Eine Hörgeschichte für Erwachsene
Die Wachau im Frühling
Im April blühen die Marillen. Das dauert keine zwei Wochen. Manchmal weniger. Manchmal, wenn der Frost kommt, weniger als das.
▶ Transkript lesen
Der vollständige Text dieser Folge zum Mitlesen. · etwa 20 Minuten Lesezeit.
Im April blühen die Marillen. Das dauert keine zwei Wochen. Manchmal weniger. Manchmal, wenn der Frost kommt, weniger als das. Man muss zur richtigen Zeit kommen, und die richtige Zeit ist immer die, in der die Blüte noch da ist, und die lässt sich nicht buchen, nicht planen, nur treffen oder verfehlen. Die Wachau ist das Tal der Donau zwischen Melk und Krems. Es ist Weltkulturerbe. Das ist eine Bezeichnung für etwas, das auch ohne Bezeichnung wäre, was es ist. Die Felsen über der Donau, die mittelalterlichen Burgruinen, die Terrassenweingärten, die Dörfer, die so eng an die Hänge gebaut sind, dass man bei Regen denkt, sie kämen ins Rutschen — und sie kommen nicht.
Sie stehen seit Jahrhunderten. Die Wachau ist zweiunddreißig Kilometer lang. Von Melk bis Krems. Das ist nicht viel. Das ist der Weg, den die Donau durch einen Engpass nimmt, den die Alpen und der Böhmische Granit gemeinsam geformt haben — das Gebirge drückt von beiden Seiten, und der Fluss hat sich hindurchgegraben, Millimeter für Jahrtausend, durch Gneis und Glimmerschiefer und die Zeit selbst. Das ergibt das Tal. Die Steilhänge. Die Terrassen, die Menschen angelegt haben, um auf den Steilhängen Wein zu bauen.
Die Dörfer — Weißenkirchen, Dürnstein, Spitz, Aggsbach — die so dicht an den Fels gebaut sind, dass der Fels Teil der Häuser ist. Die Burgruinen, die über allem stehen und die Jahrhunderte überlebt haben, weil Stein länger hält als alles andere. Irgendwann hat die Welt entschieden, dass man es aufschreiben muss. Weltkulturerbe. Das Tal war schon vorher, was es war. Die Auszeichnung hat nichts verändert. Die Donau fließt noch gleich. Die Marillen blühen noch zur gleichen Zeit.
Aber man schaut genauer hin, wenn ein Schild sagt: Das ist besonders. Als ob man das nicht selbst hätte wissen können. Josef Prankl war zweiundsechzig Jahre und bewirtschaftete die Weinberge seiner Familie in Weißenkirchen. Vierter Generation. Der Weinberg hatte einen Namen. „Achleiten", sagte er, wenn man fragte, weil der Name auf dem Etikett stand und auf dem Kartenausschnitt an der Kühlschrankwand und in seinem Kopf, wenn er morgens die Hänge hochging. „Seit wann ist der Weinberg in der Familie?", fragte Nadja.
„Seit neunzehnhundertachtzehn." „Woher wissen Sie das?" „Es gibt ein Dokument." „Hat die Familie davor keinen Weinberg gehabt?" Josef überlegte. „Doch. Aber das ist weniger dokumentiert." ... Nadja Reiter war siebenundzwanzig Jahre, aus Wien, und sie schrieb ihre Dissertation über den Grünen Veltliner. Nicht über den Wein. Über die Rebsorte. Woher sie kommt. Was sie mit anderen Sorten verbindet. Wie alt sie wirklich ist. „Ich dachte, das sei eine Weinprüferin", sagte Josef, als er das hörte.
„Bin ich nicht." „Sie schreiben über Veltliner, ohne Wein zu prüfen?" „Ich prüfe die Pflanze." „Die Pflanze ist der Wein." „Die Pflanze ist die Pflanze." „In der Wachau ist das dasselbe." ... Die Marillenblüte stand. Seit drei Tagen. Vielleicht noch vier Tage. Vielleicht weniger. Die weißen und zartrosafarbenen Blüten standen über den Hängen wie etwas sehr Flüchtiges, das wusste, dass es flüchtig war, und sich trotzdem ganz gab. Nadja fotografierte sie. Dann fotografierte sie die Rebstöcke daneben.
