Eine Hörgeschichte für Erwachsene
Rapsfelder
Es ist ein Morgen im Mai. Noch früh. Die Sonne steht schon, aber sie hat noch nicht die Wärme des Tages. Sie liegt flach über den Feldern. Goldfarben. Fast waagerecht.
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Es ist ein Morgen im Mai. Noch früh. Die Sonne steht schon, aber sie hat noch nicht die Wärme des Tages. Sie liegt flach über den Feldern. Goldfarben. Fast waagerecht. Jemand ist früh aufgestanden heute. Nicht weil er musste. Sondern weil er wollte. Weil es diese Stunden gibt, die man verpasst wenn man zu lange schläft. Die Stunden bevor die Welt aufmacht. Er heißt Felix. Felix ist neununddreißig. Er wohnt in einer kleinen Stadt. Nicht weit von hier. Heute ist Samstag. Er arbeitet unter der Woche viel.
Zu viel manchmal. Das weiß er. Seine Freundin sagt es ihm manchmal. Nicht als Vorwurf. Eher als Erinnerung. Samstags macht er das hier. Nicht immer. Aber wenn das Wetter stimmt und der Kopf zu voll ist — dann holt er das Fahrrad raus. Das hilft. Besser als alles andere was er versucht hat. Es hat Jahre gedauert, bis er das herausgefunden hat. Dass er draußen anders denkt. Oder besser gesagt: gar nicht mehr so viel denkt. Dass der Körper übernimmt wenn man ihn lässt. Die Beine treten.
Die Lunge arbeitet. Der Kopf macht irgendwann einfach mit. Er hat das Fahrrad aus dem Keller geholt. Hat die Reifen gedrückt. Hat die Flasche gefüllt. Hat die Tür leise hinter sich zugezogen — seine Freundin schläft noch. Und jetzt fährt er. Der Weg führt aus der Stadt hinaus. Vorbei an den letzten Häusern. Vorbei an einem Gartentor das knarrt wenn man es aufmacht. Vorbei an der alten Scheune am Ortsrand, deren Dach schon lange schief hängt und trotzdem hält. Dann: die Felder.
Felix tritt in die Pedale. Langsam erst. Er ist noch nicht warm. Der Körper braucht ein paar Minuten. Das weiß er. Er lässt es zu. Der Weg ist schmal. Asphalt, aber der alte. Rissig an den Rändern. Gras wächst in den Ritzen. Rechts und links — Raps. So weit man schaut. Das Gelb ist... es gibt kein anderes Gelb wie dieses. Nicht das Gelb von Sonnenblumen. Nicht das von Butterblumen. Das Rapsgelb ist dichter. Satter. Fast zu viel. Dabei blüht er nur wenige Wochen. Ende April, Anfang Mai.
Dann ist er vorbei. Dann werden die Felder gelb-braun und trocken, und irgendwann stehen nur noch Stoppeln. Aber jetzt. Jetzt blüht er. Und das Gelb steht so stark in der Landschaft, dass man ein bisschen ungläubig ist. Als wäre das zu schön für einen normalen Dienstag. Oder Samstag. Für irgendeinen Tag. Felix fährt hindurch. Und der Geruch kommt sofort. Süß. Schwer. Ein bisschen wie Honig, aber wilder. Man riecht ihn bevor man die Felder sieht. Und man riecht ihn noch, wenn man längst vorbeigefahren ist.
Felix atmet tief ein. Er denkt an nichts. Das ist das Ziel dieser Fahrt. Nicht das Ankommen. Das Nicht-Denken. Er kennt seinen Kopf. Er weiß, dass er manchmal nicht aufhört. Die Listen, die Termine, die Gespräche die noch kommen oder schon gewesen sind. Der Kopf ordnet und plant und grübelt. Aber hier — auf dem schmalen Weg, zwischen den gelben Feldern, in der Morgenluft — hier ist er einen Moment still. Der Weg wird breiter. Er biegt ab auf die alte Trasse. Man sieht sofort, dass hier früher etwas anderes war.
