am Wegesrand, noch kahl jetzt im Frühjahr, aber kurz davor.
Und am Ende der Straße, ganz am Ende, wo die Straße aufhört und das Wasser anfängt — ein Leuchtturm. Er ist nicht mehr in Betrieb. Das war er zuletzt vor einigen Jahrzehnten. Aber er steht noch. Rot-weiß gestrichen, ein bisschen verblasst jetzt, ein bisschen grau geworden an den Kanten. Wie alte Dinge grau werden... und dabei irgendwie schöner. Heute Nacht wohnt jemand dort unten. Nicht im Leuchtturm selbst. Daneben. In dem kleinen Haus, das früher der Leuchtturmwärter bewohnte.
Dieses Haus hat zwei Zimmer, eine Küche, einen Ofen und ein einziges Fenster, das auf das Wasser geht. Die Frau, die dort wohnt, heißt Lotte. Lotte ist dreiundsiebzig Jahre alt. Sie schläft heute Nacht noch nicht. Nicht weil sie nicht schlafen könnte — das kann sie. Sondern weil sie diese Stunde mag. Die letzte Stunde. Die Stunde, in der man sich noch einmal umsetzt, noch einmal Tee aufgießt, und einfach... sitzt. Lotte sitzt am Fenster. Auf dem Fensterbrett steht eine Tasse.
Der Tee darin ist schon fast kalt. Sie hat ihn vergessen, weil sie hinausschaut. Das Wasser ist dunkel. Fast schwarz. Und oben drüber — die Sterne. Lotte ist keine Frau, die viel über Sterne redet. Aber sie schaut sie an. Jeden Abend, wenn es klar ist. Sie kennt die Sterne über diesem Stück Wasser. Nicht ihre Namen — nicht alle. Aber ihre Positionen. Wo sie im Winter stehen. Wo sie im Sommer stehen. Und sie weiß, dass sie in zwanzig Minuten den großen Wagen kaum noch über dem Horizont sehen wird, weil er weitergewandert ist.
Das weiß sie, weil sie es nachgeschaut hat. Nicht heute. Vor drei Jahren. Es hat sie schon lange interessiert. Und dann — eines Abends — hat sie es einfach getan. So macht Lotte das manchmal. Dinge, die sie schon lange tun wollte, einfach tun. Und dann nicht mehr darüber nachdenken. Sie hebt die Tasse auf. Trinkt einen Schluck. Der Tee ist kalt. Sie trinkt ihn trotzdem. Draußen geht ein Wind über das Wasser. Man kann ihn nicht sehen. Aber man kann ihn hören. Ein leises Rauschen.
Wie wenn jemand weit weg atmet. Lotte schließt die Augen für einen Moment. Nicht weil sie müde ist. Sondern weil das Hören... manchmal mehr ist, wenn man nicht schaut. Das Rauschen. Das sanfte Klopfen der Wellen gegen den alten Holzsteg. Einmal. Zweimal. Immer wieder. Sie öffnet die Augen. Das Wasser ist noch da. Natürlich ist es das. Es geht nirgendwo hin. Lotte kennt dieses Wasser bei jedem Wetter. Sie kennt es im Sommer, wenn es fast grün aussieht und die Kinder vom Campingplatz drüben ihre Drachen steigen lassen.
Sie kennt es im Herbst, wenn der Himmel tief wird und das Wasser dieselbe Farbe annimmt wie die Wolken — grau und silbern und irgendwie eines. Sie kennt es im Winter, wenn sich Eis an den Steinen bildet und die Möwen so nah ans Ufer kommen, als würden sie Gesellschaft suchen. Und sie kennt es im Frühjahr. So wie jetzt. Wenn das Wasser noch kalt ist, aber die Luft schon nicht mehr ganz. Wenn man beides gleichzeitig riecht — das Kalte und das Kommende. Das ist ihre liebste Zeit.