Noch keine Blätter. Braune, knotige Stämme. Jeder Stock ein Individuum. Manche älter als dreißig Jahre, manche jünger, manche noch jung. „Der Veltliner braucht noch", sagte Josef. „Wie lange?" „Einen Monat. Sechs Wochen." „Dann ist die Marillenblüte lange vorbei." „Der Weinberg kann nicht alles gleichzeitig." „Schade." „Nicht schade. Das ist die Ordnung. Und die Ordnung ist gut." ... Josef ging jeden Morgen den Hang hinauf, bevor die Sonne hoch stand. Nicht aus Pflicht. Aus Gewohnheit.
Aus dem Gefühl, dass der Weinberg morgens eine andere Sprache sprach als tagsüber. Die Rebstöcke im April noch kahl. Die Knospen gerade sichtbar — kleine grüne Punkte an den braunen Ästen, zögerlich, noch nicht sicher, ob der Frost wirklich weg war. Josef wusste es nicht sicher. Der Frost war in der Wachau immer möglich, bis Mitte Mai. Jeder Winzer kannte das. Jeder lebte damit. „Fürchten Sie den Frost?", fragte Nadja. „Fürchten ist das falsche Wort." „Was ist das richtige?" Josef blieb stehen und sah auf die Knospen.
„Respektieren." Er hatte einmal — vor sechzehn Jahren — eine Frostnacht erlebt, die alles genommen hatte. Die Knospen, die Triebe, die halbe Ernte des Jahres. Er hatte neu angefangen. Das machten alle. Man machte neu an. Das war keine Tapferkeit. Das war Weinbau. „Was macht man, wenn der Frost alles nimmt?", fragte Nadja. „Man wartet auf das nächste Jahr." „Das ist lang." „Das kennt man hier." ... Sie gingen die Terraswege hinauf. Die Terrassen waren von Hand angelegt worden.
Generation für Generation. Stein auf Stein. Damit das Wasser nicht alles hinunter spülte, damit die Rebstöcke Halt hatten, damit man überhaupt Weinbau betreiben konnte an Hängen, die eigentlich zu steil waren. „Das ist enorme Arbeit", sagte Nadja. „Das war enorme Arbeit." „Und jetzt?" „Jetzt ist es die Pflege dieser Arbeit." „Was ist anstrengender?" Josef überlegte. „Pflege. Weil sie nie endet." ... Nadja hatte ihren Betreuer gefragt, ob es sinnvoll sei, die Dissertation über eine einzige Rebsorte zu schreiben.
Er hatte ja gesagt. „Warum?", fragte Josef. „Weil er selbst aus der Wachau kommt." „Das ist keine wissenschaftliche Antwort." „Das ist eine ehrliche." Nadja hatte drei Jahre mit dem Grünen Veltliner verbracht. In Bibliotheken. In Weinkellern. In Weinbergen wie diesem. Sie hatte Proben genommen. Genetische Analysen gemacht. Verglichen. Der Grüne Veltliner war nicht, was man dachte. Er war älter. Er hatte Verwandte in Regionen, die man nicht erwartete. Die Genetik erzählte eine Geschichte, die das Etikett nicht kannte.
„Das Etikett sagt: Grüner Veltliner, Wachau." „Die Pflanze sagt: Ich war schon wo anders." „Das stört die Wachau?" „Die Wachau hat immer existiert. Die Pflanze auch." „Und Ihr Betreuer?" Nadja lächelte. „Er findet es spannend. Obwohl es seinen Heimatwein komplizierter macht." „Kompliziert ist oft wahrhaftiger." „Das ist ein guter Satz für eine Wissenschaftlerin." „Das ist ein guter Satz für einen Winzer." ... Spitz war das Dorf, das Josef am meisten mochte, außer Weißenkirchen.