Der Weg ist zu gerade für einen Feldweg. Zu breit. Ein bisschen erhöht über die Felder. Bäume links und rechts, die in Reih und Glied stehen — gepflanzt, nicht gewachsen. Hier fuhr einmal ein Zug. Eine kleine Bahn, die durch die Dörfer ratterte. Jahrzehntelang. Dann nicht mehr. Jetzt ist es ein Radweg. Asphalt, neu. Glatt und grau. Alle paar Kilometer eine Bank. Eine Infotafel. Eine Reparaturstation für Fahrräder, mit Luftpumpe und Werkzeug. Felix fährt und schaut. Die Landschaft von oben ist eine andere.
Ein bisschen mehr Blick. Die Felder liegen wie ausgebreitet. Raps nach Norden. Ein Getreidefeld nach Süden, das noch grün ist, noch junges Grün. Und dazwischen — Knicks. Die Knicks sind das Herzstück dieser Landschaft. Hohe Hecken auf Erdwällen. Eichen, Buchen, Weißdorn. Gewachsen über Jahrhunderte. Sie unterteilen die Felder in unregelmäßige Stücke. Kein Feld sieht aus wie das andere. Das ist nicht zufällig. Die Knicks wurden angelegt um die Felder zu schützen. Gegen den Wind.
Gegen Erosion. Und sie sind Lebensraum. Für Vögel, Insekten, kleine Tiere die dort nisten und fressen und überwintern. Felix kennt das nicht alles. Er hat es mal irgendwo gelesen. Er weiß noch: Knicks. Das Wort hat er sich gemerkt. Knicks. Es klingt fast zu klein für etwas so Altes. Die Bäume in den Knicks rauschen ein bisschen. Ein leiser Wind. Oben in den Kronen bewegt sich etwas. Unten — nichts. Unten ist es still. Felix fährt. Gleichmäßig. Das Klicken der Gangschaltung. Das leise Rollen der Reifen auf dem frischen Asphalt.
Kein Auto. Kein Traktor. Nur er. Zwischen zwei Knicks — ein Hase. Felix sieht ihn aus dem Augenwinkel. Er sitzt einfach da. Mitten auf dem Weg. Dann: weg. Drei Sprünge und er ist zwischen den Rapsstängeln verschwunden. Felix lächelt. Er hat das nicht erwartet. Man erwartet solche Dinge nicht. Man bekommt sie einfach. Wenn man draußen ist. Wenn man langsam genug fährt. Der Weg macht eine leichte Kurve. Vor ihm: ein Teich. Ein kleiner. Dunkel spiegelt sich der Himmel darin. Zwei Enten schwimmen.
Sehr langsam. Sie scheinen nirgendwo hinzuwollen. Felix hält kurz an. Er trinkt einen Schluck Wasser. Er schaut auf die Enten. Die Enten schauen nicht zurück. Links vom Teich: die Silhouette eines Dorfes. Ein paar Dächer. Ein Kirchturm. Der Kirchturm ist aus Feldstein gebaut — grau, eckig, ohne Schnörkel. Er steht seit Jahrhunderten. Er wird noch stehen, wenn die meisten anderen Dinge längst weg sind. Felix fährt weiter. Er kommt am Dorf vorbei. Er fährt nicht hinein. Er schaut.
Eine Frau hängt Wäsche auf. Ein Kind sitzt auf einer Treppenstufe und isst etwas. Ein Hund liegt in der Sonne und hebt den Kopf kurz, dann legt er ihn wieder hin. Normaler Samstagmorgen. Felix fährt weiter. Der Weg führt durch einen kleinen Wald. Keine hundert Meter. Aber die Temperatur fällt sofort. Kühler hier. Der Boden ist noch feucht vom Tau. Es riecht nach Erde und feuchtem Laub. Ein Vogel singt — irgendwo hoch oben, nicht zu sehen. Dann wieder Felder. Wieder das Gelb.