Nicht weil der Sommer nicht schön wäre. Sondern weil das Frühjahr noch nichts versprechen muss. Es ist einfach da. Es wird. Ganz ohne Aufhebens. Ein Stück die Küste entlang — vielleicht zwanzig Minuten zu Fuß, wenn der Weg nicht so sandig wäre — liegt das Dorf. Es ist kein großes Dorf. Es hat einen Supermarkt, eine Bäckerei, eine Apotheke und ein Restaurant, das im Sommer gut geht und im Winter fast gar nicht. Aber das Restaurant ist heute Nacht geschlossen. Die Bäckerei auch.
Nur in einem einzigen Fenster im Dorf brennt noch Licht. Es ist das Fenster der alten Schule. Nicht die neue — die neue steht am anderen Ende. Die alte Schule wird nicht mehr als Schule benutzt. Die Gemeinde hat sie dem Verein überlassen. Welchem Verein? Es gibt mehrere. Heute Abend war der Schachklub dort. Sie haben bis halb elf gespielt. Dann haben sie aufgehört, die Bretter eingepackt und die Figuren in ihre Holzkisten gelegt. Einer nach dem anderen ist gegangen. Geblieben ist nur Jonas.
Jonas ist neunundsechzig. Er ist der Vorsitzende des Schachklubs. Kein Amt, das ihm jemand aufgezwungen hat — er hat es selbst gewollt. Er kümmert sich gern. Räumt auf. Macht das Licht aus. Das macht er schon seit zwölf Jahren so. Er hat es nie als Last empfunden. Er steht jetzt in der Mitte des Raumes. Schaut sich um. Alle Stühle sind hochgestellt. Die Becher gespült und umgekehrt auf einem sauberen Tuch. Die Heizung runtergedreht, nicht ganz aus — der Raum soll nicht auskühlen.
Jonas atmet einmal tief aus. Das ist sein Abschluss-Ritual. Er nennt es nicht so — er nennt es gar nicht. Aber er macht es immer. Einmal durch den Raum schauen. Sicherstellen, dass alles in Ordnung ist. Einmal ausatmen. Dann macht er das Licht aus. Die Straße draußen ist leer. Eine einzige Laterne brennt am Dorfeingang. Jonas kennt jeden Stein auf dem Weg nach Hause. Er geht ihn seit dreißig Jahren. Er braucht kein Licht. Er geht langsam. Nicht weil er muss. Sondern weil er die Nacht mag.
Er mag das Geräusch seiner eigenen Schritte auf dem alten Kopfsteinpflaster. Er mag den Geruch nach Meerluft, der auch hier noch zu spüren ist, obwohl man das Wasser vom Dorf aus nicht sehen kann. Er mag, dass niemand auf der Straße ist. Nur er. Jonas... denkt an das heutige Spiel. Er hat verloren. Gegen Nils, der erst seit einem Jahr beim Klub ist. Nils ist gut. Besser als er dachte. Jonas lächelt ein bisschen. Er findet es schön, wenn jemand gut ist. Er findet es schöner, als selbst zu gewinnen.
Das hat er sich nicht antrainiert. Das ist einfach so geworden... über die Jahre. Die Partie lief gut bis zur zwölften Runde. Dann ein Fehler. Nicht einmal ein grober. Ein kleiner. Aber Nils hat ihn gesehen. Sofort. Der Junge denkt schnell. Jonas bleibt kurz stehen. Nein — nicht der Junge. Nils ist fünfundfünfzig. Jonas nennt jeden unter sechzig im Stillen den Jungen. Das ist eine schlechte Angewohnheit, sagt seine Frau. Vielleicht hat sie recht. Er geht weiter. Er denkt daran, wie der Schachklub früher war.