Er mochte es, weil dort der Tausendeimerberg stand. Ein Weinberg mit einem Namen, der eine Geschichte erzählte. Ein Eimer war ein altes Hohlmaß. Tausend Eimer — das war die Menge, die in guten Jahren geerntet wurde. In schlechten Jahren weniger. In den allerbesten Jahren genau tausend. „Haben Sie je tausend Eimer geerntet?", fragte Nadja. „Der Tausendeimerberg gehört nicht mir." „Aber aus Ihrem Weinberg?" „Wir rechnen in anderen Maßen." „Was ist das Beste, das Sie je geerntet haben?" Josef überlegte lange.
„Das ist schwer zu sagen." „Warum?" „Weil das Beste nicht immer das Meiste ist." Er sah auf seinen Weinberg. „Der beste Jahrgang war der, nach dem der Frost die Hälfte genommen hatte." „Warum?" „Weil die Trauben, die übrig blieben, alles hatten. Die ganze Kraft des Stockes, auf wenige Beeren konzentriert." „Das ist eine merkwürdige Logik." „Das ist Weinbau." Sie gingen weiter. Der Nachmittag stand über den Terrassen. Das Licht war warm, und die Steine auch. Keine Fragen. Nur der Hang.
Die Donau war von oben gut zu sehen. Sie lag im Tal, breit und graubraun, und die Fähren fuhren — die Fährverbindungen zwischen den Ufern, die kleinen, die kein Wort brauchten, weil sie einfach pendelten. „Fahren Sie manchmal mit der Fähre?", fragte Nadja. „Zum anderen Ufer." „Oft?" „Wenn es nötig ist." „Gibt es drüben etwas, das hier nicht ist?" „Den anderen Blick." „Auf was?" „Auf das hier." ... Die Marillen — das war das andere Kapitel der Wachau. Nicht der Wein. Die Marille.
Die Wachauer Marille war eine eigene Sorte. Geschützte Ursprungsbezeichnung, wie der Champagner. Man konnte sie nur hier anbauen und Wachauer Marille nennen. Woanders wuchs sie. Aber sie war nicht dieselbe. „Warum?", fragte Nadja. „Das Klima. Der Boden. Die Luft." „Das klingt wie beim Wein." „Das ist wie beim Wein." Die Wachau hatte im Frühling noch etwas, das Nadja nicht erwartet hatte: Stille. Nicht die Stille des toten Ortes. Die Stille zwischen Saisonende und Saisonbeginn.
Im Winter kamen die wenigsten Touristen. Im April kamen die ersten wieder. Aber noch nicht viele. Man konnte auf den Terraswegen gehen, ohne einem anderen Menschen zu begegnen. Man konnte die Donau sehen, ohne ein Ausflugsschiff. Man konnte die Blüte sehen, ohne ein Foto-Stativ. „Im Sommer ist das anders?", fragte Nadja. „Im Sommer kommen alle." „Alle?" „Alle, die die Wachau kennen. Und alle, die sie kennenlernen wollen." „Das ist viel." „Im Sommer eben." „Und Sie?" Josef zog die Schultern hoch.
„Ich bin im Weinberg." „Immer?" „Im Sommer immer." „Das ist kein sozialer Ort, der Weinberg." „Für mich schon." „Mit wem?" Josef sah auf die Rebstöcke. „Mit denen." Das war kein Witz. Das war eine ehrliche Antwort. Der Weinbauer kannte seine Pflanzen. Nicht als Haustiere. Als Lebewesen, die auf Pflege reagierten, die Fehler anzeigten, die dankbar waren, wenn man ihnen Aufmerksamkeit gab. Das war keine Einbildung. Das war Erfahrung. Das ist der Unterschied zwischen Wissen und Kennen.