Es ist unerschöpflich, dieses Gelb. Man fährt durch, und dann durch das nächste, und dann noch durch eines. Als hätte jemand die gesamte Landschaft in Gelb getaucht und nur hier und da einen Knick oder einen Weg freigelassen. Felix denkt an seine Großmutter. Nicht weil etwas ihn daran erinnert. Einfach so. Sie ist seit vier Jahren nicht mehr da. Er denkt manchmal an sie. Meistens in ruhigen Momenten. Sie hatte einen Garten. Keine Rapsfelder natürlich. Aber Blumen. Überall Blumen.
Rosen vor allem. Und Pfingstrosen, die im Juni so schwer wurden, dass ihre Köpfe hingen. Sie kannte jeden einzelnen ihrer Pflanzen. Wann er blüht. Was er braucht. Wie er aussieht wenn er krank ist. Felix hatte das als Kind nie besonders interessant gefunden. Er war dabei, weil er eben dabei war. Weil sie ihn mitgenommen hatte. Weil er bei ihr war. Jetzt denkt er manchmal daran. Wie sie da saß. Auf der alten Bank hinterm Haus. Und einfach geschaut hat. Ohne Telefon. Ohne Zeitung.
Ohne irgendetwas. Nur schauen. Felix versteht das jetzt besser als damals. Das Stundenlangschauen. Das Nichtstun, das kein Nichtstun ist. Das man erst begreift, wenn man selbst so einen Moment braucht. Er trägt sie ein bisschen mit. Heute morgen. Auf dem Fahrrad. Durch das Gelb. Das weiß sie nicht mehr. Aber Felix weiß es. Der Weg wird wieder enger. Verlässt die Trasse. Führt an einem Hof vorbei. Große Scheune, Traktoren davor — die Traktoren die sonst auf diesen Wegen fahren, heute stehen sie still.
Samstag. Auch Bauern haben einen Samstag. Oder nicht. Vielleicht haben sie das nicht. Vielleicht täuscht Felix sich da. Er fährt vorbei. Hinter dem Hof — ein Apfelgarten. Alte Bäume. Krumm und knorrig. Die Äste gehen in alle Richtungen. Noch keine Äpfel natürlich, zu früh im Jahr. Aber Blüten. Weiß und zart und so viele, dass die Bäume fast verschwinden dahinter. Felix hält kurz an. Er schaut. Ein Apfelbaum in Blüte ist eine stille Sache. Er macht kein Geräusch. Er riecht ein bisschen.
Er steht einfach da. Und ist trotzdem... viel. Ein Schild am Zaun. Handgeschrieben. Eier zu verkaufen. Darunter eine Zahl und ein kleiner Automat aus Metall. Felix hält nicht an. Aber er nimmt es mit. Das Bild des handgeschriebenen Schildes. Das Vertrauen darin, dass jemand den richtigen Betrag einwirft. Manchmal läuft die Welt noch so. Auf Vertrauen. Ohne Kontrolle. Er fährt weiter. — Der Schotterweg führt auf eine kleine Anhöhe. Nicht viel. Vielleicht fünf Meter Höhenunterschied.
Aber genug. Felix sieht die Schlei. Zum ersten Mal. Sie liegt da unten. Weit. Still. Ein langer, breiter Streifen Wasser. Silber heute morgen, weil die Sonne von der Seite kommt. Er hält an. Er steht auf dem kleinen Hügel. Das Fahrrad neben sich. Er schaut. Die Schlei zieht sich durch die Landschaft wie eine ruhige Linie. Kein Fluss, kein See — etwas dazwischen. Ein Fördenarme, der weit ins Land reicht. Fast kein Wellenschlag zu sehen. Das Wasser liegt fast wie Glas. Am anderen Ufer — Bäume.