Vor zwanzig Jahren. Als sie noch zu zwölft waren. Als sie freitags gespielt haben, nicht mittwochs. Als Thomas noch dabei war, der immer zu spät kam und immer gewann. Thomas ist nach Bayern gezogen. Zu seiner Tochter. Und Stefan. Stefan hat aufgehört, als seine Augen schlechter wurden. Er kommt manchmal noch vorbei. Schaut zu. Trinkt Kaffee. Sagt wenig. Jonas vermisst ihn beim Spielen. Nicht weil Stefan so gut war. Sondern weil Stefan immer genau dann einen schlechten Witz gemacht hat, wenn die Stille zu ernst wurde.
So jemanden findet man nicht so leicht nach. Jonas denkt daran, dass er Stefan mal wieder anrufen wollte. Das hat er schon öfter gedacht. Und dann kommt immer etwas dazwischen. Oder nichts kommt dazwischen — er denkt nur nicht mehr daran. Morgen. Morgen ruft er an. Das denkt er jetzt. Und diesmal... meint er es. Er biegt ab in die kleine Gasse, die zu seinem Haus führt. Im Fenster — seine Frau hat das Licht im Wohnzimmer angelassen. Das macht sie immer, wenn er abends weg ist.
Ein helles Fenster, das auf ihn wartet. Jonas... kommt nach Hause. Zwischen dem Dorf und dem Leuchtturm liegt ein kleines Stück Welt, das keinen richtigen Namen hat. Die Einheimischen sagen einfach: am Weg. Als in: Wir wohnen am Weg. Was eigentlich bedeutet: nicht ganz im Dorf, nicht ganz draußen. Dort, am Weg, steht ein gelbes Haus. Es ist nicht groß. Zwei Stockwerke, Vorgarten, ein Geräteschuppen an der Seite. In dem Geräteschuppen sind Dinge, die seit Jahren nicht benutzt wurden und über die der Besitzer manchmal nachdenkt, wenn er abends am Küchenfenster steht.
Der Besitzer des gelben Hauses heißt Luca. Luca ist siebenundfünfzig. Er wohnt allein seit vier Jahren. Nicht weil er gern allein wohnt — das tut er nicht. Aber es hat sich so ergeben, und er hat gelernt, es gut zu finden. Oder zumindest... in Ordnung. Luca schläft heute Nacht schlecht. Nicht wegen etwas Schlimmem. Nichts ist passiert. Aber manchmal ist das Schlafen einfach... zäh. Man liegt da und der Körper ist müde und der Kopf macht trotzdem weiter. Er hat sich Wasser geholt.
Ist kurz in die Küche. Hat aus dem Fenster geschaut. Draußen — nichts. Die Straße. Ein bisschen Mondlicht. Die Silhouette des Obstbaums im Vorgarten. Luca kennt diesen Baum seit siebenundzwanzig Jahren. Er hat ihn damals selbst gepflanzt. Ein dünnes Stäbchen war das, kaum größer als ein Besen. Jetzt steht er dort. Breit. Fest. Im Sommer voller Äpfel. Luca erinnert sich, wie er den Baum gepflanzt hat. Ein Sonntag war das. Es hat leicht geregnet. Er hatte keine Gartenschuhe und ist einfach in seinen alten Turnschuhen rausgegangen.
Die Erde war weich und das Loch war schnell gegraben. Er hat das Stäbchen reingestellt. Hat die Erde drum herum festgedrückt. Hat ihm etwas Wasser gegeben. Und dann ist er reingestanden und hat es angeschaut. Es hat damals nicht nach viel ausgesehen. Aber er hat sich vorgestellt, wie es mal wird. Groß und voll. Im Sommer voller Äpfel. Und jetzt ist es so. Das hat Luca manchmal gedacht, wenn es ihm nicht so gut ging: Der Baum steht. Der Baum steht und er ist genau so geworden, wie ich mir das damals vorgestellt habe.