Wissen ist das, was man gelesen hat. Kennen ist das, was man gelebt hat. Die Marillen auf den Hängen blühten früher als die Rebstöcke. Sie zeigten dem Winter, dass er vorbei war. Das war die Funktion der Blüte. Nicht Schönheit. Ankündigung. „Was macht man mit den Marillen?", fragte Nadja. „Essen. Schnaps. Marmelade. Kuchen." „Und der Rest?" „Es gibt keinen Rest." „Alles wird verarbeitet?" „Alles." „Auch von Ihnen?" Josef hielt inne. „Ich esse sie vom Baum." „Das ist auch Verarbeitung." „Das ist die beste." ...
Auf dem Rückweg hatten sie nicht geredet. Das war das Richtige. Der Nachmittag hatte sich auf die Terrassen gelegt, das Licht breiter und wärmer als am Morgen. Die Steine der Trockenmauern glänzten leicht. Nadja legte die Hand auf eine Mauer. Warm. Nicht die Wärme der Sonne jetzt. Die Wärme von gestern, und von vorgestern. Von dieser Woche. Von diesem Frühling. „Es gibt nichts Verlässlicheres als Stein", sagte sie, mehr zu sich selbst. Josef hatte es trotzdem gehört. „Solange man ihn in Ordnung hält." Sie gingen weiter.
Unten lag die Donau, breit und ruhig. Ein Reiher stand am Ufer und rührte sich nicht. Die Terrassen der Wachau hatten etwas, das Nadja nicht erwartet hatte: Wärme. Nicht die Luft. Den Stein. Die Trockenmauern aus Gneis und Glimmerschiefer speicherten die Tageswärme und gaben sie nachts ab. Das machte die Weinberge wärmer als das freie Feld. Zwei Grad, manchmal drei. Das war der Unterschied zwischen einer guten und einer großen Ernte. Zwischen Wein und besonderem Wein. „Der Stein arbeitet für Sie", sagte Nadja.
„Der Stein ist Teil des Weinbergs." „Das steht nicht im Lehrbuch." „Welches Lehrbuch?" „Das Weinbau-Lehrbuch." Josef sah sie an. „Das haben die in einer Bibliothek geschrieben. Ich habe das hier gelernt." Er legte die Hand auf die Mauer. Warm. Obwohl der April kühl war. Die Sonne von gestern steckte noch im Stein. Das war das Gedächtnis des Steins. Nichts von dem, was tagsüber passierte, war verloren. Der Stein hielt es fest und gab es zurück. Das machte den Wein. Das machte die Wachau.
Josef hatte den Weinberg jedes Jahr anders erlebt. Manchmal gut. Manchmal schwierig. Die Natur machte, was sie machte. Man konnte sie nicht überzeugen. Man konnte ihr entgegenkommen. Das war der feine Unterschied. „Haben Sie je einen Jahrgang gehabt, der Sie zufrieden gestellt hat?" „Immer." „Immer?" „Jeder Jahrgang ist der, den man hat. Man kann ihn nicht zurückgeben. Man kann ihn nicht verbessern, wenn er fertig ist. Man kann nur das nächste Jahr besser machen. Das ist der Plan." „Das klingt nach Resignation." „Das klingt nach Weinbau." ...
Nadja hatte am zweiten Tag die Donau gekreuzt. Mit der Fähre. Das Fährschiff fuhr seit dem Mittelalter hier. Nicht dasselbe Schiff. Aber dieselbe Stelle. Auf der anderen Seite war das Weinviertel. Flach. Weniger dramatisch. Kein Steilhang. Kein Glimmerschiefer. Nadja verstand sofort, warum der Grüne Veltliner von dort anders schmeckte. Nicht schlechter. Anders. Die Pflanze war dieselbe. Der Boden war es nicht. „Haben Sie je Veltliner vom anderen Ufer getrunken?", fragte sie Josef, als sie zurückkam.
„Natürlich." „Und?" „Andere Mineralität." „Das sagen die Daten auch." „Dann haben die Daten recht." „Fanden Sie es verwirrend?" Josef überlegte. „Nein. Zwei Seiten eines Flusses, zwei Weine. Das ist logisch." „Das Ergebnis war klar?" „Die Wachau ist immer klar." Nadja schrieb das auf. Nicht weil es belegbar war. Sondern weil es stimmte. Nadja hatte Bodenproben genommen. Gneis und Glimmerschiefer im unteren Teil. Löss in den Terrassenböden. Das Urgestein der Wachau gab dem Grünen Veltliner seinen Charakter.