Dicht. Dunkelgrün. Dahinter nichts zu sehen. Irgendwo drüben, auf dem Wasser — ein weißes Segel. Es bewegt sich kaum. Der Wind ist noch schwach heute morgen. Das Segel steht fast senkrecht. Wartet. Felix trinkt. Schaut. Er denkt: Ich könnte hier stehen bleiben. Einfach stehen bleiben und schauen bis die Sonne oben ist. Er tut es nicht. Er fährt weiter. Aber er nimmt das Bild mit. Die Schlei. Das Segel. Das Glas. — — Am Hafen — eine Frau. Sie heißt Ragna. Ragna ist zweiunddreißig.
Sie sitzt auf den Steinstufen die zum Wasser führen. Kaffee in der Hand. Auch sie ist früh aufgestanden. Ragna wohnt hier. In der kleinen Stadt am Wasser. Schon ihr ganzes Leben. Die meisten, mit denen sie aufgewachsen ist, sind weggegangen. Studieren, arbeiten, wohnen wo mehr ist. Sie ist geblieben. Nicht weil sie keine Wahl hatte. Sie hatte Wahl. Sie hat sich entschieden. Manchmal muss sie das erklären. Dass man bleiben kann. Dass das keine Niederlage ist. Dass man auch bewusst entscheiden kann: Hier ist gut.
Hier ist das Wasser. Die Stille. Der Geruch von Salz und Holz und Tang. Hier ist gut. Ragna trinkt ihren Kaffee. Sie schaut auf die Pähle im Wasser. Die alten Holzpähle, die in Reihen stehen. Sie kennt sie seit ihrer Kindheit. Sie hat mal einen langen Aufsatz darüber geschrieben. In der Schule. Wie der Heringsfang früher funktionierte. Die Netze zwischen den Pählen. Die Fische die hineinschwammen. Der Lehrer hat ihr eine Zwei gegeben. Zu wenig eigene Meinung, stand darunter.
Ragna hat gedacht: Das stimmt gar nicht. Meine Meinung war, dass ich das schön finde. Dass ich froh bin, dass die Pähle noch stehen. Auch wenn nichts mehr dazwischen ist. Sie hat das nicht aufgeschrieben damals. Heute würde sie es aufschreiben. Ein Mann kommt mit dem Fahrrad vorbei. Hält kurz an der Brücke. Schaut aufs Wasser. Dann fährt er weiter. Ragna schaut ihm nach. Sie denkt: Auch er kommt von irgendwo her. Und schaut auf das gleiche Wasser. Das ist etwas, was ihr an diesem Ort gefällt.
Dass er für alle gleich ist. Das Wasser macht keinen Unterschied. Es liegt da. Für jeden der schaut. Ragna trinkt den letzten Schluck Kaffee. Die Sonne ist jetzt ein Stück höher. Die Möwen werden lauter. Der Hafen erwacht. Sie bleibt noch sitzen. Noch einen Moment. Den nimmt sie sich. Der Weg führt jetzt in Richtung Wasser. Durch ein Dorf. Nicht hinein. Vorbei. Reetdachhäuser, klein und gedrängt. Gärten die direkt ans Wasser stoßen. Ein altes Boot auf dem Rasen, längst nicht mehr im Wasser.
Türkis gestrichen. Die Farbe blättert ab. Es heißt JOHANNA. Felix sieht es im Vorbeifahren. JOHANNA. Er fragt sich, wer mit diesem Boot gefahren ist. Und wann zuletzt. Und ob jemand das noch weiß. Manchmal tragen Dinge Namen lange nach dem Ende. Er fährt weiter. Der Weg wird breiter. Die Häuser mehr. Irgendwo riecht es nach frischem Kaffee. Ein Fenster ist geöffnet. Dann — das Wasser. Der Hafen. Klein. Ruhig. Ein paar Fischerboote. Alte. Die Farbe ausgeblichen, das Holz dunkel vor Feuchtigkeit.