Das klingt nach nichts. Aber es ist nicht nichts. Luca schaut den Baum an. Er denkt an nichts Bestimmtes. Nur der Baum. Und die Stille. Und der Geschmack von kaltem Wasser. Dann geht er zurück ins Bett. Er legt sich hin. Er schließt die Augen. Und diesmal... ist der Kopf ein bisschen leiser. Der Baum ist noch da. Die Straße ist noch da. Der Geräteschuppen und die Dinge darin — auch die sind noch da. Und das... ist irgendwie beruhigend. Man muss nicht alles klären. Man muss nicht alle Dinge in Ordnung bringen, bevor man schläft.
Manche Dinge warten einfach. Geduldig. Ohne es einem übel zu nehmen. Luca... schläft ein. Langsam. Aber er schläft ein. Hinter seinem Haus, ein Stück den Hang hinunter, läuft ein kleiner Bach. Der hat auch keinen Namen, den alle kennen. Er fließt das ganze Jahr. Jetzt, in der Nacht, hört ihn niemand. Aber er fließt trotzdem. Das Wasser sucht seinen Weg. Es findet ihn immer. Weiter die Küste entlang, in Richtung der nächsten Stadt, liegt ein Apartment im dritten Stock eines neueren Hauses.
Das Haus ist nicht alt. Es hat keine Geschichte, die man kennt. Es steht einfach da — weiß verputzt, sechs Einheiten, Briefkästen im Erdgeschoss. In der dritten Etage wohnt Maya. Maya ist vierunddreißig. Sie arbeitet seit acht Jahren in der Unternehmenskommunikation einer mittelgroßen Firma. Sie macht ihre Arbeit gut. Sie macht sie manchmal zu gut — das sagt ihr Kollege Jonas manchmal, halb als Witz. Maya lacht dann. Aber sie denkt daran. Heute war ein langer Tag. Nicht schlimm.
Aber lang. Meetings von halb neun bis kurz vor sechs. Dazwischen Mails. Immer Mails. Und eine Präsentation, die eigentlich fertig war und dann doch noch mal anders werden musste. Maya liegt jetzt im Bett. Das Licht ist aus. Das Telefon liegt umgekehrt auf dem Nachttisch. Bildschirm nach unten. Das macht sie bewusst so. Seit einem halben Jahr. Es hilft... meistens. Sie schaut an die Decke. Die Decke ist weiß. Nichts daran. Aber sie schaut sie an. Ihr Kopf läuft noch. Das kennt sie.
Den Zustand, wo der Körper aufgehört hat, aber der Kopf noch nicht gemerkt hat, dass der Tag vorbei ist. Er läuft die Dinge nochmal durch. Die Präsentation. Den Satz, den sie in der Besprechung gesagt hat und der vielleicht falsch rübergekommen ist. Die Mail, die sie noch nicht beantwortet hat. Ob sie sie morgen früh beantworten soll oder ob das dann zu spät ist. Maya atmet aus. Langsam. Sie macht das manchmal so. Einfach ausatmen. Nicht besonders tief. Nur... länger als normal.
Es ist eine kleine Sache. Aber der Körper hört zu. Sie dreht sich auf die Seite. Durch das Fenster — sie hat die Rollläden nicht ganz geschlossen, das mag sie nicht — kommt ein schmaler Streifen Licht. Von der Straßenlaterne unten. Ein orangefarbener Streifen an der Wand. Maya schaut ihn an. Sie kennt diesen Streifen. Er ist jeden Abend da. Er bewegt sich manchmal ein bisschen, wenn ein Auto vorbeifährt. Dann ist er kurz weg und dann ist er wieder da. Heute Nacht ist kein Auto vorbeigefahren.
Der Streifen ist einfach... da. Ruhig. Maya denkt an das Meer. Sie war zuletzt vor zwei Jahren dort. Mit ihrer Freundin Sofia. Ein Wochenende im Oktober. Es war zu kalt zum Schwimmen und das war ihnen egal. Sie sind einfach am Wasser entlanggegangen. Stundenlang. Geredet. Und manchmal auch nicht geredet. Sofia ist gut darin, nicht zu reden. Das ist seltener als man denkt. Maya denkt daran, wie das Wasser geklungen hat. Das Rauschen. Das Gleichmäßige. Sie weiß, dass das Wasser gerade auch da ist.
