Eine Hörgeschichte für Erwachsene
Derselbe Mittag
Man kennt diese Stadt. Man hat sie gekannt. Vor Jahren. Als man allein hier war. Als man jung hier war. Als diese Stadt noch fremd war. Als jeder Morgen eine kleine Entscheidung war.
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Man kennt diese Stadt. Man hat sie gekannt. Vor Jahren. Als man allein hier war. Als man jung hier war. Als diese Stadt noch fremd war. Als jeder Morgen eine kleine Entscheidung war. Wohin zum Mittagessen. Welchen Weg zur Arbeit. Welche Richtung an der Kreuzung. Jetzt ist man wieder hier. Mit ihr. Auf der Hochzeitsreise. In derselben Stadt. In derselben Hitze. In demselben Mittagslicht. Das ist anders. Das ist dasselbe und völlig anders. Dieselben Straßen. Dieselbe Hitze. Dieselbe Sonne, die keine Pause macht.
Dieselbe Kreuzung, die immer noch wartet. Aber man ist nicht mehr allein. Und das verändert alles. Man hat ihr von Palm Springs erzählt. Nicht oft. Aber manchmal. In Geschichten, die mit damals anfingen. Die sie kannte. Die sie sich vorgestellt hat. Jetzt muss sie sich nichts mehr vorstellen. Jetzt ist sie hier. Und die Stadt ist echt. Und die Hitze ist echt. Und man ist derjenige, der zeigt. Nicht mehr derjenige, dem alles neu ist. Sondern derjenige, der kennt. Der erklärt.
Der führt. Das ist ein neues Gefühl. Ein gutes. Man fährt durch die Stadt. Man fährt langsam. Man kennt die Straßen. Man kennt die Kreuzungen. Man kennt, wo man abbiegen muss. Man kennt, was nach der Kurve kommt. Das ist ein merkwürdiges Gefühl. Dieser Ort, der fremd war, und jetzt vertraut ist. Der einen überrascht hatte, und jetzt keine Überraschungen mehr hat. Oder wenige. Man zeigt. Das dort. Und das dort. Und das. Die breiten Straßen. Die Palmen, die immer in Reih und Glied stehen.
Die Berge am Horizont. Die immer da sind. Die San-Jacinto-Berge. Man hat sie von oben gesehen. Damals. Allein. Mit dem Toyota. Das erzählt man nicht jetzt. Das ist eine andere Geschichte. Sie schaut. Sie schaut, wohin man zeigt. Sie schaut auch woanders hin. Sie sieht Dinge, die man nicht mehr sieht. Weil man sie schon kennt. Weil man sich gewöhnt hatte. Weil das Fremde irgendwann vertraut wird. Für einen selbst. Nicht für sie. Für sie ist alles noch neu. Alle Palmen. Alle Kreuzungen.
Dieses Licht, das keine Schatten macht. Das ist Palm Springs, sagt man. Sie nickt. Sie schaut. Sie lächelt. Man weiß nicht warum. Vielleicht weil man gerade so sagt: das ist Palm Springs. Als wäre es selbstverständlich. Als würde es einem gehören. Es gehört einem nicht. Aber man kennt es. Das ist genug. Man fährt an der Wohnung vorbei. Die Wohnung, in der man damals gewohnt hat. Sunshine Circle. Man kennt noch die Straße. Man kennt noch die Abbiegung. Man findet sie, ohne nachzudenken.
Der Körper weiß es noch. Dieser Weg, den man so oft gegangen ist. Man verlangsamt. Man zeigt. Da, sagt man. Dort oben. Das Fenster. Das zweite von links. Oder das dritte. Man ist nicht mehr ganz sicher. Aber ungefähr. Sie schaut hoch. Sie schaut auf das Gebäude. Sie schaut auf das Fenster. Sie schaut auf die Wohnung, die man beschrieben hat. Die man ihr erzählt hat. Manchmal. In Geschichten von damals. Damals war ich in Palm Springs. Damals hatte ich diese kleine Wohnung. Damals war alles neu.