Ein Netz hängt über einer Leine und trocknet. Am Steg — ein Mann. Er ist alt. Sehr alt. Er sitzt auf einer Kiste und schaut auf das Wasser. Macht nichts weiter. Schaut einfach. Felix nickt ihm zu. Der Mann nickt zurück. Das reicht. Etwas weiter — die Brücke. Stahl und Beton. Zwei Klappteile die sich in die Höhe heben wenn ein Schiff kommt. Jetzt liegen sie flach. Die Brücke ist geschlossen. Felix fährt drüber. Er schaut nach unten — das Wasser fließt langsam. Grünlich nahe dem Ufer.
Dunkler in der Mitte. Ein paar Möwen sitzen auf dem Geländer. Eine fliegt auf als er näher kommt. Die anderen bleiben. Am anderen Ufer — die Pähle. Im Wasser. Alte Pähle aus Weidenholz, in langen Reihen. Sie stehen schräg. Manche fast unter Wasser. Das Holz ist dunkelbraun, fast schwarz vor Feuchtigkeit. Hier wurde einmal gefangen. Jahrhundertelang. Netze zwischen den Pählen, die Fische leiteten und sammelten. Das letzte Exemplar dieser Art. Irgendwo auf der Welt. Die Pähle stehen.
Ohne Funktion jetzt. Aber sie stehen. Felix schaut sie an. Er kann nicht genau sagen warum sie ihn berühren. Vielleicht weil sie so still sind. So gleichgültig. Als würden sie nicht wissen, dass sie der letzte sind. Er biegt ab vom Weg. Fährt an der Uferpromenade entlang. Langsam. Die Stadt erwacht gerade. Ein Café macht auf. Eine Frau mit einem Hund. Ein Mann mit einem Kind das noch schläfrig aussieht. Felix lässt das Fahrrad stehen. Lehnt es gegen eine Bank. Setzt sich. Er schaut auf das Wasser.
Lange. Der alte Mann am Steg vorhin — er hat das auch gemacht. Einfach geschaut. Vielleicht ist das das Einfachste. Und das Schwerste. Einfach schauen. Ohne etwas davon zu wollen. Felix sitzt. Die Sonne ist jetzt höher. Die Wärme kommt. Das Gelb der Rapsfelder ist weit weg jetzt — aber er trägt es noch in der Nase. Diesen schweren, süßen Geruch. Er wird ihn den ganzen Tag noch riechen. Manchmal bleiben Dinge hängen. Nicht im Kopf. Irgendwo tiefer. Er schaut auf das Wasser. Das Wasser schaut nicht zurück.
Aber es ist da. Das reicht. Es ist kurz nach neun. Felix wird gleich umkehren. Denselben Weg zurück — oder einen anderen. Das entscheidet er, wenn er aufsteht. Noch nicht. Noch einen Moment. Die Möwe auf dem Geländer fliegt auf. Dreht einen Kreis. Landet wieder. Die Pähle stehen. Das Wasser fließt. Irgendwo — weit über den Feldern — ein Mäusebussard. Er kreist. Sehr hoch. Sehr langsam. Felix schaut ihn an, bis er verschwunden ist. Dann schaut er wieder auf das Wasser. Ihr seid jetzt auch irgendwo.
Vielleicht liegt ihr schon lange. Vielleicht dreht sich noch etwas in euch. Der Tag. Das was noch kommt. Das was gewesen ist. Lass es kreisen. Wie der Bussard. Er dreht und dreht, und irgendwann ist er weg. Nicht weil man ihn weggeschickt hat. Sondern weil er fertig war. So ist das auch mit den Gedanken. Man muss sie nicht stoppen. Man muss nur warten. Felix sitzt an der Promenade und schaut auf das Wasser. Die Sonne macht einen langen Streifen auf der Oberfläche. Gold, fast wie das Raps.