Nicht weit. Eine halbe Stunde vielleicht mit dem Auto. Es rauscht jetzt auch. Genau so. Auch wenn sie es nicht hören kann. Das Wasser macht keine Pause. Es ist einfach immer da. Irgendwie... ist das ein guter Gedanke. Maya schließt die Augen. Der orangefarbene Streifen an der Wand ist noch da. Sie sieht ihn durch die Lider. Schwach, aber da. Die Präsentation ist fertig. Die Mail kann morgen warten. Der Satz von heute war wahrscheinlich nicht falsch. Und wenn doch... ...ist das auch in Ordnung.
Maya... wird leiser. Nicht sofort. Aber sie wird leiser. Das Rauschen des Wassers — das sie sich nur vorstellt, das aber trotzdem da ist — zieht sie ein bisschen weiter. Weg vom Tag. Hin zu dem anderen Ort. Dem Ort zwischen wach und schlafend. Wo nichts mehr fertig sein muss. Sie denkt an nichts mehr Bestimmtes. Nur noch Bilder. Locker, ohne Zusammenhang. Das Wasser. Sofias Jacke, die orangefarben war. Ein Hund am Strand, der ins Wasser gerannt ist und dann doch nicht rein. Die Möwen.
Maya lächelt ein bisschen. Der Hund. Sie hat ihm sogar einen Namen gegeben, damals. Nur für sich. Bruno. Er sah aus wie ein Bruno. Sie weiß nicht warum sie daran denkt. Aber es ist ein guter Gedanke. Besser als die Mail. Besser als der Satz von heute. Bruno ist am Strand. Es ist Oktober. Das Wasser ist grau und schön. Maya... ...schläft ein. Zurück zum Leuchtturm. Lotte hat ihre Tasse auf die Spüle gestellt. Sie hat nicht abgewaschen. Das macht sie morgen früh. Sie macht das Licht in der Küche aus.
Im Wohnzimmer steht noch die Stehlampe. Lotte bleibt einen Moment darunter stehen. Das Licht ist warm. Bernsteinfarben fast. Sie mag dieses Licht. Es hat nichts Kaltes, nichts Grelles. Sie hat lange nach dieser Lampe gesucht. In Geschäften, auf Märkten, einmal sogar — und das hätte ihr früher niemand geglaubt — im Internet. Ihre Enkelin hat ihr gezeigt, wie das geht. Und dann hat sie die Lampe gefunden. Manche Dinge findet man erst, wenn man sie sucht. Lotte schaut noch einmal zum Fenster.
Das Wasser. Das dunkle Wasser. Und plötzlich denkt sie an Paul. Nicht mit Trauer — das ist wichtig. Sie denkt einfach... an ihn. Wie er hier saß. Genau auf diesem Stuhl. Wie er das Wasser mochte. Wie er immer gesagt hat, er könnte stundenlang draufschauen, ohne zu reden, und ihm würde nichts fehlen. Paul. Er hieß Paul. Lotte lächelt ein bisschen in der Stille. Paul war kein Mann für große Worte. Er war ein Mann für... gute Schuhe. Für gepflegtes Werkzeug. Für Kaffee ohne Zucker und Graubrot mit Butter.
Und für das Wasser. Das Wasser hat er geliebt. Er ist nicht gern ans Meer gefahren. Oder an den Baggersee oder in die Badebucht, wo alle anderen waren. Er wollte das Wasser sehen. Einfach sehen. Ohne etwas damit zu tun. Das hat Lotte am Anfang nicht ganz verstanden. Jetzt versteht sie es. Er hat dieses Haus gefunden. Vor vierunddreißig Jahren. Er kam eines Tages nach Hause — damals wohnten sie noch in der Stadt, in einer Wohnung im dritten Stock, Blick auf die Garageneinfahrt — und sagte: Ich habe etwas.