Die Mineralität. Die feine Würze. Das, was die Sommelier Pfefferton nannten. Was das genau war — das wollte Nadja verstehen. „Was ist das im Labor?" „Verbindungen." „Das klingt weniger schön." „Im Labor ist vieles weniger schön." „Aber wichtig?" „Sonst wäre ich nicht hier." ... Die Burgruine Dürnstein war über dem Dorf Dürnstein zu sehen, blau und weiß die Kirche unten, grau und still die Ruine oben. Dort soll einmal ein König gefangen gesessen haben. Das sagen sie in der Wachau, schon seit Jahrhunderten.
Ob es stimmt — genau, wie es war — das weiß man nicht mehr. Die Burg steht noch. Das reicht. „Kennen Sie die Geschichte?", fragte Nadja. „Jedes Kind in der Wachau kennt sie." „Stimmt sie?" „Der Gefangene stimmt. Die Details sind Legende." „Wo ist der Unterschied?" Josef sah die Ruine an. „Der Unterschied ist, was man braucht. Die Geschichte braucht einen König und eine Burg. Das hat sie. Was genau dazwischen passierte, ist weniger wichtig." „Das würde mein Betreuer anders sehen." „Ihr Betreuer ist Wissenschaftler." „Und Sie?" „Ich bin Winzer." Er ging weiter den Hang hinauf.
„Wir brauchen die Geschichte, um den Wein zu erzählen. Den Wein brauchen wir, um die Geschichte zu trinken." Nadja dachte einen Moment nach. „Das ist keine wissenschaftliche Aussage." „Das ist eine wachauische." ... Josef kochte Mittagessen. Er hatte einen Holzherd. Nicht weil er musste. Weil er wollte. Geselchtes und Knödel und Kraut. „Das ist Wachauer Küche?", fragte Nadja. „Das ist meine Küche." „Sie kochen selbst?" „Meine Frau ist in Krems." „Ah." „Ich koche, was ich kann." „Das schmeckt sehr gut." Josef sah sie an.
„Ja. Das weiß ich." ... Josef Prankls Frau hieß Maria. Sie lebte in Krems, unter der Woche, weil sie dort arbeitete. Ärztin. „Sehen Sie sich wenig?", fragte Nadja. „Wochenende." „Das ist wenig." „Das ist der Weinberg." Er sagte das ohne Bitterkeit. Es war eine Feststellung. Die Arbeit im Weinberg band. Im Frühling besonders. Im Herbst noch mehr. Die Lese, die Auslese, die Verarbeitung. Jede Woche anders. Jede Woche notwendig. „Vermisst sie den Weinberg?" „Sie vermisst nichts, was schon da ist." „Was meinen Sie damit?" Josef schnitt ein Stück Käse ab.
„Maria ist jedes Wochenende hier. Der Weinberg ist immer da. Das ist keine Vermissens-Situation." „Sie auch?" „Ich auch." „Manchmal brauchen Menschen aber das Vermissen." Josef sah sie an. „Das stimmt." Er aß den Käse. „Montag bis Donnerstag." „Und?" „Und Freitag ist sie da." Das war keine Klage. Das war Rhythmus. Jeder Weinbauer kannte Rhythmus. Das Weinjahr hatte einen. Das Liebesleben auch. Josef hatte Nadja auch den Keller gezeigt. Das war am zweiten Tag, kurz nach dem Mittagessen.
Josef hatte die Tür aufgemacht, ohne viel dazu zu sagen. Stufen hinunter. Der Geruch kam sofort. Kühle Erde, feuchter Stein, etwas Hölzernes von den alten Fässern. „Wie alt ist der Keller?", fragte Nadja. „Der untere Teil: achtzehnhundertfünfzig, ungefähr." „Ungefähr?" „Niemand hat damals genau geschrieben, wann er fertig wurde." Nadja wartete, bis ihre Augen sich angepasst hatten. Reihen von Flaschen. Die Etiketten mit Josefs Handschrift. Jahr für Jahr. „Sie beschriften sie selbst?" „Immer." „Auch die schlechten Jahrgänge?" Josef sah sie an.