Jetzt ist sie echt. Die Wohnung ist echt. Das Fenster ist echt. Dieser Balkon, auf dem man abends saß. Manchmal. Wenn es nicht zu heiß war. Wenn ein Windhauch kam. Die Wohnung sieht noch genauso aus. Oder fast genauso. Man weiß nicht genau. Man ist lange nicht mehr hier gewesen. Aber das Gebäude steht. Der Baum daneben steht. Die Palmen stehen. Wie immer. Wie sie immer stehen. In dieser Stadt. In dieser Hitze. Man fährt weiter. Abends bin ich hier gelaufen, sagt man. Runden.
Um den Block. Oft. Wenn der Tag lang war. Wenn man Luft brauchte. Wenn die Wohnung zu klein war für die Gedanken. Sie schaut auf die Straße. Sie versucht, es sich vorzustellen. Man sieht es. Wie sie es versucht. Diesen jungen Mann. Allein. Abends. In der Hitze, die auch abends noch da ist. Es gab einen Pool, sagt man. Für alle Bewohner. Sie fragt: bist du geschwommen? Man sagt: manchmal. Meistens abends. Wenn es kühler war. Wenn die Sonne weg war. Wenn man den Tag hinter sich lassen wollte.
Im Wasser. Einfach so. Sie schaut auf die Straße. Sie schaut auf die Häuser. Sie schaut auf diese Stadt, die man ihr zeigt. Die nicht ihre Stadt ist. Die einmal eine Stadt war, die man täglich durch die Augen eines Fremden gesehen hat. Und jetzt zeigt man sie ihr. Mit den Augen von jemandem, der sie kennt. Das Büro. Man fährt in die Richtung. Man sucht die Straße. Man findet sie. Man findet das Gebäude. Da, sagt man. Dort habe ich gearbeitet. Sie schaut. Ein Gebäude wie viele Gebäude.
Flach. Klimatisiert von außen zu ahnen. Diese Gebäude, die keine Fenster haben. Oder wenige. Weil die Sonne nicht reingelassen werden soll. Weil die Klimaanlage sonst kämpft. Man hat jeden Morgen dort geparkt, sagt man. Man hat jeden Abend dort das Auto geholt. Man hat Monate lang diesen Weg gemacht. Von der Wohnung hierher. Und zurück. Morgens. Wenn es schon heiß war. Abends. Wenn es noch heiß war. Dieser Weg. Jeden Tag. Den sie jetzt einmal abfährt. In einer Minute. Was damals Monate war.
Das ist das Merkwürdige an Erinnerungen. Sie schrumpfen. Ein Monat wird zu einer Minute. Ein Jahr wird zu einem Satz. Man fährt an einem Gebäude vorbei und denkt: da habe ich gearbeitet. Und in diesem Satz ist ein ganzes Jahr. Monate. Kollegen. Aufgaben. Mittagessen. Gespräche. Alles in diesem einen Satz. Alles in dieser einen Minute. Sie nickt. Sie schaut noch einmal auf das Gebäude. Dann schaut sie nach vorne. Jack in the Box. Man hat hier gegessen. Nicht weil es besonders gut war.
Weil es nah war. Weil es billig war. Weil man nach der Arbeit müde war. Weil man nicht kochen wollte. Weil man manchmal einfach reingegangen ist. Weil es da war. Das amerikanische Fastfood. Man hat es gelernt zu mögen. Nicht zu lieben. Zu mögen. Als das, was es ist. Schnell. Billig. Satt. Es gibt Abende, an denen das genug ist. Abende, an denen man nicht mehr will. Abende, an denen man einfach essen will. Und fertig. Sie bestellt. Sie liest die Karte länger. Für sie ist alles neu.
Dieser Jack in the Box. Diese Karte. Diese Bestellung, die man ans Mikrofon sagt. Diese amerikanische Art, Essen zu bestellen. Sie bestellt etwas. Sie ist nicht sicher, was sie bekommt. Das ist auch gut so. Das ist Amerika. Man bestellt und wartet. Und was kommt, kommt. Man sitzt. Man isst. Man schaut aus dem Fenster. Die Hitze draußen. Die Klimaanlage drinnen. Das kennt man. Das ist vertraut. Wie ein altes Zimmer, das man wiederbetritt. Jack in the Box. Man zeigt auf das Schild.