Aber ruhiger. Ein Boot legt ab. Langsam. Fast lautlos. Es gleitet aus dem Hafen heraus. Einer sitzt drin. Er dreht sich nicht um. Er schaut nach vorne. Das Boot wird kleiner. Kleiner. Dann ist es nur noch ein Punkt. Dann ist es weg. Felix atmet aus. Lang. Dann steht er auf. Nimmt das Fahrrad. Er fährt zurück. Durch die Stadt. Über die Brücke. Am Ufer entlang. Dann wieder auf den Feldweg. Die Rapsfelder kommen zurück. Das Gelb. Der Geruch. Als wäre er nie weg gewesen. Felix tritt in die Pedale.
Er biegt auf einen anderen Weg ab als auf dem Hinweg. Das macht er manchmal. Hinweg und Rückweg nie gleich. Es gibt immer noch etwas zu sehen. Der Weg führt durch ein kleines Dorf das er noch nicht kennt. Vier, fünf Häuser. Ein Spielplatz. Eine Bank davor. Ein alter Mann sitzt auf der Bank. Felix fährt langsam vorbei. Nickt. Der Mann nickt. Das ist alles. Manchmal ist das alles was man braucht. Hinter dem Dorf — wieder Felder. Jetzt kommt die Sonne von vorne. Das Gelb ist anders jetzt.
Direkter. Heller. Es braucht kein besonderes Licht mehr. Es steht für sich. Felix tritt kräftiger. Bergauf, ein kleines bisschen. Die Landschaft ist hügeliger als man denkt. Keine großen Hügel. Aber sanfte Wellen im Boden. Rauf und runter. Er atmet tiefer. Oben auf der kleinen Kuppe — der Wind. Stärker jetzt. Ein echter Frühlingswind. Nicht kalt. Aber frisch. Er bewegt den Raps. Das ist ein Anblick. Der Wind geht durch die Blüten und macht Wellen. Wie auf dem Wasser. Nur gelb.
Gelbe Wellen die über das Feld laufen. Von einer Seite zur anderen. Immer wieder. Felix hält an. Schaut zu. Er weiß nicht wie lange. Er hat keine Uhr. Absichtlich. Irgendwann fährt er weiter. Die Stadt kommt früher als gedacht. Die letzten Häuser. Die Scheune mit dem schiefen Dach. Felix stellt das Rad ab. Schaut noch einmal zurück. In die Richtung der Felder. Man sieht nichts mehr davon. Nur Häuser. Aber er trägt das Gelb noch. In der Nase. Irgendwo tiefer. Er geht die Treppe hoch.
Macht leise die Tür auf. Seine Freundin sitzt am Küchentisch. Kaffee. Sie schaut auf. Er setzt sich ihr gegenüber. Sagt nichts erst. Sie schaut ihn an. Lächelt ein bisschen. Sie weiß wie er jetzt ist nach so einer Fahrt. Stiller. Mehr bei sich. Sie fragt nicht viel. Das schätzt er. Er macht sich auch einen Kaffee. Schaut aus dem Fenster. Nicht weit. Nicht auf etwas Besonderes. Nur hinaus. Das Gelb ist weg. Aber die Stille ist noch da. Die hat er sich mitgebracht. Es gibt Morgen, die man nicht vergisst.
Nicht weil etwas passiert ist. Sondern weil man dabei war. Ganz dabei. Manche Morgen gehören nur einem selbst. Die Räder drehen sich. Der Raps leuchtet. Und irgendwo — zwischen den Feldern, auf dem alten Bahndamm, im weichen Morgen — liegt noch die Stille dieser Stunden. Ragna sitzt noch immer auf den Steinstufen am Hafen. Die Möwen sind lauter geworden. Der Hafen erwacht. Ein Fischer macht sein Boot los. Langsam. Routiniert. Jeder Griff sitzt. Ragna schaut zu. Sie mag das. Das Routinierte.