„Besonders die." Er nahm eine Flasche heraus. Hielt sie gegen das schwache Licht. „Der hier war nach dem Frost. Zwölf Flaschen. Der Rest des Jahrgangs." „Und die trinken Sie?" „Die schenke ich nicht aus." „Warum?" „Manche Dinge sind für einen selbst." Er stellte sie zurück. Nadja schrieb nichts auf. Manche Dinge schreibt man nicht. Man trägt sie hinunter, zur richtigen Zeit, und hält sie gegen das Licht. Sie gingen wieder nach oben. Die Stufen waren ausgetreten, die Handläufe aus Holz, dunkel von den Jahren.
„Wie oft gehen Sie hinunter?", fragte Nadja. „Selten." „Aber Sie wissen genau, was dort steht." „Das weiß man. Das braucht keine Besuche." ... Das Gespräch nach dem Essen war das Längste. Über den Veltliner. Über die Wachau. Über die Marillenblüte, die bald vorbei sein würde, und über das, was danach kam. „Was kommt nach der Marillenblüte?", fragte Nadja. „Die Marillen." „Das ist ein logischer Gedanke." „Der Weinbau ist logisch." „Und die Natur?" „Auch." „Aber nicht immer." Josef trank seinen Wein.
„Nein. Nicht immer." ... Josef schenkte den Wein ein. Seinen eigenen. Grüner Veltliner, Achleiten, zwei Jahre alt. „Ich soll das trinken?", fragte Nadja. „Sie sollen es probieren." „Für die Dissertation?" „Für das Verständnis." Sie probierte. Trocken. Mineralisch. Ein Hauch von etwas, das man nicht sofort benennen konnte — eine Würze, die kein Gewürz war, die aus dem Boden kam, aus dem Glimmerschiefer, aus der Hangneigung, aus den dreißig Jahren, in denen Josef diesen Weinberg bearbeitete.
„Das ist der Pfefferton", sagte Nadja. „Das sagen die Sommelier." „Was sagen Sie?" Josef hielt das Glas gegen das Licht. „Das ist Achleiten." „Das ist keine Antwort." „Das ist die einzige." Nadja trank noch einmal. Langsamer diesmal. „Ich habe das in keiner Probe so gefunden." „Weil es kein Stoff ist." „Was dann?" „Ein Zusammenspiel. Von allem." „Das kann man nicht messen." „Das kann man trinken." Das war das Schmunzeln — Nadja stellte das Glas ab und schüttelte leicht den Kopf, und Josef sah es, und es war das Zeichen, dass sie verstanden hatte, auch wenn sie es nicht so sagen würde in ihrer Dissertation.
Der Abend im Frühling in der Wachau war das Licht. Es fiel schräg über die Hänge, über die Marillenblüte, über die kahlen Rebstöcke, über den Fluss. Das Orange war sanfter als im Sommer. Kühler. Als ob das Licht selbst noch nicht ganz aufgetaut war. Josef und Nadja saßen auf der Terrasse des Hauses. Das Haus stand über dem Weinberg. Man konnte von hier aus alles sehen: den Achleiten, die Trockenmauern, den Hang, die Marillen, die Donau. Und dahinter das andere Ufer. Flach. Kein Steilhang.
Einfach Land. „Das andere Ufer sieht anders aus", sagte Nadja. „Es ist anders." „Derselbe Fluss." „Zwei Seiten eines Flusses sind nicht dasselbe." „Das ist Geographie." „Das ist Erfahrung." Sie tranken. Das Licht bewegte sich. Die Marillenblüte wurde rosa im Abendlicht. Nicht weiß mehr. Rosa. Als ob sie sich für den Abend anzog. Das war der Abend. Die Donau unten wurde still. Die letzten Fähren hatten gependelt. Die Marillenblüte stand noch, jetzt im Schein des Abendlichts wärmer, fast golden.