Da, sagt man. Da habe ich oft gegessen. Sie lacht. Jack in the Box, sagt sie. Man nickt. Man lacht auch. Man hält. Man steigt aus. Die Hitze. Dieselbe Hitze. Sie trifft einen sofort. Man kennt sie. Sie kennt sie jetzt. Sie schaut auf das Restaurant. Sie schaut auf die Schilder. Sie schaut auf die Speisekarte, die draußen hängt. Sollen wir, fragt sie. Man sagt: wenn du willst. Sie sagt: ich will. Man geht rein. Die Klimaanlage. Diese sofortige Kälte. Diese amerikanische Kälte, die keine Zwischentöne kennt.
Draußen vierzig Grad. Drinnen zwanzig. Man bestellt. Man bestellt das, was man damals immer bestellt hat. Fast. Man erinnert sich nicht mehr genau. Ein Burger. Etwas mit Pommes. Ein großes Getränk. Amerikagroß. So groß, dass man nie fertig wird. Aber ungefähr. Sie bestellt etwas anderes. Sie liest die Karte. Sie probiert. Das ist ihr Jack in the Box. Ihr erstes Mal. Man sitzt. Man isst. Man schaut aus dem Fenster. Die Straße draußen. Die Hitze, die man durch das Glas sieht. Dieses Flirren.
Damals hast du hier oft allein gesessen, sagt sie. Es ist keine Frage. Sie weiß es. Man hat es erzählt. Manchmal. Man nickt. Jetzt sitzt man nicht allein. Das ist der Unterschied. Das ist der einzige Unterschied. Und der größte. Palm Springs im Sommer. Nein, nicht Sommer. Später. Die Hochzeitsreise ist nicht im Sommer. Aber die Hitze ist dieselbe. Fast. Immer diese Hitze. Diese trockene Wüstenhitze, die nicht ablässt. Die um Mittag am schlimmsten ist. Die man kennt. Sie kennt sie jetzt.
Einen Tag. Einen Nachmittag. Sie hält sich gut. Sie trinkt. Sie sucht Schatten. Sie macht alles richtig. Man hat Monate gebraucht, um sich zu gewöhnen. Man weiß nicht, ob man sich wirklich gewöhnt hat. Man hat sie akzeptiert. Man hat gelernt, mit ihr zu leben. Die Sonnenbrille. Immer. Das Wasser. Immer. Die Klimaanlage. Immer. Sie hat die Sonnenbrille auf. Dieselbe, die sie immer trägt. Aber hier sieht sie anders aus. Man schaut sie an. Sie sieht anders aus hier als zuhause.
Nicht anders. Aber anders beleuchtet. Diese Sonne. Dieses Licht, das nicht dasselbe ist wie in Deutschland. Das andere Schatten macht. Andere Kontraste. Das jeden anders aussehen lässt. Klarer vielleicht. Schärfer. Sie weiß nicht, dass man sie gerade anschaut. Man schaut zu lange. Sie bemerkt es. Was, fragt sie. Nichts, sagt man. Nur du. Sie lacht. Wendy's. Man zeigt. Da auch, sagt man. Manchmal Wendy's. Es gibt Tage, wo man wechselt. Wo man nicht dasselbe will wie gestern. Wo Abwechslung wichtig ist.
Auch wenn die Abwechslung nur bedeutet: heute Wendy's, nicht Jack in the Box. Sie schaut auf das Wendy's. Sie lacht. Du bist zwischen Jack in the Box und Wendy's gewechselt, sagt sie. Man lacht auch. Ja, sagt man. Das war die Abwechslung. Sie schüttelt den Kopf. Nicht unfreundlich. Verständnisvoll. Sie versteht das. Man hat ihr erzählt, wie es war. Einfach. Unkompliziert. Manchmal zu einfach. Manchmal zu unkompliziert. Aber man hat es genossen. Irgendwann. Dieses einfache Leben.
Diese klaren Entscheidungen. Heute Jack in the Box. Morgen Wendy's. Übermorgen vielleicht kochen. Das war die Struktur. Das hat gereicht. Jeden Morgen. Wendy's. Man fährt vorbei. Man zeigt. Da auch, sagt man. Manchmal Wendy's. Manchmal Jack in the Box. Manchmal Ralphs. Sie fragt: Ralphs? Man sagt: der Supermarkt. Man zeigt in die Richtung. Ralphs. Man ist oft dort gewesen. Samstags meistens. Manchmal auch unter der Woche. Wenn etwas ausging. Wenn man abends kochen wollte. Und dann doch nicht kochte.