Sie sind hingefahren. Und Lotte stand vor dem kleinen Haus neben dem Leuchtturm und dachte: Das ist verrückt. Das ist viel zu weit draußen. Das ist nichts für uns. Und dann... dachte sie: Doch. Sie hat es in dem Moment gewusst. Nicht weil das Haus so schön war — das war es nicht. Die Fenster klemmten. Das Dach hatte eine fragwürdige Stelle. Die Küche war so eng, dass zwei Personen sich berühren mussten, wenn beide gleichzeitig darin standen. Aber Paul schaute auf das Wasser.
Und er sagte nichts. Und Lotte wusste: Hier wollen wir sein. Sie haben es gekauft. Es hat Jahre gedauert, bis es ordentlich war. Immer wieder etwas. Das Dach. Die Fenster. Die Heizung. Irgendwann das Bad. Paul hat viel selbst gemacht. Und was er nicht konnte, hat er gelernt. Er war so. Lotte erinnert sich an einen Samstagmorgen. Irgendwann im dritten Jahr hier. Paul lag unter dem Waschbecken im Bad. Beine raus, Oberkörper drin. Er hatte sich ein Buch gekauft über Sanitärinstallation.
Das lag aufgeschlagen auf dem Boden neben ihm. Lotte hatte gefragt, ob er Hilfe brauche. Er hatte gesagt: Nein. Ich lese gerade. Und dann hatte er weitergelesen. Unter dem Waschbecken. Das war Paul. Sie denkt auch an den ersten Winter hier. Der war kalt. Kälter als sie erwartet hatte. Die alte Heizung hat gekämpft. Jeden Morgen hat es im Haus lange gedauert, bis es warm wurde. Sie haben viel Tee getrunken, dieser Winter. Und sie haben früh ins Bett gegangen — nicht weil sie müde waren, sondern weil es unter der Bettdecke warm war.
Paul hatte gesagt: Das ist wie früher campen. Nur mit Dach. Lotte hatte gelacht. Sie hatte ihn gefragt, ob er das gut findet. Er hatte gesagt: Ja. Einfach ja. Keine Erklärung. Paul hat Dinge entweder gemocht oder nicht gemocht. Er hat nicht lange darüber nachgedacht. Und wenn er etwas mochte, dann hat er es einfach gesagt. Das hat Lotte manchmal bewundert. Sie selbst denkt länger nach. Überlegt mehr. Das ist nicht schlecht — aber es kostet manchmal Kraft. Bei Paul war das anders.
Er hat sich nicht gefragt, ob es in Ordnung ist, etwas gut zu finden. Er hat es einfach gut gefunden. Und jetzt... ist es genau das. Ordentlich. Warm. Still. Lotte schaut auf das Wasser. Ein Schiff zieht vorbei. Weit draußen — so weit, dass man es fast nicht sieht. Nur die Lichter. Grün und weiß. Sie schaut ihm nach. Sie fragt sich manchmal, wer auf diesen Schiffen ist. Was die Menschen dort gerade machen. Ob sie schlafen. Ob sie Wache haben. Ob sie auch aus dem Fenster schauen und denken: Da ist Land.
Das Schiff... gleitet weiter. Langsam, wie alles auf dem Wasser. Lotte gähnt. Es ist das erste Gähnen des Abends. Das ist ihr Zeichen. Nicht der Blick auf die Uhr — das Gähnen. Sie steht auf. Langsam. Ihre Knie. Ein leises Knacken, das sie inzwischen kennt wie einen alten Bekannten. Sie geht in die Küche. Dreht den Wasserhahn auf. Ein Glas Wasser. Das trinkt sie jeden Abend, bevor sie ins Bett geht. Hat sie immer so gemacht. Auch Paul hat das so gemacht. Sie haben es sich nicht abgesprochen.