Nadja machte ein letztes Foto. „Für die Dissertation?" „Für mich." „Das ist ein Unterschied?" „Das ist ein großer Unterschied." Josef nickte. „Das habe ich noch nie anders gemacht." „Was?" „Der Weinberg. Für die Arbeit. Und für mich." „Beides?" „Immer beides." ... Die Donau machte im April einen anderen Eindruck als im Sommer. Weniger Schiffe. Weniger Touristendampfer. Aber das Wasser selbst war voller. Das Schmelzwasser aus den Alpen kam jetzt. Der Fluss führte mehr. Er war breiter.
An manchen Stellen trat er über die Uferböschungen. Nicht dramatisch. Aber spürbar. „Überschwemmt er öfter?", fragte Nadja. „Manchmal." „Was passiert dann?" „Die unteren Keller." „Ihr Keller?" „Der Weinkeller liegt höher." „Das war Absicht?" „Das war Erfahrung." Jemand in der Familie hatte das gelernt. Vor langer Zeit. Irgendwann. Und dann den Keller höher gebaut. Und der nächste hatte das so gelassen. Und der nächste auch. So funktionierte Ortswissen. Es wurde nicht aufgeschrieben.
Es wurde gemacht. Und wer es verstand, machte es genauso. „Ich schreibe das auf", sagte Nadja. „Was?" „Die Praktiken. Die Entscheidungen. Das, was nicht in Büchern steht." „Das ist Feldforschung?" „Das ist der wichtigste Teil." Josef sah sie an. „Das habe ich von Ihrem Fach nicht erwartet." „Das höre ich oft." ... Das war das, was zählte. Dass Arbeit und Eigenes sich nicht ausschließen. Dass man ein Dokument aus neunzehnhundertachtzehn haben kann und trotzdem jeden Morgen frisch in den Hang hinaufgeht.
Nicht weil man muss. Weil man will. Weil der Boden da ist. Weil die Marillen vielleicht noch drei Tage blühen. Nadja hatte am Abend in ihrem Notizbuch geschrieben. Nicht die Messungen. Die Sätze. Den Satz über den Keller. Den Satz über die Marillen vom Baum. Den Satz über den Frost, den man nicht fürchtet, sondern respektiert. Diese Sätze standen nicht in ihrer Literaturliste. Aber sie gehörten zur Dissertation. Irgendwo. Als Fußnote vielleicht. Als Epigraph. Als das, was sie wusste, aber nicht belegen konnte.
„Schreiben Sie auf, was ich sage?", fragte Josef. „Ich notiere es." „Darf ich das wissen, was Sie notieren?" Nadja las vor: „Der Boden redet. Man muss nur einen Winter damit verbracht haben." Josef nickte langsam. „Das habe ich gesagt?" „Das haben Sie gesagt." „Das stimmt." Er schenkte noch einmal ein. „Dann ist es gut, dass Sie es aufschreiben. Ich würde es vergessen." „Sie vergessen nicht, was Sie selbst tun." „Nein. Aber was ich sage — das vergesse ich." ... Nadja hatte drei Tage in der Wachau verbracht.
Das war nicht geplant. Sie hatte zwei Tage geplant. Am zweiten Abend hatte Josef gefragt, ob sie noch einen Tag bleiben wolle. Sie hatte ja gesagt. Nicht für die Dissertation. Für die Bodenproben, sagte sie sich. „Die Bodenproben sind fertig", sagte Josef. „Dann für das Verständnis." „Das Verständnis braucht Zeit." „Das weiß ich." „Wie lange haben Sie für Ihren Weinberg gebraucht?" Josef dachte nach. „Dreißig Jahre." „Das ist lang." „Das ist nicht lang genug." Nadja sah ihn an.