Und stattdessen einfach aß, was da war. Diese Supermärkte. Größer als alles, was man kannte. Diese Gänge, die kein Ende haben. Diese Auswahl. Diese Mengen. Man kaufte eine Flasche Ketchup und sie war für eine Familie mit fünf Kindern gedacht. Man hatte keine Familie. Man hatte eine kleine Wohnung. Man hatte sich. Aber man kaufte. Man lernte, was man brauchte. Man lernte, was man nicht brauchte. Man lernte, allein einzukaufen. Für sich. Nur für sich. Das klingt einfach. Das ist nicht einfach.
Zum ersten Mal. Wenn man jung ist. In einem fremden Land. In einem Ralphs, der zu groß ist. Sie schaut auf das Schild. Ralphs, liest sie. Sie schaut man an. Sollen wir reingehen, fragt sie. Man überlegt. Man sagt: wenn du willst. Sie sagt: ich will sehen, wo du eingekauft hast. Man lächelt. Okay, sagt man. Komm mit. Man geht rein. Die Kälte. Diese amerikanische Kälte drinnen. Die Klimaanlage. Man kennt sie. Die Gänge. Man geht durch die Gänge. Man versucht, sich zu erinnern.
Welcher Gang war der erste. Welcher Gang war der letzte. Man findet es nicht mehr. Die Gänge sehen alle gleich aus. Aber man findet das Regal mit dem Frühstückszeug. Da, sagt man. Da habe ich immer. Sie schaut. Sie nimmt etwas in die Hand. Sie legt es wieder hin. Sie schaut man an. Sie lacht. Ralphs. Da hat man eingekauft. Jeden Samstag fast. Die Gänge. Die Größe dieser amerikanischen Supermärkte. Diese Mengen. Diese Portionen, die für Familien gedacht sind. Obwohl man allein war.
Man hat trotzdem eingekauft. Man hat zu viel gekauft manchmal. Man hat zu wenig gegessen manchmal. Man hat versucht, einen Rhythmus zu finden. Sie kennt das. Sie kennt das Gefühl. Allein in einer fremden Stadt. Allein in einem fremden Land. Man muss nicht viel erklären. Sie versteht. Diese Kreuzung. Man hat sie nicht vergessen. Man hat sie oft gedacht, in den Jahren danach. Diese Kreuzung in Palm Springs. Diese vier Richtungen, die alle gleich waren. Alle gleich heiß. Alle gleich offen.
Alle gleich unbekannt. Als man jung war und hier stand. Als man nicht wusste, wohin. Nicht weil man sich verlaufen hatte. Nicht geografisch. Sondern weil alle Richtungen dieselbe waren. Weil es keine richtige gab. Weil man einfach eine wählen musste. Irgendeiner. Man hat eine gewählt. Damals. Als man jung war. Als die Stadt fremd war. Als alle Richtungen gleich waren. Man weiß noch, welche. Man hat sie nicht vergessen. Erstaunlich, was man behält. Und was man loslässt. Und was nicht.
Nicht diese Entscheidung. Nicht weil sie wichtig war. Sondern weil sie so unwichtig war. Und trotzdem blieb. Im Gedächtnis. Jahre lang. Als hätte das Gedächtnis gemerkt: Diese Kreuzung. Diese Richtung. Diesen Moment. Behalt das. Sie war nicht besser als die anderen. Sie war einfach die, die man gewählt hat. Man fährt zur Kreuzung. Man weiß, welche. Man hat sie nicht vergessen. Man hat sie nie vergessen. Diese Kreuzung. Vier Straßen. Vier Richtungen. Alle gleich weit. Alle gleich heiß.