Irgendwann haben sie gemerkt, dass sie es beide tun. Dann dreht sie das Wohnzimmerlicht aus. Der Raum wird dunkel. Nur draußen... das Wasser. Und darüber die Sterne. Sie schaut noch einmal. Einen Moment. Dann geht sie schlafen. Es ist jetzt kurz nach Mitternacht. Im Dorf schlafen fast alle. Jonas schläft. Er liegt auf seiner Seite, mit dem Rücken zu seiner Frau — so schlafen sie seit dreißig Jahren — und er schläft so tief und so ruhig, dass seine Frau manchmal sagt, er sei der einzige Mensch, der das Schlafen wirklich beherrscht.
Seine Frau — Anna — schläft noch nicht ganz. Sie liegt da. Die Augen zu. Und denkt an nichts Bestimmtes. Das ist ihr Zustand, kurz bevor sie einschläft. Sie nennt es... treiben lassen. Kein Gedanke bleibt lange. Einer kommt, und bevor er sich festsetzen kann, ist schon der nächste da. Das Rezept, das sie morgen ausprobieren will. Das Gespräch mit ihrer Tochter von gestern. Ob die Kaffeemaschine heute morgen komisch geklungen hat. Ob das nichts ist. Anna... treibt. Und irgendwo zwischen dem Rezept und der Kaffeemaschine...
schläft sie ein. Die Straßen des Dorfes sind jetzt ganz leer. Nur eine Katze sitzt auf einer Gartenmauer. Eine graue, mit weißen Pfoten. Sie schaut auf die Straße. Was sie sieht, weiß man nicht. Katzen sehen Dinge, die andere nicht sehen. Das sagt man zumindest. Sie sitzt da. Reglos. Dann putzt sie sich eine Pfote. Sehr gründlich. Als wäre das jetzt die wichtigste Aufgabe auf der Welt. Weiter draußen, am Wasser, ist die Nacht jetzt ganz ruhig. Der Wind hat nachgelassen. Das Rauschen der Wellen ist leiser geworden.
Fast ein Schmatzen nur noch — das Wasser, das gegen die alten Steine trifft. Sanft. Immer wieder. Immer im gleichen Rhythmus. Am Steg liegt ein kleines Boot. Es heißt ELSE. Der Name steht in blauen Buchstaben auf dem weißen Bug. Das Boot schaukelt leicht. Hin. Und her. Hin. Und her. Das Boot gehört Anton. Anton ist dreiundachtzig. Er fährt nicht mehr damit. Er sagt, er ist nicht zu alt — aber er sagt es so, wie Menschen es sagen, wenn sie wissen, dass es stimmt. Er hat das Boot vor sechzehn Jahren von einem Freund gekauft.
Der Freund hieß Henrik. Henrik ist schon lange nicht mehr da. Aber das Boot ist noch da. Anton hat überlegt, es zu verkaufen. Einmal ernsthaft. Dann doch nicht. Es liegt gut dort. Am Steg. Es gehört dazu. Anton schläft jetzt in seinem Haus am Hang. Von dort kann er das Boot sehen, wenn er morgen aufwacht. Das macht er jeden Morgen. Als erstes. Er schaut aus dem Fenster. Und wenn die ELSE noch da ist — was sie immer ist — dann ist der Tag gut angefangen. Lotte schläft. Sie liegt auf der rechten Seite.
Die Bettdecke bis zur Schulter gezogen. Das Fenster im Schlafzimmer steht einen Spalt weit offen. So schläft sie das ganze Jahr. Auch im Winter. Nur der Spalt ist kleiner im Winter. Sie hört das Wasser, auch im Schlafen. Sie merkt es nicht mehr — es ist so vertraut, dass das Gehirn es einfach... lässt. Nicht wegfiltert. Nur... sein lässt. Draußen... zieht eine Wolke über den Mond. Der Mondschein auf dem Wasser wird für einen Moment dunkler. Dann kommt er wieder. Ein silberner Streifen.