„Das sagen Sie jetzt, mit zweiundsechzig?" „Das sage ich jetzt, weil es stimmt." Er schenkte noch einmal ein. „Ich lerne noch. Jeder Jahrgang lehrt etwas anderes." „Was hat der letzte gelehrt?" „Dass Geduld und Intervention nicht dasselbe sind." „Was ist der Unterschied?" „Geduld heißt, warten, bis der richtige Moment kommt. Intervention heißt, den Moment erzwingen." „Und der Weinberg?" „Der Weinberg weiß, wann er fertig ist." „Und Sie?" „Ich höre zu." ... Die Wachau in der Nacht hatte die Donau.
Das Rauschen des Flusses, leise von den Hängen, stetig. Die Burgruine Dürnstein stand über allem, nur als Umriss. Die Weinberge lagen dunkel und still. Die Trockenmauern hielten die Tagwärme noch. Der Stein kühlte langsam aus. Irgendwo unter dem Hang war die Donau. Man hörte sie nicht. Aber man wusste, dass sie da war. Das ist eine eigene Art von Stille: wenn man weiß, was hinter der Stille liegt. Josef kannte dieses Wissen seit Jahrzehnten. An manchen Nächten saß er noch auf der Terrasse und hörte die Schleppkähne.
Weit unten. Nicht als Lärm. Als Zeichen. Dass die Welt sich bewegt, auch wenn man selbst stillsitzt. Das fand er tröstlich. Nicht weil er Trost brauchte. Weil es gut ist zu wissen, dass die Dinge weitergehen, während man schläft. Bis zum Morgen war er kalt. Aber der Morgen wärmte ihn wieder. Das war der Rhythmus. Die Marillenblüte schloss sich für die Nacht. Auch Blüten schlafen. Morgen früh stehen sie wieder offen. Das weiß der Baum. Du weißt es auch. Du schließt dich für die Nacht.
Morgen früh öffnest du dich wieder. Die Donau fließt die ganze Nacht. Aber du musst das nicht. Du kannst schlafen. Das ist das Richtige für jetzt. Stell dir vor, du liegst in der Wachau. Die Donau rauscht tief im Tal. Die Marillenblüte ist irgendwo auf dem Hang. Du kannst sie nicht sehen, aber du weißt, sie ist da. Das Wissen ist genug. Das Wissen ist manchmal mehr als das Sehen. Die Trockenmauern halten die Wärme des Tages. Auch in der Nacht. Der Stein gibt zurück, was er bekommen hat.
Das ist keine Metapher. Das ist Geologie. Und vielleicht auch mehr. Atme den Frühling. Er riecht nach Erde, die auftaut. Nach Blüten, die offen sind. Nach Fluss und Stein und dem Weinberg, der wartet. Nach dem Gneis und dem Glimmerschiefer, der die Wärme hält. Du atmest. Der Frühling atmet. Der Weinberg atmet. Die Marillen atmen. Das ist dasselbe Einatmen. Du bist Teil davon. Auch das ist die Wachau. Der Grüne Veltliner schläft noch. Er braucht noch einen Monat. Sechs Wochen.
Das Warten ist kein Verlust. Das ist die Vorbereitung. Josef weiß das. Er geht trotzdem jeden Morgen in den Hang. Nicht weil er muss. Weil der Weinberg da ist. Du bereitest dich auch vor. Auf den nächsten Tag. Das ist genug. Die Marillenblüte dauert nicht lang. Aber sie kommt wieder. Jedes Jahr. Egal, was dazwischen passiert. Egal, ob der Frost kam oder nicht. Der Baum blüht wieder. Das ist die Zusage der Wachau. Und die Donau gibt sie. Und der Stein gibt sie. Und der Weinberg gibt sie.
Du hast Zusagen auch. Du weißt, welche. Du brauchst sie nicht zu sagen. Sie kommen. Wie der April. Wie die Blüte. Ohne Ankündigung, aber auch ohne Ausfall. Schließ die Augen. Die Donau fließt. Die Burgruine steht. Der Hang wartet auf den Veltliner. Die Marillen blühen noch. Josef schläft. Nadja schläft. Die Wachau schläft nicht ganz. Die Donau schläft nie. Gute Nacht. Die Wachau hält. Die Marillenblüte hält, noch. Die Donau hält.