Man hält. Man steigt aus. Die Hitze. Immer die Hitze. Sie steigt auch aus. Sie stellt sich neben einen. Sie schaut auf die Kreuzung. Man schaut auch. Man schaut auf diese Kreuzung, die man kennt. Die man damals so oft gesehen hat. An der man damals gestanden hat. An der man sich gefragt hat: welche Richtung. Welche hast du damals genommen, fragt sie. Man zeigt. Die. Diese hier. Sie schaut in diese Richtung. Sie schaut lange. Als würde sie suchen. Was man damals gesehen hat. Was man gefühlt hat.
Dieses Fremdsein. Diese Entscheidung, die keine war. Weil alle Richtungen gleich waren. Man schaut sie an. Sie schaut zurück. Gehen wir, sagt sie. Man fragt: wohin. Sie zeigt. In dieselbe Richtung. Die man damals genommen hat. Man geht. Zusammen. Dieselbe Richtung. Dieselbe Straße. Dieselbe Hitze. Aber nicht mehr allein. Die Straße ist dieselbe. Die Palmen sind dieselben. Das Licht ist dasselbe. Dieses Mittagslicht, das keine Schatten macht. Das überall ist. Das nichts verschont.
Aber man ist nicht mehr fremd. Man zeigt. Man erklärt. Man erzählt. Das war dort. Das war da. Da bin ich abends entlanggegangen. Da war der Pool. Da war der Mann, dem das Haus gehörte. Der immer freundlich war. Der immer genickt hat. Sie hört zu. Sie geht. Sie hält die Hand. Die Hitze. Diese Hitze, die man kennt. Die man damals täglich kannte. Die man jetzt wieder kennt. Die sie jetzt auch kennt. Zum ersten Mal. Für sie ist das alles neu. Für einen selbst ist es zurück. Es ist merkwürdig, an einem Ort zu sein, den man kennt.
Der einem gehört hat. Für eine Zeit. Der jetzt mit jemandem geteilt wird. Man hat Orte, die nur einem gehören. Die Erinnerungen darin gehören nur einem. Man war dort. Niemand sonst war dabei. Das ist etwas Besonderes. Diese alleinige Erinnerung. Dieser Ort, der nur in einem ist. Und dann bringt man jemanden mit. Man teilt den Ort. Man zeigt ihn. Man erzählt. Und der Ort verändert sich. Nicht der Ort selbst. Die Erinnerung. Die bekommt eine zweite Schicht. Die neue Schicht, die heute ist.
Über der alten, die damals war. Beide Schichten sind echt. Beide gehören dazu. Damals und heute. Allein und zusammen. Die Kreuzung allein. Die Kreuzung mit ihr. Beides ist Palm Springs. Beides ist wahr. Man braucht beides. Um zu verstehen, was der Ort ist. Um zu verstehen, was man selbst ist. Das ist das Merkwürdige. Dieselbe Stadt. Dieselbe Hitze. Derselbe Mittag. Und doch zwei verschiedene Erfahrungen. Nebeneinander. Gleichzeitig. Man geht durch diese Stadt. Diese Stadt, die man kennt.
Die sie nicht kennt. Die sie jetzt kennenlernt. Durch die Augen, die man ihr leiht. Durch die Geschichten, die man erzählt. Hier war der Mann, der jeden Morgen auf der Veranda saß. Der immer genickt hat. Der nie mehr gesagt hat als Guten Morgen. Oder Good morning. Und das hat gereicht. Hier war die Frau, die einen Hund hatte. Einen kleinen Hund. Der immer gebellt hat. Den man nie berührt hat. Den man nur kannte vom Bellen. Das sind keine wichtigen Erinnerungen. Das sind keine großen Geschichten.
Aber es sind die Erinnerungen, die bleiben. Die kleinen. Die Alltagsmomente. Die man nicht aufgeschrieben hat. Die einfach geblieben sind. Sie hört zu. Sie fragt manchmal nach. Hat der Mann mit der Veranda Familie? Man weiß es nicht. Man hat es nie gewusst. Man hat ihn nur genickt. Das ist auch Palm Springs. Diese kleinen Begegnungen, die keine waren. Diese Menschen, die man täglich sah und nicht kannte. Diese Einsamkeit, die keine Einsamkeit war. Weil man umgeben war. Aber allein.