Schmal und sehr ruhig. In dieser Nacht... passiert nichts. Und das ist genau richtig so. Es gibt keine Dramen hier. Keine Wendungen. Keine großen Entschlüsse. Nur Menschen, die schlafen. Und ein Boot, das schaukelt. Und eine Küste, die einfach... da ist. Sie war hier, bevor die Menschen kamen. Sie wird hier sein, wenn sie gegangen sind. Das macht sie nicht unheimlich. Das macht sie... ruhig. Irgendwo in dieser Nacht schläft auch jemand, der heute einen schlechten Tag hatte. Einen Tag, der zu lang war oder zu schwer oder einfach zu viel.
Es gibt immer jemanden, dem das so geht. Das ist keine traurige Sache. Das ist eine menschliche Sache. Und die Nacht kennt das. Die Nacht macht keinen Unterschied zwischen einem guten Tag und einem schwierigen. Sie kommt trotzdem. Sie bringt trotzdem die Stille. Sie legt sich trotzdem über alles. Gleichmäßig. Ohne Ausnahme. Für alle. Irgendwo schläft jetzt jemand, der sich den ganzen Abend gesorgt hat. Irgendwo schläft jemand, der morgen etwas Schwieriges vor sich hat. Irgendwo schläft jemand, der einfach müde war und froh ist, dass der Tag vorbei ist.
Sie schlafen alle. Die Nacht hat sie alle. Und auch ihr seid jetzt Teil davon. Ihr seid jetzt auch fast dort. Ihr habt es vielleicht schon gemerkt. Dass die Gedanken langsamer werden. Dass die Dinge des Tages weiter weg sind jetzt. Weiter... und kleiner. Das ist gut. Lasst sie kleiner werden. Ihr müsst heute Nacht nichts lösen. Ihr müsst nichts planen. Ihr müsst nichts festhalten. Was immer heute war — es war genug. Ihr habt es gemacht. Ihr seid hier. Manche Tage sind leicht.
Manche sind es nicht. Aber sie enden alle hier. In dieser Stille. In dieser Dunkelheit. In diesem Moment, wo der Körper sagt: jetzt. Jetzt darf es aufhören. Hört auf ihn. Der Körper weiß das besser als der Kopf. Er weiß, wann es genug ist. Er wartet nur darauf, dass ihr ihm glaubt. Alles, was heute war... ...war. Alles, was morgen kommt... ...kommt. Aber jetzt... ...ist die Küste. Das Wasser. Das leise Schaukeln der ELSE. Lotte schläft. Anton schläft. Jonas und Anna schlafen.
Luca schläft. Maya schläft. Auch die Katze auf der Mauer — sie hat sich zusammengerollt. Irgendwann, zwischen dem Gähnen und dem nächsten, hat auch sie sich entschieden. Genug für heute. Auch ihr dürft jetzt aufhören. Den Tag loslassen. Die Liste loslassen. Den Gedanken, der gerade noch einmal anklopft — auch den loslassen. Er kann morgen wiederkommen. Wenn ihr ausgeschlafen seid. Dann ist er willkommen. Aber jetzt gehört diese Stunde euch. Nur euch. Der Leuchtturm steht. Wie er immer steht.
Er leuchtet nicht mehr — aber er steht. Und das... ist vielleicht sogar schöner. Manchmal braucht man kein Licht, das dreht und dreht und warnt. Manchmal reicht ein Turm, der einfach steht. Der da ist. Der sagt: Hier ist die Küste. Hier ist Boden. Hier ist ein Ort, der sich erinnert... was er war. Die Nacht liegt über allem. Über dem Leuchtturm. Über dem Dorf. Über dem gelben Haus. Über der ELSE, die leise schaukelt. Über dem Apartment im dritten Stock, wo Maya schläft. Über euch. Weich. Dunkel. Gut. Schlaft gut. Lasst die Nacht machen, was sie kann. Sie weiß, was sie tut.