Wenn jemand etwas so oft getan hat, dass er nicht mehr nachdenken muss. Wenn Hände wissen, was zu tun ist. Ihr Vater war Fischer. Früher. Nicht mehr. Er hat ihr beigebracht, die Pähle zu zählen. Als Kind. Immer wenn sie hier saßen. Sechzig links, siebenundfünfzig rechts. Er wusste es auswendig. Heute weiß sie es auswendig. Sie weiß nicht ob das traurig ist. Oder schön. Vielleicht beides. Das Fischerboot legt ab. Der Mann darin dreht sich nicht um. Er schaut nach vorne. Auf das Wasser.
Auf das was kommt. Ragna hebt die Hand kurz. Er sieht es nicht. Das macht nichts. Sie senkt die Hand wieder. Trinkt den letzten Rest Kaffee. Kalt. Macht nichts. Sie steht auf. Streckt sich. Atmet einmal durch. Noch ein Tag. Ein guter Tag, denkt sie. Nicht weil etwas Besonderes passieren wird. Sondern weil das Wasser da ist. Die Pähle. Die Möwen. Die Stille des frühen Morgens die jetzt langsam vergeht. Weil sie hier ist. Das reicht für einen guten Tag. Sie geht die Treppe hoch.
Zurück in die Stadt. Zum nächsten Kaffee. Zum nächsten Morgen. — Die Sonne steht jetzt höher. Der Morgen ist weitergegangen. — Die Felder zwischen hier und dort — sie blühen weiter. Sie wissen nichts von Felix. Nichts von Ragna. Nichts von dem alten Mann auf der Bank. Nichts von dem Fischer der aufs Wasser hinausfährt. Die Felder blühen einfach. Das ist ihr Beruf im Mai. Blühen. Das Gelb steht. Der Geruch zieht über die Landschaft. Die Bienen kommen. Viele. Man hört sie wenn man stillsteht.
Ein leises Summen. Aus allen Richtungen. Das Feld lebt. Auch wenn kein Mensch es sieht. Auch in dieser Nacht. Auch wenn ihr schläft. Die Blüten sind offen. Das Summen geht weiter. Der Wind geht durch. Still und lebendig. Beides gleichzeitig. Das ist Frühling. Ihr seid jetzt auch fast dort. Vielleicht liegt ihr schon lange. Vielleicht dreht sich noch etwas. Der Tag. Die Woche. Das was noch kommt. Lasst es drehen. Wie die Windwellen über das Rapsfeld. Sie kommen. Sie gehen. Keine hält an.
Ihr Kopf darf das auch. Denken und loslassen. Denken und loslassen. Man muss die Gedanken nicht festhalten. Man darf sie einfach durchfahren lassen. Wie Felix durch das Gelb. Hindurch. Und weiter. Die Stille am anderen Ende wartet. Sie ist immer da. Hinter den Gedanken. Unter dem Tag. In dieser Nacht. Lasst sie kommen. Die Felder blühen. Die Pähle stehen. Das Wasser liegt. Irgendwo schläft Felix. Irgendwo schläft Ragna. Der Mann auf der Bank ist längst zu Hause. Der Fischer ist draußen auf dem Wasser — vielleicht schläft auch er, wenn der Fang ruht.
Alle schlafen. Oder werden es bald. Auch ihr. Das Gelb im Dunkeln ist kein Gelb mehr. Aber es ist noch da. Wartet auf den Morgen. Wenn ihr aufwacht — vielleicht ist es noch da. Dieser Geruch. Diese Weite. Dieser Morgen auf dem Feld. Oder auch nicht. Das macht nichts. Er war heute Nacht hier. Und das war genug. Der Weg ist da. Die Felder auch. Ihr müsst nicht aufstehen. Ihr könnt einfach liegen bleiben. Die Augen zu. Und fahren. Langsam. Das Gelb. Der Geruch. Der Weg. Lasst es kommen. Lasst es fahren.