Sie schaut auf die Stadt. Von ihrer Seite. Dieser Blick, den man nicht kann. Dieser erste Blick. Dieses Sehen ohne Gewöhnung. Ohne Erinnerung. Ohne das Damals, das immer dazukommt. Man sieht es. Wie sie schaut. Was sie sieht. Sie sieht eine amerikanische Stadt. Ordentlich. Weitläufig. Diese breiten Straßen. Diese Abstände zwischen den Dingen. Alles hat Platz hier. Alles braucht ein Auto. Alles ist für ein anderes Leben gemacht. Nicht für ein europäisches Leben. Für dieses Leben.
Für dieses Klima. Für diese Weite. Sie schaut auf die Berge. Die San-Jacinto-Berge. Man sagt: das sind die San-Jacinto-Berge. Sie wiederholt: San Jacinto. Schöner Name, sagt sie. Man nickt. Hat man sie mal hochgefahren, fragt sie. Man zögert. Ja, sagt man. Einmal. Mit dem Leihwagen. Da war noch Schnee oben. Im Mai. Sie schaut einen an. Im Mai, sagt sie. Man nickt. Das erzählt man ihr. Den Berg. Den Toyota. Den Schnee im Mai. Das Lachen in der Klimaanlage. Allein. Auf dem Berg.
Mit der Heizung. Im Mai. Sie hört zu. Sie lächelt. Sie schüttelt den Kopf. Du hast das alles allein gehabt, sagt sie. Man nickt. Jetzt nicht mehr, sagt sie. Da müssen wir auch hochfahren, sagt sie. Irgendwann. Man nickt. Irgendwann. Man geht durch diese Stadt. Man zeigt. Sie schaut. Man erzählt. Sie fragt. Manchmal sagt sie nichts. Manchmal sagt man nichts. Das Schweigen zwischen zwei Menschen, die sich kennen. Das ist kein unangenehmes Schweigen. Das ist das Schweigen, das passt.
Das man nur hat, wenn man jemanden kennt. Wirklich kennt. Man geht einfach. Die Wüste. Man hat sie vergessen. Oder fast. In den Jahren danach. Man hat an Palm Springs gedacht. An die Hitze. An die Kreuzung. An den Alltag. Aber die Wüste. Man fährt an den Rand der Stadt. Dort, wo die Häuser aufhören. Dort, wo die Wüste beginnt. Schau mal, sagt man. Sie schaut. Die Wüste. Diese Fläche. Dieses Braun und Beige und Ockergelb. Diese Stille. Diese absolute Stille. Die keine Stadtgeräusche mehr hat.
Nur Wind vielleicht. Nur Hitze. Nur diese Weite, die keine Grenze hat. Außer den Bergen. Wirklich, sagt sie. Direkt hinter der Stadt. Man nickt. Direkt hinter der Stadt. Kein Übergang. Stadt. Wüste. Fertig. Sie steigt aus. Man steigt auch aus. Die Hitze. Diese Wüstenhitze, die draußen an der Stadt stärker ist. Weil keine Gebäude schützen. Weil kein Schatten da ist. Sie schaut auf den Boden. Diese Erde. Diese trockene, rissige Erde. Sie macht einen Schritt. Noch einen. Sie steht in der Wüste.
Buchstäblich in der Wüste. Hinter ihr: Palm Springs. Vor ihr: nichts. Diese Weite. Dieses Braun. Diese Stille hinter der Stadt. Die man kannte. Die sie jetzt auch kennt. Das ist Amerika, sagt sie leise. Man nickt. Das ist Amerika. Das Parfüm. Irgendwann in der Hitze. Wenn der Wind kommt. Diese eine Sekunde, wo ein Windhauch geht. Und ihr Parfüm. Leicht. Im Wüstenwind. Das war nicht damals. Das gibt es nur jetzt. Das ist neu. Das gehört zu diesem Mittag. Zu diesem Palm Springs.
Dem zweiten. Man bleibt stehen. Man schaut sie an. Sie schaut zurück. Was, fragt sie. Nichts, sagt man. Sie lacht. Man sucht Schatten. Das macht man hier. Das hat man damals gelernt. Schatten suchen. Mittags. Wenn die Sonne am höchsten ist. Wenn nichts schützt. Es gibt wenig Schatten in Palm Springs. Die Palmen machen wenig Schatten. Zu dünn. Zu hoch. Der Schatten liegt weit weg vom Stamm. Und bewegt sich. Man muss ihm hinterhergehen. Aber es gibt Ecken. Zwischen Gebäuden. Unter Vordächern.
Wo die Sonne nicht hinkommt. Für ein paar Stunden. Man kennt sie. Man findet sie. Man setzt sich. Sie setzt sich. Man gibt ihr das Wasser. Sie trinkt. Man trinkt auch. Wie war das, fragt sie. Monatelang hier. Allein. Man denkt. Man denkt ehrlich. Es war interessant, sagt man. Und manchmal lang. Sie nickt. Sie versteht. Sie kennt das. Von eigenen Reisen. Von eigenen fremden Städten. Sie hätte dasselbe gesagt. Interessant. Und manchmal lang. Das ist eine ehrliche Antwort. Nicht jeder gibt sie.
Nicht jeder gibt zu, dass es manchmal lang war. Dass Auslandsaufenthalte nicht immer leicht sind. Dass man manchmal Heimweh hat. Manchmal. Nicht oft. Aber manchmal. Die Stunden der Mittagshitze. Die man kannte. Die man wartete. Die man irgendwie verbrachte. Mit Arbeit. Mit Lesen. Mit Schlafen manchmal. Diesem Mittagsschlaf, den man hier gelernt hat. Weil die Stadt mittags stillstand. Weil man selbst stillstand. Weil es keinen Sinn hatte, sich gegen die Sonne zu stellen. Später.
Man sitzt irgendwo. Im Schatten. Man hat Schatten gesucht. Man hat ihn gefunden. Irgendwo. In dieser Stadt, die keinen Schatten hat. Oder wenig. Sie trinkt. Man trinkt. Man schaut auf die Straße. Auf die Hitze. Auf dieses Flirren, das immer da ist. Das sie jetzt auch sieht. Das sie jetzt auch kennt. Der Abend kommt. Die Hitze lässt nach. Nicht viel. Aber ein bisschen. Genug, um wieder draußen zu gehen. Ohne sofort zu schwitzen. Fast. Man geht nochmal raus. Zu zweit. Abends durch Palm Springs.
Das ist neu. Das hat man damals nicht gehabt. Diesen Abend zu zweit. Dieser Abend war immer allein. Die Straßen sind belebter jetzt. Die Menschen kommen raus. Wenn die Sonne tiefer steht. Wenn es erträglicher wird. Die Restaurants öffnen. Die Terrassen füllen sich. Menschen kommen raus, die man nicht kennt. Die auch nicht wissen, dass man hier schon war. Dass man diese Stadt kennt. Dass man ihr etwas zeigt. Man setzt sich irgendwo hin. Draußen. Im Abendlicht. Die Berge im Abendlicht.
Dieses Licht, das sie anders macht. Wärmer. Rötlicher. Als hätten sie getrunken. Sie schaut auf die Berge. Man schaut auf sie. Man schaut auf die Berge. Man schaut auf sie. Gut, dass wir hier sind, sagt sie. Man nickt. Gut. Sehr gut. Viel besser als erwartet. Man hätte es nicht erwartet. Dass man zurückkommt. Dass man zurückkommt mit ihr. Dass dieser Ort einen zweiten Teil bekommt. Aber manchmal bekommen Orte zweite Teile. Manchmal kehrt man zurück. Mit jemandem. Und zeigt. Und der Ort wird neu.
Ohne neu zu sein. Das kann ein Ort. Wie war es damals wirklich, fragt sie. Man denkt. Man denkt kurz. Gut, sagt man. Und schwer. Beides. Sie nickt. Sie versteht. Die Stadt hat sich verändert. Vielleicht. Man weiß es nicht genau. Manche Dinge sehen anders aus. Manche sind weg. Manche sind neu. Aber die Kreuzung ist noch da. Die vier Richtungen sind noch da. Alle gleich heiß. Die Nacht in Palm Springs. Man kennt sie. Man hat viele Nächte hier gehabt. Allein. Manche gut. Manche lang.
Manche still. Manche laut. Manche, in denen der Mond so hell war, dass man nicht schlafen konnte. Draußen die Grillen. Dieses Zirpen, das man nicht kennt von zuhause. Das exotisch war am Anfang. Das man dann nicht mehr hörte. Das zu Palm Springs gehört wie die Hitze. Die Klimaanlage drinnen. Dieses Surren. Diese zwei Geräusche. Die man kannte. Manche, in denen man an zuhause gedacht hat. An die Schlei. An Norddeutschland. An das, was man kannte. Diese Nacht ist anders. Diese Nacht hat sie.
Diese Nacht ist der zweite Teil. Der Teil, für den der erste notwendig war. Man musste erst allein hier sein. Man musste erst diese Kreuzung kennen. Diese Richtungen. Diese Einsamkeit. Dann erst konnte man zeigen. Dann erst konnte man sagen: welche hast du damals genommen. Sie schläft. Ihr Atem. Ruhig. Tief. Man liegt und schaut an die Decke. Man denkt an die Kreuzung. An ihre Frage. An die Richtung, die man gezeigt hat. An das Gehen zusammen. Dieselbe Richtung. Aber nicht mehr allein.
Man schläft. Draußen ist Palm Springs. Die Nacht ist warm. Nicht heiß. Warm. Diese Wüstennacht, die kühler ist als der Tag. Die atmet. Die Kreuzung liegt still. Vier Richtungen. Niemand geht. Um diese Zeit geht niemand. Die Autos schlafen. Die Palmen stehen. Die Hitze ist weg. Oder fast. Noch im Asphalt. Noch in den Mauern. Aber nicht mehr in der Luft. Sie schläft neben einem. Ihr Atem. Ruhig. Tief. Ihr Parfüm. Leicht. Auch jetzt. In dieser Wüstennacht. In diesem Palm Springs.
Dem zweiten. Dem besseren. Oder nicht besseren. Dem anderen. Dem, das den ersten braucht. Man denkt an damals. An diesen Mittag, den man allein hatte. An diese Kreuzung, an der man stand. An die Entscheidung, die keine war. An das Fremdsein. Und man denkt an heute. An diese Kreuzung, an der man stand. Nicht allein. Mit ihr. An ihre Frage: welche hast du damals genommen. An die Richtung, die man gezeigt hat. Dieselbe. An das Gehen. Zusammen. Das ist dasselbe. Und völlig anderes.
Das ist Palm Springs. Beides. Das Erste und das Zweite. Der Mittag allein und der Mittag mit ihr. Beide gehören dazu. Beide waren notwendig. Ohne das Erste kein Zweites. Ohne die Kreuzung allein keine Kreuzung zusammen. Ohne die Monate allein kein Zeigen. Ohne das Fremdsein kein Heimkehren. Sie schläft. Man liegt noch. Man ist nicht müde. Oder man ist müde, aber der Kopf schläft nicht. Der Kopf macht noch. Der Kopf geht nochmal durch den Tag. Wie er das macht. Nachts. Wenn man eigentlich schlafen sollte.
Aber noch nicht kann. Die Wohnung. Das Büro. Jack in the Box. Die Wüste hinter der Stadt. Die Kreuzung. Ihre Frage. Die Richtung, die man gezeigt hat. Man würde es nochmal tun. Ohne zu zögern. Alles. Die Monate allein. Die Einsamkeit manchmal. Die langen Abende. Den Pool wenn es abends kühler war. Das Joggen in Runden. Die Kreuzung ohne Entscheidung. Weil es dahin geführt hat. Hierher. Zu dieser Nacht. Zu ihr. Zu ihrer Frage: welche hast du damals genommen. Zu diesem Zeigen.
Zu diesem Gehen zusammen. In dieselbe Richtung. Aber nicht mehr allein. Das war der Punkt. Das war immer der Punkt. Nicht die Richtung. Sondern das Zusammen. Ihr Parfüm im Wüstenwind. Leicht. In dieser Nacht. In dieser Stadt. Die man kannte. Und jetzt zusammen kennt. Die man geteilt hat. Die man ihr gegeben hat. Für diesen einen Tag. Für diesen einen Mittag. Für diesen Abend danach. Für diese Nacht. Für alle Male, wenn man später an Palm Springs denkt. Das bleibt.